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Zreitag, 30. 3uni 1916 .

Morgen • Ausgabe.

Nr. 299. ♦ 64. Jahrgang.

Österreichisch-ungarischer Tagesbericht.

Weitere Zurücknahme eines Teiles der Front in der Bukowina. — Italienische Vorstöße am Monte San Michele und bei San Martina abgeschlagen. — Die neuen Stellungen zwischen Brenta und Etsch an vielen Stellen erfolglos ange­griffen.

W.T.-B. Wien, 29. Juni. (Nichtamtlich.) Amtlich verlautet vom 29. Juni, mittags:

Russischer Kriegsschauplatz.

Bei I z w o r in der B u k o w i n a versprengten un­sere Abteilungen ein russisches Kavallerieregr- m e n t. Im Raume östlich von K o l o m e a erneuerte der Feind gestern in einer Frontbrcitc von 4 0 Kilo­meter seine M a s s e n a n g r i s f e. Es kam zu er­bitterten wechsclvollcn Kämpfen. An zahlreichen Punk­ten gelang es dem aufopfernden Eingreifen herbei- eilendcr Reserven den überlegenen Gegner rm Hand­gemenge zu werfen, jedoch muhte schließlich rn den Abendstunden ein Teil unserer Front gegen K o l o m c a und südlich davon zurückqenommen werden. In der Dnjeftrschlinge nördlich vom Oberty wiesen österreichisch-ungarische Truppen zwei über­legene russische Angriffe ab. In gleicher Werse schei­terten alle Versuche des Gegners, die westlich von R o w o - P o c z a j e w verschanzten Abteilungen des Eperjeser Infanterieregiments Nr. 67 zu werfen.

In Wolhynien verlief der Tag verhaltnrs- rnästig ruhig.

Italienischer Kriegsschauplatz.

Gestern nachmittag begannen die Italiener einzelne Teile unserer Front auf der Hochfläche von Doberdo lebhafter zu beschieße». Abends wirkten zahlreiche schwere Batterien gegen den Monte San Michele und den Raum von San Martina. Nachdem sich dieses Feuer auf die ganze Hochfläche ausgedehnt und zu orößter Stärke gesteigert hatte, ging die feindliche Infanterie zum Angriff vor. Nun entspanne» ^stch, uamentlich am Monte San Michele, bei San Martina und östlich Bermeglrano sehr heftige Kampfe, die noch sortdauern. Alle Vorstöße des Feindes wurden, zum Teil durch Gegenangriffe, abgeschlagen. Am G ö r z e r Brückenkopf griffe» die Italiener den Südteil unserer Podgora- stcllung an, drangen in die vordersten Gräben ein, wur­den aber wieder hrnausgeworseu.

Zwischen Brenta und Etsch gingen feindliche Ab­teilungen verschiedener Stärke an vielen Stellen gegen unsere neue Front vor. Solche Vorstöße wurden im Raume des Monte Zäbio nördlich des P o s i n a- Tales, am Monte T e st o, im Brandtal und am Zugna- Rücken a b g e w i e s e n. In diesen Kämpfen haben unsere Truppen etwa 200 Gefangene gemacht.

Südöstlicher Kriegsschauplatz.

Ruhe.

Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabs: v. Höf er. Feldmarschalleutnant.

Der „unvermeidliche Krieg".

Der Krieg der Nordamerikanischen Union mit der Nachbarrepublik Mexiko ist unvermeidlich. So hat wenigstens Präsident Wilson versichert, so stimmte ihm der Leiter der auswärtigen Dankee-Politik, Staats­sekretär Lansing, bei, und so erklärt jetzt auch Herr Clark, der Präsident des Repräsentantenhauses. So erklären die führenden Politiker jenseits des großen Teichs eigentlich seit Monaten, und sonderbarerweise ist dieser unvermeidliche Krieg bisher doch immer noch vermieden worden. Man wird also im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten immerhin mit der Möglich­keit rechnen müssen, daß er am Ende überhaupt vermie­den wird, obwohl nach den Washingtoner Meldungen zwischen Amerikanern und Mexikanern bereits etliche blutige Käinpfe stattgesunden haben, bei denen Bruder Jonathan von dem kleinen mexikanischen Bruder ganz erhebliche Prügel bekam, und obwohl der Präsident Carranza die Drohungen und Noten des Präsidenten Wilson mit einer geradezu verblüffenden Nichtachtung behandelt.

