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Wiesbadener Tag

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Donnerstag» 15. Juni 1916.

Morgen- Ausgabe.

Nr. 275. . 64. Jahrgang.

Die weiteren Angriffe der Ruffen überall abgeschlagen.

Die zurückflutenden russischen Massen von der eigenen Artillerie beschossen.

Österreichisch-ungarischer Tagesbericht.

W. T.-B. Wien, 14. Juni. (Nichtamtlich.) Amtlich verlautet vom 14. Juni, mittags:

Russischer Kriegsschauplatz.

Südlich von Bojan und nördlich von Tschernowitz wurden russische Angriffe abgeschlagen.

Sonst südlich des Pripiatj bei unveränderter Lage keine besonderen Ereignisse.

Nördlich von Branowiczi standen gestern vormittag deutsche und österreichisch-ungarische Truppen unter schwerstem Geschützseuer. Abends griff der Feind die Stellungen an, wurde aber überall restlos geworfen. Zuletzt feuerte die gegnerische Artillerie in die zuruck- flutenden russischen Massen.

Italienischer Kriegsschauplatz.

Die Lage ist unverändert.

Unsere Seeflugzeuge griffen neuerdings den Bahn- bof und militärische Anlage« in San Georgio dl Nagaro sowie den Jnnenhafcn von Grado an.

Südöstlicher Kriegsschauplatz.

Unverändert ruhig.

Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabs: v. Höf er, Feldmarschalleutnant.

Dar erschütterte Großbritannien.

Keine englische Verdrehungskunst kann dm welt­geschichtliche Tatsache erschüttern, daß unser -Lieg m der Nordsee die Grundlagen der britischen Welt- bcrrschaft rns Wanken gebracht hat. Wenn die stärkste Flotte der Welt einmal geschlagen werden konnte, so kann sie auch wieder geschlagen werden; wir haben gezeigt, daß wir dazu imstande sind, und wir sind voll Lust, diese Kunst auch fernerhin zu üben. Es ist uns eine große Befriedigung, wieder einmal feststellen zu können, daß das Verständnis für unsere Lage und sur den Zwang, den sie — nran kann sagen, wohltanger- weise — aus uns ausübt. in den breiten Massen unseres Volkes von Tag zu Tag wächst. Wir können den Krieg oegen unseren Hauptsetnd wirksam nur sichren, wenn alle Schichten und alle Parteien wissen, um welche aroßen Dinge es geht. Darum ist cs von nicht zu überbietender Wichtigkeit, wenn die deutsche Sozial­demokratie im Begriff ist, den Kern dieses Problems zu erfassen. Die Rede, die Dr. Len sch am 7. Juni im großen Saale der Berliner Philharmonie tür eine kraftvolle deutsche Kolonialpolitik ge­balten hat, ist ja nicht das einzige Zeugnis zunehmen, oer Erkenntnis; auch Quessel, auch ^wippet, Wolsgang Heine und viele andere Genossen haben oft genug schon in Wort und Schrift ausgesprochen, daß wir als W i r t : ch a s t s m a ch t nicht von E n g l a n d s Gnade abhängen dürfen, daß wir aus unseren allzu engen Grenzen in die weite Welt hinaus müssen, wenn wir nicht versumpfen und verderben wollen. Ein prachtvolles Zeugnis nun aber von dem Geiste, m welchem denkende Genossen unser Verhältnis zu Eng­land auffassen, liefert soeben Karl Leuthner m einem Aufsatz in den „Sozialistischen Monatsheften , dem wir eine möglichst umfangreiche Verbreitung wun- schen möchten. Jedes Wort in Leuthners Darstellung sitzt an der richtigen Stelle, diesen Aufsatz hätte Strese- , mann oder Friedrich Naumann oder auch Graf Reventlow ganz ebenso schreiben können; er hat nichts von parteipolitischer Befangenheit an sich. Weltmacht, Weltgeltung, Weltbetätigung und Weltstellung der Angelsachsen und Englands sind nicht das, wogegen sich unsere Waffen kehren. Es entspricht unklaren Den­ken, wenn auf sie hingedeutet wird als aus unerreich­bare Kricgsziele, und als ob deshalb der Krieg mit England Unmögliches erstrebe. Er gilt einem allem: der englischen Weltherrschaft. Und diese stützt sich auf die V o r m a ch t oder besser A l l g e w a l t z u r See. Wohl acht sie auch über diese Grundlage hin- aus. Die Staaten, die wir im Gefolge Englands als dessen Vasallen erblicken, wie etwa Portugal, Argen­tinien oder Italien, erfahren noch andere Bceinflussun- gen, als sich aus einer offenliegenden, leicht angreif- baren Küste ergeben. Argentinien ist eingesponnen rn das Netz britischer Anleihen, Italien abhängig von ' englischer Kohlen zufuhr. Zuletzt ist es aber doch die FI o t t e, die den englischen Machtwillen an jedes Ufer jedes Landes trägt. Darum steigt der Einfluß Groß- britanniens aus Anen neutralen Staat mit dessen Auf­

