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Mittwoch, 7. Juni 1916.
Der Halfer übet den Seesleg im Skageral.
Eine Ansprache in Wilhelmshaven.
W. T.-B. Berlin, 7. Juni. (Amtlich.) Seine Majestät der Kaiser hat am 5. Juni in Wilhelmshaven von Bord des Flottenflaggschiffcs an die an Land angetretenen Abordnungen sämtlicher an der Seeschlacht beim Skagerak beteiligt gelvesenen Schiffe und Fahrzeuge etwa folgende Ansprache gehalten:
„So oft ich in den vergangenen Jahren meine Marine in Wilhelmshaven besucht habe, jedesmal habe ich mich in tiefster Seele gefreut über den Anblick der sich entwickelnden Flotte, des sich erweiternden Hafens. Mit Wohlgefallen ruhte mein Auge auf der jungen Mannschaft, die im Exerzierschuppen aufgestellt war, bereit, den Fahneneid zu leisten. Viele Tausende von euch haben dem obersten Kriegsherrn ins Auge geschaut, als sie den Eid leisteten. Ich habe euch aufmerksam gemacht auf eure Pflicht, auf eure Aufgabe, vor allen Dingen darauf, daß die deutsche Flotte, wenn es einmal zum Kriege kommen sollte, gegen eine gewaltige Übermacht zu kämpfen haben würde. Dieses Bewußtsein ist in der Flotte zur Tradition geworden, ebenso wie es im Heere gewesen ist, schon von Friedrichs des Großen Zeiten an: Preußen wie Deutschland sind stets umgeben gewesen von übermächtigen Feinden. Darum hat sich unser Volk zu einem Block zusammenschweißen müssen, der unendliche Kräfte in sich aufgespeichert hat, bereit, sie loszulassen, wenn Not an den Mann käme. Aber so gehobenen Herzens wie am heutigen Tage habe ich noch nie eine Fahrt zu euch gemacht. Jahrzehntelang hat sich die Mannschaft der deutschen Flotte aus allen deutschen Gauen zusammengesetzt und zusammengeschweißt in mühevoller Friebensarveit, immer mit dem einen Gedanken: Wenn es loSgeht, dann wollen wir zeigen, was wir können. Und es kam das große Jahr des Krieges. Neidische Feinde überfielen unser Vaterland. Heer und Flotte waren bereit. Aber sür die Flotte kam nun eine schwere Zeit der Entsag ung. Während das Heer in heißen Kämpfen gegen übermächtige Feinde allmählich die Gegner niederringen konnte, einen nach dem anderen, wartete und harrte die Flotte vergeblich auf den Kampf. Die vielfachen einzelnen Taten, die ihr be schieden waren, sprachen deutlich von dem Heldengeist, der sie beseelte. Aber so, wie sie es ersehnte, konnte sie sich doch nicht betätigen. Monate um Monate verstrichen. Große Erfolge auf dem Lande wurden errungen und noch immer hatte die Stunde für die Flotte nicht geschlagen. Ver- ' gebens wurde ein Vorschlag nach dem andern gemacht, wie man es nnfangen könne, den Gegner herauszubringen. Da endlich kam der Tag. Eine gewaltige Flotte des meecbeherrschenden Albion, das seit Trafalgar hundert Jahre lang über die ganze Welt den Bann der welkbeherrschenden Seetyrannei gelegt hatte, den Nimbus trug der
U n ü ü e r w i n d l i ch k e i t und U n b e s i e g b a r k e i t — da
kam sie heraus. Ihr Admiral war, wie kaum ein anderer, ein begeisterter Verehrer der deutschen Flotte gewesen. Ein tapferer Führer an der Spitze einer Flotte, die über ein vorzügliches Material und tapfere alte Seeleute verfügte — so kam die übermächtige englische Armada heran und die unsere stellte sich zum Kampf.
Und was geschah? Die englische Flotte wurde geschlagen. Der erste gewaltige Hammerschlag ist gtetan, der Nimbus der englischen Weltherrschaft geschwunden.
Wie ein elektrischer Funke ist die Nachricht durch di- Welt geeilt und hat überall, wo deutsche Herzen schlagen und auch in den Reihen unserer tapferen Verbündeten beispiellosen Jubel auSgelöst. Das ist der Erfolg der Schlacht in der Nordsee. Ein neues Kapitel in der Weltgeschichte ist von uns aufgeschlagen. Die deutsche Flotte ist imstande gewesen, die übermächtige englische Flotte zu schlagen. Der Herr der Heerscharen hat eure Arme gestählt, hat euch das Auge klar gehalten.
Ich aber stehe heute hier als euer oberster Kriegsherr, um tiefbewegten Herzens euch meinen Dank aus- zusprechen. Ich stehe hier als Vertreter und im Namen des Vaterlandes, um euch seinen Dank, und im Auftrag und im Namen meines Heeres, um euch den Gruß der Schwesterwaffe zu überbringen.
