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der Wiesbadener Tagblatts. >- =■- « i

Nr. 140.

Samstag» 17. Juni.

1916.

(8. Fortsetzung.)

Die Braut aus Kanaba.

Roman von Hedda von Schmid.

(NaLdruck verboten.)

„Noch ein paar Stunden, dann bin ich die Verant­wortung für die unsympathische, kleine Person tos", oachte Fred Delarue mit einem Gefühl der Erleichte- rung. „Ich komme mir nachgerade wirklich wie ein ..Menagerieführer" vor", fügte er ärgerlich in seinen Ge­danken hinzu.

Henrika hatte sich während der ganzen Reise nie­mand unter den Passagieren erster Kajüte angeschlossen. ^re eine und die andere der Damen hatte sie hin und wieder angeredet, um eine leise, gemurmelte Antwort, ein „Ja' oder ein „Nein" zu hören. Schließlich hatte es niemand mehr der Mühe wertgehalten, sich ilin das fremdartige Geschöpf, das schon durch seine häßliche Kleidung auffiel, zu kümmern. In der ersten Kajüte herrschte selbstredend höchste Eleganz. Und nun Hen- rrka in ihrem schlechtsitzenden, ärmlichen Fähnchen mit­ten unter den Damen, die dreimal täglich Toilette mach­est! Henrika hatte gebeten, in ihrer Käbine speisen zu dürfen. Sie wäre an der Table d'hote ja auch absolut nicht courfähig gewesen.

Man begriff nicht, wie dieses unscheinbare Geschöpf, ras seine Augen fast nie zu jemand aufschlug, zu dem eleganten Fred Delarue gehörte. Er knirschte mit den Zahnen, wenn er wieder einmal die erstaunte, lächelnde Frage: „Wer ist das seltsame junge Mädchen?" beant- worten mußte.

„Die Braut eines Freundes in Kanada — ich bin eine Art von Kinderfrau!" hatte er mit unterdrückter Wut einer hübschen jungen Frau geantwortet, und Henrika ins Pfefferland gewünscht.

Die elegante Französin hatte hell aufgelacht über seinen Zorn, den er nicht zu verhehlen vermochte und der so überaus drollig wirkte bei seiner sonst so gelassenen, überlegenen Art.

Am liebsten hätte er hier.in Haniburg seine Schutz- befohlene m den Zug gesetzt und üe nach Berlin expediert

Seine Mutter weilte noch in Gastein im Bade.

Dorthin wollte er sofort, iiachdem er sich nach seiner langen Abwesenheit voii Hause im Geschäft in Berlin umgesehen haben würde.

Er verehrte seine Mutter über alles.

Sie hatte einige Jahre nach dem Tode von Freds Vater zuin ziveitenmal geheiratet — einen ebenfalls sehr reichen Mann, deii Baron Strodtmann, der vor fünf Jahren gestorben war. Dieter Ehe war ein Sohn ent­sprossen, der nun achtzehnjährige Harald. Das Familienleben im Delarueschen Hause war denkbar harmonisch uiid glücklich.

Mit seinem Stiefvater, der eine durchaus vornehme Natur gewesen tvar, hatte Fred sich vortrefflich ge­standen.

Als Fred und Henrika im Auto saßen, das sie von der Landungsbrücke ins Hotel brachte — sie konnten erst den gegen acht Uhr abends nach Berlin gebenden Schnellzug benutzen — kragte er kurz: „Wer war die auffallende Person, die sich bei der Landung an Sie

herandrängte, Fräulein Henrika? Sie schüttelte Ihnen ja so angelegentlich die Hand. Eine Mitreisende aus dem Zwischendeck vermutlich? Wie kommen Sie eigent­lich zu dieser Bekanntschaft?"

„Sie heißt Frau Schimmelbeck und reiste aus dem dritten Platz", gab Henrika leise zur Antwort. „Sic war unterwegs freundlich besorgt nur mich, als ich see­krank wurde. Ich 'wollte mir das Schiff ansehen —- da ümrde mir schlecht und da konnte ich nicht mehr allein bis zu meiner Kabine firiöen."

„Gleich und gleich gesellt sich gern", dachte Fred.

Diese Frau Schimmelbeck trug einen uiiglaublich auffallenden Federhut und eilt buntes, großkariertes Cape.

„Sie ist sicherlich eine Schauspielerin niederen Ranges, ihrem Äußeren nach zu urteilen. Irgend etwas Derartiges jedenfalls", bemerkte Fred scharf und fügte nn gleichen Tonfall hinzu: „Man muß mit fremden

Leuten vorsichtig sein. Was wollte die Frau denn von vckmen? Sie schien mir io aufdringlich beim Abschied."

„Sie ineint es gewiß nur gut mit mir", antwortete Henrika zum erstenmal mit erhöhter Stimme, so daß Fred unwillkürlich aufhorchte, „sie iianntc mir ihre Adresse. Sie sagte, wenn ich vielleicht mal einen Rat cder eine Hilfe nötig haben würde, dann solle ich mich an sie wenden."

„Unsinn. Sie brauchen keinen Rat von solch einer aufgetakelten, obskuren Person", sagte Fred unwillig. „Sie haben die Verwandten Ihres Verlobten. Ihre zukünftigen Familienangehörigen. Ich wiederhole es: Ern so junges Mädchen wie Sie muß Wildfremden gegenüber vorsichtig sein."

Henrika schwieg. Sie grub ihre Zähne in ihre Unterlippe. Wie ein Blitz des Hasses flog aus ihren halbgeschlossenen Augen ein schneller Blick zu Fred hin.

Oh, sie hätte ihn^eben alles Mögliche ins Gesicht schleudern mögen! Sie 'wußte ja, daß er sie verachtete und HanS Gröning bemitleidete. Warum eigentlich? Was wilßte er denn viel von ihr? Er kannte sie ja kaum. Er war ein Mem'cki aus einer anderen Welt. Er hatte für nichts anderes als für das. was seine ge­wohnte Umgebung war. Verständnis. Und sie, Hen- iika, war hier in Deutschland fremd und freundlos, war wje verloren. . . . Sie batte den größten Teil ihres Lebens in der Einsamkeit der Wälder verbracht, als das deutsche Emigrantenpaar, das sich nach dem Tode ihrer Großmutter ihrer angenommen hatte, in einen anderen Teil des Landes verzogen war, hatte sie fast niemand gehabt, der sich nnl sie gekümmert. Ihr Großvater hatte sich für fast nichts anderes interessiert als für seine geschäftlichen Unternehmungen.

Jene Deutschen, die kinderlos waren, hatten sich liebevoll mit der kleinen-Henrika dy Santos beschäftigt.

Es waren Leute, die früher bessere Tage gesehen hatten. Von ihnen hatte das Kind fließend Deutsch sprechen gelernt. -