fe-. * i Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagbiatts. !» ''"»>
Nr. .141. Sonntag, >8. Iuni. lyftz.
l8. Fortsetzung.)
Die Braut aur Kanada.
Roman von Hetztza von Tchmid.
(Nachdruck Vorboten.)
„Also dann bestimmt auf Wiedersehen bei uns. Wenn der Herbst schön und trocken ist, dann spielen wir Tennis, unser Tennisplatz ist fetzt erstklassig", sagte Irmgard und gab Fred wie einem guten Kameraden die Hand.
Mit einer Unmutsfalte auf der Stirn kehrte er zu Henrika an den Tisch zurück
Wenn sie nicht gewesen wäre, hätte er sich ohne Frage heute den Löhnstädts angeschlossen. Er mochte Irmgard gut lerden und wußte, daß seine Mutter im stillen hoffte, daß er sich um das blonde, hübsche und sehr reiche Mädchen bewerben würde. Er selber hatte zu dieser wichtigen Lebensfrage noch nicht Stellung ge- nontmett. Irmgard gefiel ihm ohne Zweifel sehr, ob aber genügend, um sein Leben mit dem ihren zu der- ketten, darüber war er sich denn, doch nicht vollkommen klar geworden.
Gedankenvoll blickte er vor sich hin, als er aufschaute, sah er Henrika dy Santos Augen auf sich gerichtet.
Hatte das Mädchen Augen im Kopf! Fred begriff ,auf einmal nicht, wie ihm das während der langen Reise nicht aufgefallen war. Groß dunkelgrau, fast schwarz waren diese Augen, allerhand Verborgenes, Rätselhaftes fchien in ihnen zu schlummern. . . . Märchentiefe Sphinxaugen hatte Henrika dy Santos. . . .
Zum erstenmal empfand Fred etwas wie Sympathie und halbes Mitleid mit der kindlichen Braut seines Freundes. Er sah nach der Uhr: es war noch sehr viel jSeit bis zum Zuge. Was sollte er bis dahin mit Henrika anfangen? Sie hier in der ihr fremden Stadt in ihrem Hotelzimmer sitzen zu lassen, war bis vor kurzem ,rwch seine feste Absicht gewesen. Nun erschien ihm dies plötzlich herzlos. Irmgard Löhnstädts Anteilnahme an Henrika hatte diesen Umschwung in ihm bewirkt, sagte er sich. Er fragte Henrika nicht erst nach ihren Wünschen, er wollte ihr, lvie einem Kinde, eine Überraschung bieten, und saß. nachdem das frühe Diner erledigt war, mit ihr in einem Auto. Es ging hinaus nach Stellingen.
Unterwegs erzählte er ihr von dem riesigen Tierpark. Sie machte tragende erstaunte Augen, ganz wie ein Kind.
Ein großer Menschenstrom flutete in Stellingen durch die Gänge, in denen man sich so leicht verirren konnte. Der blaue Sonnenhimmel spannte sich strahlend über das lebendige Bild. Die Klänge der Militär- fnusik zogen in breiten Wellen dahin. Dazwischen vernahm inan das dumpfe Gebrüll der Raubtiere, das Kreischen irgend eines fremdartigen Vogels.
Henrike hatte in Kanada so manches Tier des Wal-, des in der Nähe gesehen, im Walde war sie ja selber aich- gewachsen. Ihr erschienen die gefangenen Tiere hier viel vertrauter als die fremden Menschen im fremden Lande.
Fred bemerkte zum erstenmal, daß Henrika beinahe lebhaft wurde. Sie redete die Wärter der Tiere an, fragte nach diesem und jenem und preßte ihre kleine,
braune Hand um die Stäbe eines Gitters, hinter dem auf einem der künstlichen Felsen ein großer Adler unbeweglich wie aus Stein qenreißelt saß.
Fred bemerkte, daß eine dicke Träne über ihre Wange hinabrollte.
Hastig wischte sie das verräterische Naß mit dem Handrücken fort.
„Haben Sie Heimweh. Henrika?" fragte Fred leise und trat einen Schritt näher an sie heran.
Sie schüttelte mit abgewandtenr Gesicht' mit dem Kopf.
„Sehnen Sie sich nach Kanada zurück?" forschte er weiter.
„Nein — wozu ... Es würde mir ja auch nichts helfen, selbst wenn ich's täte." Eine flüchtige Nöte huschte bei ihren Worten über ihr blasses Gesicht.
Fred fragte nichts mehr. In seinen Augen besaß Henrika dy Santos plötzlich etwas Gemeinsames mil diesen Geschöpfen hier im großen Park, die scheinbar in Freiheit, doch in Gefangenschaft schmachteten.
„Es würde mir ja doch nichts helfen . . Wie trostlos hatten diese Worte Henrikas geklungen. . . . Fred suchte nach einem Anknüpfungspunkt, um das junge Mädchen in ein Gespräch zu ziehen. Nun, tvo er seine ihm so lästige Beschützerrolle bald zu Ende gespielt haben würde, tat ihm Henrika plötzlich leid. Er fand jedoch keinen anderen Gesprächsstoff mit ihr als allerdings den naheliegenden über Hans Grönrng, und darauf . reagierte Henrika ganz und gar nicht. Es blieb also wieder wie immer bis jetzt bei dem „Ja!" und „Nein?"
Auf der Cisenbahnfahrt von Hamburg nach Berlin waren sie beide zufällig allein in ihrem Abteil erster Klasse. Fred hatte sich auf dem Hauptbahnhof mit einer Menge von Zeitungen versorgt und vertiefte sich in die neuesten Börsen- und Sportnachrichten. Nun erwachte wiederum der Chef des Hauses Delarue in ihm. Lange genug war er sich als Globetrotter vorgekom- inen. Diese Reise hatte ja eine Erholung für ihn sein sollen. Vollkoinmen losgelöst von allem, was ihn sonst umgab, hatte er sein wollen — nicht einmal seinen Diener hatte er mitgenommen. Über alles Geschäft-! liche hatte er sich von Hause nur in großen Zügen berichten lassen. Auf die Angestellten in seinem Berliner Hauptkontor konnte er sich rul)ig verlassen — sie standen in der Mehrzahl schon seit vielen Jahren in Lohn und Brot der alten Firma.
Fred war so in die Börsenkurse vertieft, daß er sein Gegenüber im Coup-6 total vergessen halte. Als er seine Zeitung umwendete und dabei zufällig aufschaute, be- merkte er, daß Heurika dy Santos schlief. Sie hatte sich fest in die rotsamtne Divandecke geschmiegt.
Schleier und Reiseniütze lagen neben ihr auf dem Polster, eine Strähne ihres langen, schwarzen, glanzlosen Haares hatte sich gelöst und ringelte sich über ihrem Ohv Ihre Hände, die in der Pflege vernachlässigt, aber wohlgeformt waren, lagen in ihrem Schoß. Ihr Atem ging regelmäßig, ihre Gesichtszüge hatten
