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Verlag Langgasse 21

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Samstag» 24. Juni 1916.

Morgen-Ausgabe.

Nr. 289. . 64. Jahrgang.

Die Russen von der Armee rinfingen weiter zurückgedrängt.

Im Stochod-Styr-Abschnitt starke feindliche Angriffe gescheitert. — 400 Russen gefangen. 4 Maschinengewehre erbeutet. — Erfolge der österreichisch-ungarischen Truppen im Ortlergebiet.

Gsterreschisch-ungarischer Tagesbericht.

W.T.-B. Wie». 23. Juni. (Nichtamtlich.) Amtlich verlautet vom 23. Juni, mittags:

Russischer Kriegsschauplatz.

Im Czerenosz-Talc find die Russen im Vor- grlien auf K u t> Sonst in der Bukowina und rn Ost- aalizicn keine Änderung der Lage.

Gegen unsere Stellungen südöstlich und nördlich von Radziwillow führte der Feind gestern zahlreiche heftige Angriffe. Er wurde überall abgewresen.

Die unter dem Befehl dcs Generals v. L i n s i n g e n kämpfenden Streitkräftc drängten nordöstlich von Gorocho w und östlich öon Lokaezh die Russen weiter zurück. Bei Lokaezh brachten unsere, Trup­pen über 400 Gefangene und 4 rnssischc Maschrnen- gcwehre ein.

Im Stochod - Sthr - Abschnitt scheiterten mehrere starke Angriffe des Feindes.

Italienischer Kriegsschauplatz.

Gestern war das Artilleriefeucr im Nordabschnitt der Hochfläche von T o b c r d o stellenweise sehr lebhaft. Wiederholte fcinblidic Jnfanterreangrisfr auf unsere Stellungen südöstlich des Mrzli Vrh wurden abge- wiesen.

Im P lo ck e n - Abschnitt begannen heute früh leb­hafte Artillerickämpfc. ?ln der D o t o m i t e n f r o n t scheiterte ein neuerlicher Angriff der Jtalrencr ans d,c Eroda del Ancona. Das gleiche Schicksal hatten der- einzelte feindliche Bor,toste aus dem Raume von Primo- lc.no. Im Ortlergcbiet besetzten unsere Truppen mehrere Hochgipfel an der Grenze.

Südöstlicher Kriegsschauplatz.

An der unteren B o j u s a Geplänkel. Lage unver­ändert.

Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabs: v. H ö s e r, Feldmarschalleutnant.

Ereignisse zur See.

Ani 22., abends, hat eine Grrrppe von Seeflug- zcugen feindliche Stellungen bei Monfalcone er­folgreich mit Bomben belegt. Am 23. früh hat ein See- flngzeuggcschwadcr Venedig angegriffen. In den Forts Nicolo und Albcrom, in der Gasanstalt, be­sonders aber im Arsenal wurden mit schweren Bomben Bolltrcfscr erzielt und starke Brände hervor- grrusen. Die Flugzeuge wurden heftig aber erfolglos beschossen und lehrten unversehrt zurück.

Flottenkvmmando.

Der Friede und was nachher sein wird.

Das Schwert hat für den Staatsmann den Weg freizumachen, aber dann muß der Staatsmann den Weg auch benutzen. Wir können nicht sagen, in welcher Weise das geschehen wird: es könnte auch dann nicht ge­sagt r erden, wenn nian es wüßte. Dem Betrachter bleibt nur die Aufgabe, die Möglichkeiten zu prüfen, mit denen die Überführung der Kriegsergebnisse in einen dauernden politischen Zustand gelingen könnte. Ob sich die Erwägungen und die Bestrebungen der Reichsleitung in derselben Richtung bewegen, darüber kann naturgemäß nichts ausgesagt werden, aber irgend­eine der sich darbietenden Möglichkeiten muß doch,wohl ins Auge gefaßt werden.' Zeitweilig in den Hinter­grund getreten, niemals aber ganz ausgeschaltet war und ist die Frage, welche Wahl unsere Politik zu tref­fen hat, ob sie nach dem Kriege eine Verständigung mit Rußland oder eine mit Großbritannien anstreben sollte. Wie man weiß, gibt es bei uns Befürworter jener wie dieser Verhaltungslinie, sie bekämpfen sich zuweilen mit einem Eifer, der schließlich nur zeigt, wie unsicher noch der Boden ist, auf den, diese Erörterungen sich ab- chielen Wenn Gewißheit bestände, könnte es keinen Streit geben. Ohne uns unsererseits an diesen Aus­einandersetzungen zu beteiligen, möchten wir nun aber- darauf aufmerksam machen, dckß die verantwortlichen Leiter der Reichspolitik bis dahin in keine r Weise zu erkennen gegeben haben, wie sie ihrerseits zu dieser Wahlfrage stehen. Einige Zeitungen, die mit kaum verhüllter Deutlichkeit den Wunsch nach Anknüpfung

