Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblattr. i - ■ r ■]
N». 142. Dienstag, 20. Iuni. 1916.
14 . Fortsetzung.)
Die Braut aus Kanada.
Roman von Hedda v»n Schmitz.
'(Nachdruck verboten.)'
Frau Gröning wußte zunächst gar nicht, wie ihre Schwiegertochter ausschaute — ob sie hübsch oder häßlich, und gut oder schlecht angezogen war — die Augen der alten Frau standen voll Tränen. Sie breitete ihre Arme aus und schloß Henrika an ihr Herz. Doch diese vmarmung galt eigentlich dem fernen Sohn, nicht seiner Braut, die dann nachher mit niedergeschlagenen Augen und zagem Gesichtsausdruck am Teetisch saß, und aus alle an sie gerichteten Fragen fast nur, wie es Fred bereits zur Genüge an ihr kannte, mit Ja oder Nein antwortete.
„Gott sei Dank, daß sie wenigstens Deutsch kann", dachte Frau Gröning.
Fred ließ sein Auto über eine Stunde warten. Er hatte sich nicht zweinral nötigen lassen, als Frau Gröning ihm eine Tasse Tee angeboten.
„Oder vielleicht lieber ein Glas Bier?" hatte sie gefragt.
Allein Fred hatte um Tee gebeten. Thea hatte rhm welchen eingeschänkt, Thea, ganz in Weiß, zu Ehren der Schwägerin in einem neuen festlichen Kleide. Sie sah sc überaus reizend aus, daß Fred sich immer wieder erstaunt fragte, wie der gute, blondbärtige, ein bißchen in die Breite gegangene Hans Gröning zu dieser fein- gliedrigen, schlanken, dunkelhaarigen Schwester kam?
Als Fred sich verabschiedete, bat er Frau Gröning um die Erlaubnis, sich baldigst danach erkundigen zu dürfen, wie seinem Schützling die Reise bekommen wäre.
„Ein so lieber Freund meines Sohnes wird mir jederzeit willkonrmen sein", erwiderte Frau Gröning herzlich, und dachte, daß Fred, der so schlicht sich mit ihr über ihren Hansemann unterhalten, der mit solch sichtlichem Behagen den Lee und die belegten Butterbröte, die Thea bereitet, genossen hatte, doch unmöglich der schwerreiche, junge Großindustrielle sein konnte, von dem Tante Liete gefabelt.
Sie fragte Henrika danach, und diese, die so müde war, daß sie sich kaum auf den Füßen halten konnte, erwiderte gleichgültig: „Ja, er ist Millionär."
Frau Gröning war sprachlos.
Ein Millionär hatte an ihrem Teetisch gesessen — in ihrer bescheiden bürgerlich eingerichteten Eßstube...
„Zwei Tassen Tee hat er getrunken und zwei Brötchen mit Zervelatwurst gegessen", berichtete sie am nächsten Morgen ihrer Schwägerin, „und gesagt, daß der Tee ihm lange nicht so gut geschmeckt hat wie bei uns."
„Du redest soviel von Hans' Freund, erzähl' lidber, ivie ist sie denn — die Braut aus Kanada? Wird sie nicht endlich mal ausgeschlafen haben und auf der Bildfläche erscheinen?" sagte Tante Liete ungeduldig.
„Ach, du lieber Himmel, was soll man über Henrika sagen. Mit niedergeschlagenen Augen hat sie da- gesessen und abwechselnd „Ja" und „Nein" gesagt", nieinte Frau Gröning bekümmert. „Hansemann hat ja natürlich seinen Geschmack für sich, aber was er an
dem schwarzhaarigen, spillerigen Mädelchen gefunden hat, das begreife ich fürs erste noch nicht. .Daß sie Vermögen hat, danach sieht sie auch nicht aus — auf Geld würde Hans ja auch nicht sehen. Und schlecht angezogen ist sie."
„Nun. wenn es weiter nichts ist", versetzte Tante Liete begütigend, „dem ist leicht abzuhelfen. In Kanada haben sie natürlich andere Moden als hier bei uns. Thea bringt die Kanadierin zu Herzog oder zu Wertheim, und dann sieht sie ein paar Stunden später so ans, als wäre sie frisch aus 'nem Modejournal herausgeschnitten."
Eine halbe Stunde nachher lautete Tante Lietes vorläufiges Urteil über Henrika: „Was der Hans an dieser Braut hat, ist mir ja auch schleierhaft. Na, er wird sie ja heiraten, und keiner von uns braucht es zu tun. «somit kann es uns ja auch bis zu 'nem gewissen Grade egal sein, wie sie ist. Dünn ist sie wie 'ne Zaunlatte. Sie muß gründlich herausgefuttert werden. Und dann muß sie ein Halbtcauecklcid haben — ihr Großvater ist ja noch nicht mal ein Vierteljahr tot — und ein nettes, weißes Kleid "für den Sonntag mit schwarzer Gürtelschleise. Und Thea rnuß sie umfrisieren. Die Zöpfe kleben ihr ja vor lauter Pomade wie die Kletten am Kopf. Liebe Emilie, wir müssen Geduld mit Henrika haben — das arme Kind ist doch ohne Mutter ausgewachsen, dadurch erklärt sich alles", schloß das alte Fräulein mit Nachdruck.
Frau Gröning seufzte und gelobte sich, Henrika um ihres Sohne willen lieb zu gewinnen, aber nach dem Herzen war ihr die Schwiegertochter wahrlich nicht.
* * *
Über Berlin lag das Grau eines herbstlichen Regentages.
Frau Gröning saß in der Eßstube in ihrem grün gepolsterten Lehnstuhl am Fenster und las im fahlen Schimmer des Nachmittagslichtes zum soundsovielstep Mal den Brief ihres Sohnes, der erst zwei Monate nach Henrikas Ankunft in Berlin in die Hände der Mutter gelangt war.
Hans Gröning war niemals groß im Briefschreiben gewesen, seine Mutter hatte sich all die Jahr hindurch, seit er drüben war, mit knapp gehaltenen Berichten über sein Ergehen und seine Erlebnisse begnügen müssen.
So wie er jetzt war, kannten ihn die Seinen überhaupt nicht. Als bereits reifer Mensch hatte er die Heimat verlassen, und doch hatte die Fremde einen anderen aus ihm geinacht. In Gefühlssachen >var er von jeher ein bißchen unberechenbar gewesen — scheinbar hatten Herzensgeschichten nicht für ihn existiert, * und dann war ganz plötzlich irgendetwas Derartiges bei ihm durchgebrochen.
Seine Verlobung mit Henrika dy Santos war dre unliebsamste Überraschung, die Frau Gröning je an ihrem Hansemann erlebt hatte.
