Einzelbild herunterladen
 

Uiksbg-kmr Tsgblstt.

»,»«. wöchentlich ^ 12 Ausgaben.S""I; I ÄTä,

ragblatthanL'

Kchalter-Halle geöffnet von 8 llhr morgen; b,L 7 Uhr abends,

»ezngs-Preis für beide Ausgaben: 75 Psg- monatlich. Ui. 2.25 vierteljährlich durch den Verlag 21, Q «!,? t y 18 ,o C ^ l>L0 inerteijährlich durch alle deutichen Poftanstalten, ausjchliehlich

Bestellgeld. BeDUgs. «estcaungen nehmen augerdem entgegen: in Wiesbaden die Zweigstelle «is- ^'Orärmg IS, sowie die Ausgabestellen ln allen Teilen der Stadt ; in Biebrich: die dortigen AuS- gabeftellen und,n den benachbarten Landorten und im Rheingau dieb-treffenden Tagblatt-Träger.

Anzeigeu-Annahme: Für die Abend-AnSa. biil2Udr ~ .. _

mittags: für die Morgen-Ausg. bis 3 Uhr nachmittags. Berliner Abteilung des Wiesbadener Tagblatts: Berlin W,

njeigeu; -w »rg. rar auc auswärtigen Anzeigen: i Ml. sgr örtliche Reilamen: 2 Mt. sür auswärtige Rellamen. Ganze, halbe, drittel und viertel Seiten, durchlaufend, nach besonderer Berechnung. - »n wiederholt,r Aufnahme unveränderter Lnzeihen in kurzen Zwischenräumen en»»r°chen»er Nachlaß.

Patsdamer Str.121 L. Fernspr.: Amt Lütz-w 6202 «.6808. CÄÄWsÄÄ

Mittwoch, 28. Iuni 1916.

Abendausgabe.

Nr. 296. . 64. Iahrgang.

Oer Lieg der Berliner.

Als sich im deutschen Reichstag der radikale Flügel der Sozialdemokratie, der sich als sozialdemokratische Arbeitsgemeinschaft bezeichnete, während er in Wahr- heit die sozialdemokratische Arbeitstrennung anstrebte und erreicht hat, von der Fraktion trennte, gaben die Beschwichtigungshofräte der Partei die Losung aus, daß die Spaltung der Fraktion keineswegs die der Partei bedeute. Aber der Laus der Ereignisse hat unter­dessen unserer entgegengesetzten Auffassung recht ge­geben, daß der Stein, wenn er einmal ins Rollen ge­kommen ist, nicht mehr aufzuhalten sei, und wer etwa noch an der Tatsache der reinlichen Scheidung inner­halb der L>ozialdemokratie zweifeln mochte, muß nach dem Verlaus und dem Ergebnis der am Sonntag ab- gehaltenen Generalversammlung der Groß-Berliner Wahlvereine der Sozialdemokratie zu einer anderen Auffassung bekehrt worden sein.

Der Zweck dieser Generalversammlung war, unter dem Vorstand des Verbandes Groß-Berlin, der der Kompromißsucht, der Verletzung der sozialdemokrati­schen Parteigrundsätze, ja man denke, der Regierungs­freundlichkeit bezichtigt war, fürchterliche Musterung zu halten, und zu diesem Behuf hatten die Radikalen, die Unentwegten, die Wasserstiefler, kurz dieBerliner", denen auf verschiedenen Parteitagen vorgeworfen wor­den war, daß ihr Einfluß größer sei als ihre Zahl und ihr Maulwerk noch größer als ihr Einfluß, ihren ge­samten Heerbann aufgeboten.

Was man mit diesem Aufgebot erstrebte, wurde irnmerhin zur Hälfte erreicht, nämlich die Absägung des bisherigen Groß-Bertiner Vorstandes, an dessen Spitze mit 307 gegen nur 67 Stimmen, die auf den bisherigen Vorsitzenden Eugen Ernst fielen, der Land- tägsabaeordnete Adolf Hofmann gewählt wurde. Auch die übrigen Vorstandsämter wurden mit Anhängern der Haase-Ledebour-Gruppe besetzt; so wurden in den Parteiausschuß Stadthagen und Rosa Luxemburg ge­wählt. Die Berliner Richtung hat also einenglän­zenden" Sieg erfochten. Der sogenannte Zehngebote- Hofmann, ein etwas unklarer Kopf, der im Reichstag die Rolle der unfreiwillig lustigen Person übernommen bat, und der sich noch am Schluß der letzten Reichstags- sitzung recht unliebsam bemerkbar machte, ist der Radi­kalsten einer, ein unentwegter Verehrer desMär­tyrers" Liebknechts Artur Stadthagen, der abgesägte Rechtsanwalt, hat im Parlament seit Jahren die Rolle des wilden Mannes übernommen. Von Rosa Luxem­burg, die den Parteispitznamcn diewilde Rosa" trägt, bat der verstorbene Bebel einmal auf einem Parteitage die despektierlichen Worte gesagt:Wie soll das wer­den, wenn das cinnial zur Regierung kommt!" Diese Reminiszenz ist um so interessanter, da Frau Luxem­burg in der Generalversammlung den Parteivorstand mit dem schweren Vorwurf verdonnerte:Der Partei­vorstand hat sich von dem Wege der Sozialdemokratie vollständig entfernt und ist nur noch eine Regierungs­partei. Im übrigen ist aus der Erörterung noch die Erklärung desVorwärts"-Redakteurs Däumig be­merkenswert, daß die Redaktion des Blattes mit über­wältigender Mehrheit beschlossen habe, die Politik der Arbeitsgemeinschaft zu befolgen, und daß sie es mit vollster Entschiedenheit ablehne, Unterweisungen vom Parteivorstands bezüglich ihrer politischen Haltung entgegenzunehmen.

