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Verlag Langgaffe 21
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Mittwoch, 14. Juni 1916.
Hbenb* Ausgabe.
Nr. 274. . 64. Jahrgang.
Salandras Nachlatz.
Vom Kapitol bis zum Tarpejischen Felsen führte schon im alten Rom ein viel beschrittener Weg! Salandra lernt jetzt diesen Absturz in seiner ganzen Furchtbarkeit kennen. Erst ein Jahr ist vergangen, seit ihm die Massen, die er führen sollte, während sie ihn führten, zujubelten, und heute verurteilen ihn die Kriegshetzer wie die Kriegsgegner. Die Interventionisten, die Radikalen und die R e - f o r m s o z i a l i st e n B i s s o l- a t t i s, hatten sich mit den offiziellen Sozialisten zusammengetan, um das Kabinett zu stürzen. Nur 158 von den 508 Onorevoli fanden sich bereit, ihre Stimme für Salandra abzugeben, und auch diese taten es nicht, weil sie ihr Vertrauen zur Regierung ausdrücken wollten oder es gar batten, sondern vielmehr als Sorge davor, daß man ihnen Salandras Erbschaft aufhalsen werde. Das Be- lnerkenswerteste aber ist. daß mehr als einundeinhalb hundert Volksvertreter sich überhaupt bet der Abstimmung, die den Sturz des Kabinetts entschied, der Stimme enthielten. So zerfahren ist die Lage
in Italien, daß bei einer Frage, die entscheidend ist für das Wohl und Wehe des Landes, ein ganz erheblicher
Teil der Kammer, nämlich der größte Teil der Giolit taner, abseits blieb, wahrend diejenigen, die für das Kabinett stimmten, es nicht verteidigen wollten, und diejenigen, die es stürzten, offenbar selbst über dies Ergebnis bestürzt sind.
• So erklärt sich die vollkommene Verwirrung und Zerrüttung, die in Italien herrscht! Die Erben streiten sich nicht um Salandras Nachlaß, weil eine Partei der anderen nicht die Erbschaft gönnt, sondern sie hätten alle in> Grunde die größte Lust, eine Erb Verzicht- "Z^cklärung auszusprechen, weil die Passiven die Aktiven w^t überschreiten. Aber da ja das Kabinett Salandra notwendig eine Nachfolge haben muß, so muß eben irgend' Sin A u s w e g gefunden werden, muß eine neue Firma an Stelle der alten, der bankerotten, treten, denn man kann ja in diesem Falle nicht einfach liquidieren.
Wie aber soll dieser Ausweg gefunden werden? Daß diejenigen Parteien, die das Kabinett stürzten, eine neue Regierung bilden, erwies sich von vornherein als unmöglich, denn die interventionistischen Radikalen und Reformsozialisten können nicht gut mit den kriegsfeindlichen Sozialisten an einem Strang ziehen. Von vornherein mußte der Gedanke nusscheiden, etwa aus den Giolittanern und den Sozialisten eine Regierung zu bilden, die ihrer Natur nach eine kriegs feindliche gewesen wäre, oder wenigstens eine, die eine allmähliche Liguidatton der .Kriegsmasse anstreben würde, denn darüber darf man sich keinem Zweifel hingeben, daß der Sturz der Regierung nicht oder doch zum überwiegenden Teile nicht eine Verurteilung des Krieges, sondern lediglich ein scharfes Votum über die E r s o l g l o s i g k e i t des .Krieges bedeute.
Eben deshalb machten sich ja auch alsbald von fran- zöstscher und englischer Seite Stimmen bemerkbar, welche die Italiener bedeuteten, daß das Kabinett Salandra entweder als reformiertes zuriickkehre oder aber wenigstens der voni Standpunkt der Entente stubenreine Minister des Auswärtigen S o n n i n o in das neue Kabinett übernommen loerden muffe. Wie weit aber die Dinge in Italien bereits gediehen sind, geht daraus hervor, daß von einflußreichen römischen Blättern sogar B i s s o I a t t i als Ministerpräsident genannt werden kann und mit aller Entschiedenheit die Forderung ausgestellt wird, daß Bissolatti und noch niedrere andere Republikaner in das neue Ministerium ausgenommen werden müßten. Derselbe Bissolatti, dem Salandra, gedrängt von der Piazza, einen Platz in seinem Kabinett einräumen mußte, während dieser entschiedene Republikaner doch schon damals erklärt hatte, die Frage, ob Monarchie oder Republik, könne angesichts des Krieges nur vertagt werden.
