Der Roman.
Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblatts, s
Nr» 163.
Dienstag, 4. Juni.
1916.
(15. Fortsetzung.)
Die Braut aus Kanada.
Roman von Hedda von Schmitz.
^Nachdruck verboten.)
„Ach, gefallen hat sie ihm schon und auf Geld braucht er doch nicht zu sehen", meinte Frau Hannchen. „Der Frau Baronin aber ist Thea nicht gut genug als Schwiegertochter. Gott, was bilden sich diese Leute blotz ein — Thea ist doch nicht aus der Straße gefunden worden. Und dann ihr hübsches Äußere und ihr schauspielerisches Talent."
„Das ist es ja eben", hatte der Doktor kurz erwidert.
„Was wollte also dieser Fred Delarue, für den gestern und vorgestern Thea und ihre Familie so gut lrnc nicht existiert hatten, nun eigentlich hier bei ihnen?" fragte sich Frau Hannchen ungeduldig.
Ihr Gatte kam und teilte es ihr mit — so schonend als niöglich.
Delarue hatte gestern abend eine Kabeldepesche aus Kanada erhalten. Er war mit einem Dutzend Winipeg- Aktien an dem Kohlenlager, bei dem Hans als Ingenieur beschäftigt war, beteiligt. An ihn hatte sich nun die Gesellschaft von drüben gewandt und ihn gebeten, die Nachricht von Hans Grönings Tode den Seinigen in Berlin zu übermitteln. Hans Gröning war binnen wenigen Tagen am Fieber gestorben. Erst viel später erfuhren seine Mutter und Geschwister, daß er einen Landsmann, einen einfachen Kohlengrubenarbeiter, gepflegt und sich dabei infiziert hatte.
„Wie wird die arme, arme Mama das tragen", rief Frau Hannchen weinend. „Ihr einziger Sohn. Und gerade jetzt, wo er nach einem halben Jahr heiraten sollte, mußte er sterben." '
Sie schluchzte bitterlich.
Ihr Gatte nahm sie liebreich in seinen Arm. „Du bist doch immer meine kleine, tapfere Frau, hilf du nun deiner Mutter das Schwere tragen. Willst du es Henrika mitteilen, Hannchen, oder soll ich es tun?"
„Das ist nicht das schlimmste. Henrika liebt den armen Hans doch nicht, die atmet ordentlich auf, wenn sic hört, daß sie ihn nicht zu heiraten braucht. Glaube es mir. Wozu mußte er uns das Mädchen überhaupt hcrsenden."
Es war ein bitterschwerer Tag für die Grönings, dem eine ganze Reihenfolge ebensolcher Tage sich an- schloß. Frau Gröning konnte es lange nicht fassen.... Ihr starker, gesunder Sohn — tot und in fremder Erde begraben. Sie durfte sein Grab nicht Pflegen. . . . Jminer kehrte diese Klage bei ihr wieder.
Nun, wo er auf einig ihr entrissen war, fühlte sie so recht, wie sehr sie doch unter der langen Trennung von ihm gelitten hatte. Sie fragte Henrika unermüdlich nach ihm aus, dis sie merkte, daß sich das junge Mäd- chen, so oft es nur anging, diesen Gesprächen über den Toten zu entziehen suchte.
„Sie trauert nicht die Spur um Hans, sie ist herzlos", klagte Frau Gröning ihrer Schivägerin.
Tante Liste iviegte langsam ihren grauen Kopf hin und her: „Sie ist offen, Emilie, ou darfst ihr keinen Vortours daraus machen."
Doch Frau Gröning fuhr fort, an Henrika herumzumäkeln. „Wenn sie doch nur einmal mit mir zusammen weinen wollte, an mein Herz würde ich'das Kind, das meinem Sohn teuer gewesen ist, nehmen. Aber, wenn ich von Hansemann rede, dann sitzt sie stocksteif da mit trockenen Äugen und denkt an Gott weiß tvas, und sagt keinen Ton."
Dr. Haendler hatte es durchgesetzt, daß seine Schwiegermutter mit Thea auf eine Weile verreisen wollte. „Das hilft euch beiden am besten über die erste schwere Zeit hinweg", hatte er überredet und gedacht, daß besonders für Thea neue Eindrücke heilsam sein würden.
Frau Gröning fügte sich ohne viel Widerspruch. Ihr Schwiegersohn bestimmte die Reiseroute. Thea ivar vollkommen apathisch. Sie lag stundenlang in einem traumhaften Dahindämmern in ihrer kleinen, schmalen Stube auf dem Schlafdivan. Sie lag dort im Dunkeln — wollte kein Lampenlicht und ließ am Tage die Rollläden herunter.
Das schlimmste für sie ivar, daß sie deutlich erkannte, daß ihr für alles, was sie in jüngster Zeit hatte dahingeben müssen, ihre Kunst keinen vollen und bleibenden Ersatz zu bieten vermochte. Es war eine Illusion ihrerseits gewesen — sie wußte nun, daß ihr der göttliche Funke fehlte. Diese trostlose, wahre Selbsterkenntnis warf sie seelisch vollends darnieder.
Morgen sollte sie abreisen.
Fred Delarue hatte der Familie seines verstorbenen Freundes und Lebensretters sein Beileid schriftlich ausgedrückt. Es ivar gut so. dachte Thea, daß er nicht sel- ber gekommen war, sie hätte ihn auch nicht sehen mögen. Alles war zerrissen und tot in ihrer Seele.
Jemand glitt wie ein Schatten in das kleine dunkle Zimmer und kauerte sich dicht vor Theas Lager aus den Teppich nieder.
Es ivar Henrika.
„Thea", sagte sie im Flüsterton, „ich nruß es dir sagen, ich hätte deinen Bruder nicht geheiratet. Er hätte es eingesehen, daß es nicht ging — er war so gut. Ich trauere um ihn, ich bin nicht gefühllos, wie deine Mutter glaubt, ich trauere um ihn ivie um einen lieben, väterlichen Freund, nicht wie eine Braut um den Mann, der ihr alles geivesen. lind du", Henrikas Stimme schien nur noch ein Hauch zu sein — „sei nicht ver- ziveifelt, er ist es nicht inert. Und denke niemals schlecht von mir, was auch kommen sollte. Die Deinen haben mich, obivohl sie freundlich gegen mich waren, vom ersten Tage an wie einen Eindringling behandelt — nur du nicht, Thea, ich iverde dir das niemals vergessen."
Henrikas Hand umfaßte die schlaff herabhängende Rechte Theas, dann glitt die schlanke, dunkle Gestalt ebenso leise, ivie sie gekommen ivar, ohne ein Wort der anderen abzuivarten, aus dem Zimmer.
* g, *
Frau Gröning und Thea ivaren ohne Aufenthalk unterwegs an die Riviera gereist. Einige Zeit nach
