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Mittwoch, 21. 3unt 1916.
Morgen * Ausgabe.
Nr. 285. ♦ 64. Jahrgang.
Die kriegerischen Ereignisse der ersten Holste der Znni.
Von General d. Inf. z. D. v. Blume.
I.
Berlin, den 16. Juni 1916.
Energische Fortietzung der deutschen Offensive bei Berdun, fortdauernde Untätigkeit der englischen Heeresmacht, große Enllastungsoffensioe der Russen geaen den südlichen Teil der österreichisch- ungarisch - deutschen Ostfront, Verlangsamung der österreichisch-ungarischen Offensive gegen Italien, fortgesetzte Knechtung des neutralen griechischen Staates durch die angeblich für die Unabhängigkeit der kleinen Staaten kämpfenden Ententemächte, vergebliche Bemühungen der Engläpder, chrc vorm Skagerak erlittene Niederlage in eildtzn Seesieg zu verwandeln, — das sind die aus den kriegerischen Ereignissen der ersten Hälfte des Juni besonders hervortretenden Tatsachen.
Unser Angriff bei und gegen Verdun ist in bisheriger Weise fortgeschritten. Während wir uns auf dem linken Maasufer vorläufig auf Behauptung der gegen Ende des vorigen Monats gewonnenen Stellung von Höhe 301 bis Cumidres beschränkten, sind wir aus dem rechten Ufer unter heißen Kämpfen in Besitz der Linie Thiaumont-Ferme —F o r t Vau x—Da m I o u p gelangt. Wie bisher, mußte jeder Schritt vorwärts mit Opfern errungen werden, die sich aber in der eroberten Stellung, beson- ders bei Abwehr der stets erfolgten heftigen Gegenangriffe, durch weit schwerere Verluste des Gegners bezahlt machten. Die nunmehr nahe vor der Hauptver- tcidigungsfront des letzteren gewonnenen Stellungen bieten wesentliche Vorteile für die Fortsetzung des Angriffs.
Den Engländern, die sich noch immer abwar- tcnd verhalten, hat ein deutscher Angriff am 2. d. M. den Höhenrücken südöstlich von Zillebeke (südöstlich von I)pern) und vier Tage später den Rest des Dorfes Hooge entrissen, wodurch das ganze Höhengelände östlich und südöstlich von Ipern in unseren Besitz gelangte. Ein Teil hiervon ist allerdings am 12. und 13. d. M. von den Engländern zurückgewonnen worden. Aber ob Wohl Die Franzosen hierin eine ausreichende Hilfeleistung seitens der englischen Heeresmacht, deren Stärke Herr Asquith vor kurzem ruhmredig mit fünf Millionen Köpfen bezifferte, erblicken werden? Doch darüber mögen sich die beiden aus Haß gegen uns in Liebe zueinander entbrannten Brüder auseinandersetzen.
Anders fassen die Russe n, das muß man ihnen lassen, ihres Bundespflicht auf. Obgleich sie erst im März des lausenden Jahres durch eine zugunsten Frankreichs gegen den nördlichen Teil unserer Ostfront unternommene Entlastungsoffensive m i n - bestens 140 000 Mann, allerdings vergeh- l i ch, geopfert haben, sind sie in den ersten Tagen des gegenwärtigen Monats ubermals mit gewaltiger Heeresmacht zum Angriff geschritten, und zwar diesmal gegen den mehr als 300 Kilometer langen, vom Pruth bis zum Styr-Knie bei Chartorysk reichenden südlichen Teil der österreichisch-ungarisch-deutschen Ostfront. Unter erbitterten Kämpfen, keine Menschenopfer scheuend, ist es ihnen bisher gelungen, auf beiden Flügeln der langen Kampffront nicht unerhebliche Erfolge zu erzielen. Ihr starker linker Flügel war am 15. d. M. zwischen dem Pruth und dem Dnjestr mit Vortruppen bis zu der Linie Horodenka— Sniatyn vorgedrungen, und in den letzten Tagen ist ihnen leider auch die Hauptstadt der Bukowina, Tschernowitz, wieder in die Hände gefallen. Auf dem anderen Flügel sind zwar die Versuche der Russen, zwischen Kolkt und der Eisenbahn Rowno-Kowel einen Übergang über den S t y r zu erlangen, bisher obgewiesen worden, dagegen haben sich in dem südlich angrenzenden wolhynischen Raume von Luck unsere Verbündeten genötigt gesehen, vor weit überlegenen Kräften über den Styr, bis über T o r c z i n hinaus, im ganzen etwa 50 Kilometer inert, zurückzuweichen. In der Mitte der angegriffenen Front, an der I k w a und in dem Raume von Tarnopol haben die Verbündeten die zahlreichen, auch hier mit großer Macht ausge- führten Angriffe der Russen siegreich zurückge- wiesen. An der S t r y p a endlich hat General Graf V o t h m e r sich zwar veranlaßt gesehen, seine Truppen von dem linken auf das rechte Ufer des Flusses zurückzunehmen, dort aber alle weiteren Angriffsversuche des Feindes abgeschlagen.