besserer Beziehungen zu England verraten, wissen sich den Schein zu geben, als sei damit auch ein leitender Gedanke der Reichspolitik ausgedrückt: es ist aber kein Moment erkennbar, das die Vermutung rechtfertigen konnte, als sprächen jene Blätter im Aufträge, von irgendwem. Ebenso undurchsichtig wie das Verhältnis der schließlich entscheidenden Stellen zu den Problemen, die aus dem deutsch-englsichen Gegensatz und aus seiner möglichen Überwindung hervortauchen, ist auch das Verhältnis unserer Politik zu den entsprechenden Fra­gen, die der Osten an nus stellt. Wenn es wiederholt bedauert wird, daß über unsere Kriegsziele nur unge­nügende Klarheit herrscht, so ist das insofern nicht richtig, als wir „über das Wesentliche doch ganz gut unterrichtet sind, auch durch den Reichskanzler selbst. Wir haben ans seinem Munde erfahren, daß im Westen „reale G a r a n t r e n" geschaffen werden sollen, und jeder weiß, was damit gemeint ist. Wir haben von ihm gehört, daß die von uns im Osten besetzten Gebiete nicht wieder an das Zarenreich werden zurückge­geben werden, und mich das ist hinlänglich deutlich. Kann man also nicht sagen, daß die Reichsleitung die Frage der Kriegsziele völlig unter Verschluß hält, so muß allerdings festgestellt werden, daß sie uns bisher über die spätere Politik, die zugleich in die Frie­densfrage selber hineinspielt, keine Andeutungen gibt oder auch nur erraten läßt. Daraus soll hier weiter kein Schluß gezogen werden, wir möchten nur den Tat­bestand zum Bewußtsein bringen, und wir tun es, weil in der lebten Zeit russische Kundgebungen erfolgt sind, auf die man sein Augenmerk zu richten hat. Dahin gehört u. a. ein Artikel des einflußreichen Publi­zisten M e n s ch i k o w in der „N o w o j e W r e m j a", deren Beziehungen zur Negierung diesen Aufsatz beson­ders beachtenswert machen müssen. Menschikow tagt natürlich nicht deutlich, daß Rußland den Verlust seiner von uns besetzten Gebiete verschnmrzen könne -und wolle, aber er konstruiert sich einen besonderen Begriff der „russischen Erd-'", und er, läßt durchblicken. daß die Grenzländer eben keine richtige russische Erde seien: selbstverständlich müsse die eigentliche russi­sche Erde n n b e r ü h r t vom Feinde bleiben, was denn je wob auch, auf den künftigen Friedensvertrag hin angesehen, geschehen wird. Menschikow sucht sich von dem Begriff der „russischen Erde" aus einen Gedanken­gang zu schaffen, der es dem Zaren ermöglichen würde, das Londoner Abkommen vom September 1914 zu verlassen, o b n e seinen Schwur zu brechen. Der Zar selber aber hat vor kurzem ebenfalls von der „russischen Erde" gesprochen, und das klingt anders, als was ihn seine Ratgeber vorher als rnssisches Kriegsziel hatten binstellen lassen. Auch das will beachtet sein, daß einige Petersburger Blätter glauben, einen Kampf gegen die sogenannten „P o t s d a m e r" führen zu müssen, also gegen die Richtung, die eine Verständigung mit uns erstrebt und als deren Führer der ehemalige Bot­schaftsrat in Berlin, Sebebkko. gilt. Man braucht ja ans all das kein übertriebenes Gewicht zu legen, aber die Einsicht, daß wir und unsere Verbündeten nicht niederzuringen sind, und daß, ein Friedensschluß denkbar ist, der die unvermeidlichen Opfer durch Entschädigungen nach anderen Rich- tunaen hin auswieaen würde, also in erster Reibe durch die Öffnung des Weges nach dem In d i s ch e n Oz e a n, diese Einsicht dringt in Petersburg ersichtlich mehr und mebr durch. Wir knüpfen daran keine Ratschläge, wir wollen nur darauf Hinweisen, daß sich sür die Weichs- Politik nach dieser Seite hin Aufgaben darbieten.

