Msrgen-Veilage des Wiesbadener Tagblatts, a i
Nr° H9. Donnerstag. 29. Iuni. ' 1916.
(11. Fortsetzung.)
Cie Braut aus Kanada.
Roman von Hedda von Dchmid.
(IiaKdruck verboten.)
Thea zuckte müde mit den Achseln.
„Ach, Heino, der findet ja alles großartig an mir", warf sie gleichgültig hin.
. »Aber Heino ist doch einer vom Fach, hat ein Urteil", sagte Frau Hannchen.
„Ich fürchte niich keine Spur vor dem ganzen Krempel am nächsten Sonntag", versicherte Thea und schenkte sich den kalt gewordenen Kaffee ein.
Frau Hannchen warf ihrer Mutter einen bedeutsamen Blick zu, der ungefähr soviel sagte als: „Siehst du, wie recht ich hatte — es ist bei ihr nicht Lampenfieber."
„Recht so, Thea", rief Doktor Haendler, dem sie leid tat. Sie hatte so viel von ihrer sonstigen kecken Frische eingebüßt. Ein beinahe vergrämter Zug lag um ihren fernen Mund. „Du hast dich doch bisher niemals ducken lassen, bleib auch jetzt dabei."
Thea erwiderte nichts. Was redeten sie bloß so auf sie ein. . . . So, als wäre sie eine Kranke oder etwas außerordentlich Zerbrechliches, das man in Baumwolle ernwrckeln mußte.
„Macht euch doch ja keine Sorge meinetwegen", versetzte sre nach einer kleiircn Pause, „es ist ja sehr lieb von euch, aber ihr regt euch unnötig auf, ich bin meiner ganz sicher."
Seit sie vor ein paar Tagen die beiden Eintritts- karten an Fred Delarue abgesandt hatte, fand sie innerlich erst recht keine Ruhe.
Wird er es verstehen, was sie durch das Hinzufügen der ztveiten Karte gemeint hat? Wird er seine Mutter zum Mitkommen bewegen? Oder wird er gar am Ende selber fortbleiben?
Diese brennenden Fragen standen unablässig in Theas Seele, mit diesem Gedanken ging sie zur Ruhe, wachte sie des Morgens auf. . . .
* * *
Ein summendes Stimmengewirr schwebte durch den großen Bühnensaal, in dem der Thaliaverein seine Dilettantenvorstellungen gab.
In Theas Bekannten- und Verwandtenkreis blickte man voller Spannung ihrem ersten Auftreten vor einem größeren Publikum entgegen.
Thea war, als der Saal noch nienschenleer gewesen und in ein Halbdunkel gehüllt, durch die Stuhlreihen gehuscht, bis sie die Nummern, die sie suchte, gefunden hatte.
Hier also würde Fred sitzen, — und — vielleicht — neben ihm seine Mutter.
Unschlüssig hatte Fred die Theaterbilletts in der Hand gehalten. Er hatte Theas Absicht natürlich sofort erraten, und im ersten Moment war ihm ihre Sendung beinahe aufdringlich erschienen. Ihr Bild war in den letzten Tagen ein wenig verblaßt in ihm — allerhand Geschäftliches hatte ihn außergewöhnlich stark in Anspruch genommen, und dann — dies vor allem — hatte er seine Mutter heimgeholt, und in ihrer Gegenwart
dünkte, obgleich er es sich nicht klar eingestehen wollte, ihn die Episode mit Thea Gröning als etwas, das ep gern hätte ungeschehen machen wollen.
Er brachte bereits am ersten Abend die Rede auf Thea, schilderte seiner Mutter offen, was er für die Schwester seines Lebensretters und Freundes empfand.
. Dre Baronin Strodtmann ließ ihn ruhig, ohne einen Einwurf ihrerseits, zu Ende reden, ließ sich von ihm den Zwiespalt der Gefühle, in den er sich verstrickt sah, rückhaltlos offenbaren. Dann bat sie ihn um genaue Schilderung der Familie Gröning.
* n der Schuld deines Freundes in'Kanada, rU'ed sagte sie, als er schwieg und sie erwartungsvoll anblickte. „Du bist dir selbstredend auch dessen wohl- bewußt, daß es ihm gegenüber ein schlechter Dank wäre, wenn du in seiner jungen Schwester Hoffnungen er> Wecken wolltest, die sich nicht erfüllen können."
Fred biß sich nervös auf die Lippen.
Er hatte Thea gegenüber doch kein so reines Gewissen.
„Ich gestehe es ein, Mutter, ich habe ein bißchen zu stark durchblicken lassen, daß ich Thea Gröning sehr reizend finde. Wenn du ne sehen würdest, so würde dich meine Verliebtheit in lie nicht wundern. Man kann solch einem frischen , entzückenden Geschöpf gegenüber Nicht gleichgültig bleiben. Sie hat es mir beim ersten Sehen angetan. Wenn ich mit ihr zusammen bin, so habe ich die Empfindung, als könne ich überhaupt nicht inehr ohne sie sein — ihre Nähe bezaubert inich förm- sich, bis — ja, bis irgend etwas mir llnerklürlichcs, etwas Störendes, mich plötzlich innerlich sozusagen „meilenweit von ihr entkernt". Dann ivieder beginne ich mich nach einem Zusammentreffen mit ihr zu sehnen, lind so geht das auf und ab in meiner Seele. Ich liebe Thea Gröning — und liebe sie lviederum nicht. Den Gedanken, sie zu heiraten, habe ich bereits unzählige Male erwogen. . . . Aber es stört mich so vieles — ich leugne es nicht. ... Die Familie — und dann ihr Hang zur Bühne. .. . ."
Die Baronin nickte, so als wollte sie damit sagen:
, Ich habe es auch nicht anders von dir erwartet, mein Sohn." Doch sie war zu klug, um vorschnell eine abfällige Bemerkung über Thea laut werden zu lassen.
„Würdest du Thea nicht vielleicht mir zuliebe mit Henrika dy Santos zusammen einladen, liebe Mutter", begann Fred nach einer kleinen Pause. „Zum Fünfuhrtee."
Die Baronin erhob in leichter Abwehr ihre Hand:
„Lieber Fred, deinen Schilderungen nach muß diese Braut aus Kanada ja ein kleines Monstrum an Un- tvissenheit, Ungrazie und Manierlosigkeit sein. Ich bin eine alte Frau — wenn ich meine Zeit jungen Menschen opfere, so müssen es solche sein, an denen mein Herz und auch mein ästhetisches Empfinden Freude haben. Nein — nein, Fred, mit der kleinen Halbwilden aus Kanada verschone niich nur. Ich glaube auch kaum, daß ich dem Kinde durch eine Einladung einen besonderen Gefallen