Die Känipfe dauern. auf der ganzen Front fort. Über ihren wahrscheinlichen weiteren Verlauf läßt sich heute nur so viel sagen, daß in dieser Hinsicht keinerlei Grund zur Besorgnis besieht. Abgesehen von vermutlich in Vorbereitung befindlichen Gegenmaßnahmen (der Gegenangriff der Heeresgruppe von Linsingen inacht sich inzwischen bekanntlich bereits sichtbar bemerk
bar. Schristltg.), befindet sich die heutige Armee nicht in der zu einer weit reichenden Offensive erforderlichen Verfassung. Daß sie bereits wieder auf die große Zahl, tu der sie jetzt abermals im Felde erschienen ist, hat gebracht werden können, ist eine immerhin anerkennenswerte Leistung. Sie ist auch nach allen Nachrichten durch weitgehende Hilfe Japans und Amerikas gut ausgerüstet und bewaffnet, mit Artillerie und Munition ausgiebig versehen. Aber die Truppen bestehen fast ausschließlich aus ganz ungenügend vorgebildeten Rekruten mit einer verschwindend kleinen Zahl von Führern, die diesen Namen verdienen. Die Folge davon ist, daß sie n u r in d i ch t e n M a s s e n für den Kamps verwendet werden können und einem kriegstüchtigen Feinde gegenüber unter unmenschlichen Verlusten schnell zerrinnen. Geringschätzung des Lebens, wie sie den Russen eigen ist, kann solchen Truppen bei Überlegenheit an Zahl hier und da zu einem Erfolg verhelfen. Weite Ziele sind mit ihnen nicht erreichbar. Furchtbare V e r l u st e hat die russische Armee auch jetzt wieder erlitten. Wahrscheinlich sind die der Verbündeten gleichfalls nicht gering gewesen. Allein die Angaben, die russischerseits hierüber verbreitet werden, sind zweifellos weit übertrieben. Sie entspringen augenscheinlich dem doppelten Bedürfnis, die Augen des eigenen Volkes von den ihm selbst auf- erlegten schweren Opfern abzulenken und den Verbündeten die Größe des ihnen durch die russische Ent- lastungsofsensive geleisteten Dienstes in inöglichst hellem Licht erstrahlen zu lassen. (Schluß solch.)
Die Preise nach der neuen Ernte.
Von unterrichteter Seite erhalten wir folgende Zuschrift: l
Der Präsident des Kriegsernährungsamtes hat sich kürzlich in München zu einem Vertreter der Presse über den neuen Reichswirtschaftsplau und über die künftige Preisgestaltung geäußert. Hinsichtlich der letzteren führte er nach den Meldungen der Presse aus, daß sie noch nicht endgültig entschieden werde, man müsse für die Erzeugnisse so viel bezahlen, „daß der Erzeuger dabei nichts vertiert und so viel einnimmt, daß er die Wirtschaft sachgemäß auftecht erhalten kann", — das ist also die grundsätzliche Anerkennung des a n g c - messenen, den Erzeugungskosten entsprechenden Preises, zu dem sich al l e Parteien des Reichstages wiederholt bekannt haben und der allein die Aufrechter- Haltung unserer landwirtschaftlichen Erzeugrmg gewährleistet.
