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1916

nr. 151,

Ikorgen-Veilage des Wiesbadener Tagblatts, s

__ Samstag, I. 3uii.

S)

(13. Fortsetzung.!

Die Braut aus Kanada.

Roman von Hedda von Schmitz.

(Nachdruck verboten.)

, Thea wußte nachher nicht, ob sie seinen Gruß er­widert hatte oder nicht. Alles tanzte plötzlich vor ihren Augen — das ganze Zimmer drehte sich. „Ruhe, nur Ruhe", sagte sie sich und preßte ihre Fingernägel in ihre Handflachen. . . . Dort saß Fred — zehn Schritte non ihr entfernt neben einer jungen, blonden Dame in hellblauem Tuchkostüm. Der ältere Herr und die altere Dame, die unverkennbare Ähnlichkeit mit der jungen Blonden hatte, waren unzweifelhaft ein Ehe- paar.

Nun schaute die Blonde zu Henrika hinüber und ein blrtzartkges Staunen flog iiber ihre Züge. Sie neigte sich zu Fred und flüsterte ihm etwas zu, dann blickte sie wieder nach Henrika hin und er folgte der Richtung ihrer Aitgen. Er mußte Henrika vorhin übersehen haben, denn er erhob sich zum zweiten Male und grüßte die Braut seines Freundes durch eine ebens» höfliche Ver­beugung, wie die gewesen war, welche er vorhin für Thea gehabt hatte.

„Sie fürchten, wie es scheint, doch, durchzubrechen. Sre kleines rosa Hayzinthchen", rief die Böh.ring-Held- hausen scherzend, „Sie grüßten ja kaum wieder. Mer ist denn der blonde Kavalier dort drüben."

„Mir ein Fremder", sagte "Henrika kalt.

„Allüren hat sie, rein als ob sie direkt aus dem Grandenpalast ihrer sagenhaften Vorfahren zu uns nach Berlin gekommen wäre", dachte Frau Hannchen ärgerlich.

Doch im Grunde ärgerte sie sich darüber, daß Fred Delarue auch heute die Familie Gröning schnitt.

„Die junge Dame ain anderen Tisch starrt dich ja immerfort an. Henrika, kennst du sie vielleicht?" fragte sie dann leise.

„Ich kenne sie nicht; doch Herr Delarue war mit den Leuten in Hainburg zusamnreii. Ich habe ihn dainals nicht danach gefragt, wie sie heißen. Ich bin nicht neu­gierig und kümmere mich grundsätzlich nicht imi fremde Menschen", gab Henrika, ohne ihre Stimme sonderlich ?.u dämpfen, zur Antwort.

„Sie ist einfach unmöglich', dachte Frai! Hannchen und meinte dann anzüglich: „Du bist dir wohl immer selbst genug, meine Liebe?"

„Das kommt darauf an. in welcher Gesellschaft ich mich befinde", erwiderte die Braut aus Kanada prompt.

„Bravo, mein Kindchen", rief die Böhning-Hcld- bausen amüsiert. „Stolz lieb ich den Spanier."

„Sie hat ja auch spanisches Blut und einen spani­schen Namen", sagte Dr. Haendler vermittelnd.

Es lag Erplosionsstoss in der Luft. Man war aber doch nicht hierher gekommen, um ungeinütlich zu sein. Mama Gröning hatte das teure Essen doch nicht bestellt, damit uran sich dabei Spitzen sagte?

Der Doktor erhob sein Rbeinweinglas und trank Thea zu. „Auf dein Wohl und eine glückliche Zukunft."

Wortlos tat Thea ihm Bescheid.

Also in Hamburg war Fred mit dein schönen, blon­den Mädchen zusammen gewesen. Nun glaubte sie sein

ganzes Verhalten ihr gegenüber zu verstehen. Nicht stand zwischen ihm und ihr, nicht ihr Schauspielern, sondern die Blonde dort drüben, mit

\ f J trf) unterhielt, daß er für nichts an­

deres Auge und Ohr zu haben schien.

-v?rmgaid Löhnstädt äußerte ihre grenzenlose Ver­wunderung über die Metamorphose, die sich mit Hcn- mka vollzogen hatte. „Ich habe sie bloß an ihren .chonen Augen wiedererkannt", sagte sie. „Es ist vcr- bluffend, daß lemand sich in ein paar Monaten so von Grrmd aus verändern kann. Wenn ich zurückdenke, welch einen ungeschickten, armseligen Eindruck die ^res Freundes damals in Hamburg macUe ^ch hatte solches Mitleid mit ihr. Und jetzt: wre schrck ist ihre Frisur , wie famos steht ihr das Blaß- ro,a Passen Sie auf, Fred, wenn das so weiter geht, wird Henrika dp Santos eine große Schönheit."

.„„."Es soll mich für sie freuen", entgegnete Fred nach- und drehte der Braut aus Kanada den Rücken zu. dadurch aber befand er sich direkt N)ea gegenüber.

Für ihn waren jedoch die Grönings überhaupt nicht vorhanden — seiner Ansicht nach lag kein zwingender Grund für ihn vor, an den Nebentlsch heranzutreten, und eine allgemeine Begrüßung und Vorstellung her- vorzurufen. Er kannte weder das Ehepaar Haendler noch die Böhning-Heldhausen, deren auffallende Art und Sprechweise den Konsul Löhnstädt höchlichst er- gotzte.

_._."Psuu^ulal ist's gerade so, als ob sie die Königin Elisabeth in „Maria Stuart" so aus deiii Stegreif mimt" meinte der alte Herr. „Gottvoll sind doch mit­unter solche Leute, denen das Bühncnhafte bis zum G,nbe anhängt. Da hat man nun eine Gratisvor- stelluNg.'

. ,?red sasi wie auf Nadeln. Gut, daß seine Mutter nicht hierher mitgekommen war. Harald fühlte sich iiicht wohl, sie hatte ihn, um den sie immer voller ängstlicher Besorgnis war, wenn er an seinen Kopfschmerzen litt rächt verlassen wollen.

.. J^d vermied es komeguent, Thea anzusehcn. Ihr blasses Gesicht hatte ihn vielleicht doch rimgestimmt. „Es war aus zwischen ihnen beiden, definitiv aus", sagte er sich. Am gestrigen Abend hatte er einen dicken Strich unter die tollen^ verliebten Wünsche vieler Wochen, die ihn wie einen Spielball hin und her getrieben hatten, gcnracht.

„Laß uns aufbrechen, Fred", hatte seine Mutter ihn gestern vor Beginn des letzten Aktes gebetzen und dann so obenhin hinzugefügt: „Du begleitest mich doch nach Hause? Es bleibt dir ja noch immer unbenommen, hierher zurückzukehrcn."

Dann — während das Auto aus dem Norden von Berlin dein alten Westen der Stadt zugerollt war, hatte die Baronin die Hand ihres Sohnes ergriffen: „Lieber Fred, ich hätte mich mit denn Gedanken ausgesöhnt, eine Schwiegertochter, die für die Bühne allsgebildet worden