Der Sieg der Berliner ist aber trotz alledem nur ein halber, denn wenn es ihnen auch gelungen ist, den Groß-Berliner Vorstand zu entthronen, so ist doch der Versuch, die Leitung der preußischen Landes­organisation an sich zu reißen, vereitelt worden. Nach Paragraph 3 des Organisationsstatutes der preu­ßischen Sozialdemokratie wird der gcschästsführende Ausschuß der vreußischen Landeskommission durch den Vorstand des Verbandes Groß-Berlin gebildet, welch letzterer aus den sechs Berliner Wahlkreisen und den beiden Vorortswahlkreisen Teltow-Beskow und Nieder­barnim besteht. Durch den Sieg der Berliner wäre mithin die sozialdemokratische Organisation für ganz Preußen unter den Einfluß der radikalen Minderheit gekommen, wenn nicht dieLandeskommission sür Preußen" einer solchen Überrumpelung vo rge­be n g t hätte durch den mit 22 gegen 4 Stimmen ge­sichten Beschluß:Die Landeskommission beschließt, daß die gegenwärtige Leitung der preußischen Landesorganisation bis zum n ä ch st e n p r e u ß i - s ch e njß arteitag im Amte bleibt." Ihren politi­schen Standpunkt hat die Landeskommission in dem Beschluß vom 14. Januar zum Ausdruck gebracht, worin sicdie Haltung und Politik der Reichstagsfrak- tion, die m der Erklärung vom 4. August festgelegt ist, billigte" und zugleich die Haltung der Landtags­fraktionbedauert e".

Dieser Kampf um den Groß-Berliner Vorstand, der mit öern. Siege der radikalen Richtung endete, ist idas Vorspiel zu dem Kamps um die Macht inner­

halb der preußischen und weiter innerhalb der deutschen Sozialdemokratie. Zweifellos wird sich dieser Kampf jetzt in Versammlungen und in der Presse mit verstärk­ter Heftigkeit abspielen, aber die endgültige Entschei­dung kann doch erst nach dem Kriege fallen, wenn die ans dem Felde Heimkehrenden, die dort ge­wiß manches gelernt und manches vergessen haben, ihre Abrechnung mit den Heimkriegern vom Schlage der Liebknecht, Haase, Hoffmann und Genossen halten werden.

Die Lerae im Westen.

Aus derHölle von Berdun" entkommen!

Br. Straßburg, 28. Juni. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bin.) Durch St. Ingbert in der Pfalz kam dieser Tage ein Sonderzug mit etwa 450 Kriegsgefange­nen aus den Kämpfen vor Verdun. Unter den Ge­fangenen befanden sich, wie dieStraßb. Post" meldet, ganz junge frische Truppen int Älter von 1 6 Iahre n. Nach Aussage eines solchen jungen, gut deutsch­sprechenden französischen Kriegers war er vor 8 Tagen mit 800 Kameraden direkt von Paris an die Kampf­front von Verdun gekommen. Von den 800 Kameraden seien noch etwa GO am Leben. Bei dem Platzen der ersten Granaten in der Nähe dieser jungen Leute haben sie alle die Gewehre auf den Boden'fallen lassen. Es seien alle froh, der Hölle von Verdun entkommen zu sein.

Ein verblüffend pessimistischer Pariser Bericht über die Lage bei Verdun.