Jeder von euch hat seine Pflicht getan am Geschütz, mn Kessel, in der Funkenbude. Jeder hotte mir das große Ganze im Auge. R«mand dachte au sich, nur ein Be-
ftben&rftusgabe.
danke beseelte die ganze Flotte, es muß gelingen: der Feind muß geschlagen werden.
So spreche ich den Führern, dem Offizierkorps und den Mannschaften vollste Anerkennung und Donk aus. Gerade in diesen Tagen, woderFeindvorVerdun anfängt, langem zurückzuweichen und wo unsere Verbündeten die Italiener von Berg zu Berg verjagt haben und immer noch weiter zurückwerfen — habt ihr diese herrliche große Tat vollbracht. Auf alles war die Welt gefaßt, auf einen Sieg der. deuffchen Flotte über die englische nie und i i m m e r m e h r. Der Anfang ist gemacht. Dem Feind wird der Schreck in die Glieder fahren!
Kinder! Was ihr getan habt, das habt ihr getan 'ür unser Vaterland, damit es in alle Zukunft auf allen Meeren freie Bahn habe für seine Arbeit und seine Tatkraft. So ruft denn jetzt hier aus: Unser teueres geliebtes herrliches Vaterland Hurra! Hurra! Hurra!"
»
Die Verluste der Engländer.
W. T.-B. London, 7. Juni. (Nichtamtlich. Drahtbericht.) Amtliche Meldung: Die Verluste auf den in der Nordsee-
Schlacht nichtgesunkenen Schiffe betragen 161 Tote, i37 Verwundete und 5 Vermißte. ^
W T.-B Berlin, 7. Juni. (Amtlich. Drahtbericht.) Nach der Seeschlacht bei Skagerak sind von deutschen Seestrert- kräften eingebracht: Von der „Queen Mary 1 Fahnria),
1 Mann; von der „Jndefatigable" 2 Mann; vom ^TsPpe- rary" 7 Mann, davon 2 verwundet; vom „Nestor" 3 Offiziere,
2 Deckoffiziere, 75 Mann, davon 6 Mann verwundet; vom „Nomad" 4 Offiziere, 68 Mann, davon 1 Offizier und 16 Mann verwundet; vom „Turbulent" 14 Mann, alle verwundet. Diese insgesamt 175 Engländer wurden von unseren kleinen Kreuzern und von Torpedobooten gerettet.
Zum Untergang der „Warspite".
Br. Kiel, 7. Juni. (Eig. Drahtbericht. Zensi Bin.) Wie die „Kieler Neuesten Nachr." erfahren, hat das Linienschiff „König" im Kampf gegen das britische Großkampfschiff „Warspite" gestanden. Auf »König wurde beobachtet, daß infolge schwerer Treffer in dem Schiff eine ungeheure Explosion erfolgte, wonach .Warspite in kurzer Zeit gefunken ist.
Des Kaisers Dank für die Leistungen Krupps
W.T.-B. Esten (Ruhr). 6. Juni. (Nichtamtlich.) Der Kaiser hat an Herrn Krupp von Bohlen und Hat- kach folgendes Telegramm aus Wilhelmshaven gerichtet: „Unter dem Eindruck der mündlichen Berichte aus der Schlacht in der Nordsee stehend,, mochte ich Ihnen zum Ausdruck bringen, wie sehr wir dem vor- z'ü glichen Artillerie- und Panzermate- r i a I, im besonderen auch der vernichtend wirkenden Munition unsere Erfolge verdanken. So ist der Tag der Schlacht auch ein Ehrentag der Krupp- w e r k e. Wilhelm I. R."
Bulgarische Genugtuung über die englische Niederlage.
W. T.-B. Sofia. 6. Juni. (Nichtamtlich.) Anläßlich der Schlacht bei Skagerak schreibt das halbamtliche „Echo de Bul- garte" u a.: Die Schlacht ist der erste große Seesieg der Deutschen, die e r st e g r 0 ß e N i e d e r l a g e der Engländer. Das Dogma von der britischen U n b e s i e g b a r k e i t hat einen furcht- baren Schlag erhalten. Deutschland hat durch diesen der Geschichte angehörenden Sieg seine Macht zur See bewiesen, wie es durch seine zahllosen Siege auf dem F-stlande seine Unbesiegbarkeit zu Lande bewiesen hat. Ein Volk, das vor 40 Jahren als Seemacht noch nicht zählte, maß sich in g l ä n z e n d e r W e i s e mit der Königin der Meere, und zwar unter ungünstigen Bedingungen. Die Verlängerung des .Krieges macht die Rieder- läge des Feindes immer fühlbarer.
