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Verlag Langgasse 21

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Mittwoch, 28. Juni 1916.

Morgen - Ausgabe.

Nr. 295. . 64. Jahrgang.

Die neue österreichische zront zwischen Brenta und Lisch.

Russische Angriffe bei Jakobeny verlustreich abgewieseu. — Fortschreitender Angriff der Deutschen bei Sokul.

Gsterreichisch-ung arischer Tagesbericht.

W. T.-B. Wien, 27. Juni. (Nichtamtlich.) Amtlich verlautet vom 27. Juni, mittags:

Russischer Kriegsschauplatz.

Ber I a k o b c n y, nördlich von K u t y und östlich von Nolvo-Poczajew wurden russische Angriffe abge­schlagen: der Feind erlitt überall große Ver- l n st e. Bei S o k u l schrcrtet der A n q r i f s der Deut­schen fort. Sonst bei unveränderter Lage keine Ereig­nisse von Belang.

Italienischer Kriegsschauplatz.

Die Verkürzung unserer Front im An- griffsrau me zwischen Brenta und Etsch wurde gestern beendet. Alle aus diesem Anlas, von italieni­scher Seite verbreiteten Nachrichten über Eroberungen und sonstige Erfolge sind, wie die folgende, aus mili­tärischen Gründen erst heute mögliche Darstellung beweist, vollkommen unwahr.

In der Nacht zum 25. Juni begann die seit einer Woche vorbereitete teilweise Räumung der durch ilnsere Angriffe gewonnenen, im Gelände jedoch ungünstigen vordersten Linien. Den folgenden Vormittag setzte der Feind die Beschießung der von unseren Truppen ver­lassenen Stellungen fort. Erst mittags begannen italienische Abteilungen an einzelnen Fronttcilcn zwl- fdjcn A st a iy und SuganataI zaghaft vorzusuhlcn. Im Abschnitt zioischcn Etsch- und Astachtal hielt die er­wähnte Beschießung gegen längst verlassene Stellungen den ganzen Tag, die nächste Nacht und stellenweise noch gestern morgen an.

An beiden Tagen wurde an der ganzen Front nicht ackämpst. Unsere Truppen verloren weder G e f a n g e n e noch Geschütze, Maschinen­gewehre oder sonstiges Kriegsmaterial.

Nunmehr gehen die Italiener an unsere neue Stel- lunoen heran. Heute früh erst griffen sie den Monte S e st e an, wo sie unter schweren B e r l n st e n a b- gewiesen wurden. Im Postnatal zwang unser Gcschützfeuer mehrere Patrouillen zur Flucht.

An der k ü st e n l ä n d i s ch c n Front scheiterten An­griffe am Krn und dem Mrzli Vrh.

Südöstlicher Kriegsschauplatz.

Unverändert,

Der Stellvertreter des Chefs des Gencralstabs: v. H ö f e r, FeldmarschaUeutnant.

vie Schlacht im Osten.

(Von unserem militärischen Mitarbeiter.)

Zwischen dem P r i p j e t und der r u m ä n i s ch e n Grenze dauert die gewaltige Schlacht, die am 4. Juni begonnen hatte, mit unverminderter Heftigkeit, jedoch mit anderen Ergebnissen, als wie sie sich zu Anfang für unsere Feinde gestalteten, weiter an.

