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Nr. 803. Morgen-Ausgabe. Erstes Blatt.

Wiesbadener TagblntL»

Russische Bahnablretung an Japan.

(Von unserem Sonderberichterstatter.)

8. Stockholm, 1. Juli. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Die japanische offiziöse Zeitung „Ferne" meldet: Die russische Regierung tritt an Japan einen Teil der ost-chinesischen Bahn von Charbin bis Knautsente ab. Die Bahn ist von großer politischer, militärscher und ökonomischer Bedeutung und hat einen Wert von 250 Millionen Jen.

Die Neutralen.

Unterdrückung eines Ausstandes in Tetuan durch die Spanier.

W. T.-B. Madrid, 1. Julr. (Nichtamtlich.) Aus Eeuta erngetroffene Reisende teilten mit, daß es zu einem K a m » f mit Marokkanern gekommen ist. Unter den Gefallenen soll sich ein Major und ein Hauptmann befinden. Spanische Kriegsschiffe beschossen die Lüsten. Der Kampf dauere an.

W.T.-B. Madrid, 1. Juli. (Nichtamtlich. Dcahtbecicht.) Reuter meldet: Be: der Unterdrückung des Aufstandes in der Gegend von Tetuan verloren die Spanier 91 Mann von der europäischen und 275 von der Eingeborenen-Truppe.

IV. T.-B. Madrid, 1. Juli. (Nichtamtlich. Drahtbericht.) Amtliche Meldung: Die militärischen Unternehmungen zur Unterwerfung des Gebietes der A n g h e r a sind beendet. Die spanischen Verluste find: 5 Offiziere tot, 23 verletzt, 16 euro­päische Soldaten tot, 17 verletzt, 65 Eingeborene tot, 220 verletzt.

Die Nöte der Schweiz wegen der Kompensationen.

W. T.-B. Bern, 1. Juli. (Nichtamtlich. Drahtbericht.) Wie die „Revue de Lausanne" von wohlunterrichteter Seite erfahren haben will, dürfte man einen günstigen Ausgang der Pariser Verhandlungen über die Kompensationen nicht erwarten. .

Die mexikanische Krifis.

Mexikos Antwort auf die amerikanische Note.

Br. Haag, 1. Juli. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Aus Washington wird gemeldet: Das mexikanische Auswär­tige Amt beantwortete in einem Memorandum die Note Lansings. In dem Memorandum wird gegen die versuchte Unterdrückung durch die Vereinigten Staate.: orö­test iert und erklärt, die Vereinigten Staaten seien nicht berechtigt, Truppen auf mexikanischem Boden zu halten, deren Anwesenheit habe erst die Streifzüge der Freischaren veran­laßt. Im übrigen wird dem Befehlshaber der amerikanischen Truppen der Borwurf der bösen Absicht gemacht.

Ballin zählte die vielen Schiffsneubauten der deut­schen Handelsflotte während des Kriegs auf und fuhr dann fort: Diese Zahlen werden Ihnen beweisen, daß wir Männer der deutschen Schiffahrt nach dem Krieg nicht die Hände in den Schoß zu legen gedenken. Wir wissen, daß wir vielleicht einen schwierigen Wirtschafts­krieg auszukämpfcn haben werden, wenn die Reederetzn, die heute uns feindlich gegenüberstehen, sich gegen uns zu­sammenschließen. Aber wir sind solche Handelskriege gewohnt und die Tatsache, daß ich zum Segen für alle Teilnehmer in der nordatlantischen Schiffahrt eine internationale Verbands­form einführen konnte, beweist nur, daß ich mich niemals scheute, den Konkurrenzkampf bis aufs Messer zu führen. Der Friede, der uns die alte Beschäftigung wiedergibt, kann nicht mehr lange auf sich warten lassen, denn der Krieg ist für unsere Feinde ziellos geworden. Um uns noch besiegen zu können, müßte man uns in den feindlichen Ländern, wo wir jetzt mit unseren Heeren stehen, siegreiche Schlachten liefern, nach diesen müßte man uns aus den be­setzten Gegenden vertreiben und uns an unseren Grenzen aufs neue besiegen, und schließlich nach den siegreichen Schlachten in unser Land einziehen und uns dort vollkommen schlagen. Selbst die größten Fanatiker müssen einräumen, daß die feindlichen Mächte zusammen nicht über so viel Men­schenmaterial, finanzielle und organisatorische Kraft ver­fügen, um ein solches Unternehmen erfolgreich durchzuführen. Ballin schloß, indem er betonte, daß die englische Aus­hungerungsblockade eine. Maßregel sei, ukk irgend welchen Einfluß auf den Ausgang des Kriegs auszuüben. Durch Schikanen werde man die verbündeten Reiche nicht be­siegen.

