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i« -.'.-' » I Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts.

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Nr. 145.

Samstag, 24. Iuni.

Witz.

fr. Fortsetzung.)

Die Vraul aus Kanada.

Roman von Hedda v»n Schmitz.

(Nachdruck verboten.)

„Ja", meinte Henrika kurz und blickte über Fred binweg. „Großvater saqte immer: „Kleider machen

Leute", wenn »ich die Polacken, die bei uns drüben tn Kanada Bäume fällten. S-nntags wuschen und um- kleideten."

Fred Delarue, der, trotz feiner noch jungen Jahre, die verwickeltsten kaufmännischen Geschäfte mit großer Besonnenheit zu erledigen pflegte, der, wenn er bei Stimmung war. als ein brillanter Gesellschafter in den Salons seiner Kreise galt, war diesem jungen Dmg gegenüber plötzlich um eine passende Antwort verlegen.

War das ein Hieb von ihr? Hatte sie es gemerkt, wie unangenehm es ihm gewesen war. sie in ihrem Auf­zuge aus Kanada herüberzuholen? ^Allein nichts in Henrikas unbefangener Miene deutete auf eine Malice ibrerseits hin, sie blickte ihn sogar voll an. Sie „schielte nicht mehr unter halbgeschlossenen Augenlidern" her­vor, wie während der Überfahrt nach Europa.

Er fragte sie hastig, ob sie Nachrichten von Hans habe. Es entging ihm nicht, daß sich ihre Stirn fast unmerllich krauste, als sie erwiderte: „Ja. Es geht ihm gut. Er schreibt bloß Karten. Sie wissen ja, ferne Zeit ist immer so knapp. Aber es geht ihm gut. und das ist die Hauptsache." .

„Selbstverständlich. Und es freut mich, das zu hören", sagte Fred und wandte sich nun ausschließlich Thea zu. Unwillkürlich blieben die beiden ein paar Schritte hinter den anderen zurück.

.Ich wollte mich von dem Ergehen meinen kleinen Reisegefährtin überzeugen", sagte Fred, offensichtlich bc- müht, sein plötzliches Auftauchen hier am Schlachtensee, Tbea gegenüber zu erklären.

Diese jedoch achtete nur auf die Sprache, die seine Augen zu ihr redeten — und die hatte er nicht in seiner Gewalt. Thea fühlte, daß sie einen tiefen Eindruck auf Fred gemacht hatte. Ein Zittern ergriff jie bei diese,n Gedanken, und doch konnte sie sich der Befürchtung, daß ihr schwere Herzenskämpfe bevorstanden, nicht er­wehren. Ihre Liebe zu Fred Delarue würde in einen .Konflikt mit ihrer Neigung zur Bühne geraten. Sie hatte sich doch mit ganzer Seele in den Gedanken hmem- gclebt, Schauspielerin zu werden, sie hatte geglaubt, darin einen Lebensinhalt zu erblicken. Und nun war der Mann, der eben an ihrer Seite ging, mit einem so starken Einfluß auf sie in ihr Dasein , getreten, daß alles ins Wanken geraten war in ihren mit so viel Liebe und Hoffnung erbauten Zukunftsplänen. . . . Dieser innerliche Zwiespalt verlieh ihrem sonst kecken und frischen Wesen etwas ungewohnt Weiches, wodurch der Zauber ihrer Erscheinung in Freds Augen noch erhöht wurde.

Er war erst seit wenigen Tagen wieder in Berlin.

Dringende Geschäfte hatten ihn bis heute unaus­gesetzt in Anspruch genommen: dann hatte er unter dem Borwand, den er sich auch selber vortäuschte — sich nach Henrika umzusehen, bei Grönings seinen Besuch ge­

inacht. Die Enttäuschung-, Thea wieder nicht zu Hause anzutreffen, hatte seine Sehnsucht, sie wieder­zusehen, gesteigert.

Und nun schritt er endlich neben ihr dahin.

In Theas Augen lag ein verklärter Glanz, die herbst­liche Welt um sie herum erschien ihr in das lichteste Sonnengold getaucht — alle Schatten der letzten Wochen waren mit einem Schlage verschwunden. . . . Wie ein wundervoller Traum war es. . . . Fred Delarue, mit dem ihre ganze Seele sich seit der ersten Begegnung be­schäftigt hatte — war endlich gekommen. . . .

Er erzählte ihr von keiner kanadischen Reise, berich­tete von Hans, flocht ein paar Worte über seine Mutter, die noch zur Nachkur in einem Bade weilte, ein, plötzlich hielt er inne und lauschte — ein helles Lachen war zu ihm herübergeklungen. ...

Überrascht bemerkte 'er: „Ich versichere Ihnen, gnä­diges Fräulein, daß ich eben zum erstenmal Henrika dy Santos lachen höre. Sie hat während der Reise über den Ozean kaum zehn Worte täglich geredet, geschweige denn einmal gelacht. Ich bin überrascht, wie unglaub­lich schnell sie sich ift der kurzen Zeit ihres Hierseins^ver- ändert hat. Hübsch kann man sie ja auch eben noch nicht nennen, aber doch ist sie in ihrer äußeren Erscheinung jetzt Dame, das heißt", verbesserte er sich, „sie macht den Eindruck eines wohlerzogenen Backfisches aus guter Familie." t ,

„Henrika sagte Ihnen ia vorhin, Herr Delarue, daß Kleider Leute machen", bemerkte Thea lächelnd, und fügte dann hinzu: „Wir sind alle auch sehr erstaunt über die Veränderung, die mit Henrika vorgegangen ist. Bruder Hans würde Augen machen, wenn er seine Braut jetzt sehen könnte. Und dabei gibt sie sich eigent- lich gar keine sonderliche Mühe, anders zu sein. Es stiegt ihr alles von selber an. Sie besitzt eine außer- gewöhnliche Anpassungsgabe. Ich glaube, sie ist unge­heuer talentvoll. Sehr musikalisch. Obgleich sie nie­mals richtigen Musik,mtGrricht gehabt hat, singt sie ganz entzückend. Neulich hat sie aus Hemo Gelterns Gitarre gespielt und spanische Lieder gesungen. Das Gitarrc- spielen hat sie von einem Italiener, einem Angestellten ihres Großvaters, gelernt. Wenn sie einr bißchen auf- taut, kann sie wirklich ganz reizend sein, und ihre Stimme ist wunderhübsch. Ich glaube aber nicht, daß mein Bruder mit dieser Frau glücklich werden wird. Sie hat ihn nicht lieb . . ." schloß Thea leise.

„Warum glauben Sie das?" drängte es Fred, sie zu fragen.

„Warum? Nun. »veil man dann anders ist. wenn man jemand lieb hat", erwiderte Thea schnell und wurde purpurrot.

Bevor Fred ein Wort entgegnen konnte, war )te ihm um ein paar Schritte oorausgeeilt. „Kommen Sie, Herr Delarue, sonst versäumen Nur den Zug. Ich muh heute abend noch in meine Stunde." .

„Sie nehmen noch Unterricht, gnädiges Fraulern? Worin denn, wenn ich fragen darf? Ist es Malen —.