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ü e==-=» i Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblatts. >-' ^ — ■)

Nr. 137. Mittwoch, 14. 3unL 1916.

lSchluk.»

Die Geschichte einer Zrau.

Roman aus dem russischen Großstadtleben.

'(Nachdruck verboten.)

Bon Hans Becker (Wiesbaden).

Dann gleich wieder in leichterem fröhlicherem Ton:

„Wann erlaubst du mir aufzustehen, wann kann ich ausgehen — ich brenne jetzt schon darauf, alles in meiner Wohnung zu ordnen, einpacken zu lassen, was ich mitzunehmen denke — wann gehen wir fort?"

Sergei muhte über ihren Eifer lächeln:

„Also eins nach dem anderen: Aufstehen kannst du in einigen Tagen, ausgehen nächste Woche und reisen wollen wir in ungefähr einem Monat. So lange mußt du dich schon gedulden."

über Veras Züge glitt ein Schatten:

„So lange noch?"

Wenn es nach rhr gegangen, wäre sie am liebsten gleich aufgestanden, nach Hause gefahren und hätte alles fertig gemacht. Dr< Stadt kam ihr verhaßt vor, nur fort von hier, sich nicht mehr sehen lassen, keinen niehr sehen.

Keinen mehr sehen —

Das blieb haften, beschäftigte ihre Gedanken, als der Bruder gegangen war und sie wieder allein lag.

Sie hatte sich zur Wand gekehrt und die Augen ge­schlossen, aber schlafen konnte sie nicht, ihre Gedanken waren wach, Bilder, immer neue Bilder zogen an ihr vorüber.

Sie sah sich mit Sergei im Vestibül des Theaters — das Leben an der Seite ihres Mannes durchlebte sie noch einmal, die Feste, wie man sie umschwarmt, ge­leiert, doch das Glanzvolle verschwand, trübe Er- Meinungen kamen. Ihr Mann auf dem Totenbette und weiter in schneller Folge — der General, sein Tod — wie nach und nach die Hoffnung, daß er für ihre Zukunft gesorgt, geschwunden war, wie sie hatte ar­beiten, sich quälen müssen — dann ihr Zusammenleben mit Boris — wie sie erst von neuem alle Freuden des Lebens ausgekojtet, dann nach und nach die Reue ge­kommen war, sie sich unzufrieden gefühlt, nicht mehr zu- rückstehen gewollt hinter den anderen Frauen, die sie mit verächtlichen Blicken angesehen. Dann weiter — der Brief der Haushälterin, die letzte Szene mit Boris, ihre Verwundung. Letzteres schon undeutlich, versank wie im Nebel, ihr« Gedanken waren ermüdet, nur noch eins blieb zurück: sie wiirde fortgehen von hier, weit fort, in Ruhe leben können, mit dem Bruder, der Mutter, nicht mehr kämpfen, sich sorgen müssen — Er­lösung — —

Als die Mutter nach einer halben Stunde ins Zimmer kam, um zu fragen, ob Vera eine Tasse Tee trinken wolle, fand sie sie schlafend. Einige Minuten blieb sie am Bette stehen, horchte den ruhigen, regel- pläßigen Atemzügen der Genesenden nach, dann hob sie die Hand, machte über der Stirn der Schlummernden das Zeichen des Kreuzes und verließ leise das Zimmer. * * *

In den sonst so sorgsam gepflegten Räumen der Wohnung Veras herrschte ivirres Durcheinander. Möbel­stücke, Kisten, Teppiche lagen und standen umher, da­zwischen Haufen von Papier, Stricken und Nägel, und

eine Schar Arbeiter stampfte mit schweren, wuchtigen Schritten das entblößte Parkett, fühlre sich hier wie Herren, wie Eroberer.

Ab und zu tauchte unter ihnen VeraS hohe schlanke Gestalt auf. Ein Befehl hier, ein Zornesruf dort, wenn sie sah, wie plumpe Hände achtlos kostbare Gegen­stände angriffen, dann stand sie nnnutenlang schwelgend mit einer Vase, einem Bild in der Hand, sah versonnen darauf nieder, suchte sich zu erinnern, woher das stamme, ob sie das selbst gekault, ob es ein Geschenk von Boris war, bei welcher Gelegenheit, bei welchem Anlaß. Schrak wieder auf, wehrte das von sich ab: Nur nicht Erinnerungen erwecken. Der Lärm um sie her war das, was sie brauchte. Herumlaufen, Befehle erteilen, sich ärgern, das lenkte ab, erstickte für eine Weile die Reue, die immer wieder herankroch, die Reue über ihren schnellen Entschluß, Mutter und Bruder zu begleiten, sich zu verbannen, fortzugehen von allen Hoffnungen, vom Leben.

Wie sie sich auch dagegen zu wehren suchte, immer wieder zischelte ihr eine Stimme zu: „Laß sie ohne dich ziehen, bleib hier, versuch nochmals, dir dein Leben zu gestalten. Du wirst unglücklich sein dort in der Ferne, die Liebe des Bruders, der Mutter, kann dir nicht er­setzen, was du entbehren mußt, das sind so gute, müde Ideen gewesen, während des Gesundwerdens, in der Wohligkeit nach der Krankheit entstanden, die halten nicht vor, nicht bei dir."

Mit Ungeduld hatte sie dem Tage entgegengesehen, an dem Sergei ihren Stubenarrest aufheben, sie wieder in ihre Wohnung zurückkehren könnte, mit aller Gewalt hatte es sie hierher gezogen, eine irrlichternde Hoffnung ihr vorgeschwebt, daß sie hier etwas erwarte: Etwa? anderes, Neues, das ihr den gefaßten Entschluß sortzu- gehen, entwinden, sie davon zurückreißen würde.

Doch Wochen waren vergangen, Wochen, in denen sic geharrt, sich gesehnt, die Hoffnung, die darin gipfelte, daß Boris zurückkommen würde, hatte sich nicht erfüllt.

Da war der Trotz in ihr aufgekommen, mit fieber­hafter Hast war sie an die Vorbereitungen zur Abreise gegangen.

Mochte er wegbleiben, es inar gut so, sie würde ihm ja doch nicht mehr gefolgt, nicht in ihre friihere Lage zu­rückgekehrt sein.

Warum hatte er sich noch um sie gekümmert, sich jeden Tag, als sie krank gelegen, nach ihr erkundigt, wie sie das vom Portier wußte, warum Orlowsky an­getrieben, alles zu tun, um ihr das Erbteil zu retten, wie ihr das der Advokat erzählt hatte, weshalb war das geschehen, wenn er trotzdem nicht kam, nichts von sich hören ließ, obgleich er doch wissen mußte, daß ihr< Aussicht auf Rettung der Erbschaft in Luft und Rauch aufgegangen war?

„Schändlich!"

Sie war so erbittert, daß sie keinen anderen Aus­druck fand, das gleiche Wort immer nur wiederholter , Schändlich, schändlich" — und trotzdem sprang sie auf,