Verlag Langgaffe 21
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Mittwoch, 5. Juli 1916.
klbend-klusgabe.
Nr. 309. . 64. Jahrgang.
vie Entscheidungsoffensive.
Täuschungen und Enttäuschungen.
' Auf öen S i e gestau m e I und die Dorsch u ß- f o r b e e r e n, mit denen man in F r a n k r e i ch in bemerkenswertem Gegensatz zu der wesentlich größeren N ii ch t e r n h e i t in England die „große General- offensive" begrüßt hatte, ist ausfallend schnell schon jetzt, nach den ersten Tagen des gewaltigen Ringens, dw große Enttäuschung gefolgt. Die Pariser Presse berauscht sich zwar noch an Joffres phantasievollen Berich- ten, aber das französische Kriegsministeriuni hält es doch bereits für notwendig, einen Dämpfer auf die allzu großen Hoffnungen zu setzen, indein es einen „verhältnismäßig I a n g s a in e n Fortgang der Operationen" in Aussicht stellt und zu „geduldigem Abwarten" mahnt. Weit stärker aber dämpft man jenseits des Kanals. Haigs Plan, so wird versichert, beruhe „nicht darauf, die deutsche Macht mit eine m M a I e zu zerschmettern, sondern durch langen intensiven Druck zu vernichten". Diese rücksichtsvolle Taktik des Oberkommandierenden erläutert die „Morning Post" dahin, die „erste Aufgabe sei nicht zu besiegen, sondern es dem Feinde unmöglich zu machen, das von ihm besetzte Gebiet zu behalten", und der militärische Mitarbeiter der „Times" fügt hinzu, daß man „auf Rückschläge gefaßt sein" müsse. r ' .
Das klingt doch ganz anders als vor dem Beginn der großen Offensive. Aber deren bisheriger Verlauf erklärt das ohne weiteres, denn das angekündigte Uber-den-Haufen-Rennen der deutschen Stellungen", der in Aussicht gestellte „große Durchbruch" hat das Schicksal der früheren vom Dierverband so reichlich verkündigten.Durchbrüche und Spaziergänge nach Berlin, Wien usw. gehabt. In An- betracht der langen und gewaltigen Vorbereitungen, welche Engländer und Franzosen für ihre große Offensive getroffen haben, und in Anbetracht der alles Bis- herige in den Schatten stellenden Artilleriemunitions- Verschwendung, sind die bei der Offensive erzielten lokalen Erfolge als außerordentlich geringfügig zu bezeichnen. Daß bei solchen Massenangriffen nach mehrtägiger Artillerievorberei- tung die vordersten Stellungen verloren gehen, liegt in der Natur der Sache, und die gleiche Erfahrung ist bei den früheren Offensiven gemacht worden. Diese Erfolge aber stehen, wie schon betont, in keinem Verhältnis zu dem Einsatz, und fie bringen unsere Gegner ihrem Endziel, dem erhofften und angekündig- len Durchbruch, in Wahrheit nicht näher. Denn selbst die zweite Verteidigungslinie ist noch lange nicht die letzte, sondern, hinter ihr befinden sich etliche andere stark ausgebaute Stellungen, an denen kein „Herzlich willkommen" prangt.