In der Tat liegen die Dinge so, daß, selbst wenn das an die Person des 78 Jahre alten Exministers Paolo Boselli geknüpfte Derlegenheitskabinett zustande tommen sollte, doch der Einfluß der Republikaner, der revolutionären Sozialisten und der antimonarchisAen Freimaurer in der neuen Regierung aus alle Fälle wesentlich stärker sein wird. Es ist daher die lächerlichste Heuchelei wenn man angesichts der Sachlage von der Bildung eines großen nationalen Koalitionskabinetts faselt, welches dem heiligen Egoismus noch die heilige Einigkeit hinzufügen soll, während doch eben dieser in Wahrheit unheilige Egoismus eine solche heillose Verwirrung im ganzen Lande herbeigefiihrt hat, daß für die Bildung einer Koalition alles und alle fehlen.
Wie auch das neue Kabinett sich betiteln wird, so ist es ein Ü b e r g a n g s m i n i st e r i u m, das lediglich den Zweck verfolgen kann, Zeit zu gewinnen, damit die Lage sich unterdessen klärt, soweit eine solche Älarunu überchauvt möatich ist. Es war nur natürlich.
daß zu dem militärischen Bankerott, den dies Jahr Krieg für Italien bedeutete, sich der politische Bankerott gesellte. Daß Italien schon jetzt für die offizielle Kon turserklärung reif ist, muß indessen, wie gesagt, all unwahrscheinlich bezeichnet werden. Aber die unerbittliche Logik der Dinge treibt — das zeigt auch diese Kabinettskrisis, die einer Staatskrisis sehr ähnlich steht — unaufhaltsam zu diesem Endziel auf der ganzen Front von den Alpen bis — nach Rom. Die wanken den und stürzenden Kabinette im Vierver bandslager sind in letzter Linie doch Meilensteine auf deni Wege zuni Weltfrieden!
Die Lage noch ungeklärt. — Ein wilder Kampf um die Ministerstellen
Br -S' , 9 aoo, 14. Juni. (Eig. Drahtbericht. Zeus. Bln. Der König traf in Rom in Begleitung des General- adjutanten B r u s a t i ein, deffen Entlassung hiermit ebenso Lügen gestraft wird wie die angebliche Erkrankung des Königs. Sofortige lange Unterredungen mit Salandra und dem Parlamentspräsidenten ergaben das einmütige Bestimmen des Abgeordneten Paolo B o s e l l i zur Kabinettsbildung. Um die Ministerstellen wogt ein wilder Kampf, namentlich infolge des leidenschafüichen Feldzuges der übertriebenen Kriegshetzer zur Ausschließung der Giolittaner und der Katholiken. Doch waltet der Gedanke der, alle Gruppen mit Ausnahme der offiziellen Sozialdemokraten in das Kabinett einzubeziehen. Die Nennung einzelner Namen wäre durchaus verfrüht. Nur scheint für das Auswärtige Amt die Entscheidung zwischen Beibehaltung von S o n n i n o und der Berufung von Tittoni zu schwanken. Die technischen Kreise empfehlen die Bildung eines Muni- tions Ministeriums unter Führung des Erfinders der drahtlosen Telegraphie, Senators M a r c o n i. Die Presse ist einmütig der Ansicht, daß eine Lösung der Krise rasch erfolgen muß.
Bosellis erste Schritte zur Kabinettsbildung.
W. T.-B. Rom, 14. Juni. (Nichtamtlich. Agenzia Stefani.) Boselli hat gestern morgen Schritte zur Bildung des Kabinetts begonnen. Er hat im Laufe des Tages den Besuch einiger Politiker empfangen, die er zur Besprechung der Lage zu sich berief.
Eine wiederholte lange Audienz Bosellis * beim König.