Woraus hervorgeht, daß dieser ein Ehrgefühl mit doppeltem Boden hat, ein amerikanisch- kontinentales und ein überseeisches. Als deutsche Unterseeboote beim Abfangen ameri­kanischer Munitionslieferungen die'Sicherheit einiger reisender Aankees bedrohten, die allen: Anschein nach zur Deckung der Mnnitionstransporte engagiert waren, um entweder diese Transporte zu sichern oder aber einen Konflikt zwischen Deutschland und der Union zu inszenieren, da hatte Präsident Wilson

ein verblüffend empfindliches Ehr- und Nationalgesühl, und er bestand in geharnischten Noten darauf, daß das Leben amerikanischer Bürger Tabu fern ruüsse. Den Mexikanern gegenüber ist der Herr Präsident weniger enrpsindlich, obwohl dort bereits weit mehr Amerikaner ihr Leben lassen mußten, als j e durch deutsche U-Boote gefährdet waren. Es scheint also, daß Bruder Jonathans kriegerischer Mut i n dem Quadrat der Entfernung Nächst, die ihn von seinem Gegner trennt. Die Mexikaner aber sind die Nachbarn der Aankees, und den Krieg, den diese ihnen erklären, müßten sie wirklich führen, so ganz richtig mit der Waffe!

Und deshalb haben sie es sich so lange überlegt, überlegen es sich immer noch. Wahrscheinlich würde Präsident Wilson sogar vorbehaltlos auf seinem ame­rikanisch - kontinentalen Ehrgefühl herumtrampeln lassen, wenn nicht die Präsidentenwahl einen düsteren Schatten auf seine Friedensliebe werfen würde. Aber der Unterschied in seiner Haltung gegenüber Deutschland und Mexiko ist so in die Augen fallend, daß er von jenen Amerikanern, die nicht bedin­gungslos zur Munitionspartoi schwören, übel empfunden wird. Wilsons gefährlicher Gegner, der republikanische Kandidat Hughes, hat denn auch bei seiner Nominierung alsbald auf diesen schwächsten Punkt der Schlachtsront seines Gegners hingedeutet, indem er dein Präsidenten vorwarf, daß „die auswär- tigen Beziehungen der Vereinigten Staaten unberechen­bar infolge der Schwäche und des Schwankens der Politik Mexiko gegenüber litten", und daß „die Union der Welt das erniedrigende Schauspiel von Un­geschicklichkeit und zu spät ergriffenen Maß­regeln" biete, „die nicht genügen, um den auf so un- glückliche Weise verlorenen Einfluß und unser Ansehen wieder zu gewinnen".

In der Angst, daß di? Republikaner ihm mit seiner Mexiko-Blamage allen Wind aus den Segeln nehmen, ergeht er sich denn in großen Worten und Maßnahmen, beruft außer dem stehenden Heer von 100 000 Mann noch 100 000 Staatsmilizen unter die Waffen, kündigt an, daß er 250 000 Freiwillige ausrufen werde, und laßt durch seine Getreuen sogar den Feldzugsplan veröffentlichen. Immer in der Hoffnung, daß Carranza, der kurioserweise Präsident von Wilsons Gnaden ist, doch noch nachgeben wird. Aber ebenso wie der Präsi- dcnt Wilson zur Behauptung seiner eigenen Stellung,- zur Sicherung seiner Wahlaussichten zum Vorgehen gegen Carranza gezwungen wird, so muß Carranza gegen seinen Protektor a. D. Wilson aufbegehren, weil er befürchtet, daß ihn sonst seine Mexikaner verjagen. So müssen die beiden Rivalen sich in Selbstverteidi­gung angreifen. Ein sonderbarer Boxmatch,