Wenn der deutsche Heeresbericht vom Dienstag die erfreuliche Mitteilung macht, daß die Angriffe zwi- scheu Ancre und Somme überall abgeschlagen, die Franzosen aus H a r d e e o u r t hinausgeworfen, nordöstlich von Adern, westlich von La Bassäe, südwestlich von Lens und bei der hohen Batterie von Damloup alle feindlichen Angriffe abgewiesen wurden, so gibt das von einer höchst erfreulichen Eindänimung der großen Offensive Kunde und läßt erkennen, daß das m Aussicht gestellte Aufrollen unserer Westfront eine schwere Täuschung der auf die englischen Erlöser hoffenden Franzosen bedeutet, eine Täuschung, der die Enttäuschung auf pem Fuße folgen muß, sobald Ioffre seine Lügentaktik bei den französischen Heeresberichten als hoffnungslos einstellt oder aber diese Berichte bei den allzu leichtgläichigen Franzosen ihren Kredit verlieren. Wenn der deutsche Heeresbericht vom Dienstag den französischen Schwindel mit der angeblichen Rückeroberung des Werkes T h i a u- nl o n t und der Batterie von Dainloup festnagelt, _ so wird das ja leider den Franzosen und Engländern nicht zu Gesicht kommen. Denn während wir es uns in Deutschland leisten können, die fremden Heeresberichte zu veröffentlichen, enthält man unseren Gegnern die deutschen Berichte sorgsam vor, da sonst das ganze Kartenhaus von Lügengeweben zusammenbrechen würde. Freilich, früher oder später wird dies doch geschehen müssen, wird sich in Frankreich, wo man die nach allen Berichten immer stärker anwachsende Kriegsmüdigkeit wie vorher durch die russische, sa jetzt durch die englische Offensive zu bekämpfen suchte, doch die Er k e n n t n i s der wahren Krieg s- I a f, e ' _ um mit dem deutschen Reichskanzler zu reden — durchsetzen müssen. Wie die russische Offensive keinen Einfluß auf den westlichen Kriegsschauplatz
ausgeübt hatte, so zeigt es sich, daß die englisch- französische Offensive keinen Druck auf die Kamvfe nn Osten zu bewirken vermag, denn der deutsche Heeresbericht meldet gerade jetzt erfolgreiche Gegenstöße der Heeresgruppe Prinz Leopold von Bayern, siegreiche Angriffe der Heeres
gruppe Linsingen, schnelles Fortschreiten der Armee Bothmer und neue den Russen ausgeteilte Hindenburg- hiebe. So zeigt es sich, daß die Offensive der Engländer und Franzosen unsere Operationen in keiner Weise beeinträchtigt. Wohl aber könnte, wenn auf die großen Täuschungen von Joffres bombastischen Lügenberichten die große Enttäuschung folgt, die Auffassung neutraler Blätter recht behalten, welche meinen, daß auf eine Aktion von so gewaltiger Tragweite notwendig eine Reaktion, ein Stimmungsumschwung bei den Leidtragenden folgen müsse, und daß uns so gerade diese große Offensive vielleicht dem Endziel einen Schritt näher bringt, dem Endziel, wie wir es verstehen.
Der dritte Tag der großen Offensive im westen.
Unser Sperrwall nirgends durchbrochen. — Die ungeheuren Verluste der Engländer.
Br. Berlin, 5. Juli, (Eig. Drahtbericht. Zeus. Bln.) Dem „B. L.-A." wird aus dem Großen Hauptquartier von seinem Kriegsberichterstatter gedrahtet: Schon heute, am
dritten Tage der großen Offensive, wird es klar, daß die erste nnd beste Stoßkraft gegen unsere verbündeten Heere unseren Sperrwall nirgends zu durchbrechen vermochte, daß es ihr zwar gelungen, unsere Kräfte dort aus der ersten Grabenstellung in die Riegelstellungen, gelegentlich sogar in die zweite Stellung zu drücken, daß damit aber auch die erste Kraft des ersten Anpralls erschöpft war. Diese Erschöpfung ist denn auch in dem Stillerwerdcn der Kämpfe in manchen Frontabschnitten, so namentlich in dem Gelände des Ancre-Baches, augenfällig. Hier haben die E n g- länder ganz ungeheure Vertu st e erlitten. Eine ton unseren Divisionen hat in diesem Abschnitt vor ihrem Gebiet allein über 2500 Tote des Gegners gezählt. Südlich des Ancre-Baches, wo die von uns gehaltene Linie die Dörfer Thiepvalla und La Boisselles (an der großen Straße van Albert nach Bapaume) und das östlich ge- gelegene Bois de Mametz behauptet, haben die Engländer auch gestern mehrmals unter Einsatz großer Truppenmengen angegriffen. Diese heftigen Anläufe sind meistens unter unserem Sperrfeuer z u s a m m e n g e b r o ch e n und endigten mit schweren blutigen Verlusten für den Angreifer. Tort, wo die Stürme bis an unsere Stellungen herankamen, wurden sie abgeschlagen. Nördlich der Somme fanden VGe- fechte mit einzelnen vorgedrungenen Abteilungen des Gegners bei dem heiß umkämpften, aber von uns gehaltenen Dorf Hardecourt statt. Die Gegner versuchten, in diesem Abschnitt sich in den von ihnen genommenen ersten Gräben verteidigungsmäßig einzurichten und führten ihre Kampspatrouillen und Angrifisabtcilungen gegen unsere Stellungen vor. Südlich der Somme hat der Feind das Dorf Flau- c o u r t, das wir unbemerkt räumten, mit Patrouillen besetzt und mehrfach sehr heftige Angriffe auf die von uns gehaltene zweite Stellung vorgetriebcn. Diese wurden durchweg abgewiesen, so daß in diesem Raume der Erfolg des Gegners bisher in der zaghaften Besetzung des geräumten Dorfes Flauconrt gipfelt. Immerhin dürften sich gerade in diesem Abschnitt noch schwere Kämpfe abspielen.
