fl Der Roman, i
^ ■' Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts, r»-«i
Nr. 134.
Freitag. 9. Juni.
1916.
(28. Fortsetzung.)
Die Geschichte einer §rau.
Roman aus dem russischen Großstadtleben..
Von HanS Becker (Wiesbaden).
(Nachdruck verboten.)
Boris Stroganow war, als er damals Vera der- lassen, halb von Sinnen gewesen.
Etwas Neues, nie Gekanntes war in sein Leben getreten: Man hatte ihn einer unreinen Tat, eines Verbrechens verdächtigt, und die, die das getan, war die Frau, die er liebte.
Erst jetzt war ihni das zur vollen Erkenntnis gekommen, daß er sie ausrichtig geliebt hatte, um so mehr litt er unter dem Schmerz, den sie ihm zugesügt.
Eine Kluft dehnte sich zwischen ihr und ihm, unüberbrückbar, er schauderte bei dam Gedanken, daß sie auf Verzeihung von ihm hoffen, versnchen könnte, sich ihm zu nähern. Und doch fühlte er keinen Haß gegen sie, nur ein starkes Mitleid war in ihm erwacht, er glaubte sie bedauern zu müssen, daß sie ihn so wenig gekannt, unr ihn so gering einzuschätzen.
Erst als er zu Hause nochmals über alles nachzu- dcnken sich bemühte, wurde er ruhiger: Über dem Der- dacht an sich stand er erhaben, der konnte nicht an ihn heranreichen. Selbst wenn die Anzeige schon erstattet, es schien ihm das ganz unwesentlich, weil er sich in eine solche Situation überhaupt nicht hineindenken konnte: Er, Boris Stroganow, einer Unehrenhaftigkeit ange- klagt!? Das war einfach undenkbar, es trat auch nicht der leiseste Gedanke an ihn heran, Schritte zu tun, das von sich zu weisen, sein Stolz schon würde ihn davon ab- gehalten haben, immer nur quälte ihn die Erinne- rung an die Stunde, in der Vera ihm das Geständnis gemacht, quälte ihn unablässig und hatte aus dem sonst so lebensfrohen, leichtblütigen Menschen einen Grübler gemacht. Er sah sich vor ein Problem gestellt, dessen Losung über seine Kraft ging, der Gedanke daran würde andauern, ihn nicht mehr verlassen, er fühlte bas, fand nicht die Kraft, sich davon zu befreien.
Das war vorgestern, gestern so geblieben und mar- terte ihn noch heute. Er hatte sich beim Regiment krank melden lassen und sich in seiner Wohnung eingekapselt, es war ihm nicht möglich, unter Menschen zu gehen, sich unter den Kameraden zu zeigen.
Seinem Diener hatte er Befehl gegeben, niemand vorzulassen und dabei doch jedesmal aufgehorcht, wenn die Flurglocke ertönte und er sprechen hörte. Er wollte sich nicht eingestehen, daß er trotz allem und allem, trotz dem ersten Abscheu, den er empfunden, die Hoffnung hegte, daß Vera kommen würde.
Ob er ihr verzeihen könnte — schon schlich sich ein milderndes Denken ein, das Alleinsein, eine unter- dr-ückte Sehnsucht nach ihr peinigte ihn. Je mehr er die Einsamkeit empfand, mußte er zugestehen, daß das Verhältnis zu Vera die ernsthafteste Episode seines Lebens gewesen. Vielleicht, wenn er sie früher kennen gelernt, als Mädchen, oder ehe der Verstorbene die Hand nach ihr ausgestreckt, wäre diese Episode bestim- tnend für sein Leben geworden, vielleicht auch später noch, wenn die unglückliche Sache mit der Erbschaft Nicht vorgekommen. Immer wieder, wenn er sich recht herzhaft nach ihrer Gegenwart sehnte, trat ihm daS
letztere vor Augen, forderte ihn auf, sie, die sich seiner so wenig würdig gezeigt, zu vergessen, nicht mehr an sie zu denken.
In dieser Stimmung erreichte ihn ein Brief des Rechtsanwalts Orlowsky. Dieser schrieb, daß er bei ihm gewesen, von seinem Diener sedoch gehört habe, daß er krank sei und niemand empfangen tonne. Da die Sache, die er vorzutragen hätte, jedoch dringend sei, erlaube er sich, das schriftlrch zu tun. Dann folgte eine lange Auseinandersetzung der Erbschaftsgeschichte.
Boris glaubte erst nicht richtig gelesen zu haben: Mit dem Testament war also doch etwas geschehen, wenigstens teilweise zu Unrecht, der Haupterbe, Vera benachteiligt, betrogen, um eine halbe Million.
Daß er selbst ebenfalls bestohlen war, beachtete er kaum — in diesem Punkte waren ihm auch die Erklärungen und Schlußfolgerungen des Advokaten nicht recht faßbar, er verstand nur so viel, daß Vera mit ihrer Vermutung im Rechte, daß ihre Klage sich gar nicht gegen ihn richte, daß er im Gegenteil aufgefordert wurde, mit als Kläger aufzutreten, gemeinsam mit ihr.
Also war doch alles, was sie gesagt, was sie ihm gestehen zu müssen geglaubt, ganz anders, als sie und er das aufgefaßt — sie hatte ihn Wohl gar nicht im Verdacht gehabt, sich nicht auszudrücken verstanden, Wohl nur seine Verzeihung erbitten wollen, daß sie ohne ihn, hinter seinem Rücken, gehandelt.
Wieder versuchte er sich die letzte Stunde mit ihr ins Gedächtnis zurückzurufen, sich an ihre Worte zu er- rnnern, dabei beschönigend, vor sich ablengnend, was sie gesagt. Es half nichts, es blieb doch so, ihr erster Verdacht war gegen ihn gerichtet, sie hatte ihn der Tat für fähig gehalten. Wie sich das hinterher jetzt anders stellte, hatte wohl der Advokat herausgeklügelt rind in die richtigen Wege geleitet. Es änderte nichts an der Tatsache, daß sie fähig gewesen, ihm eine solch schwach- volle Handlung zuzutranen, jetzt mochte sie wohl bereuen. Er warf den Brief voll Ekel fort: Erbärmlich, nichts will ich damit zu schaffen haben, mögen der oder die Halunken, die gestohlen haben, ihren Raub behal- ten, ich will nichts davon wissen.
Dann wieder der Gedanke- Aber auch sie ist be- stöhlen, muß ich ihr nicht zur Seite stehen und sie schützen, daß sie das, was man ihr genommen, erhält, war nicht sein eigener Anteil an dem Nachlaß Zweifel- Haft, nicht mehr ganz rein?
Er griff von neuem nach dem Brief: „Eine halbe Million hat sie verloren — der Advokat schreibt, daß er sich von einem gemeinsamen Vorgehen, meinerseits und der Frau Vera Alexandrowna Lepeschowa, größeren Er- folg verspräche-"
Er bemühte sich ruhiger zu lesen, all das Fremde, Ungewohnte mußte er sich wiederholten, endlich wurde ihm die Sache verständlicher: Schufte — eine ganze Million batten sie sich erschwindelt, auch ihn bestohlen, aber er hatte den ganzen Rest erhalten, nur sie, die Ärmste, war leer ausgegangen, um all ihr Hoffen he-