Br. Lugano, 28. Juni. (Elg. Drahtbericht. Zens. Bin.) Der wohlunterrichtete Pariser Mitarbeiter desSecolo" drahtet verblüffend pessimistisch über die Lage bei Verdun. Die deutschen Fortschritte seien b e- deutend. Der Abstand zwischen den Deutschen und der Festung nur noch gering. Ohne entschie­denes Eingreifen anderer Elemente, besonders der Engländer zur Ablenkung deutscher Kräfte, muffe Verdun ernsthaft gefährdet genannt wer­den. Daß die Zensur dies durchlictz, beweis: den Gegensatz zwischen England und seinen Verbünde- ten über den Zeitpunkt der englischen Offensive, die Frankreich sofort wünscht. Briand beriet persön- lich die Lage mit General Haig an der englischen Front. Beunruhigung erregt auch, daß die russi­sche Offensive, von der Bukolvina abgesehen, nirgends mehr fortschreitet.

Englische Sorgen um Verdun.

W. T.-B. London, 28. Juni. (Nichtamtlich.) DieTimes" schreibt in einem Leitartikel, daß die Aussichten der Fran­zosen ernster geworden seien. Die Schlacht um Verdun habe nun ein sehr kritisches Stadium erreicht. Man könne nicht leugnen, daß die Deutschen wieder einen entscheidenden Schritt vorwärts getan und sich ihrem Ziele genähert haben. Die französischen Komman­danten wissen aber genau, was sie in Verdun ausrichten können. Sie haben nicht die Absicht, es zu verlieren, wenn sie es verteidigen können. Inzwischen ist das Feuer der Kanonen an der englischen Front so heftig geworden, daß man den Geschützdonner in den südöstlichen Grafschaften Englands hören kann. i

Ein französischer General über die Notwendigkeit der englischen Offensive.

Genf, 28. Juni. (Zens. Bin.) InBonnet Rouge" vom 18 . Jum führt General N. aus: Die Stunde der britischen Offensive scheint gekommen. Hindenburgs Gegen- stoß konnte die Erfolge der Russen unterbrechen, man mutz also unsere Feinde anderwärtig beschäftigen. Die Franzosen und Italiener haben schon ihr gutes Teil an der Zermürbung der deutschen Armee geleistet, aber es sieht noch eine andere Armee und zwar, wie man uns sagt eine gewaltige Armee, unbeirrt im Felde, die, wie wir über­zeugt sind, darauf brennt, es den Heldentaten der anderen gleichzutun.Manchester Guardian" wünscht, daß die schein­bare Untätigkeit der britischen Front das Vorstadinm zu Er­eignissen sein möge, wie sie der 6. September 1914 gezeitigt bat. Dürfen wir sagen, daß alle Franzosen das gleiche erhoffen? Im selben Blatt schreibt General 3?! am 20. Juni: Seit Monaten versichert man, datz die Deutschen ihre Verluste nach Hunderttausenden bemeffen, man beschreibt' uns phantastische Hekatomben, alle staatlichen Militärstatistiter häufen Schätzung über Schätzung, um uns zu überzeugen, datz die Gegner keine Reserven mehr haben. (Zensurlücke.) Dabei bleibt Rumänien unentschieden und Griechenland wird zur Sphinx, deren Blick nur grausame Schlauheit kündet. Der russische Sieg hat dem Buch der Geschichte eine Seite beigefügt, in den Tafeln des Geschickes bat er jedoch kein Blaat umgewendet.

Noch völlige französische Unbelehrbar keit in der Friedensfrage.

W. T.-B. Bern, 28. Juni. <Nichtamtlich.) In der Er­klärung der P a rt ei sozia listen anläßlich der Abstim­mung über den Staatshaushalt sicht derTemps" eure Äußerung der Gedanken dieser Partei zur FriedenZscage. Das Blatt begrüßt die mit der Meinung aller guten Fcan- I zosen übereinstimmende Erklärung, allen Opfern zuzu- *

stimmen, um die Gebietsintegrität Frankreichs und die gerechte Wiederherstellung des 1871 verletzten Rechtes sür Elsaß-Lothringen zu sichern sowie die gänzliche poli­tische und wirtschaftliche Wiederherstellung Belgiens und Serbiens und schließlich die Sicherheit für einen dauer­haften Frieden zu gewinnen. Einmütig sehen Frankreich und die Alliierten darin wesentliche Grundlagen der Lösung, welche die Tapferkeit der Armeen dem Konflikte geben wird. Die Frage der Gewiiiuung von Bürgschaften für einen dauerhaften Eharatter des Friedens sei gegenwärtig rioch nicht zu erörtern. Man dürfe nicht aus dem Äuge verlieren, daß hierbei Frankreich nicht allein in Frage käme, datz viel­mehr das Londoner Abkommen die Ententemächte förmlich binde, datz sie zur Stunde der Verhandlungen als g e - schloss^ener Block auftreten müssen und alle gleichmäßig und entschlossen ihre gemeinsamen und Svnderinteressen durch die völlige Behauptung ihrer Einmütigkeit wahren. Wir erwarten den Frieden nur von unserer mili­tärischen Anstrengung; diese mutz uns gestatten, unsere Bedingungen zudiktieren. Es hat keinen Nutzen, zurzeit gewissermaßen indirekt von Tribüne zu Tribüne darüber zg sprechen. Wie die Erklärungen aus berufenem Munde in London erkennen ließen, ist für die Alliierten kein Friede möglich, so lange die wesentlichen Ziele de? Krieges nicht erreicht sind. Niemand wird daran denken, mit Deutsch­land in Besprechungen einzutreten, so lange die kaiserlichen Truppen noch einen Zoll der Gebiete der Alliierten besetzt halten Nach der völligen Räumung der besetzten Gebiete wird man weiter sehen. Es handelt sich nicht darum, syste­matisch die Vernichtung der Freiheit Deutschlands zu ve-:- folgeu ct-er sein wirtschaftliches Leben zu zerstören. Es handelt sich nur darum, zu verhindern, daß der p r e u tz i s ch e Mili­tarismus noch einmal die politische Ordnung in Europa Umstürzen kann und sich wieder eine angreifende Macht bildet, zum Schaden unserer eigenen Wohlfahrt.