. Oie Caae im westen.

Anctz Friedenskundgebungen in Paris.

Br. Bern, 23. Juni. (Eig. Drahtbericht. Jens. Bin.) Von glaubwürdiger Seite erfährt der Berichterstatter der „Voss. Ztg.", daß in den letzten Tagen in Paris Straßenkn ndgebu.it gen stattgefunden haben, die nicht etwa gegen die Lebcnsmittelieuerung gerichtet waren, sondern ausgesprochen politischen Charakter zu­gunsten eines schleunigen Friedensschlusses trugen. Diese Kundgebungen, an denen, sich bemerkens­werterweise auch Frontsoldaten beteiligten, wandten sich insbesondere gegen Poincars persönlich.

Das Pariser Wirtschaftsabkommen.

W. T.-B. London, 23. Juni. (Nichtamtlich. Drahtbericht.) Über die Beschlüsse der Pariser Wirtschaftskonferenz schreibt die „Daily News": Der Beschluß über eine gegenseitige finanzielle Unterstützung und über die Förderung wissen­schaftlicher und technischer Forschung zeigt, daß die Konferenz den wahren Grund der deutschen Erfolge erkannt hat. Dieser wahre Grund ist nicht der Verkauf unter Selbstkostenpreisen, denn das tun wir alle. Es waren auch nicht Zölle, denn außer England hatten alle Länder schon Zölle, sondern es war die übellegenc wiffenschaftliche Bildung der Deutschen, die überlegenen Geschäftsmethoden, größerer Fleiß, große An­

passung an die Wünsche der Käufer, besserer Konsulardieust und größere Aufmerksamkeit des Staates für die Interessen des Handels. — „Daily ChronicIe" findet es besonders bezeichnend, daß die Beschlüsse keinen Hinweis auf Schutz­zölle enthalten. — „M anchester Guardia n" ist mit den Beschlüssen über die Kriegszeit einverstanden, wendet sich aber dagegen, daß die Feindseligkeiten über die Kriegszeit hinaus fortgesetzt werden sollen. Die Verbündeten würden wirtschaftlich nicht gestärkt, sondern geschwächt, wenn sie billige Erzeugnisse von den Mittelmächten zu kaufen sich weigerten. Diese Erzeugnisse würden dann von den Neutralen gekauft, die ihrerseits den Handel, den Deutschland früher hatte, an sich ziehen würden. Die Neutralen, die jetzt schon durch den Krieg sehr reich geworden seien, würden weiter gewinnen, aus Kosten der kriegführenden Mächte. Die Beschlüsse der Konferenz würden daher zu einer langdauernden Verarmung beider Parteien im Kriege führen. Das Blatt schließt: Viele Be­schlüsse beruhen auf wirtschaftlich völlig falschen Grundlagen. Einige ihrer Ergebnisse würden fiir England selbst bosanders schädlich sein. /

Der Nrieg gegen England.

Die Uneinigkeit im englischen Knbinrtt.

Br. Rotterdam, 23. Juni. (Eig. Drahtbericht. Zeus. Bin.) Wie der „Nieuwe Rotterdamfche Courant" aus London erfährt, sind die ne»en Uneinigkeiten, die im Kabinett über die irische Frage herrschen, noch nicht bergelea^. Allerdings beurteilt man heute die Krise, über die England überrascht war, etwas ruhiger. C a r s o n konferierte mit den unionistischen Ministern. Die unionistische Partei wird eine Abord­nung an Bonar Law absenden, um bei ihm Erkundun­gen einzuholen. Nicolson behauptet in der „Daily News", Law stehe auf der Seite von Asqnith. Falls dieses zutreffen sollte, würde die Opposition erheblich an Nachdruck verlieren.