geschlossenheit gegen die See, mit dessen Seeinteressen und Kolonialbesitz. Der große Enthüller der Machtver­hältnisse, der Krieg, hat uns die tieferen Zusammen­hänge aufgedeckt. Mochte man in den harmlosen Tagen des Friedens behaupten, die Dampfschifsahrt habe alle Wege zur See ungeahnt verkürzt, dadurch die Vorzüge der ozeanischen Lage Englands aufgehoben und die deutschen Nordseehäsen wettbewerbsfähig ge- inacht. Deutschland hat jetzt erfahren, daß dies alles nur Schein war. Seine durch den K a n a l gehenden Schiffahrtslinien wie seine K a b e l st r ä n g e waren vom ersten Tag des Krieges abgeschnitten, die Nordsee, sonst ein heftig durchpulster Herzpunkt des Verkehrs, ist jetzt ein zugeschnürter Sack, Noch gibt es Kabel, aber nur für England, und um dessen Denken über Deutschland zum Meinen aller Welt zu machen, und das freie Reich der Amphitrite muß sich an jeder Enge, an jedem Auslaß von dem englischen Torwart beauf­sichtigen lassen. Deutschen Seehandel, dewi­sche Kolonien gab es also bisher bloß von Eng­lands Gnaden. Das ist es, worüber die Deutschen nlit den Waffen rechten. Auch ihr Krieg mit England hat keinerlei phantastische Macht- und Eroberungsziele. Er gilt dem nackten Leben, dem Recht, zur See zu fahren, Handel zu treiben, mit den eigenen Handels­niederlassungen in Verbindung zu bleiben, alles, ohne daß fremde Willkür zerstörend dazwischenfahren kann. Der deutsche Seekrieg ist gleich dem Landkrieg em Krieg ums Dasein. Und er hat in seiner Art be- deutende Erfolge auszuweisen. Man mache sich einmal klar, wie sehr die Wirkung und Geltung einer so un­geheuren Übermacht, wie sie die englische Flotte, noch dazu verstärkt um die französische, darstellte, im Lauf dieses Krieges e i n g e s ch r u m p f t ist. Die eng- lische Regierung rühmt sich der Abschließung aller See­wege. Doch daran hat die Blockadelinie, die die eng­lische Küste selbst gegen die Nordsee bildet, den Haupt­anteil. Ohne die bundesfreundliche Geographie wäre England außerstande, die deutsche Flotte zu versiegeln; das erhärtet die Leistung der „Möve". das erhärten auch andere Tatsachen zur Genüge. Einige Jahre vor dem Krieg schon schrieb eine der angesehensten englischen Zeitschriften: „Hamburg, Bremen, der Kaiser Wilhelm- Kanal und die baltischen Häsen würden unter unseren Kanonen liegen, bis die Kriegsentschädigung gezahlt wird." Das war nicht die Redensart eines unwissenden Jingos. Auch in den Marinefach­kreisen Englands überwog vor dem Krieg die An­schauung, es werde möglich sein, die deutsche Flotte mit einem Schlag zu erledigen und dann die deut­schen Häfen nach Belieben mit Vernichtung zu tref­fen. Und was die baltischen Häfen anlangt, so vergesse man nicht, daß Rußland, besorgt wegen einer aus der deutschen Flotte fußenden Offensive in den Ost- seeprovinzen, gegen diese drohende Möglichkeit in der Marinekonvention mit England Hilfe suchte. So weit entfernten sich die Ansichten selbst der , Fach- lcute von dem, was der Krieg als tatsächlich möglich er­wiesen hat. Als der Krieg nun toirklich kam, hatte wohl die englischeAdtniralität bereits dem deutschen Risiko- gedanken in ihren Plänen und Erwägungen den geziemenden Raum gewährt. Statt des überwältigen- den Angriffs der Großkampfschisse, die mit einem Stoß die deutsche Flotte zerschmettern sollten, wurde die hin­haltende Kriegführung gewählt, die Versiegelung der Nordsee, wobei die eigentlichen Kampfschifse als Flotte m den Häfen durch sern hinwirkenden Druck den Gegner zu Verzweiflungstaten treiben sollten. Denn so war es natürlich nicht gemeint, daß inan all den schönen und sündteuren Fürchtenichtsen ein beschauliches Ruhe- dasein von zweijähriger Dauer von vornherein zuge­dacht hätte. Man rechnete mit einem Hervorbrechen der deutschen Flotte, die, von einer Strategie der Not und Verzagnis getrieben, gegen die Blockadekette anstürmen werde, um donn aus ungünstigem Kampf- feld, in den englischen Gewässern selbst, von der briti- schen Übermacht ihr Tschusima zu erleiden. Man muß sich stets diese, beinahe schon vergessenen, weil von den Ereignissen gänzlich zur Seite geschobenen Voraus- setzungen vor Augen halten, mrt denen die britische Flotte in den Kampf eintrat, um die Leistungen der deutschen Abwehr gerecht abzuschätzen. Der Aufsatz Leuthners ist natürlich v o r der Seeschlacht in der Nord­see geschrieben; um so bedeutsamer ist er. Um so ein­drucksvoller aber ist namentlich der Schluß dieser schönen Darstellung, von der wir leider nur einen Teil hier wiedergeben konnten. Leuthner schließt wie folgt: „Unter dem „Despoten des Weltmeers", um mit Marx zu reden, wankt der Boden. Und es naht die Zeit, da das erreicht werden wird, was von den H o l I a n d- kriegen bis in unsere Tage niemand vermochte, woran sich das größte militärische Genie wundrieb in vergeblicher Anstrengung; die gekettete Mensch­heit dm oer drückend st en und allgemein­st c n Knechtschaft zu befreien, von der britischen Seeherrschaf t."

Oer Nrieg gegen England.

Die englischen Verlustlisten.

Sr. Rotterdam, 14. Juni. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Die englischen Verlustlisten vom 10. bis 13. Juni erwähnen 81 Offiziere als gefallen, 230 als verwundet oder vermißt. Außerdem werden 3956 Mann als gefallen, verwundet oder vermißt gemeldet. Die Admiralität gibt außerdem den Ver­lust von 500 Unteroffizieren und Mannschaften der Zerstörer „Harten", „Fortune", „Shark", „Sparrowhavk", „Tipperarry" und „Turbulent" bekannt; außerdem von 681 der „Hampshire".

Wechsel in der englischen Admiralität.

W. T.-B. London, 14. Juni. (Nichtamtlich. Drahtbericht.) Drei Admirale Sir George Egerton, Sir Frederic Jnglerfild und Sir Artur F a r q u h a r wurden auf ihren Wunsch pensioniert; dafür sind 4 Vizeadmirale, Sir Frederic Hamilton, Sir Cecil B u r n e y, Frederic P e l h a n und Sir Alexander B e t h e l l, zu Admiralen be­fördert worden.

Die wüste Deutschenhetze in London.

W. T.-B. London, 14. Juni. (Nichtamtlich. Drahtbericht.) Heute wird im Hydepark eine große Demon- stration stattsinden, um die Internierung aller in England lebenden Deutschen, einschließlich- der Naturalisierten, zu fordern; dasselbe forderte ein Geistlicher in den Hidlands bei einem Trauergottesdienst für Kitchener. Die Frage wird alsbald nach dem Wiederzusammentritt des Parlaments dort vorgebracht werden.

Zur Lage in Irland.

Die Haltung der Unionistcn Ulsters.

W. T.-B. London, 14. Juni. (Nichtamtlich. Drahtbericht.) Die Unionisten von Ulster haben, wie gemeldet, Eduard Carson bevollmächtigt, die Verhandlungen mit den Home­rulern fortzusetzen. Die Resolution betont: 1. daß die

Unionisten jede Verantwortung für die Ein­setzung einer Homerule-Regierung ableh­nen. Sie erklären sich jedoch zu Opfern bereit, da das Kabi­nett die Maßregel für notwendig halte, um das britische Reich zu stärken und den Krieg zu gewinnen. Die Unionisten Ulsters behalten sich aber vor, allen Einfluß und alle Kraft der Sache der von Homerule cmgeschlossenen Grafschaften zu benutzen, um die Unionisten in den drei abgetrennten Graf­schaften Cavau, Monaghan und Donegal vor Ungerechtigkeit und Bedrückungen von seiten des irische« Parlaments und der irischen Regierung zu schützen. Die Resolution schließt mit der Erklärung, daß, wenn die Verhandlungen zu nichts füh­ren sollten, die Unionisten Ulsters sich die volle Freiheit des Handelns bewahren und künftig die Homcrulepolitik bekämpfen.

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Die amerttunischc Protestnote gegen den Postraub an den Vierverband.

W. T.-B. Berlin, 14. Juni. (Nichtamtlich.) Die von der Regierung der Bereinigten Staaten von Amerika an die englische und französische Regierung in Sachen der Beschlagnahme der Post gerichtete Note ist bisher in ihrem Wortlaut wohl in der amerikanischen, bezeichnenderweise aber nicht in der englischen und französischen Presse veröffentlich: worden. Die Note, die den englischen und französischen Bot­schaftern in Waftiington am 24. Mai d. I. übergeben worden ist, führt u. a. folgendes aus: „Wie das englisch-französische Memorandum besagt, hat Deutschland selbst im jetzigen Kriege davon abgesehen, der neu­tralen Post Schwierigkeiten zu bereiten, und zwar sogar in den Fällen, in denen sich die Post an Bord von Schiffen der kriegführenden Mächte befand. Ein Beispiel hierfür bildet der Fall des französischen Dampfers „Floride", der durch den Hilfskreuzer „Prinz Eitel Friedrich' gekapert worden war, ein Fall, den die englische und franzö­sische Regierung zur Begründung ihrer Darlegungen über die Paketpost benutzt haben. In diesem Fall wurden die 144 Säcke Briefpost der Floride" vom Kommandanten des Hilfskreuzers bei der ersten sich bietenden Gelegenheit an ihre Bestimmung weitergeleitet. Es scheint deshalb über- zeugend nachgewiesen zu sein, daß die Belästigungen de? Postdienftes, über die sich diese Regierung nrit Recht beklagt, in ihrer Begründung und ir. ihrer Ausführung ein Unrecht darstellen. Die von der englischen und französi­schen Regierung willkürlich angewandten Methoden haben die schwersten Schädigungen für Bürger der Vereinigten Staaten zur Folge gehabt. Wichtige Schriftstücke, vou welchen nur mit großer Mühe eine zweite Ausfertigung hergeftellt werden kann, z. B. ameri­kanische Patente für Erfindungen, seltene Urkunden, gericht­liche Papiere in Nachlaßsachen, Vollmachten, Feuerversichc- rungsansprüche, statistische Aufstellungen und ähnliche Urkun­den sind aufgehalten worden. Verzögerungen in Empfang von Verschisfungsdokumenien haben große Verluste und Be­nachteiligungen herbeigeführt, indem sie die rechtzeitige Aus­lieferung von Ware« verhinderten. Die Note schließt: In Anbetracht der unzulässigen Methoden, die die englischen und französischen Behörden anwenden, indem sie Postsendungen, die zwischen den Vereinigten Staaten und anderen neutralen Ländern sowie zwischen den Vereinigten Staaten und den