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Nr. 150. Freitag« 30. Iuni. ?916.
(12. Fortsetzung.)
Die Braut aus Kanada.
Roman von Hedda von Schmitz.
lNachdruck verboten.)
Als die Kunde von der Anwesenheit der Delarues bis zu Tante Liste drang, meinte diest halblaut: „Macht bloß kein Aufhebens davon, Emilie, die kochen auch mit Wasser. Und das Vergnügen ist ganz auf ihrer Seite, das Stück wird sehr gut gespielt, und Thea wird ihre Sache schon brav machen."
Henrika wandte nicht einmal ihren Kopf nach der Seite, wo Fred und seine Mutter saßen, sie wechselte ab und zu ein Wort mit Heiuo neben ihr, der zwei Mittagessen geopfert hatte, um Thea Blumen — es waren Maiglöckchen in einem Topf mit rosa Kreppapier umwunden — zu spenden.
Dann glitt der Vorhang empor und das Spiel begann.
Theas Lehrerin hatte ihr mit Recht abgeraten, diese Rolle als Debütantin zu spielen. Andere lagen ihr weit besser. Doch da das „Iohannisfeuer" nun mal auf den Spielplan gesetzt worden war, so Thea nur die Wahl gehabt, entweder das Heimchen zu übernehmen oder abzusagen.
Sie gab ihr Bestes. Sie riß sich zusammen als sie nun das Lampenfieber spürte, aber es war doch etwas Unfreies in ihrer Leistung. Ein paar schnelle Blicke hatten sie davon überzerigt, daß Fred gekommen war. Und die Fraiiengestalt neben ihm in schwarzem Samt locit seine Mutter. Thea fühlte den prüfenden Blick der graublauen Augen, welchen die Freds so ähnlich tnaren, auf sich ruhen, und sie empfand dieses Anschauen von Szene zu Szene als etwas sie unsäglich Beängstigendes.
Nach dem ersten Akt kam Frau Hannchen hinter die Szene.
„Sehr, sehr gut ist's gegangen, Th Sachen", rief sie aufgeregt, „Franz meint allerdings, du müßtest mehr aus dir herausgehen, aber so sicher sein Urteil auch immer zu sein pflegt, er ist ja kein Kritiker von Beruf in diesem Fall, Theachen. Geklatscht haben sie wie rasend. Von wem hast du denn die Maiblumen? Ach, von Heino. Weißt du, Delarues sind da — er und seine Mutter. Aber, Thea, was ist denn das mit dir? Fang bloß nicht an zu weinen. Da haben wir's. Das ist die Reaktion. Kann man hier denn kein Brausepulver bekommen? Oder wenigstens ein Glas Selters? Warte, ich besorge dir eins."
Frau Hannchen eilte davon. Das fehlte gerade noch, daß Thea an ihrem Ehrenabend heute umklappte. Fred hätte ihr auch ein paar Blumen senden können. . . . Bevor es aber Frau Hannchen gelungen war, am Büfett ein Glas Selters für ihre Schwester zu erhalten, erscholl das Klingelzeichen, und Thea mußte auf ihr Stichwort aufpassen.
Sie spielte nun bester Sic vergaß bisweilen sogar die wachsamen, graublauen Augen drunten im Zu- schauerraum, die ihr bis auf den Grund ihrer Seele zu blicken schienen.
Ihre Blicke suchten Fred — wie hilfesuchend, . . .
Als der letzte Akt begann, waren die Plätze der Delarues leer. Sie hatten in der Pause, wo alles sich an das Büfett herangedrängt, den Theatersaal verlassen.
Mit dieser Wahrnehmung erlosch für Thea Gröning das Licht dieses Abends, auf den sie so große Hoffnungen gesetzt hatte.
Aber nicht um die Welt hätte sie ihre seelische Icr- rissenheit, die grenzenlose Enttäuschung, die in ihr wühlte, enthüllt Niemand, weder Schwester Hannchen noch ihre Mutter, sollten es merken, was sie innerlich durchmachte. Sie war von einer ausgelassenen Fröhlichkeit — Königin des Festes — flög im Tanz aus einem Arm in den anderen — und ließ sich nicht viel bitten, in der Kaffeepam'e auf dein Podium zu er- scheinen und etwas zu deklamieren. Es war ein Melodram — ein übermütiges, banales Machwerk mit ein paar Schlagern als Refrain.
In kecker Haltung stand Thea Gröning in ihrem rosa Ballkleid droben, die Worte in den Saal hinaus- schmetternd. In ihr flackerte die letzte arme Hoffnung, er kommt vielleicht doch — kommt zurück — auf und erlosch.
Einen Moment hindurch war es ihr, als hätte sie ihn in der großen Eingangstür des Saales erblickt, die schlanke, geliebte Gestalt im tadellos sitzenden Smoking, der Gesellschaftsanzug kleidete ihn so wundervoll — doch es mußte eine Täuschung gewesen sein. Am Saal- cingang drängte sich eine kleine Schar von Herren, die an der langen, doppelten Kaffeetafel keinen Platz mehr gefunden hatte, stch im Vvrsaal installiert und, durch Theas zündenden Vortrag angelockt, im Rahmen der Tür erschienen war.
Er kam nicht — es war alles zu Ende. . . .
„Nun ist's aber genug mit dem Tanzen, Thea", sagte Doktor Haendler, als seine Schwägerin glühend und atemlos von ihrem Herrn neben ihm abgesetzt wor- den war. „Mama schickte mich auf die Suche nach dir, wir wollen ausbrechen."
„Ach, nicht doch, noch nicht nach Hause."
Thea blickte ihren Schivager flehend an — etwas Fiebriges glänzte in ihren Augen.
„Thea, Kindchen, so sei doch verständig."
Der Doktor zog ihren Arm durch den seinen und ging langsam mit ihr durch den Saal.
Diese Lustigkeit von Thea erschien ihm unnatürlich. Es war bei ihr nicht die Freude über ihren heutigen Erfolg, der eigentlich in seinen Augen mehr ein gesellschaftlicher als ein künstlerischer zu nennen war. — Ihre bildhübsche Erscheinung hatte mehr gesiegt als ihre ichauspielerische Leistung.
„Es ist wirklich besser, du fährst jetzt mit uns nach Hause, Thea", überredete der Doktor, „du hast dir heute abend genug zugemutet,"
„Ja — ja, nach Hause", sagte sie im Tonfall eines müden Kindes, dem vor Erschöofung die Tränen nahe sind.
