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Der Roman.

b~— si Mrgen-Veilage des Wiesbadener Tagblalls.

Nr. 156.

(18. Fortsetzung.)

Zreitag, 7. Juli.

1916.

Die vraut aus Kanada.

Roman von Hedda von Tchmid.

(Nachdruck verboten.)

Es wurde kühl auf dem Wasser. , „ „ .

Die Jüngere der beiden Damen hüllte sich fester « ihre weiße Jacke, die Alte nahm emen aufdringlich grellen, roten Mantel um ihre „lageren Muttern

Ihr für ihre Jahre viel zu lugendllch geformter Hut ivar mit einer enorm großeü, grünen Bandschleife geschmückt, an ihren gelblichen Fingern funkelten ein paar große Brillanten. Zwischen ihrem Äußeren und dem der jungen Brünetten herrschte ein stark fallender Gegensatz, unwillkürlich mußte >UN sich der- wundert fragen, wie gehören d,e,e beiden Mensen zu einander? Unmöglich konnten es Mutter und Tochter

^"sarald Strodtmann ''aß da, das eine Bein über das -andere geschlagen, und starrte in seiner verwegenen Art die junge Dame ilnverwandt an.

Er hatte, einer jener Eingebungen folgend, die oft- mals das noch fast Kindliche in seinem Wesen markier­ten dem erkrankten, jiingsteii Lehrling des Lohnstadt- scheu Kontors, der bei seiner Mutter, einer armen ilgjtwe in Schwartau lebte, einen Besuch gemacht. Diesen Stift, einen aufgeweckten Zungen, benutzte

Harald als seinen Boten und Pagen, er mußte täglich Gange für ihn machen, und oeä iunge Mensch hing mit einer wahrhaft schwärmerischen Verehrung an dem eleganten Volontär, dessen ungezwungener Liebens­würdigkeit sich übrigens auch 5ie anderen Kontorange­stellten nicht verschließen konnten.

Wenn Harald gut iin Zuge ivar, dann stellte er das gesamte Kontor sozusagen aus den Kopf. Natürlich immer nur in Abwesenheit des gestrengen Ehefs. Der Konsul war nämlich der einzige Mensch, vor dem Harald Strodtmann so etwas Ähnliches ivrc Respekt empfand.

Harald war im Auto nach Schwartau gekommen und hatte dem .Kranken ein halbe Wagenladung Geschenke mitgebracht — Halsbinden, Süßigkeiten und Bücher Romane, die allerdings für den fünfzehn,ahrlgen Fritz Kunst»,ann wenig geeignet als Lektüre waren. Harald batte es aber jedenfalls gut gemeint Rach dem Kran- kenbesuch hatte er das Auto fortgefchickt. hatte auf der Veranda der Waldhalle eine halbe Flasche Wern getrun­ken, um dann zur Rückfahrt nach Lübeck da» flmke, kleine Motorboot zu benuheu.

Bei dieser Gelegenheit wollte er sich die Untertrave „über ansehcn. Er dachte an seine Segelfahrten »n eigenen Boot im nächsten Jahr. Der Wimpel in den Strodtmannschen Wappenfarben wurde vom Mast wehen, auch ivollte er sich einen aparten Bootsnamen ausdenken. ...

Derartige Tinge erschienen ihm als etwas iinge- heuer Wichtiges. Im allgemeinen war er von seinen, Aufenthalt in Lübeck sehr befriedigt. Dank seiner Ver- biNdung mit der Löhnstadtscheir Familie öffneten sich ihm alle Türen zu den exklusiven Hausern der Stadt.

„Liebe Mutter, ich bin auf dem besten Wege, „Salonlöwe" zu Werdens hatte er nach Ha»se ge° schrieben, und Fred hatte ihm in icherzendem Ton. dnich

den jedoch ein gewisser dringlicher Ernst klang, geant^ wartet, daß es ihm angenehmer wäre, von Erfolgen in geschäftlicher Hinsicht zu hören. -

„Der liebe, alte Philister, der Fred , liatte Harald beim Lesen dieser stelle des brüderlichen Schreibens lächelnd gedacht. Da war die Mama doch anders — dre freute sich, wenn er in Gesellschaft Erfolge hatte.

Harald Strodtmann hatte viel Gluck bei den ^rmlen, aber noch nienials war ihm eine Frau ernstlich gefähr­lich geworden. Er hatte immer nur wie ern Schmetter- ling qetändelt und genascht, schöne Worte^gesagt und sich hier und da vorübergehend verliebt, ^mmer aber war es bei ihm nur Strohfeuer gewesen. ,

Als seine Mutter ihni einmal vom Heiraten ge- sprochen, da hatte er in drolligem Entsetzen abgewehrt: Um alles — liebe Mutter gönne mir doch noch mein bißchen Freiheit im Leben. Kaum, daß ich dem Zwrn- aer der Schule entronnen bin, soll ich schon wieder rn ein neues Joch?! — Fred als der Altere hat denVortrutt.

Während der halbstündigen Fahrt mit dein Motor- boot hatte Harald sein Gegenüber, die ,unge Dame ,n der weiße,l Golfjacke, nicht aus den Augen gelassen. Dieses Fixieren war ausfallend, doch das ,unge Mäd­chen schien es nicht zu bemerken, schenkte ihm ,edenfalls keine Beachtung.

„Komm, Negus", sagte sie und nahm den weißen Pudel an die Leine, als das Boot die Landungsbrucke anlief und der alte Brllckenwärter, der hier bereits lange Jahre seines Amtes waltete, den Damen, die er zu kennen schien, beflissen seine Hand entgegenstreckte, um ihnen beim Verlassen des Fahrzeuges behilflich zu

^ Cm ©r grüßte sie zuvorkommend, als sie das Bollwerk verließen, sie mochten im Trinkgeld nicht sparsam sein. Fred blieb absichtlich zurück.

„Kennen Sie die Damen?" fragte er wie beiläufig und bot dem Alten mit einer leutseligen Art seine offene kiokodillederne Zigarrentasche. „Versorgen S,e sich.

[ tU $er Alte nahm respektvoll mit zwei Fingern eine der teuren Importen.

„Besten Dank. Nein, die Namen der Damen sind mir nicht bekannt. Aber ich kenne sie von Ansehen gut. Sie fahren öfter die Trave hinunter, auch bis nach Gothmund hinauf — so seit n'er Woche. — früher habe ich sie nicht hier an der Fähre gesehen.

Also Fremde", kalkulierte Harald, steckte sich eine Zigarre an und schlenderte in die Stadt, dem Biirg-

t0r Seine Wohnung lag in der Burgstraße.

Er hatte noch gerade so viel Zeit, sich nmzukleiden. Heute abend war er zu einem Fainiliendiner zil Lohn-« slädts eingeladen. ..

Es fiel ihm nicht ein, hinter der ,ungen, brünetten Dame in der weißen Golfjacke und der „aufgetakelten Fregatte", wie er ihre Begleiterin bezeichncte. herzu, steigen, aber seine Gedanken beschäftigten sich trotzdem