Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblattr. f *-^=a )
Nr. 147. fäaeisöT®, 27. Iuni. 1916.
(0. Fortsetzung.)
Die Braut aus Kanada.
Roman von Hedda von Schmid.
tNachdruck verboten.)
Auch Frau Gröning war der Ansicht, daß ihre Schwiegertochter sich vorlaut und vorschnell über den Freund ihres Verlobten geäußert habe.
„Hansemann wird noch viel an ihr herumzuerziehen haben", dachte sie seufzend. Frau Hannchen fand ebenfalls an Henrika zu tadeln, söhnte sich jedoch zwischendurch wieder mit ihr aus, wenn sie stundenlang mit den kleinen Haendlerschcn Buben spielte, ihnen Geschichten von allerhand seltsamen Tieren in Kanada erzählte, wobei sie eine Phantasie und ein Schilderungstalent entwickelte, die Frau Hannchen, als sie einmal dazu kam, in helles Erstaunen versetzte.
„Schau doch hin, Franz," flüsterte sie ihrem Gatten zu. „sie spielt den Kindern ja geradezu die Märchen vor. Ich fürchte nur, daß Bubi und Kurtchen in der Nacht schlecht schlafen und am Ende von all den kanadischen Fabeltieren träumen werden."
Sie unterbrach die Erzählerin mit der neugierigen Frage: „Sag, ivo nimmst du das alles eigentlich her, Henrika?"
Henrika blickte träumend ins Leere. . . „Ich weiß nicht, es kommt so angeflogen", sagte sie langsam und strich sich iiber die Stirn.
„Der arme Hansemann," dachte Frau Hannchen voller Mitleid, „seine Socken werden sicherlich nienmls, wie es sich gehört, gestopft sein, und zum Kochen scheint Henrika überhaupt keine Neigung zu haben. Sie fragt ja nicht einmal nach den Namen der Speisen, die sie hier ißt, die ihr doch frenid sind. Als ich mich verlobte, habe ich mir gleich am folgenden Tage ein Diarium gekauft und alle Kochrezepte, deren ich habhaft werden konnte hineingeschrieben. Na, wenn Hans drüben Millionär wird. dann braucht sich seine Frau ja auch nicht um den Haushalt zu kümmern. Es scheint aber doch nicht so ganz leicht zu sein, das Dollarverdienen", schloß die kleine Frau ihren Gedankengang.
Sie war ordentlich froh darüber, daß sie nicht in Kanada zu leben brauchte — und wenn es ihr dort täglich Dollars in den Schoß regnen wollte — sie wäre um keinen Preis hinllbergegangen. Sie hatte die Unternehmungslust ihres im Grunde so behäbigen und gemütlichen Bruders niemals verstehen können. — Doch es mochte ja schon so sein — wen das Erwerbsfieber da drüben mal gepackt hatte, den ließ es auch nicht so leicht wieder los.
An einem Nachmittag, Ende November, hatte Thea in der Leipziger Straße Einkäufe gemacht und wollte auf ihrem Nachhausewege noch ein Stück planlos dahinschlendern, bevor sie eine Elektrische zur Heimfahrt in die Kleiststraße bestieg.
Es war ihr in letzter Zeit zur Gewohnheit gewor- den, auf der Straße ihre Blickte unwillkürlich suchend umherwandern zu lassen. Flitzte ein elegantes Privat- auto vorüber, so durchzuckte es sie jäh: am Ende ist Fred Delarue der Insasse deS Wagens?
Im Gewühl der Menschenmenge, die zu Fuß auf dem Bürgersteige dahinwogte, glaubte sie immer wieder einen blonden, kurzaeschorenen Kopf mit einem schmalen Gesicht, einem kurzen, blonden Bärtchen auf der Oberlippe und scharfen, graublauen Augen auftauchen zu sehen. . . .
Entmutigt und körperlich wie zerschlagen kain sie oftmals von ihren Gängen nach Hause, warf sich dann in ihrem kleinen Zimmer auf den Schlafdiwan, schloß ihre Augen und zwang sich Freds Bild Zug für Zug vor ihren geistigen Blick. ... So quälte sie sich dahin. Ihre neue Lehrmeisterin meinte oft anerkennend: „Fräulein Gröning, Sie haben jetzt eine Note in Ihrer Stimme, die Ihnen bisher gefehlt hat. Ich bin usirk- lich außerordentlich zufrieden mit den Fortschritten, die Sie machen."
Dieses Lob tröstete Thea einigermaßen.
Ihr war es. als habe sie jetzt nur noch ihre Kunst.
Sie entsann sich einer Äußerung ihres Schwagers Franz: „Du hast noch nichts Schweres erlebt", hatte er gemeint. . . . Nun wußte sie es ja, der seelische Schmerz war auch ein gewaltiger Lehrmeister. . . . Sie litt unter der Enttäuschung, die Fred Delarue ihr zugefügt hatte. Aber mochte Henrika ihn zehnmal einen Egoisten nennen, sie glaubte doch nicht, daß er zu den Männern gehörte, die aus müßigem Spiel mit der Ruhe eines anderen Herzens selber ein wärmeres Gefühl verraten, das sie in Wahrheit jedoch keineswegs besitzen. ... Da mußte irgendein wichtiger Grund vor- liegen, der Fred davon abhielt, ein Wiedersehen mit ihr herbeizuführen.
Ihr Blick glitt auch heute suchend über die Passanten auf der wie immer stark belebten Straße dahin und da — ganz unerwartet — stand Fred plötzlich dicht vor ihr — sie bemerkte ihn anfangs gar nicht — wie aus dem Erdboden emporgewachsen, war er mit einein Mole da. . . .
Sie erschrak bei seinen! unerwarteten Anblick so sehr, daß sie jäh die Farbe wechselte und eins der kleinen Pakete, die sie am Bindfaden trug, ihren zitternden Händen entgleiten ließ.
Fred bückte sich danach und nahm ihr dann niit einern zuvorkommenden: „Sie gestatten, gnädiges
Fräulein", auch die anderen beiden Pakete ab.
„Darf ich Sie ein Stückchen begleiten, Fräulein Gröning?"
Sie nickte stumm.
Ihr Herz pochte zum Zerspringen — vor Glück — vor Furcht vor dem, was die nächsten Minuten ihr bringen konnten — ach, sie wußte es selber nicht — warum — sie fühlte nur das eine: Fred war endlich da?
Nun war alles, alles gut! Ausyelöscht die Leiden der letzten Wochen. Er würde ihr se,n Fernbleiben erklären. Ein so vielbeschäftigter Mann wie er, war ja doch nicht immer Herr seiner Zeit. Nun erschien es ihr plötzlich töricht, daß sie sich so sehr seinetwegen aegrämt hatte