Nach den ersten durchschlagenden Erfolgen der Russen im Gebiete oberhalb und unterhalb sowie auch lvestlich der Festung Luck begann am 17. Juni der deutsche Gegenangriff in diesem Gebiete fühl­bar zu werden. Die russische Heeresleitung stand vor der schwierigen Aufgabe, vor ihrer Front zwei lange Stromschranken zu finden, im Norden den S t y r und vor der Mitte des österreichischen Zentrums die S t r y p a. Alle Versuche, beide Ströme an den zahl- reichen Brückenköpfen in ihrer ganzen Breite zu überschreiten, sind der feindlichen Heeresleitung nicht gelungen. Die Übergangspunkte beiderseits von Luck waren nicht a u s r er che n d, um die Offensive in d e r Breite weiter westwärts vorzutragen, in welcher sie bisher bis in die Gegend dieser Festung gelangt war. Die tapfere Verteidigung an den nördlichen Übergangsstellen, bei L>okul, bei Kolli und weiter nördlich bis in die Gegend des Pripjet' hinauf er­wies sich Überall als genügend widerstandsfähig. Ihnen ist es in erster Linie zuzuschreiben, daß der Riß bei Luck in die verbündete Stellung nicht mehr verbreitert wurde. Gelang. es auch an einem Punkte zwischen Sokul und Kolki, bei Gruziatyn, dem Feinde, das westliche Ufer des Stpr zu erreichen, so war es ihm doch nicht möglich, den Erfolg soweit auszubauen, daß die hinübergeworfenen Truppen ge­nügende Bewegungsfreiheit hier erlangen konn­ten. Dadurch war es möglich, die russische Offensive enger zu begrenzen. Sie blieb beschränkt auf den

Raum, welcher im Norden bis zu der Bahn: Kowel- Ncwno reicht, im Süden bis zu dem Flußnetz nörd­lich der galizischen Grenze.

Der russische Rückschlag ivurde fernerhin dadurch her­beigeführt, daß die deutsche Heeresleitung über ge­nügende Reserven veriügte und ebenso für den Aus­bau hinreichender Eisenbahnlinien gesorgt hatte, wodurch von anderen Frontstellen in kürzester Zeit frische Kräfte herangezogen werden konnten. Jemehr sich die russischen Heeresinasjen von ihrer rück­wärtigen Grundlinie, den: s ü d p o i n i s ch e n

Festungsdreieck, entfernten, in demselben Maße, näherten sich die Deutschen uird Verbündeten den eigenen Heimatsguellen. Die Wiederherstellung der Lage im Gebiet um Luck ist demnach der Schnellig­keit und Umsicht zuzuschreiben, mit welcher die Gegen­offensive in die Praxis umgesetzt wurde. Das deutsche Organisationstalent hat sicherlich keinen ge­ringen Anteil daran. Der Vortrefflichkeit unserer Eisenbahnen gebührt ein ebenso großes Verdienst.