Was die Kartoffelpreise insbesondere anlangt, so hängen diese nach den Äußerungen des Herrn P Batocki „von der grundlegenden Erwägung ab, daß die Kartoffeln annähernd so teuer sein werden, wie ihr Futterwert ist". Damit legt der Präsident zweifellos die Hand an den Schlüssel zu all den Schwierigkeiten, die sich hinsichtlich der Kartoffelversorgung und der steigenden Preise aller tierischen Erzeugnisse in den beiden ablaufenden Kriegsjahren so drückend gezeigt haben. Die Kartoffel ist eben infolge des Aufhörens nennenswerter Auslandseinfuhr sozusagen das souveräne Futtermittel der deutschen Landwirtschaft und gleichzeitig in höherem Maße als in Frie- denszeiten ein wesenllicher, unentbehrlicher Teil auch der menschlichen Ernährung geworden. Für den letzteren Zweck sollte sie so billig wie möglich sein, als Futtermittel tritt sie in Wettbewerb mit den anderen, jetzt so stark verteuerten knappen Stoffen. Solange die» Kartoffel als Futtermittel sich besser und höher verwertet als zu S p e i s e z w e ck e n, solange werden die Nöte der menschlichen Kartoffelversorgung nicht aufhören und die Kartoffeln in weitestem Umfange verfüttert werden. Herr v. Batocki erkennt also die Zusammenhänge durchaus richtig, wenn er von dem Verhältnis der Kartoffelpreise zum Futterwert der Kartoffeln als maßgeblich spricht.
Daraus sollte aber nicht die Folgerung gezogen werden, daß die Kartoffelpreise entsprechend erhöht werden müssen, es liegt vielmehr die u m g e k e h r t e Notwendigkeit naher: die Preise für einheimische Futtermittel, vor allem für Futtergerste, herabzu- setzen, deren Höchstpreise ganz unverhältnismäßig hoch und die Hauptursache der teuren Fleischpreise ist. Im Durchschnitt des letzten Friedensjahrzehnts betrug der Berliner Großhandelspreis für den Zentner Sveisekartoffeln 2,64 Mark, für Futter- aerste 6,72 Mark und für Roggen 8,60 Mark, also im Verhältnis von 40 : 100 : 128. Tie heutigen Höchstpreise kehren die Beziehung des Gersten- und Roggen- P'.eises in das Gegenteil von 100 : 73,3 um und würden damit zu eineni Kartoffelpreise von 6 Mark für den Zentner führen müssen, wenn das Verhältnis unverändert bliebe — ein Preis, der Wohl von keiner Seite als erträglich angesehen werden dürfte. Ebenso- tvenig kann das Verhältnis vom Roggenpreis zum Gerstenpreis durch eine Erhöhung des ersteren ausge
glichen werden, weil diese eine Brot- und MehIver- teuerung zur Folge haben müßte, die bei der überaus knappen Fleischnahrung zu den bedenklichsten Folgen für die Volksernährung führen müßte.
Es bleibt somit nur als letzter Ausweg die Herabsetzung des G e r st e n p r e i s e s aus den Roggenpreis übrig, eine Maßnahme, die durch das Verhältnis der Friedenspreise weiterhin eine Bevorzugung der Futtcr- gerste bedeutet, die der entsprechend höheren Bewertung der Braugerste keineswegs einen Riegel vorzuschieben braucht — eine Maßregel, die einen erträglichen Kar- tosfelpreis und genügendes Angebot von Eß- kartofseln sichert und die Viehhaltung und ihre Erzeugnisse wesentlich zu verbilligen geeignet ist. Allerdings würde das einen Kartoffelpreis von 4,40 Mark pro Zentner bedeuten, aber die Sicherung des Bedarfs und dre möglichste Verbilligung von Fleisch, Butter und Milch würde die Bevölkerung diesen höheren Preis willig auf sich nehmen lassen — Ivilliger als die Zustände der beiden letzten Jahre und williger gewiß als höhere Kartoffel- und höhere Preise für tierische Erzeugnisse.
Auch die Landwirtschaft, die ihrem überwiegenden Teile nach Futtermittelkäufer ist, würde diese Regelung begrüßen und der Ger st e verkaufende Teil immerhin mehr als das Anderthalbfache des Friedenspreises für seine Gerste erzielen. Selbstverständlich müßte eine entsprechende Höchstpreisbildung für alle übrigen Futtermittel damit Hand in Hand gehen.