Programm der nächsten interparlamentarischen Entente- Konferenz.

W. T.-B. Paris, 28. Juni. (Nichtamtlich. Agence Havas.) Der Ministerrat hat die Beschlüsse der wirtschaftlichen Kon­ferenz der Alliierten geprüft und den Beitritt der fcanzösi- scher, Regierung zu allen ihren Entschließungen ausgesprochen. Die parlamentarischen Handelsausschüfse der alliierten Mächte werden sich in dieser Woche gleichzeitig mit den Vor­arbeiten für die nächste interparlamentarische Konferenz beschäftigen. Der Vorstand des französischen Ausschusses hat bereits einen Einfluß der abgehaltenen Kon­ferenz auf die Wirtschaftspolitik der Alliierten festgrstellt Auf dein Programm der nächsten Konferenz steht die Verein­heitlichung der beim erstenmal den parlamentarischen Ver­einigungen in Paris vorgelegten Fragen und die Ausarbei­tung von Maßregeln, welche die Handelsbeziehungen Mischen den jetzt Kriegführenden regeln sollen, besonders: 1. Verbot des H-eudels mit dem Feinde; 2. Ausführung bestehender Verträge; 3. Eintreibung von Schuldforderungen bei dem Feinds; 4. Einziehung feindlichen Eigentums; 5. Patent- und Fabrikmarkenrecht: 6. Einfuhr- und Ausfuhrverbote; 7.

Organisation nach dem Handelskriege: Zollei niguwgen zwischen den Alliierten, Aufsicht über naturalisierte Aus­länder usw. Außerdem wird eine Vereinheitlichung oec Ge­setze über Vergütung der Kciegsschäden in den verschiedenen Ländern erwogen. Die nächste Konferenz wird über einheit­liche Grundsätze gegenüber falscher Warenbezeichnung, über internationale Maßregeln zur Überwachung deutscher Ver­sicherungsgesellschaften, über Durchsicht der Brüsseler Akte, be­treffend den Waffen- und Moholhandel in den Kolonien der Entente und über eine Vereinheitlichung von Zollbezeich- nnngen zu beschließen haben. Im Dezember wird eine Kon­ferenz der Alliierten in Paris zusammentreten, um die Grundlagen für ein Kartell ihrer Handelsmarinen festzulegen.

Oer Nrieg gegen England.

Die Opfer der irischen Unruhen.

Br. Amsterdam, 28. Juni. (Eig. Drahtbericht. Zens. Dln.) Im Unterhause erklärte Robert Samuel am Montag, daß während der irischen Unruhen außer 116 Soldaten, Matrosen und Polizisten nach den Kirchenbüchern auch noch 244 Zivilisten beerdigt wurden, tot; ihren Verwundungen, die sie während der Straßenkämpfe erhalten hatten, erlagen. Ob sich un- schuldige Personen darunter befinden, ließ sich nicht sest- stellen. In D u b l i n selbst herrsche jetzt vollkommene Si u h c. Die Schießerei aus dem Hinterhalt habe auf­gehört. Offiziere rind Mannschaft können jetzt durch die Straßen gehen, ohne beleidigt oder belästigt zu iverden.

Der Nachfolger des Herzogs von Counnaught in Kanada.

W. T.-B. London, 28. Juni. Nichtamtlich. Draht­bericht.) Der Herzog von De.vonshirc ist als Nachfolger des -Herzogs von Connaught zum Gene­ralgouverneur von Kanada bestimmt worden.

Australische Lebcnsmitteltranstz«rtdanrpfer.

W. T.-B. London, 27. Juni. (Nichtamtlich. Drahtbericht.) Die australische Regierung hat 15 Dampfer zu je 8000 Tonnen zum Transport australischer Lebensmittel nach Europa an- gekaust.