Weitere Pariser Mahnungen zur Geduld.^
W. T.-B. Bern, 5. Juli. (Nichtamtlich.) Durch die Besprechungen der französisch-englischen Offensive in den Pariser Blättern klingt als Leitwort überall Geduld. Die Militärkritiker stellen sämtlich fest, daß die Deutschen mit äußerster Erbitterung Wider st and leisten. Von einigen Blättern, wie „L'Homme Enchaine", wird betont, daß bet aller Tapferkeit der Engländer doch die Physiognomie der Schlacht auf dem linken Flügel und im Zentrum weniger bestimmt sei, als auf dem rechten Flügel, Man müsse indessen die Entwicklung ohne Nervosität und in Geduld ab- warten. — Der „Temps" stellt fest, daß die Angreifer gegen seit 18 Monaten befestigte Stellungen Vorgehen. Die gegenwärtige Schlacht, sagt das Blatt, ist der letzte Abschnitt einer langen Belagerung. Nur sprungweise und mit großer Ausdauer wird man Vorgehen können. Jede Verteidigungslinie muß erst durch - Granaten zermalmt werden, von denen die Engländer und wir so viel wir brauchen besitzen.
Auch das Bureau Reuter warnt vor Optimismus.
W. T.-B. London, 4. Juli. (Nichtamtlich. Reuter.) Das Reutecsche Bureau warnt, von der Offensive rasche Erfolge zu erwarten. Es sei schon klar, daß nur langsam Terrain gewonnen würde und daß dabei mit hartnäckigem Widerstand gerechnet werden müsse. Das Publikum müsse Geduld haben.
Reuter über die Stärke der deutschen Verteidigung.
Geringe Fortschritte. — Schwere Verluste.
Haag, 5. Juli. (Zens. Bln.) In einer Privatdepesche des Reuterschen Bureaus heißt es: Erst nach dreitägigem
heißem Kampf lassen sich die Erfolge der verbündeten Truppen besser übersehen, Erfolge, die zwar den von einzelnen unzufriedenen Preßorganen gehegten Erwartungen für den Anfang nicht völlig "entsprechen, immerhin aber bemerkenswert
sind und namentlich als Teil der Gesamtoffensive der Verbündeten an allen Fronten ihre Bedeutung haben. Andererseits lassen sich jetzt nach den ersten' Tagen auch die Verluste besser übersehen, und unter Berücksichtigung des erzielten Gc- ländegewinns kann auch die Schwere der Aufgabe, die noch vor den Verbündeten liegt, besser beurteilt werden. Hierbei ist festzustellen, daß an einzelnen Abschnitten der Front der Sturmangriff der Schotten und Kanadier, des ausgesuchtesten, besten Menschenmaterials, das die Engländer auf französischem Boden haben, sie im ersten Angriff über die erste, zweite und dritte Laufgrabenlinie des Feindes gebracht hatte, aber die Verteidigungsarbeiten des Gegners sind sa verwickelter Natur, und der Widerstand der feindlichen Truppen, von denen man öfters hätte annehmen können, daß sie von den zerschossenen Laufgräben verschüttet worden seien, brach häufig genug so unerwartet aus einer Reihe von Schlüsselstellungen, Erdlöchern und Verbindungsgräben mit Maschi- nengowehrfeuer Herbor, daß die englischen Truppen, die sich am weitesten vorgewagt hatten, Flankenfeuer erhielten und sich entweder in den zerschossenen Gräben sinnisten oder sich auf ihre eigenen Stellungen zurückziehen mußten. Hierbei erlitten sie naturgemäß große Verluste. Die an einzelnen Frontabschnitten erzielten Erfolge konnten nicht überall ausgenutzt werden, weil ihre Behauptung unmöglich war, an anderen Abschnitten der Front aber das englische Artilleriefeuer die feindlichen Drahtversperrungen nicht genügend zerstört hatte, und wo die ^Stellungen des Gegners besonders stark ausgebaut waren, namentlich in bezug auf vorher eingerichtete Befestigungen zur Abgabe von Fjanken- feuer, konnte überdies der Angriff n i ch t w e i t e