Überblickt :nan nach drei Wochen schweren Kampfes das gegenwärtige Resultat, so muß man prüfen, inwieweit die russische Heeresleitung ihre Absichten verwirklicht hat und welcher Art sie ge­wesen sein mögen. Selbstverständlich enthüllt keine Heeresleitung in ihren öffentlichen Mitteilungen, was sie angestrebt hat und >vas hiervon in Erfüllung ge­gangen ist. Bringt man die strategische Absicht der inssischen Heeresleitung, mit ihrem großen Angriff den Beginn der gemeinsamen Offensive einleiten zu wollen, nicht in Rechnung, so bleiben immer noch große Ziele bei unseren Feinden übrig. Im Gebiete von Luck lag fraglos der S ch w e r p u n k t der russi­schen Führung. Anfänglich hatte es den Anschein, als wollte General Brussilow nur den Bahnpunkt Kowel und die Hauptstadt Galiziens, Lemberg, wieder znkückerobern. Dieses Ziel scheint im Laufe der Opera­tionen des Feindes noch erweitert worden zu sein. Nördlich des Pripjet unternahm die russische Führung an mehreren Tagen heftige Angriffe gegen die Stellun­gen an: O g i n s k i k a n a I sowie vorher in der Rich­tung aus den Bahnknotenpunkt Baranovitschi. Hieraus wäre zu entnehmen, daß das Ziel nicht allein Kowel und Lemberg, sondern auch der Ostpfeiler der polnischen Festungen, B r e st - L i t o w s k, gewesen sein mag. Die Erreichung ist jetzt am 22. Schlachttage Wohl gänzlich ausgeschlossen. Die ersten Erfolge der Russen westlich von Luck, die Überschreitung des Stochod imd sogar des Turja, sind zum großen Teile ihnen bereits wieder entrissen worden. Mit dem 16. Juni setzte die Offensive des Generals v. Linsin- aen gegen diese beiden Flüsse ein. Es war ein hartes Ringen, denn aus den Toren von Luck ergossen sich immer neue Kräfte in westlicher Richtung. Die ersten Erfolge reichten noch nicht dazu aus, um hieraus be­reits das Bild einer , allgemeinen Gegenoffensive ge­winnen zu können. Sie dienten mehr dazu, dort ein­zugreifen, wo es nötig tat, den Gegner an d e n Stel­len zunächst zum Aufenthalt zu bringen, an welchen die Gefahr für Kowel am größten war. Diese einzelnen Gegenstöße wuchsen mrt jedem Tage an Kraft und Ausdehnung. Sie wurden durch neue Zuflüsse an Truppen genährt und vervollständigten die anfänglichen Teilstößc allmählich zum einheitlichen Bilde einer größeren Offensive. Äußerlich ist das Wachsen unseres Angriffes dadurch aus unseren Heeres­berichten klar zu ersehen, daß mit dem 22. Juni bereits von Linien gesprochen wird, auf welchen der Angriff erfolgreich dorwärtsgetragen ivird. Mit den: 24. Juni ist das Bild, kurz skizziert, folgendes: Beiderseits der Straße von Luck nach Wladimir-Wolinsky sind die deut­schen und verbündeten Truppen bereits in der Nähe von dem Orte T o r c z p n angelangt, an welchem am 12. Juni russische Kavallerie gemeldet wurde. Der Stochod- und Turja- Abschnitt ist in heißem Rin­gen überwunden worden, so daß der Feind auch dieser günstigen Verteidigungsstellung beraubt ist. Im nördlichen Abschnitte, in deni engen Raume von nur st Kilometer Breite zwischen Turja und Styr, ist unser Angriff ebenfalls im Fortschreiten von Norden nach Süden. Auf dem südlichen Abschnitte war es dem Feinde nicht möglich, die galizische Stadt Brody zu erreichen. An den G r c n z h d h c n biß der Feind überall auf Granit und er befindet sich seit dem 22. Juni ebenfalls im schrittweisen Z u r ü ck w e i ch e n. Der Gefechtsraum westlich Luck, zwischen Turja und der galizischen Grenze, in einer ursprünglichen Aus­dehnung von annähernd 75 Kilometer ist jetzt auf eine Breite von rund 50 Kilometer zusammengeschrumpft. Das Ringen ist immer noch ein heißes, denn anscheinend treffen' aus östlicher und südlicher Richtung immer neue Verstärkungen ein. um das Gelände westlich des Stpr den Russen zu erhalten. Die weiteren Er­folge werden ebenfalls nur langsam heranrcifen. Der Feind hat sich so energisch zur Wehr gesetzt, daß er

erst nach langen und blutigen Verlusten zu der Aufgabe des neu gewonnenen Geländes gezwungen werden kann.

Im Zentruni hat die russische Heeresführung in den drei Wochen keine neuen Erfolge zu verzeichnen. Die­jenigen Truppen, welche in der Dujestrschlinge und nördlich das jenjeltrge User gewonnen hatten, haben nichts an neuem Bodengewinn dem alten hinzugesügt. Mit bewundernswerter Tapferkeit widerstehen die Truppen des Grafen B o t h m e r allen feindlichen An­stürmen. Sie verhindern so eine Verbindung vom rechten und linken Flügel, das Z u s a m- n: e n a r b e i t e n des ganzen russischen Heeres bei der gemeinsamen Offensive. Dieie Standhaftigkeit er­möglichte es unserer Heeresleitung, den Einbruch bei Luck wieder einzudänimen. Ans dem S ü d f l ü g e l haben die Russen nach der Eroberung von Tschernowitz sich in südlicher Richtung weiter ausgebreitet. Die österreichischen Truppen Weichen in die Karpathen­pässe zurück, in das alte siegreiche Kampfgeiände von: Winter 49t4/15. Im Rahmen des Ganzen sind diese gewiß nicht erfreulichen russischen Erfolge von keiner großen Bedeutung. In den engen Paßstraßen wird es für die Angreifer ein blutiges Ringen geben, toobei zu beachten ist, daß im Gegensatz zu den Ver­hältnissen vor einem Jahre jetzt das ganze W e st- und M i t t e l g al iz ie n in der Hand' Österreich-Ungarns sich befindet. Tie russischen Truppen müssen daher noch weitere Kräfte m nördlicher Richtung verwenden, um den Rücken der gegen die Karpathen fechtenden Kräfte zu fichcri:..