Das Festhalten am bayerischen Post­reservat.

W. T.-B. München, 1. Juli. (Nichtamtlich.) Bei Be­ratung des Postetats in der Kammer der Abgeordneten er­klärte der Verkehrsminister über das Postreservat: Die bayeri­schen Verkehrsanstalten haben den Beweis der Berechtigung ihrer Selbständigkeit erbracht; sie stehen in ihren Leist ingen hinter keiner dtzr anderen Verwaltungen zurück. Die bayerische Briefmarke ist ein Teil der Selbständigkeit der bayerischen Post, und ich muß den Wunsch nach Aufhebung derselben a b l e h n e n. Wir können sehr ivohl gute Deutsche sein, auch wenn wir unsere bayerische Briefmarke behalten. (Lebhafter Beifall rechts.) Ein Antrag des Zentrums, die Regierung zu ersuchen, entgegen dem Beschlüsse des Reichs­tags vom 3. Juni, an der bayerischen Postmarke mit allem Nachdruck sestzuhalten, wurde mit großer Mehrheit ange­nommen.

abzuleiten. Der Umfang der von dem Hagel getroffenen Gebiete ist im Verhätrnis der Gesamtfläche des Erntelandes nur gering. Freilich ist durch starken Hagel aus diesen örtlich umgrenzten Strecke» selbst der Ernteschaden erheblicher Natur, aber doch für das Gesamtergebnis ohne Tragweite.

Die Leipziger Radikalen natürlich für Liebknecht. Br. Leip­zig, 30. Juni. (Zens. Bln.) Die Leipziger sozialdemokratische Parteileitung beschloß eine Erklärung für Liebknecht, in der sie aus- svricht, • baj; er auch nach seiner Verurteilung Parteigenosse bleibt.

5lu§ Stabt und Land.

Wiesbadener Nachrichten.

Die Woche.

Aus den verbündeten Staaten.

Der Empfang der deutschen Parlamentarier durch den König von Bulgarien.

W. T.-B. Sofia, 1. Juli. (Nichtamtlich. Bulgarische Telegraphen-Agentur.) Die Reise der deutschen parla­mentarischen Abordnung durch das bulgarische Land erregt weiter die lebhafte Begeisterung der Bevölkerung. Nachdem die deutschen Abgeordneten das hochgelegene Kloster Rilo verlaffen hatten, fuhren sie über die kleinen Städte Dupnitza und Samokow zum königlichen Schloß Stamiakovo, wo sie vom König empfangen wurden. Der deutsche Ge­sandte Graf Oberndorfs, der deutsche Militäcbevollmächtigte Oberstleutnant v. Massow sowie der Thronfolger Boris und Prinz Kyrill waren anwesend. Kurz nach ihrer Ankunft fuhren die Gäste, vom König und den Prinzen begleitet, in Automobilen nach dem Sazighol-See, der sich in 2300 Meter Höhe befindet, wo der König ein Jagdhaus besitzt. Von da aus konnten die Gäste die Schönheiten des Rilo- und Balkan­gebirges bewundern. Während des Ausfluges unterhielt sich der König in herzlicher Weise mit den Abgeordneten. Nach ter Rückkehr zum Schlosse St. Cuiakovo fand ein Essen statt, in desien Verlauf der König eine kurze Ansprnche hielt, in der er sagte, er sei glücklich, Vertreter der verbündeten de lt- schen Nation bei sich zu empfangen. Reichstagsabgeordneter Naumann dankte namens der Abordnung. Die Abreise fand gestern abend statt. Der König begleitete die Gäste bis zu den Automobilen.

In Philippopel.

W. T.-B. Sofia, 1. Juli. (Nichtamtlich. Drahtbericht.) Meldung der Bulgarischen Telegraphen-Agentur: Die deut­schen Abgeordneten kamen gestern früh in Philippovel, wo ihnen ein glänzender Empfang bereitet wurde, an. Zahl­reiche hervorragende Persönlichkeiten erwarteten sie auf dem Bahnhof. Ter Bürgermeister hieß sie in einer kurzen An­sprache willkommen. Junge Mädchen überreichten ihnen Blumensträuße. Auf dem Wege vom Babnhof zum Hotel standen in zwei Reihen Soldaten sowie Schulkinder, die deutsche und bulgarische Lieder sangen. Ein Zug von Schülern, unter denen auch junge Leute aus der türkischen und deutschen Schule waren, zogen on dem Hotel vorbei und brachten den deutschen Gästen eine freudige Huldigung dar. Bei dem Festmahl sprach Fürst Drucki-Lubecki, Mitglied des preußischen Herrenhauses, den Dank der deutschen Gäste aus.