r als bis zur erste n Laufgrabenlinie vorgebracht werden. Hierbei sind die Verluste als nicht unerheblich zu bezeicb- nen. Trotz des sehr heftigen feindlichen Feuers, das namentlich aus den gefährlichen Flankenstellungen erfolgte, ist die Zahl der Gefallenen nicht so groß, als man vermuten konnte; vielmehr ist diesmal eine auffallend große Anzahl von Leichtverwundeten festzustellen. Andererseits wird als Haupter- sahrung der bisherigen dreitägigen Kämpfe festgcstellt, daß die Deutsche n für die Nahkämpfe und für die Zurückweisung von Sturmangriffen noch immer eine Überlegenheit in ihren Maschinengewehren besitzen, wovon ihnen eine große Anzahl zur Verfügung steht. Es ist bereits ziemlich deutlich, daß die große Offensive eine Ausgabe ist, bpi der der Fortschritt langsam sein wird und die einzelne» Erfolge auf unserer Seite wütend vom Gegner bekämpft werden. Die Vernichtung seines ausgebrcitetcn und dichten Netzwerks von Verteidigungseinrichtungen muß schon an sich selbst eine schwere Arbeit von langer ®itnn darstellen. Die Bevölkerung, die voll Spannung diz näheren Berichte abwarten, mutz Geduld haben.
Enorme englische Verluste.
Berlin, 5. Juli. (Zens. Bln.) In London schließt man, wie die „Voss. Ztg." hört, daraus, daß diesmal die Verwundeten in so großer Zahl dorthin gebracht werden, daß die letzten Verluste Englands eint m b och sind. Alle Lazarette hinter der Front seien überfüllt.
Die Offensive vorläufig bereits ins Stocken geraten.
Thiaumont nach wie vor in deutscher Hand.
Br. Berlin, 5. Juli. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Der „B. Z." wird vorn westlichen Kriegsschauplatz von ihrem Berichterstatter gemeldet: Die Ereignisse zeigen, daß die
Offensive kurz nach ihrem Beginn schon ins Stocken geraten -ist. Dabei wird es aber gewiß nicht sein Bewenden haben. Ohne Zweifel stehen unseren Truppen an der Somme noch schwere Kämpfe und Tage oder Wochen bevor, über deren Ernst sich niemand täuschen wird. Ob sich die feindliche Offensive noch auf andere Stellen ausdehncn wird, ist noch nicht zu übersehen. Die örtlichen Vorstöße, die der Gegner bisher an verschiedenen Punkten der Front versucht bat, sind sämtlich a b g e w i e s e n worden.
Ich kann noch miUeilen, daß erst heute früh aus dem Panzerwerl Thiaumont selbst durch Truppen, die es besetzt halten. Meldung erstattet worden ist. Sic bestätigt, daß die Franzoien seit dem 23. Juni niemals Hiebet in dem Werk gewesen sind und ihre Erzählungen von der angeblichen Wiedereroberung auffreierErfindung beruhen.
Die britischen Kriegsberichterstatter über die Schwierigkeiten der Offensive.
W. T.-B. London, 5. Juli. (Nichtamtlich. Reuter.) Die Zeitnngsberichterstatter im britischen Hauptquartier inelden, daß die Schwierigkeiten, auf die die Verbündeten bei der Offensive stoßen, dreierlei Art sind. Sie sehen sich Labyrinthen vonLaufgr üben nnd mehreren hintereinander gelegenen Reihen von Verschanzungen und Dörfern gegenüber, die durch Laufgräben miteinander verbunden sind. Nm die Dörfer zu erreichen, die in verstärkte Plätze mit tiefen unterirdischen Gängeü und Unterständen verändert sind, mußten die Angreifer Laufgräbenreiben erobern, die von Maschinengewehren, die bis zum letzten Augenblick verborgen gehalten waren, bestr-chen wurden. Da die alten Laufgräben dem Erdboden gleich gemacht sind, müssen die vorrückenden Truppen immer neue Laufgräben anlegcn. Der Prozentsatz der Leichtverwundeten soll sehr hoch sein und ungefähr vier Fünftel der Gesamtzahl betragen. Trotz der Voll-