Im Grunde aber klappert ihnen beiden das dürre Gebein, und insbesondere fürchtet Präsident Wilson trotz aller großen Worte, daß der amerikanische Feldzug in dem mexikanischen Gebirgsterrain mit einer bösen Schlappe enden könnte, wie ja auch die Strafexpedition von 1914 mit einer schweren Blamage ausging. Dazu kommt, daß man in Washington das Mißtrauen der siid- und mittelamerikanischen Republiken, von denen einige bereits ihre Einmischung zugunsten Mexikos in Aussicht gestellt hatten, als sehr e r n st h a f- ten Faktor einschätzt, und daß man weiter besorgt, hinter den Mexikanern könnten am Ende die I a p a n e r sieben, die ja das größte Interesse daran haben, ihre gefährlichsten Rivalen, nämlich die Aankees, in Händel z» verwickeln. Endlich aber dringt der Vierverband in Washington wie in Mexiko ans eine Einigung, nicht nur aus Besorgnis um die mexikanischen H I f e l d e r, aus denen die englische Flotte ihren Bedarf an Heizöl deckt, sondern nicht minder wegen der amerikani­schen Munitionslieferungen. Das ist aber auch zugleich der Grund für des smarten Bruder Jonathans Friedensliebe, denn Munition, die man selber verschießt, kann man sich nicht von anderen mit schwerem Gelde bezahlen lassen. Das sind die inneren Zusammenhänge des „unvermeidlichen Krieges".

*

Freilassung der gesangenen Amerikaner.

W. T.-B. New No>k, 29. Juni. (Nichtamtlich. Drabtbe- richt. Reuter.) Nach einem Telegramm ans El Paso hat der Kommandant von Chihuahua General Trevini angeordnet, daß die bei Carrizal gefangenen Amerikaner nach Iarrz gebracht und freigelassen werden.

Ein lebhafter Meinungsaustausch zwischen den Südstaaten.

W. T.-B. Santiago di Chili, 29. Juni. (Nichtamtlich. Agence HavaS.) ES fand ein lebhafter Austausch von Mit­teilungen zwischen den Staatskanzleien von Chile und Argentinien scwie Brasilien statt hinsichtlich des Kxmfliktes zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten. Cs herrscht die Ansicht in amtlichen Kreisen vor, daß der Kon­flikt auf friedliche Weise beigelegt wird.

Oer Rrieg gegen Rußland.

Die ungeheueren großen Offiziersverluste bei der russischen Offensive.

Nr. Basel, 29. Juni. (Eig. Drahtbericht. Jens. Bln.) Die „Basler Nachr." melden aus Petersburg: Die Militär­kritiker der führenden Zeitungen betonen, wie auf ein ge­gebenes Zeichen, daß die russischen Offiziere durch die Bravour, mit der sie die Truppen zum Kampf führten, einen äußerst hohen Blutzoll brachten. 70 Regimenter haben 80 bis 70 Prozent ihres Offizierstandes verloren; 8 Regi­menter büßten sämtliche Offiziere ein. Im „Rutzkoje Slowo" wird zum erstenmal von einer Offizierskrisis gesprochen. Die Studenten der Jahrgänge 1898 und 1899 sind durch einen Ukas eingefordert.

Das Präsidium des Reichstags in Wilna.

W. T.-B. Wilna, 29. Juni. (Nichtamtlich.) Das Präsi­dium des deutschen Reichstags weilt zurzeit in Wilna, um persönlich kennen zu lernen, was von deutscher Verwaltung im besetzten Gebiet an lebendiger Kulturarbeit geleistet wor­den ist. Am vorgestrigen Vormittag wurde, wie die „Wilnaer Zeitung" berichtet, die A u S st e l l u n n der Wilnaer Arbeit s st üben, deren Eröffnung für das Publikum am kommenden Freitag stattfindet, durch die Geheimräte Exzellenz Kaempf, Dove und P aas che besucht. Stadthanptmann Pohl führte die Gäste durch die einzelnen Abteilungen, !vo sie von Mitgliedern des Komitees und jungen Damen in Nationaltracht empfangen wurden. Eine besondere Über­raschung bot die Litauische Abteilung, wo Kinder litauischer Schulen Wilnas in einer eigenartigen bunten Tracht Lieder vortrugen. Die Besucher waren von der Reichhaltigkeit des Gebotenen, der geschmackvollen Anordnung und Einrichtung der Ausstellung und ihrer praktischen Bedeutung bochbefriedigt.