Der Untergang der englischen Panzerkreuzers „Hampshire".
Oer „Hampshire" torpediert.
Bisher nur einige Leichen geborgen.
W. T.-B. London, 6. Juni. (Nichtamtlich. Meldung des Reuterschen Bureaus.) Ter „Hanipshire" rst gestern abend 8 Uhr versenkt worden. Kitchencr und sein Stab waren an Bord. Die Sec war nm diese Zeit stürmisch. Zerstörer machten sich auf die Suche, auch die Küste wurde abgesucht. Bisher sind aber nur einige Leichen gefunden worden.
Zwei Unterseeboote bei den Orkney-Inseln.
Br. Berlin, 7. Juni. (Eig. Drahtbsricht. Zeus. Bln.) Bis zur Stunde sind weitere Einzelheiten über den Tod Lord Kitcheners und den Untergang des Panzerkreuzers „H a:u v s h i r e" nicht bekannt geworden. Der „Tagt. Rundsch." wird aus dem Haag gemeldet: Die „Central News" melden aus London: Ein- lausende Kriegsschiffe bestätigen die Anwesenheit von
Nr. 264. . 64. Jahrgang.
zwei Unterseebooten in der Nähe der Orkney-Inseln.
Infolge des herrschenden Sturmes konnte niemand gerettet werden. Sechs Leichen wurden geborgen. Mit Lord Kitchener befanden sich 2 2 , hohe Staats- olfiziere an Bord der „Hanipshire".
Die Ausgabe Kitcheuers in Rußland.
TV. T.-B. London, 6. Juni. (Nichtamtlich.) Arnt- liche Meldung: Lord Kitchener befand sich auf Einladung des Zaren und im Aufträge der britischen Regierung auf dem Wege nach Rußland, um Gelegenheit zu nehmen, wichtige militärische und finanzielle Fragen zu besprechen.
W. T.-B. London, 6. Juni. (Nichtamtlich. Meldung des Reuterschen Bureaus.) Anitliche Meldung: Kitchener hatte nur den ihm persönlich zugeteilten Stab mit sich, sowie einen Beamten des Auswärtigen Amtes und zwei Vertreter des Munitionsministeriums. — Das Rcutersche Bureau meldet weiter: Der Tod Kitcheners verursachte in den Kreisen der City große Sensation, hatte aber keine besonder Wirkung auf die Börse. — Der Baltivmarkt wurde beim Empfang der Nachricht sür den Rest des Tages geschlossen.
Lord Mtcheners Lebenslauf.
Der jetzt einem deutschen Torpedo zum Opser gefallene Lovd Kitchener hat eine glänzende militärische Laufbahn in Ägypten, Südaftika und Indien zurückgelegt. In Indien, wo er sechseinhalb Jahre als Höchftkommandierender tätig war, hat er sich hervorragende Verdienste mn die Neugestaltung des dortigen Hoereswesens erworben. Lord Kitchener hat die militärische Laufbahn schneller durchmessen als irgend ein anderer englischer Offizier im letzten halben Jahrhundert. Er ist in Ballylongsord (Irland) am 4. Juni 1850 geboren und im Jahre 1871 in das Regiment der Royal Engineers eingetreten. Er diente 1874 bis 1878 in Palästina, die nächsten vier Jahre auf Cypern, befehligte 1882 bis 1884 die ägvp- tische Kavallerie und machte in dieser Eigenschaft die Ml- Expedition von 1884/85 mit, nach deren Abschluß er zum Oberstleutnant ernannt wurde. Im darauffolgenden Jahre wurde er zum Gouverneur von S u a k i m ernannt. Als solcher begann er 1886 (und vollendete siegreich 1898) die Wiedererober ung des Sudans, der seit Gordons Tod von der zivilisierten Welt abgeschnitten war. Methodisch von der ägyptischen Südgrenze vorrückend, Eisenbahn und Kanonenboote Meile für Meile vorschiebend, im richtigen Moment zuschlagend (Dongola, Afbara, O m d u r m a n), erledigte er in drei Jahren eine Aufgabe, die kaum besondere strategische oder taktische Qualitäten, aber eine hohes Maß administrativer und staatsmännischer Begabung erforderte, zur höchsten Befriedigung seiner speziellen Auftraggeber (Lord Cromer) und des englischen Publikums. Es entsprach durchaus den Wünschen des letzteren, datz Kitchener Ende 1899, als Lord Roberts Generalstabschef, nach Südafrika geschickt wurde (seit November 1900 alleiniger Commander- in Chief), wo er wiederum gegenüber einer Ausgabe, die mindestens ebensosehr stavtsmännisch wie militärisch war, Gelegenheit fand, die in ihn gesetzten Erwartungen zu erfüllen. