Morgen-Verlage des Wiesbadener Tagblattr. b
Nr. 138.
Donnerstag» 15. Juni.
1916.
Die Braut aus Kanada.
Roman von Hedda von Schmid.
(Nachdruck verboten.)
Wt« sine Bombe schlug düs Kabeltelegramm ein, in welchem Hans Gröning den Seinen in Berlin ferne Verlobung rneldete.
Bei Grönings in der Kleiststraße — drei Treppen — legte Thea, die zweite Haustochter, deren neunzehnjähriger Geburtstag heute durch eure kleine Gesellschaft irn engen Kreise gefeiert werden sollte, die letzte Hand an den Blumenschmuck auf dem Abendbrottisch, als der Depeschenbote schellte.
Das Telegramm wie eine Siegesfahne schwingend, eilte das dunkelhaarige, schlanke Mädchen in den Salon, wo ihre Mutter, die verwitwete Frau Rechnungsrat Gröning, deren unverheiratete Schwägerin — Tante Liete und Theas älteste Schwester, Frau Dr. Haendler, am achteckigen Tisch im Erker saßen.
„Von Hansemann — aus Kanada", rief Thea, „natürlich ein Glückwunsch für mich, „wie kommt rrrir solcher Glanz in meine Hütte", fügte sie mit fröhlichem Pathos hinzu, die Depesche eilig entfaltend.
„Liebes Kind, Hans bat deinen Geburtstag doch immer vergessen — am (Silbe ist ihm etwas zugestoßen", sagte Frau Gröning ängstlich, „so lies doch schnell, Thea."
„Verlobt hat er sich", schrie Thea triumphierend.
„Verlobtl" erscholl ein dreistimmiges, ungläubiges Echo.
Auf eine derartige Neuigkeit war man nun und nimmer gefaßt gewesen. Hans, der HauSsohn, der seit einer Reihe von Jahren drüben in Kanada als Ingenieur tätig war, batte bisher für einen ausgemachten Weiberfeind gegolten.
„Das ist einfach — einfach unerhört von Hans", fand Frau Hannchen Haendler ihre Sprache wieder. Nachdem Thea das Telegramm laut vorgelesen hatte, waren alle vier vor Überraschung zunächst stumm gewesen.
„Aber wieso denn unerhört, liebes Kind!"
Frau Gröning wußte nicht recht, ob sie sich über, die Verlobung ihres einzigen Sohnes freuen sollte oder nicht.
„Als ob er nicht in Deutschland eine Braut hätte finden können", fuhr Frau Hannchen eifrig fort, „muß es denn ausgerechnet eine aus Kanada sein? Hans hätte hier doch die Wahl gehabt. Er ist wahrlich keine schlechte Partie, sieht gut aus und soll drüben riesig viel perdienen."
Daß sie ihren Bruder, der die Dreißig längst iiber- schritten, und der sich in seinen Briefen immer einen „eingefleischten Hagestolz" genannt hatte, im stillen schon als Erbonkel betrachtet, wollte die junge Frau natürlich nicht offen eingestehen. . „
„Wenn Hans und seine Braut sich lieb haben, so ist es doch einerlei, wo sie herstammt — aus Kanada oder aus dem Kaffernland, oder sonstwo her, meinet- wegen aus dem Monde — daß sie beide glücklich miteinander werden, das ist doch die Hauptsache, nicht wahr? lief Thea hitzig. Sie hing sehr an dem fernen Bruder,
obwohl sie ihn wenig kannte. Als er nach drüben gegangen war vor Jahren, war sie ja noch ein Kind gewesen. . .....
„Regt euch nicht unnötig auf", beschwichtigte die praktisch veranlagte Tante Liste.' „Lies uns lieber,das Telegramm noch einmal vor, Thea., Einen schönen Batzen mag es gekostet haben — so viel Worte und doch erfährt man auS ihnen nichts Näheres."
Thea las, und die drei anderen hörten aufmerksam zu. Sie konnten es noch immer nicht recht fassen, daß Hansemann wirklich und wahrhaftig verlobt war.
„Unterwegs ist sie alio, die — wie heißt sie doch — richtig, Henrika, heißt sie — • ein ungewöhnlicher Name —" meinte Frau Gröning, sich nach und nach von dem gehabten Schrecken erholend. „Der Dampfer, mit dem sie die Überfahrt macht, ist also Ende dieser Woche in Hamburg fällig, und Hansemanns Freund, Herr Fred Delarue, wird sie hier bei uns abliefern.
„Delarue?" wiederholte Tante Liete, „die Familie ist sehr reich, sehr. Ob Hansemanns Freund ein Ver- wandter von den hiesigen Delarues ist?"
„Das ist doch ganz egal", warf Thea hin. Tante Liete geriet gar zu leicht ins Nebensächliche, darüber Nmrde sie, Thea, oft ungeduldig. Sie war die einzige, die sich rückhaltlos über die Nachricht aus Kanada freute. Sie gönnte ihrem Bruder alles Glück der Erde«
.„Hansemanns Verlobungsnachrtcht ist mein allerschönstes Geburtstagsgeschenk", jubelte sie, „ich nehme es ihm keine Spur übel, daß er seinen Glückwunsch für mich auch diesmal vergessen hat. Er bat selbstverständ- lich jetzt ganz andere Dinge im Kopf."
In llbersprudelnder Lebendigkeit umhalste Thea ihre Mutter: „Mach doch nicht solch ein todimgliicklichcs Gesicht. Muttchen", schmeichelte sie, „Sans hat sich ganz gewiß eine sehr, sehr hübsche und reizende, gute und kluge Braut ausgesucht."
„Hoffentlich hat sie auch Verniögen". schaltete Tante Liete ein.
Frau Hannchen fand nun auch ihre Fassung voll- kommen wieder. Sie schämte sich ein bißchen. Es war herzlos und egoistisch von ihr gewesen, m den ersten Augenblicken so enttäuscht zu sein und dem Bruder, der doch drüben in Kanada ein schweres, anstrengendes Arbeitsdasein führte, das Lebensglück, das er, wo die erste Jugend längst hinter ihm lag. gefunden hatte, nicht zu gönnen. Doch — entschuldigte sie sich vor sich selber — sie konnte eben nichts dafür, daß sie in erster Linie immer nur cixi ihren Mann und rhre beiden Kinder dachte. Dann erst kamen bei ihr alle anderen. Es war ja auch ganz recht und natürlich so, daß die drei ihr am meisten am Herzen lagen. Bruder Hans war Kurtchens Taufpate - sie batte sich unwillkürlich m den Gedanken hineingelebt, daß ihr ältester Sohn dereinst der Haupterbe seines Onkels fern wurde. Ob Hans C'öning reich war oder sich wenigstens auf dem besten Wege dazu befand, es zu werden, das wußten die