Ball in über die Zukunft der deutschen Handelsschiffahrt.

W. T.-B. Kopenhagen, 1. Juli. (Nichtamtlich.) General­direktor Ball in gewährte einem Vertreter der „Berlingske Tidende" eine Unterredung und führte dabei aus: Wir sind alle stark beschäftigt; wenn auch die Feinde und einige neu­trale Mächte glauben, daß die deutsche Handelsflotte jetzt langsam, aber sicher in den Häfen verfault. Natürlich hat dieser gewaltigste und blutigste aller Kriege, die die Geschichte kennt, einen gewissen Mangel an Übersicht unserer Schiff- fahrtsberhältnisse mit sich gebracht. Sie kennen den Stand­punkt der Deutschen: Wir kämpfen dafür, daß die Freiheit auf den Meeren und unsere Stellung als Kolonialmacht zukünftig derartig sind, daß wir nicht mehr bei England zur Miete wohnen. An welchen Ausgang wir glauben? Ich kann mir billigerweise einen Hinweis auf die letzten Ersitz- nisseamSkagerak ersparen und will nur auf die vielen Millionen aufmerksam machen, die der Reichstag zur Unter­stützung privater Schiffahrtsgesellschaften bewilligt hat.

Eine Interpellation in der bayerischen Kammer zur Frage der Briefkontrolle.

W. T.-B. München, 1. Juli. (Nichtamtlich. Drahtbecrcht.) Bei der Beratung oes Militäretats in der Kammer der Abgeordneten brachte der Abg. Quidde die von der Mili­tärbehörde über ihn verhängte Briefkontrolle zur Sprache. Staatsrat v. Speidel erwiderte in Vertretung des Kriegs Ministers, in diesem Falle handle es sich um ganz spezielle Eingriffe gegenüber einem einzelnen, die bas Krtegsministerium gegenüber Quidde im Interesse der Lan­desverteidigung und der öffentlichen Sicherheit auf Grund des Kriegszustandsgesetzes zu treffen gezwungen worden war. Quidde habe eine Flugschrift in einer Auflage von 28 000 Exemplaren Herstellen lassen. Diese mußte nach den während des Krieges im ganzen Reiche geltenden Bestimmun­gen wegen ihres Inhalts beschlagnahmt werden. Ihre Weitec- berbreitung sei im Reiche wie in Bayern auf Grund des Ge­setzes über den Belagerungszustand verboten worden. Da­nach habe Quidde als Führer der deutschen Pazififtenbe- wegnng eine mit den Kricgsverhältnissen durchaus nicht vereinbare Agitationstätigkeit entwickelt, so daß ihm im Inter­esse der öffentlichen Sicherheit jede weitere pazifistische Wcrbetäftgkeit verboten werden mußte. Trotzdem habe Quidde unter Anwendung einer Deckadresse das Verbot zu umgehen versucht. Ein in Frankfurt verfaßtes, von Quidde mitunterschriebenes pazifistisches Rundschreiben wurde im April auch in Bayern versandt. Unter diesen Umständen war eine Überwachung der Korrespondenz Qu'ddes notwendig. Staatsrat v. Speidel sagte noch. die. Briefbeschlagnahme sei eine Maßnahme, zu der sich die Militärbehörde nur ungern entschließe und die nur stattfinde, wo sie noch ihrer über- zeugung zwingende Gründe habe. Ihre Bekanntgabe sei unmöglich, weil dadurch die Bekanntgabe des Treibens un­möglich werde. — Der Militäretat wurde schließlich mit allen Stimmen, auch der Sozialdemokraten, angenommen.

Deutsches Reich.

8 Hos- und Personal-Nachrichten. Der Direktor des Seminars für Städtebau an der Dresdner Hochschule, Geh. Hof- und Baurat Professor Ewald G e n z m e r , ein Bruder des früheren Wies­badener Stadtbaumeisters, wird anr Sonntag, den 2. Juli, 60 Jahre alt. Der hervorragende Dresdner Städtebauer ist Westpreuße von Geburt und auf dem Rittergut Boggusch bei Marienwerdcr geboren.