W. T.-B. Bern, 14. Juni. (Nichtamtlich.) Wie der „Meffaggero" aus Rom meldet, empfing der König vorgestern abend abermals B o s e l l i in langer Audienz. Vorgestern abend sei Boselli mit keiner politischen Persönlichkeit zusam- mengekommen. Man versichere jedoch, daß er heute mit den Präsidenten der beiden Kammern und den wichtigsten politischen Persönlichkeiten, die sich in Rom befinden, Unterredungen haben werde, um alsdann dem König mitzuteilen, ob er die angebotene Würde annehmen wolle oder nicht.
Eintritt Bissolattis in das neue Kabinett.
IV. T.-B. Rom, 14. Juni. (Nichtamtlich. Drahtbericht. Agenzia Stefani.) Boselli hatte gestern Besprechungen mit niehreren Politikern, darunter auch Bissolatti und S o n n i n o. Das „Giornale d'Jtalia" glaubt zu wissen, daß Bissolatti sich bereit erklärt hat, in das neue Kabinett einzutleten.
Kundgebungen der Kriegspartei für das Kabinett Biffölatti.
Berlin, 13. Juni. (Zens. Bln.) Das „B. T." meldet aus Lugano: Ja Mailand fanden gestern Kundgebungen der Kriegspartei statt, die das Kabinett Bissolatti verlangt. Die Redner richteten offen Drohungen an den König, falls er nicht ein kriegsfreundliches Ministerium gründen werde. Im ganzen Lande treffen die revolutionären Klubs Anstalten für einen Aufftand, falls das neue Kabinett frie- densfreundlich wäre. Man hört vielfach Aufforderungen zum Sturz der Monarchie, wenn sich diese schwach erweisen sollte.
Wiederholte Kundgebungen der Kriegs- partriler in Mailand.
Sr. Lugano, 14. Juni. (Eig. Drchtbericht. Zeus. Bla.) In Mailand wiederholten gestern abend die Interventionisten ihre Demonstrationen in der Galeria Vittorio Emanuele mit den Rufen: „Wir wollen ein Ministerium Bissolatti!", „Es lebe Cadorna!" und auch „Es lebe Salandra!" Im Verlaufe der Kundgebung wurden 3 2 S o z i a l i st e n, welche aus den Fenstern ihres Bereinslokals die Demonstranten mit Flaschen, Gläsern und Tintenfässern bewarfen, verhaftet und mit Ketten geschlossen zur Hauptwache der Polizei ge- filhrt, aber nach Mitternacht wieder freigelaffen. Die Galeria wurde militärisch beseht. Der sozialistische „Avanti" bringt keinen Bericht über die Vorgänge, nachdem sein Bericht über die Vorgänge von vorgestern von der Zensur unterdrückt worden ist.
Schweizerische Erwartungen einer verschärften Kriegspolitik Italiens.
IV. T.-B. Bern, 13. Juni. (Nichtamtlich. Drahtbericht.) So weit sich die Schweizer Blätter mit der italienischen Kabinettskrise befaßt haben, erwarten sie ein st ä r k e r e s nach links orientiertes Ministerium und damit eine ver
schärfte Kriegspolitik. Die Sorge für einen Sieg der Alliierten wird der „Neuen Zürcher Ztg." zufolge mehr als bisher vor der Sorge für die Interessen Italiens sich den Vorrang erhalten. Nicht ausgeschlossen ist dabei, daß sich dies bereits auf >der Pariser W i r ts ch a ft s k o nf e - r e n z bemerkbar machen wird. Eine Schwenkung in der italienischen Haltung zu Montenegro und Serbien wäre für den Ausgang des Kriegs von noch größerer Bedeutung. Man entdeckt in den Ereignissen vom Samstag unschwer die Finger des französischen und englischen Botschafters in Rom.
Oer ttrieg gegen Rußland.
Graf Tisza über die russische Offensive in Galizen.
