Der Roman.
n». 157.
Samstag» 8. Juli.
1916 .
Die (XUS Köndöö« lNackdruck verboten.)
'(19. Fortsetzung.) Roman von Hedda von Vchmitz.
Wenn Harald Strodtmann etwas, auf das er „vergessen" war, versagt wurde, so ruhte und rastete er nicht, um auf die eine oder die andere Weise doch zum ersehnten Ziele zu gelangen. Jedenfalls ließ er naht früher nach, als bis er das letzte Mtttel zum Zweck erschöpft hatte. In diesen „Mitteln zum Zweck" war er außer- ordentlich erfinderisch.
Sein Bruder hatte bei derartigen Anlässen wieder- holt geäußert, daß Haralds Energie besserer Sachen würdig gewesen wäre, denn meist hatte es sich um irgendeinen übermütigen Jungenstreich gehandelt.
" Nun hatte er sich fest vorgenommen, die persönliche Bekanntschaft von Henriette Santen, der schönen, iun- aen Sängerin vom Stadttheater, zu machen. Wenn man sie auf der Straße sah, so konnte man es sich kaum vorstellen, daß es dieselbe war, die auf der Buhne das Publikum hinriß. Sie hatte keinen Blick für die, welche sie von dieser Bühne her kannten, und die ihr dann, wenn sie ihr anderswo begegneten, oft dreist ins Gesicht starrten. Niemals erblickte man die junge Sängerin auf der Straße ohne „ihren Schatten", ihre Duenna, die alte, lächerlich bunt aufgeputzte Person.
Der weiße Pudel Negus fehlte ebenfalls nie.
Um die Stunde, wo Schulschluß war, wogte das Leben auf der Breiten Straße am buntesten.
Der Spätherbsttag zeigte ein lächelndes Antlitz. Kleine, weiße Wolken jagten, vom Winde getrieben, !über die Türme der uralten Marienkirche dahin, gelbe ^Blätter stoben in tollem Wirbeltanz über den Kirchplatz.
Vor den Türen des Rathauses standen tn strammer Haltung zwei Schildwachen — es war Senatssttzung.
Die elektrischen Bahnen klingelten hell durch all das altertümliche Gewese dahin — sie paßten eigentlich gar nicht in diesen wundervollen, alten Rahmen, zwischen die Giebelhäuser, die, Wahrzeichen vergangener ^ahr- bunderte, so dastanden, als riefen sie den eilig Dahin- hgstenden drunten auf der großen Straße zu: „Gebt
euch keine Mühe, die Zeit haltet ihr doch nicht auf, wir aber — wir vermögen sie zu überdauern."
Harald von Strodtmann schlenderte durch das Stroßengetriebe, elegant wie immer vom Scheitel bis
zur Sohle.
In der Breiten Straße war die Erscheinung des Löhnstädtschen Volontärs nicht unbekannt. Ein paar Llackfischchen kicherten hinter ihm drein, stießen einander an: „Der schöne Harald Strodtmann."
Heute zog er erst recht aller Augen ans sich, er führte einen großen, kohlschwarzen Pudel an der Leine, den er ab und zu mit einem lauten Zuruf: „Blanko, halt, nrcht so stürmisch, mein Lieber", zurückhielt.
Er spazierte in einer Tour von der Köpfschen Konditorei bis zum Ende des Rathauses auf und ab und spähte mit scharfen: Blick in die Runde.
Ah — endlich!" Harald ließ die Hundeleine fahren, und" im nächsten Augenblick erhob sich ein wütendes Gekläff — die beiden Pudel, der weiße Negus und der
kohlschwarze Blanko, stürzten mit tigerartlger Wildheit aufeinander los und wälzten sich in einem schwarzwelhen Knäuel auf dem Bürgersteig.
Eine schrille Frauenstimme zeterte dazwischen, ein Arm in einem hochroten Ärmel schwang einen ula Sonnenschirm wie eine Hellebarde, es half aber nichts — die Hunde bissen sich belfernd und knurrend weiter. Es entstand ein wüster Straßenlärm: Schulkinder johlten — der Zeitungsmann von der Ecke auf dem Marktplatz beim Ratskeller stürzte niit einem Stock bewaffnet herbei. Endlich kam ein Schutzmann, und die erbosten Hunde wurden getrennt und gebändigt.
Wie aus einer Bühnenversenkung tauchte hinter der nächsten Straßenecke das grinsende Gesicht Fritze Kunst- manns auf.
„Allons, Blanko, hast deiner gerühmten Bissigkeit Ehre und deine Sache gut gemacht", sagte Harald Strodtmann mit leisem Lachen und übergab dem Löhnstädtschen Kontorstift die Hundeleine.
„Da, Kunstmännchen, dem Köter können Sie eine Wurst kaufen, und sich selber, was Sie gern mögen , damit drückte Harald dem jungen Menschen ein Zchn- niarkstück in die Hand und betrat dann schnell die Kon- ditorei, in welche sich, wie er sich's wohl gemerkt, Henriette Santen, die täglich nach stattgefundener Probe hier eine Tasse Schokolade zu trinken pflegte, gefluchtet hatte, als die Hundebeißerei begonnen.
Er erspähte sie sofort bei seinem Eintritt. Sie saß in einer der kleinen Nischen — von Harald „Box" ge- nannt — auf dem dunkelroten Plüschdivan und lachte über ihr ganzes schmales, brünettes Gesicht, daß ihre weißen, schönen Zähne aufblitzten, während ihre Duenna über das schwarze Pudelungestüm schalt, das ihren süßen Negus, „der keiner Fliege an der Wand etwas zuleide tat", so schändlich das sorgfältig gebadete und gekämmte schneeweiße Fellchen zerzaust hatte.
„Gib dich zufrieden, Schimmelchen", sagte die junge Sängerin, „es beruhte durchaus auf Gegenseitigkeit. Negus hat das fremde Pudeltier auch nicht allzu sanft angefaßt."
Negus lag als Konterbande unter dem Divan.
Harald von Strodtmann verneigte sich tief vor den beiden Damen.
„Ich bitte tausendmal um Verzeihung, meine Gnä- digste", — er wandte sich zuerst mit seiner Anrede an Henriette Santens Begleiterin — „ich bm untröstlich jiber die Wildheit meines Hundes. Es liegt leider in der Natur der Dinge, daß sich Rassebrüder oft am aller- grimmigsten befehden. Man neniit das Futterneid, meine Gnädigste. Gestatten die Damen, daß ich im Namen meines unartigen Blanko, der seinen Stuben- arrest als Strafe haben soll, pater peeeavi sage. Mein Name ist Freiherr von Strodtniann."
„Sehr angenehm", sagte die Dame mit dein lila- seidenen Schirm, dessen elfenbeinerne Krücke deutliche Spuren des stattgefundenen Kampfes aufwies
