i Der Roman, i
iE-—»i Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts. is====e)
Hr* 139. Zreitag. 16. Iuni. 1916.
IL 8»rtsetzung.)
Die Braut aus Hanaöa.
Roman von Hedda von Schmid.
k Nachdruck verboten.)
Ein frischer Wind kam von der See über den Elb- ström daher.
In der Morgenfrühe hatte es dicken, echten Hamburger Nebel gegeben, der das imposante Hafenbild mit seiner rastlosen Geschäftigkeit wie in einen undurchdringlichen Sack eingehüllt hatte.
Die Sirenen hatten ununterbrochen geschrillt.
Dann war es licht und imnrer lichter geworden, und nun triumphierte hellachend die Sonne.
Langsam und majestätisch glitt der große Postdampfer aus Amerika, die „Vineta", die Elbe herauf, an den stolzen Werften vorüber bis in die Nähe der Landungsbrücke von St. Pauli.
Frohe Mienen grüßten von den Decks des Schiffes die deutsche Heimat. Manche unter den Passagreren kehrten nach mehrjähriger Abwesenheit zur heimatlichen Erde zurück. Andere wiederum blickten dem alten Europa, das sie zum erstenmal kennen lernen sollten, neugierig entgegen.
Auf den kindlichen Zügen eines noch sehr jungen Mädchens, das an der Reeling stand und mit der Hand die Augen vor den Sonnenstrahlen,'die den bläulichen Rauch, der über dem Hafenbllde schwebte, vergoldeten, schützte, war weder Neugierde, noch Freude, noch sonst ein lebhafteres Empfinden ausgeprägt.
Teilnahmslos glitten die Blicke der mandelförmigen, dunkelgrauen Augen über das Ufer mit seiner dichtgedrängten Menschenmenge dahin.
Alles war ihr fremd — so grenzenlos fremd.
Eigentlich waren nur die Augen schön in dem schmalen, blassen, jungen Gesicht. Die Figur, hochaufgeschossen, war reizlos in ihrer Schmächtigkeit und Ungrazie. Das Haar, das unter einer Reisemütze fast verschwand, war 'schwarz und glanzlos. Die Kleidung dieser jungen Reisenden erster Kajüte fiel durch eine hervorragende Geschmacklosigkeit auf: sie bestand in
einem dunklen, schlecht sitzenden Jackenkleid, einer grauwollenen Hemdbluse und plumpem Schuhzeug.
Man hätte bas junge Mädchen für eine Kammerzofe halten können, wenn ihre Toilette etwas geschmackvoller gewesen wäre. Die Zofen der Mitreisenden reichen Ladies trugen sich weit eleganter als Henrika dy Santos.
Ein blonder, sehr schlanker, sehr vornehm aussehen- der Mann in englischem Reiseanzug näherte sich ihr.
„Nun sind wir sogleich am Ziel unserer Seereise. Fräulein Henrika, und nach ein paar Stunden in Berlin!" redete er sie auf deutsch an.
Henrika dy Santos gab keine Antwort.
Sie mochte ihn nicht, diesen fremden Deutschen, dem man sie für die Reise nach Deutschland anvertraut hatte. Mit untrüglich feinem Instinkt hatte sie sofort herausgefühlt, daß sie ihm hochgradig unsympathisch war.
Nur aus Freundschaft — sagte sie sich, aus Erkenntlichkeit Hans Gröning gegenüber, hatte er sich dazu ver
standen, ihr Reisemarschall zu sein. Unterwegs hatte er sich ja auch kaum »m sie gekümmert. Als sie seekrank geworden war, hatte er sich vermutlich gefreut, sich nicht mehr zu den Phrasen, die er täglich an sie gerichtet, aufschwingen zu brauchen. „Gut ausgeschlafen, Fräulein Henrika? Wie geht es Ihnen heute?" Das war so ziemlich alles gewesen, was er mit ihr die ganze Zeit hindurch an Bord geredet hatte.
Sie hätte ja auch selber nicht gewußt, worüber sie sich mit ihm unterhalten sollte.
In ihr war noch alles so verworren und unklar. Die letzten Eindrücke in Kanada lasteten auf ihr. Über ihren Kopf hinweg hatte man gehandelt, hatte man über ihre nächste Zukunft entschieden. Sie — hilf- und schutzlos, wie sie war — hatte nicht widersprochen. Von dem Moment an, wo sie, als das Unglück mit ihrem Großvater geschehen war, sich instinktiv an Hans Gröning geklammert, hatte sie sich auch zugleich willenlos seiner Führung überlassen. Sie hatte das Gefühl des Geborgenseins gehabt: nun war einer da, der für sie in ihrer grenzenlosen Verlassenheit sorgte. Sie war ihm dankbar dafür, vertraute ihm blindlings. Sie konnte sich nicht mehr darauf besinnen, was sie ihm auf seine rasche Frage, ob sie seine Frau werden wolle, geantwortet hatte. Sie hatte sich bloß fester an ihn geklammert in ihrer Verzweiflung und Angst, und er hatte ihre undeutlich hervorqestoßenen Worte und dann ihr völliges Verstummen für ein Ja genommen. Es war ja auch gut so — sie hatte doch niemand aus der Welt außer Hans Gröning.
Kurz vor ihrer Abfahrt aus Kanada hatte er ihr ein kleines, ledernes Taschenbuch in die Hand gedrückt: „Verwahre es gut, Henrika, es ist Bargeld für dich drin, und außerdem noch ein Scheck auf eine größere Summe an die Deutsche Bank in Berlin. Ich will, daß du lernst, selbständig mit größeren Geldbeträgen umzu- gchen und daß du dich nicht in materieller Abhängigkeit bei meiner Mutter suhlst. Kauf dir an Kleidung, was du in Berlin brauchen wirst. Nimm Unterricht in Wissenschaften. In meinen Augen braucht eine Frau nicht viel an Gelehrsamkeit. Wenn sie nur so lieb ist wie du, mein Kind, das genügt mir."
Der große, blondbärtige Hans Gröning hatte seine schlanke, stille Braut in leine Arme genommen und sie zum Abschied bewegt und herzhaft geküßt.
Eine, die wie Henrika dy Santos auf Gottes weiter Welt nichts ihr eigen nannte' weder Verniögen, noch höhere Bildung, die sie zu irgendeinem selbständigen Frauenerwerb hätte befähigen können, die nach dem jähen Tode ihres Großvaters Diego dy Santos gänzlich verwaist dastand, mußte nach Ansicht des Großkaufmanns Fred Delarue, dessen Schutz sie auf der Überfahrt anvertraut war, „Gott auf ihren Knien danken", daß sich dieser Prachtmensch, der Hans Gröning. ihrer angenommen batte, daß er sie zu seiner Frau machen wollte. Daß dieses Paar so ungleich wie nur irgend