*

Eine Erklärung lettischer Sozialdemokraten

W. T.-B. Bern, 29. Juni. (Nichtamtlich. Drahtbericht.) Die hiesigen lettischen Sozialdemokraten veröffentlichen in der „Berner Tagwart" eine mit Unterschriften versehene Erklärung, in der es heißt, daß die Mitglieder des angeblichen lettischen Komitees in der Schweiz nur scheinbar und für ge­wisse Zwecke einer neutralen Haltung huldigten, im Grunde seien sie russische Patrioten, was ihre chauvinistische Hetze gegen alles, was deutsch, in den lettischen Zeitungen Rußlands beweise. — Diesen Doppelgesich­tern und Handlangern des Zaren rufen wir ein Pfui zu und fordern die schweizerische und deutsche Ar­beiterpresse auf, dem Geschreibsel dieser Herren die gebüh­rende Achtung zu erweisen.

Oie Lage im westen.

Auch Clemenceau drängt aus eine Geheim­sitzung des Senats.

Sr. Genf, 29. Juni. Eig. Drohtbcricht. Jens. Bln.) B r i a n d suchte bisber die Geheimsitzung des Senats hinaus­zuschieben in der Erwartung, die Kritik Clemenceaus und seines Anhanges durch wichtige Tatsachen entwaffnen zu können. Jedoch brachten weder die jüngsten Vorgänge bei Verdun noch die Bemühungen der Engländer und Fran­zosen in Nordfrankreich die Erfüllung der hochgespannten Erwartungen. Clemenceau verlangt sofortige Festsetzung des Sitzungsdatums.

Vorzeichen für neue Kämpfe in den Vogesen?

Sr. Karlsruhe, 29. Juni. (Eig. Drahtbericht. Zeni. Bln.) Die Basler Blätter melden von der Grenze: In der letzten Woche sind etwa hundert elsässische Kinder. Knaben und Mädchen, aus den elsäffischen Dörfern nach dem Innern Frankreichs verbracht worden. Sie kamen in Automo­bilen am Dienstag in Belfort an und wurden am Abend in die Eisenbahn verloben.

Eine Zusammenkunft der 87 Gegner der französischen Regierung.

W. T.-B. Paris, 29. Juni, lNichtamtlich.) Auf Veran­lassung des Abgeordneten Faures und Genossen versammelten sich gestern 97 Abgeordnete, die g e g e n die Vertrauenstages- ordnung nach der Geheimsitzung gestimmt hatten, nm die Frage zu prüfen, wie der parlamentarische Kontrollausschutz für das Heereswesen von einer Abordnung der Kammer un­mittelbar organisiert werden könne.

W. T.-B. Paris, 29. Juni. (Nichtamtlich. Drahtbericht.) Die Gruppe von 97 Kammerabgeordnetcn, welche Gegner der Vertrauenstogesordnung waren, setzten einen Unterausschuß von 26 Mitgliedern ein, welcher einen Eritwurf zu der Ent­schließung über die Organisation der parlamentari­schen Kontrolle bei den Armeen entsprechend der von der -Kammer nach den geheimen Sitzungen angenommenen Tagesordnung vorbereiten sollte. Dieser Ausschuß beschloß gestern die Einsetzung des Kammerausschusses von 40 Mit­gliedern zu diesem Zweck vorzuschlagen, der durch Listenwahl immer auf drei Monate bestellt werden soll. Dieser Aus­schuß soll der Kammer in geheimer Sitzung Bericht erstatten. Die Regierung mühte den Mitgliedern alle Erleichterungen zur Erfüllung ihres Auftrages, sowohl an den Sitzungen der Kommission wie bei den Reisen zu den Armeen, gewähren. Der Heeresausschutz behandelte gestern dieselbe Frage der Organisation und Kontrolle.