Nr. 143.
Mittwoch» 21. Iuni.
1916.
a Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts. - >
(5. Fortsetzung.)
Die Braut aus Kanada.
Roman von Hebda von Dchmid.
(Nachdruck verboten.)
Tante Liete hatte es als ihr gutes Recht angesehen, . Hansemanns kanadische Braut" bis aufs Blut auszufragen: richtige Daumschrauben hatte sie dem Mädchen angesetzt, hatte alles bis auf das Genaueste wissen wollen: von Hans und von Kanada, und von Henrika selber. . . Merkwürdigerweise hatte sich diese nicht mimosenhaft zurückgezogen, sondern Tante Lietens Art augenscheinlich höchst ergötzlich gefunden.
„Kinder", sagte Tante Liete ein paar Tage nach Henrikas Ankunft, „entweder wird der Hans todunglücklich oder bis über die Puppen glücklich in seiner Ehe — einen Mittelweg gibt es bei Henrika nicht, glaubt es mir . . . Die lrebt oder haßt — ist gut Freund oder Feind auf Leben und Tod . . . Paßt mal auf, an der erleben wir noch was. Will's hoffen, nur Gutes! Man darf aber nicht vergessen, daß sie spanisches Grandenblut in ihren Adern hat. Denk bloß an Carmen, Thea, die wir neulich hörten, die war auch 'ne Spanierin."
„Grandenblut", meinte Frau Hannchen ein bißchen wegwerfend. „Henrikas Großvater war doch Holz- flößer oder so etwas Ähnliches! Und hübsch ist sie gar nicht. Ich hätte Hans einen besseren Geschmack zugetraut."
„Teetrinken — abwarten!" zitierte Tante Liete einen ihrer Liebliugsaussprüche.
Thea mischte sich nicht in die Unterhaltung über die neue Hausgenossin.
Thea grng Mit kurzer Zeit verträumt umher.
Fred Delarue batte seinen angekündigten Besuch in der Kleiststraße gemacht und hatte Frau Gröning Näheres über ihren Sohn erzählt. Zwei geschlagene Stunden hatte er im Erker am achteckigen Tisch gesessen und immerfort oerstohlen nach der Tür geguckt. Aber Thea und Henrika waren fortgegangen, Einkäufe machen. Henrika mußte vom Kopf bis zu den Füßen ausgesteuert werden, das nahm viel Zeit in Anspruch.
Fred hatte aufbrechen müssen, ohne die Rückkehr der beiden jungen Mädchen abgewartet zu haben.
Am folgenden Tage hatte er Frau Gröning ein paar verbindliche Zeilen gesandt. Er schrieb, daß er sein ihr gegebenes Versprechen, ihr Photographien, die von Hans und ihm selber arsi jener Jagdreise in Kanada ausgenommen waren, persönlich zu überbringen, nicht halten könne, da eine Depesche seiner Mutter ihn nach Gastein riese.
Thea hatte ein enttäuschtes Gesicht gemacht.
Sie ging seither immer so herum, als warte sie auf etwas — auf jemand . . . Bei jedem Posteinlauf wurde sie unruhig . . . Doch nichts Außergewöhnliches ereignete sich bei Grönings, das Leben im Hause ging seinen altgewohnten Gang weiter — die Aufregungen und Unruhe, die Hans' Verlobung aufgelöst hatte, waren vergessen.
Der Herbst war da, und mit ihm der Zeitpunkt, wo Thea eine wichtige Entscheidung über ihre Zukunft treffen mußte. Eine Aussprache mit ihrer Mutter über diesen Punkt lag ihr schon lange am Herzen, sie fand es
jedoch richtig, sich in Schwester und Schwager Bundesgenossen zu werben, und begab sich an einem Nachmittag, an dem, wie sie wußte, ihr Schwager Franz zu Hause war, zu Haendlers nach Charlottenburg in die Bismarckstraße.
Als sie die elektrische Bahn verlassen hatte und die breite Straße entlang schritt, fuhr ein Auto, in dem Fred Delarue saß, dicht an ihr vorüber.
Er schaute jedoch nach der anderen Seite hin und bemerkte sie nicht.
Das Blut strömte rhr jäh zum Herzen . . .
Er war also wieder in Berlin. . . Mein Gott -* was war das nur mit ihr. . . was wollte, was erwartete sie von ihm, den sie doch kaum kannte!? Ein« einzige Stunde lang hatten sie einander am Teetisch gegenüber gesessen. Es war ja einfach töricht von ihr, unablässig an Fred Delarue zu denken. Besonders ieute, wo sie doch über ernste Dinge mit den Ge- chwistern reden wollte. Auf Hannchens Meinung gab ie ja nicht sonderlich viel — Hannchen war immer zu ehr Partei — aber Franz' Wort und Ansicht galten Del ihr nicht wenig. , Und wenn er eine Sache besürwortete, so würde auch die Mutter nicht dagegen sein, sagte sich Thea, während sie sich von der Portiersfrau im Fahrstuhl drei Treppen hoch bis zur Haendlerschen Woh- nung hinauffahren ließ.
Ihre beiden Neffen tobten ihr schon auf der Diele entgegen. Sie hatten die Tante Thea, die ft*, mit großer Zärtlichkeit liebten, vom Fenster aus über die Straße kommen sehen.
Jedesmal, weiur Thea die Häuslichkeit ihrer Schwester betrat, berührte sie alles hier harmonisch und friedlich. So svih Frau Hannchen mitunter anderen gegenüber sein konnte auf neutralem Boden — so liebenswürdig und herzlich war sie in ihren eigenen vier Wänden.
Ihre eigenste Welt waren Mann und Kinder.
Wenn sie so hausfraulich in ihrem behaglichen, geschmackvoll eingerichteten Heim schaltete, dann konnte sie, die sonst eigentlich kaum hübsch zu nennen war, den Vergleich mit ihrer schönen Schwester ruhig aushalten.
Das Mütterliche in ihrem Wesen stand ihr gut.
Ihre beiden Buben, die wohlgepflegt und wohlerzogen waren, hingen mit leidenschaftlicher Liebe an ihr.
„Das ist nett von dir, Thea, daß du dich mal bei uns sehen läßt", begrüßte sie die Schwester. „Der Kaffee ist gleich fertig. Dann gönnt sich Franz auch eine Erholungspause bei uns. Er arbeitet in seiner wenigen freien Zeit ja immer an seinem wissenschaftlichen Buch, einer Studie über das alte Germanentum", fügte sie wichtig hinzu. Sie lvar stolz auf ihren Franz.
Vor den Ecksnibcnfenstern standen in schmalen Korbbehältern dunkelrote Astern, das Silber auf der Kredenz blitzte, die dunklen Eichenmübel gaben dem Hellen Raum etwas unendlich Anheimelndes.