Des Kanzlers Besuch bei der Hochseeflotte. W. T.-B. Berlin, 1. Juli. (Nichtamtlich. Drahtbericht.) Der Reichs­kanzler kehrte heute von dem Besuch bei der Hochsee­flotte zurück.

* Aus dem „Reichsanzeiger". Der „Reichsanzeiger" ver­öffentlicht die Bekanntmachungen vom 29. Juni 1916 über die Beschränkung des Absatzes und der Erzeugung von Zement, über Brotgetreide und Mehl der Ernte 1916, betr. Änderung der Verordnung über den Verkehr mit Hülfenfrüchten vom 26. August 1915, sodann die Verordnung über Buchweizen und Hirse und die Bekanntmachung über die Verwertung von Tierkörpern und Schlachtabfällen.

Die Verlängerung der bayerischen Landtagswahlzeit. W. T.-B. München, 1. Juli. (Nichtamtlich. Drahtbericht.) Die Abgeordnetenkammer nahm den kürzlich von der Regie­rung vorgelegten Gesetzentwurf über die Verlängerung der laufenden Landtagswahlzeit um 1 Jahr am

Der durch Hagelschläge augerichtcte Ernteschaden aus das Ge­samtergebnis ohne Tragweite. Br. Berlin, 30. Juni. (Zens. Bln.) Zu der wiederholt aufgetauchten Meldung über großen Ernte- schaden durch starke Hagelschäge im Großherzogtum Hessen, Sachsen und Bayern wird jetzt von zuständiger Seite Stellung genommen und jene übertriebenen Auslassungen auf das richtige Maß zurückgeführt. Es haben allerdings in den erwähnten Ge­bieten Hagelschläge stattgesunden, aber sie sind erfreulicherweise von enger örtlicher Umgrenzung gewesen, so daß es nicht angeht, aus dem örtlichen Schaden einen größeren Einfluß auf die Gesamternte

Wiederholt ist von preußischen Städten und so auch von dem Magistrat der Stadt Wiesbaden die Notwendigkeit der Einführung einer Rcichsfleischkartc betont worden, aber noch vor zwei Wochen schien es, als würde das darauf gerichtete Bestreben erfolglos bleiben. Man hatte Eden Ein­druck, als würde die Einführung der Reichsfleischkarte vor allem an dem Widerstand der süddeutschen Staaten scheitern, die allerdings durch eine gleichmäßige Verteilung des in Deutschland vorhandenen Fleisches an die gesamte deutsche Bevölkerung nichts zu gewinnen, wohl aber manches zu ver­lieren haben. Kommt dach in Bayern auf etwa 1^4, in Württemoerg auf 2i/ 2 Personen bereits ein Stück Rindvieh, wahrend sich rund 30 Preußen in ein Rind teilen müssen. Nun hat, wie in der Morgen-Ausgabe vom letzten Freitag mitgeteili worden ist, das Kriegsernährungsamt nach Be­sprechungen mit der Reichsfleischstell« die Einführung der Reichsfleischkarte beschlossen. Der Sinn der neuen Organi­sation kann natürlich nur der sein, das in Deutschland zur Verfügung stehende Fleisch allen, die im einigen Deutsch­land Bürgerrecht haben, für das unsere Söhne, einerlei, ob sie die bayerische, hessische, badische, preußische oder württembergische Kokarde an ihrer Feldmütze tragen, ihr Leben einsetzen. in gleicher Weise zuzuführen. Niemand soll bevorzugt, niemand benachteiligt werden. Im Prinzip wenigstens wird einem wie dem anderen das Recht auf eine gewisse Menge Fleisch zugesprochen, hoffentlich findet sich auch • em Weg, auf dem dafür gesorgt werden kan,!, -daß nicht ein Teil des Volkes nur das papierene Recht, aber nicht die Mittel zum Fleischbezug hat. Wie die Rationieruna nach der für September d. I. in Aussicht gestellten Reichsfleischkarte gedacht ist, ob in der Tat, was wir wünschen und hoffen, im fleischreichen Bayern und im fleifcharmen Preußen die auf den Kops der Bevölkerung entfallende Fleischmenge gleich groß sein wird, läßt sich heute noch nicht sagen, jedenfalls aber darf man jetzt schon der Überzeugung Ausdruck geben,

| daß die kommende Organisation des Fleischverbrauchs eine wesentliche Verbesserung des jetzigen Zustandes darstellen wird.