»r. Budapest, 14. Juni. (Eig. Drahibericht. Zens. Bl.l.) In einer Konferenz der nationalen Arbeiterpartei erklärte der Ministerpräsident Graf Tisza: Gerade in diesen Tagen, in denen das Abgeordnetenhaus neuerdings zusammentritt. wütet auf dem nordöstlichen Kriegsschauplatz eine Ri esensch lacht, in der es den Angreifern gelungen .ist, an einzelnen Teilen der Front gewiffe lokale Vorteile zu erreichen. Es soll dies um so weniger geleugnet weiden, weil wir uns selbst Aufricbtigkeit schulden und der Nation gegenüber zur Offenheit verpflichtet sind. Jene örtlichen Erfolge aber stehen den großen Ereignissen gegenüber, die seit Beginn des Krieges eingetreten sind und' die bei der Nation die größte männliche Entsckloffenheit gefunden haben. So weit man überhaupt mit menschlicher Voraussicht in die Zukunft blicken kann, kann man mit Sicherheit erklären, daß diese ganze Episode keinen wesentlichen Einfluß auf das Ergebnis dieses Krieges ausüben werde. Die Versammlung stimmte dein Ministerpräsidenten lebhaft zu.
Die Zwecke der neuen russischen Offensive.
Sr. Stockholm, 14. Juni. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Über die russische Offensive teilt der „Rjeffch" u. a. mit, daß sie mehrere Zwecke verfolge, zunächst den Italienern zu helfen. Man erwartete, durch diese Offensive österreichisch« Truppen von der italienischen Front nach Galizien zu ziehen; ferner beabsichtigt man damit, auf Rumänien einen Druck zu üben, das in der letzten Zeit sich offenbar den Mittelmächten genähert hat. Im Zusammenhang mit dieser Offensive wird man von Rumänien verlangen, es solle sich nun endlich entscheiden, ob es mit oder gegen die Alliierten zu gehen entschlossen sei. Schließlich will man auf die Balkanlage wirken, damit die Mittelmächte außerstande seien, nach dem Balkan Truppen zu schicken und damit Bulgarien die Aussicht auf Hilfe abgeschnitten wird. Die Offensive des Generals Bruffilioff werde verhindern, daß noch Truppen der Mittelmächte nach dem Balkan gehen.
Peinliche Wirkung des deutschen Eingreifens in die Offensive in Petersburg. .
Sr. Kopenhagen, 14. Juni. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Hiesige ruffische Kreise, die dauernd mit Petersburg in Verbindung stehen und si mit als wohlinformiert bezeichnet werden können, haben Nachrichten über die peinlich niederschlagende Wirkung, die in Petersburg durch die deutschen Gegenschritte gegen die russische Offensive erzeugt worden ist. Man spricht hiernach geradezu von einer deutschen Gegenoffensive. Allmählich beginnt mehr und mehr die Auffassung Platz zu greifen, daß die Angaben der russischen Obersten Heeresleitung über die Erfolge an der beffara- bischen Front nicht frei von Übertreibungen sind. Auf der anderen Seite vernrutet man, daß die russische Heeresleitung über gewisse Vorgänge in der Gegend von Pinsk alles verheimliche.
Wieder einmal völkerrechtswidrige Beschiesinng eines deutschen Dampfers auf neutralem Seegebiet.
IV. T.-B. Stockholm, 14. Jnm. (Nichtamtlich.) „Afton- bladet" meldet: Der deutsche Dampfer „Hollandia" wurde gestern auf dem Wege nach Lulea innerhalb der schwedischen Hoheitsgewässer von einem russischen oder englischen Unterseeboot beschossen. Der letzte Schuß fiel, als der Dampfer nur eine Minute von der schwedischen Küste entfernt war. Die „Hollandia" wurde jedoch nicht getroffen.
Oer Krieg gegen England.
Die geschwächte englische Flotte.
Interessante Folgerungen aus der Seeschlacht vor dem Skagerak.
IV. T.-B. Amsterdam, 14. Juni. (Nichtamtlich. Drahibericht.) Nach einer großen Anzahl von einlaufenden Meldungen hat die englische Admiralität die im Atlantische-n Ozean befindlichen Kriegsschiffe unverzüglich nach England zurückberufen. Außerdem haben die in den indischen Gewässern und im Mittelmeer befindlichen Kriegsschiffe Anweisung erhalten, die Hälfte der Besatzungen sofott nach
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