p
ß
g s
——
-t
ro 9
äi
——
«*
———
nt. 133.
Donnerstag. 8. Juni.
1916.
i --*i Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblattr. - !
Der Roman
>(27. Fortsetzung.)
Oie Geschichte einer Zrau.
Roman aus dem russischen Großstadtleben.
Von HanS Becker (Wiesbaden).
(Nachdruck verboten.)
„Also Peter Petrowitsch" — er hatte sich abgewandt und seinen früheren Platz wieder eingenommen — „also die Geschichte ist einfach die, daß mein Bureauvorsteher, toie sich jetzt herausstellt, das letzte Testament des General Pastuchow verloren hat und in meiner Abwesenheit, ich war gleich nach dem Tode des Generals nach Paris gereist, das frühere Testament in Kraft hat treten lassen. Als ich nach Petersburg zurllckkam, hat er davon geschwiegen, und ich war nicht wenig erstaunt, als ich durch den Rechtsanwalt Orlowsky vor einigen Wochen hörte, daß das Testament angezweifelt würde. Eine Witwe, mit der sich Pastuchow kurz vor seinem Tode verlobt haben soll — so viel ich mich erinnere, war im letzten Testament von einer Frau Lepeschowa die Rede, ist diejenige, die die ganze Geschichte aufgerührt hat — der Teufel weiß, woher sie von der Sache Wind bekommen — jedenfalls stehen wir, Sie und ick, nun als die Blamierten, wenn nicht noch als etwas Schlimmeres da. Ich als Notar, bei dem so etwas vorgekommen, Sie, als der Zeuge, der das Testament unterschrieben. So dachte ich mir" — Iwanow sprach jetzt ganz langsam, jedes Wort betonend —, „daß es das beste ist, wenn wir einniütig erklären, daß auf Befehl des Verstorbenen das zweite Testament noch vor dem Tode des Generals vernichtet wurde, denn sehen Sie, Peter Petrowitsch, was Hilst es uns, wenn man meinen Bureauvorsteher für den Schwindel bestraft, den armen Kerl,, der eine große Familie hat, wohl gar nach Sibirien schickt — an der Sache ändert das doch nichts, das Testament ist nun einmal fort, und, wie gesagt, der Vorfall ist für uns beide schlimm, kann mich mein Notariat und Ihnen Ihr Fortkommen zerstören. Also sagen Sie, Peter Petrowitsch. wie stellen Sie sich zu der Sache?"
Galachow schien sich, während der Notar sprach, von seinem Schrecken nach und nach erholt zu haben, denn statt, daß die Worte Iwanows ihn, wie es des Notars Absicht, noch mehr verwirrt hätten, hatte er im Gegenteil die Zeit, während er zuhörte, zur Überlegung benutzt. Das Resultat war ein vollständig anderes, als es Iwanow erwartet.
„Verzeihen Sie, Alfons Jwanowitsch, alles, was Sie mir erzählt, ist für Ihren Bureauchef und auch für Sie recht schlimm, das läßt sich nicht leugnen, aber ich begreife nicht, was ich damit zu tun habe. Ich habe das Testament für die Zeugin mitunterschrieben, kür die alte Wirtschafterin, die des Schreibens nicht kundig war, damit mühte doch aber auch die Sache für mich zu Ende sein. Ich bin weder zur Testanientseröffnung gerufen noch auch sonst befragt worden, außer vor einigen Tagen durch den Rechtsanwalt, dem ich die Wahrheit getagt. Was geht es mich an, was mit dem Testament geschehen, ich war doch nicht znm Hüter -desselben bestimmt — wie können Sie mich glauben machen wollen, daß man mich für die Geschichte verantwortlich machen kann. Wollen Sie Ihren Vureanvorsteher schützen, so steht Ihnen das frei, ich werde mich hüten, eine falsche
Aussage zu machen, erst dann würde ich zum Schuldi» gen werden und eine Sünde vor Gott und den Menschen begehen.
Ich gebe zu, daß mich die Sache erst erschreckt und erregt hat, jetzt aber, nachdenc Sie mir alles erklärt, bin ich ganz ruhig. Niemand kann mir etwas vocwerfen, niemand einen Verdacht gegen mich haben, ich habe mit der Sache nichts zu tun, und damit ich mich ganz davon befreie, iverde ich gleich morgen früh der heiligen Synode von dem Vorfall Kenntnis geben."
Der Notar sprang auf. Das hatte er doch nicht erwartet. Er hatte in dem Priester einen kindlich Glaubenden vermutet, der über Fragen der Kirche und Religion hinaus ein Unerfahrener, in weltlichen Dingen Unwissender sei, jetzt mußte er einsehen, wie sehr er sich geirrt: Daß er den Mann durch das vorerzählte Märchen zur Besinnung gebracht, ihn zum Verstehenden ge- niacht. Vielleicht glaubte er ihm kein Wort, hatte jetzt Verdacht gegen rhn selbst — die Haltung, die er so plötzlich angenommen, zeigte deutlich, daß er sich befreit kühlte, die durchdringenden Blicke, womit er ihn ansah, ließen erkennen, daß ein Verständnis in ihm aukge- twngen war. Das war ja nett — er kühlte ein Rieseln über seinen Rücken gehen, sah sich schon im grauen Kittel die Reise nach Sibirien antreten. Wenn nun auch sein letztes Wort versagte, mußte er sich anders au helfen suchen. Das wäre eine schöne Geschichte: Der elegante Lebemann, Alfons Jwanowitsch, in Sibirien, fern von Petersburg, vom Ballett, den schönen Frauen. Er suchte sich Mut zu machen, indem er in Gedanken scherzhafte Betrachtungen anstellte, dabei war ihnr ganz unheimlich, ein bitterer Geschniack lag auf seiner Zlinge: Wenn die Geschichte herauskam, war er verloren. Ein impertinenter Kerl, dieser Pope, er stand da vor ihm mit übereinandergeschlagenen Armen und sah auf ihn herunter, als wollte er im nächsten Augenblick einen langen Sermon anfangen und sein Gewissen aufrütteln: .Alfons Jwanowitsch. wenn hier gesündigt ist, retten Sie Ihr Seelenheil" — fast glaubte er schon die Worte zm hören._ Der Teufel mochte ihn holen, er würde sich schon allein mit seinem Seelenheil abfinden, wenn er nur erst den Hals unversehrt aus der Schlinge hätte. Also an avant — der letzte Vorstoß — wurde auch dieser abgeschlagen, dann blieb nur noch eine Hilfe: Schleunige „Auswanderung" — so schnell würden sie nicht hinter ihm her sein, daß er nicht iroch bis Paris käme, den Rest der Million dort verzehren könnte. Schlimmstenfalls über Finnland mit einem Boot, vielleicht aber auch direkt nnt dem Nord-Expreß, erste Klasse Schlasivagen, er wäre nicht der erste, der fortgekonimen, und einmal draußen, in Frankreich oder sonstwo, ließ man ihn schon in Ruhe, man machte nicht gern Aufsehen, sie hatten genug in: Lunde selbst zu tun, fingen schon an, überall herumzusuchen, in allen Verwaltun- gen, das würde thnen bald über den Kopf wachten, sie bedauerten gewiß schon, daß sie nrit den sogenannten Revisionen überhaupt angefangen. Das ganze Be,