Wenn schließlich der Präsident v. Batocki gesagt haben sollte, „im übrigen bängt die Frage der Preis- gestaltung für alle Erzeugnisse vom Ausfall der Ernte ab", so ist dem zu widersprechen. Das Verhältnis vom Angebot zur Nachftage ist als maßgebend für die Preisbildung wähnend des Krieges ausgeschaltet: es widerspricht dem System unserer Höchstpreise, an dem doch auch der Präsident v. Batocki sestzuhalten entschlossen ist. Wenn Deutschland schon durch die Beschneidung der Einfuhr fast ein „isolierter Staat" nftt allen seinen Nachteilen geworden ist, so darf er sich des einzigen Vorteiles seiner Lage nützt entäußern; dieser Vorteil aber ist die a u t o n o in e Preisbildung, die eine erträgliche Lebenshaltung der Bevölkerung ermöglicht und die Rohstoffe der Landwirtschaft und der Industrie derart bewertet und zuteilt, daß sie auch . bei niedrigeren Verkaufspreisen weiter produzieren und einen angemessenen Nutzen erzielen können.
Auf keinen Fall ist es wünschenswert, die Preis- frage auf unbestimmte Zeit zu vertage n.
3um Tode des Generalobersten von Moltke.
Weitere Beileidskundgebungen.
W.T.-B. Berlin, 20. Juni. (Nichtamtlich. Drahtbericht.) Der Kaiser von Österreich hat den Hinterbliebenen des Generalobersten v. Moltke durch den k. k. Obersten des Generalstabes, Frhrn. v. Mor-Merkl, sein Beileid aussprechen lassen und ihn mit seiner Vertretung bei der Leichenfeier beauftragt. Auch Erzherzog Friedrich brachte sein Beileid zum Ausdruck. Der österreichisch-ungarische General- stab und das k. k. Kriegs ninisterium übermittelten ihr Beileid und ließen Kränze niederlegen.
Bei der Witwe des Generalobersten v. Moltke sind ferner folgende Beileidsdepeschen eingelaufen:
Ihre Exzellenz Frau v. Moltke,
Königspalast, Generalstabsgebäude, Berlin.
Erlauben Sie mir, .Ihnen meine allerwärmste herzlichste Teilnahnie auszusprechen bei dem tieferschütternden Verluste, der sie gestern getroffen hat. Ich vermag nicht, in Worten auszudrücken, wie sehr mich Ihre Heimsuchung bewegt. Gott stärke Sie in Ihrem tiefen Leid. Die allgemeine Verehrung und Dankbarkeit folgt Ihrem Gatten über das Grab.
Großherzogin Luise von Baden, Karlsruhe, Baden.
Großes Hauptquartier.
Zu dem plötzlichen Hinscheiden Ihres Herrn Gemahls bitte ich Sie, hochverehrte gnädige Frau, den Ausdruck meiner aufrichtigen, tiefempfundenen Teilnahme entgegennehmen zu wollen. Was er dem Vaterlande war durch Belehrung und Ausbildung der Generalstabsofsiziere, durch Mitwirkung am Ausbau der deutschen Wehrmacht, durch Bereitstellung öeS Heeres und als erster Berater seines Obersten Kriegsherrn bei dem Siegesläufe unserer Armee im Jahre 1914, das alles gehört der Geschichte an und wird dem großen Namen Moltke neuen, unvergänglichen Glanz verleihen. Ich selbst durfte in dem Verewigten zugleich meinen Vorgesetzten und eine Persönlichkeit verehren, deren lautere Gesinnung und edelste Charaktereigenschaften inir stets vorbildlich waren. Gott tröste Sie, verehrte Exzellenz, in Ihrem großen Schmerz.
Wild von Hohenborn, Generalleutnant, Kriegsminister.
Ferner liefen noch Telegramme ein vom König von Bayern, Groß Herzog von Oldenburg, Gräfin R u p p i n , Herzog Günther von Schleswig-Holstein, Prim M a i von Bade n und anderen Fürstlichkeiten.