Ms Herr Oberbürgermeister Glässing am 9. Juni d. I. die bekannte große Rede über die Fleischversorgung Wiesbadens hielt, teilte er mit, daß das Reich für die Kur­gäste Wiesbadens vorläufig auf die Zeit von drei -Monaten wöchentlich pro Kopf 500 Gramm zur Verfügung stellen werde. Damals noch durfte der Oberbürgermeffter bezweifeln, ob die Anwesenheit des Präsidenten des Kriegsernährungsamts in München die Hoffnung auf Einführung der Reichssleischkarte, die man bereits begraben hatte, wieder aufleben lasse, aber es scheint doch, als hätte die Reichsregierung bei der Über­nahme der dreimonatigen Lieferung von sogenanntem Kur- fleisch an Wiesbaden schon ziemlich sicher mit dem Eintreffen der Reichssleischkarte zum September gerechnet. Wir werden jedenfalls die Wohltat der Regelung der Fleischverteilung ' durch eine Reichsfleischkarte doppelt angenehm empfinden und mit ihr dürste auch der leidige Streit über die Frage, in wel­cher .Weise und bis zu welchem Grad die Kurgäste mit Fleisch versorgt werden dürfen, endlich verschwinden. Die Frei­zügigkeit der Fleischkarte wird dahin führen, daß der Stadt Wiesbaden das Fleisch zugeführt werden kann, das die Herma igemeindcn ihrer Gäste durch deren Abwesenheit sparen. Außerdem darf damit gerechnet werden, daß die Fleischrationen der Einwohnerschaft, die jetzt etwas knapp sind und in den Monaten August und September vermutlich nicht zunehmen, von der Einführung der Reichsfleischkarte ab wesentlich größer werden. Wir benutzen übrigens gern die Gelegenheit, festzustellen, daß die Klagen über die Frem­denbevorzugung in der letzten Woche erheblich seltener geworden sind. Unsere Vermutung, daß der anarchistische Zustand, der vor der Einführung der Fleifchkarte auf dem j Gebiet der Wiesbadener Fleischversorgung unzweifelhaft ge- ' herrscht hat, die Hanpffchuld an dem Unwillen der Bevölke­rung über die Bevorzugung der Fremden trug, hat sich dem­nach bestätigt. Es hat nur einer zweimaligen geregelten und gerechten Flerschverteilnng bedurft, um diesen Unwillen be­deutend zu mildern. Die Erfahrung, die man bei dieser Ge­legenheit machen durste, ist jedenfalls ein lehrreiches Beispiel dafür, daß die Bevölkerung selbst bei knapper Rationierung der Lebensmittel die Ruhe nicht verliert, wenn sie nur das Gefühl hat, daß es gerecht zugeht. - n .

weniger Kartoffeln — mehr Brot.

Die Provinzialkartoffelstelle hatte bereits für die ver­gangene Woche dringend darum ersucht, da sie vorübergehend infolge Knappheit von Kartoffeln alter Ernte nicht mehr in der Lage sei, die Stadt Wiesbaden mit ausreichenden Kar- toffelmengen zu versorgen, die pro Kopf und Tag abzu- gebende Menge auf % Pfund herabzusetzen. Der Magistrat konnte sich zu dieser Maßnahme für die vergangene Woche noch nicht enffchließen, da er als Ersatzmittel nur Dörrge­müse hatte und ihm genügende Mehlmengen, um Brot statt Kartoffeln zu geben, nicht zur Verfügung standen. Nachdem nunmehr die Reichsgetreidestelle in Berlin der Stadt die er- forderliche Möhlmenge zugewiesen hat, wird sie gemäß des Ersuchens der Provinzialkartoffelstelle die Kartoffel­menge auf i/ 2 Pfund pro Tag und K»pf herab­sehen, dafür aber neben dem bereits gemästeten Dörrge­müse noch auf jede Kartoffelmarke, auf die Kar­toffeln bezogen werden, 1 Brotmarke für y 2 Laib Brot ausgeben. Wiesbaden wird also vom nächsten Montag ab genau die Mengen an Kartoffeln und Brot ab­geben, wie sie in Frankfurt a. M. gleichfalls auf Ersuchen der Provinzialkartoffelstelle bereits verabfolgt werden. Es ist zu erwarten, daß die Kartoffelknappheit demnächst behoben fein