Behördlich geduldete Friedenspropaganda in England.

Br. Amsterdam, 23. Juni. (Eig. Drahtbericht. Jens. Mn.) Wie der Gewährsmann des Berichterstatters der „Voss. Ztg." aus Londorr berichtet, nimmt die Friedens­propaganda immer mehr den Charakter öffent­licher Kundgebungen an. Die unabhängige Arbeiterpartei veranstaltet überall öffentliche Friedens­versammlungen, und fast täglich finden Umzüge unter starker Beteiligung der Arbeiterbevölkerung statt. In London sieht man allenthalben große Friedens­plakate, die nicht mehr wie früher beschmutzt, abge­rissen oder verboten werden, wie überhaupt allen diesen Bekundungen weder von der Pottzei noch anderen Be­hörden etwas in den Weg gelegt wird, während früher Verbote, Zusammenstöße und schwere Strafen an der Tagesordnung waren.

England erwartet einen weiteren deutschen Flottenangriff.

Br. Haag, 23. Juiti. (Eig. Drahtbericht. Zcns. Bin.) Die „Daily Mail" teilt mit, daß in der englischen Marine die Ansicht bestehe, daß nach den nötigen Re­paraturen und der Fertigstellung weiterer Schiffe die deutsche Flotte sich in etwa drei bis vier M o n a- ren wieder zum Kampf stellen werde.

Englands Posträuberei und Handels­spionage.

Br. Amsterdam, 23. Juni. (Eig. Drahtbericht. Zeus. Bln.) In der. amerikanischen Protestnote an England und Frankreich wegen der Posträuberei wurde auf den großen Schaden hingewiesen, der durch den Verlust zahlreicher Postsendungen aus neutralen Ländern entstanden ist. Wie ungeahnt groß der Schaden für die Neutralen ist, erhellt aus der Mittellung, die ein Kenner der englischen Zensurarbeiten in Kirkwall deni Londoner Gewährs­mann der „Voss. Ztg.". über die Tätigkeit dieser Abteilung machte, die er als die unter allen mit dem Krieg zusammenhängenden eng­lischen Einrichtungen als die wichtigste bezcichnete. In diesem Zensuramt sind über 300 Personen beschäftigt. Er­staunlich sei die Sorglosigkeit der Neutralen, die, obwohl sie wissen, daß kein Brief über den Ozean kommt, ohne von dem englischen Zensor gelesen zu werden, dieser Tatsache doch keine Rechnung trogen und die wichtigsten Pläne und Handelsabschlüsse preisgeben. Der Zensor gibt seine so gewonnenen Kenntnisse sofort indirekt an englische Firmen weiter, namentlich wenn sich Gelegenheit bietet, einen günstigen Kaufabschluß zu erzielen, was der englischen Firma dann durch Telegraph und andere Verbindungen, die den Neutralen nicht zugängig sind, sehr leicht gen,acht wird. Dieses Bureau arbeitet ganz besonders Hand in Hand mit den, englischen Blockadeamt und mancher neutrale Dampfer, der monatelang fest- gehalten oder beschlagnahmt wurde, obwohl seine Papiere in Ord- nung wäre,,, verdankt sein Schicksal der Handelsspionoge des Zcnsur- bureaus zu Kirkwall. Die Zahl der Postsendungen, die ebenso wenig ihren Bestinnnungsort erreichen, wie an die Absender zurückgcschickt loerdcn, geht a ! l m o n a i l i ch i n d i e M i l I i o n e n. Die wichtigsten Stücke, die der englischen Regierung als Dokumente oder Beweise dienen können, wandern in die Kanzleien in London, die weniger wichtigen, bei denen es nur daraus ankommt, daß sie zum Vorteil Englands den Adressaten nicht erreichen, weiden in einer besonderen Anstalt durch Bertraucnspersonen vernichtet. Bei