Während int nördlichen Abschnitt das strategi­sche Ziel der Russen immer mehr verloren geht, kann im südlichen höchstens von einem politischen gesprochen werden. Der Eindruck auf Rumänien ist schon so oft versucht worden, daß es kaum wahrscheinlich sein wird, wenn er diesnial von durchschlagendem Erfolge sein sollte. Die russische Offensive befindet sich also, trotzdeni sie wohl die ganze Bukowina in Feindeshand gebracht hat, in einer allmählichen Rückwärtsbewegung. Je weiter unsere Offensive an Raum gewinnt, nm so deutlicher wird sich dies zeigen. Die bisherigen Er­folge berechtigen z» dieser Hoffnung. M.

e

t^rae nichtswürdige russische Lüge.

Der Befehl, den Deutschen keinen Pardon zu geben.

W. T.-B. Berlin, 27. Juni. Amtlich.) Ruffische Soldaten der Regimeter 209 und 210 von der 63. russischen Division, die am 22. Juni in den Kämpfen bei der Heeresgruppe Linsingcn gefangen genommen wurden, sagten übereinstimmend ans, sie hätten den ausdrücklichen Befehl gehabt, keinen Deut­schen gefangen zu nehmen, sondern sie aus­nahmslos niederzumachen. Diese Feststellung er­klärt es, daß die russische Heeresleitung in ihrem amtlichen Bericht vom 22. Juni behauptet, die russischen Truppen geben keinen Pardon, da die Deutschen Explosivgeschosse verwendeten. Es bedarf keiner Versicherung, daß diese Be­hauptung, wenn sie der russischen Heeresleitung zuging, eine n i ch t s w ü r d i g e Lüge ist. Die amtliche russische Er­klärung entschuldigt somit lediglich die Befehle russischer Kom­mandostellen, die das Licht der Öffentlichkeit scheuen.

vie Lage im Westen.

Die Umklammerung Verduns von Nordosten und -Westen.

Br. Berlin, 27. Juni. (Eig Drahtberichi. Zens. Bln.) Über die Lage bei Verdun schreibt Major M o r a h t im „B. T.": Mit unserer jetzigen Linie stehen wir im Norden nur noch 3 bis 4 K i l o m e t c r von dem Kernwcrk Verdun entfernt. Wichtig ist auch, daß wir einige domi­nierende Höhen an der „K alten Erd e" besitzen und sich unsere Linie von Fleury zur französischen Stellung der­artig schiebt, daß sic wieder die Möglichkeit des Flankte- r e n s gibt. Dieser Umstand ist denn auch schon bei den folgenden Kämpfen ausgenützt werden. Man darf wohl jetzt schon aussprechen, daß die Umklammerung von Nordosten und Westen immer enger wird und die Wirkung des konzen­trischen Artilleriefeuers für den Feind immer schreck -i l i ch e r wird. Das erzeugt den Mut der V e r z w e i f l u u g. Die Franzosen baben auch in dem Umzingelungskampf von Sedan im Jahre 1870 die tapfere» Angriffe und Nahkämpfe so lange fortgesetzt, bis ihre Führung anfing, weich zu wer­den, weil sie sich ohne jeden Ausweg sah. Ist dieser Auqen- l lick vor Verdun in Sicht — ich meine, wohl — dann können wir mit größtem Vertrauen den nächsten Kämpfen entgegensehen.

Die deutschen Ersolge bei Verdun.

Ein holländisches Urteil.

Haag, 27. Juni. (Zens. Bln.) In Holland macht die Tat­kraft, mit der die Schlacht vor Verdun deutscherseits fortgesetzt wird, großen Eindruck. Der „Nieuwe Courant" schreibt an­läßlich des Erfolges bei Thiaumont: „Woher auch die Deut­schen ihre Verstärkungen für die Österreicher holen mögen, von der Verduner Front sicher nicht. Wenn sie dort imstande sind, einen Angriff über 5 Kilometer auszusühren»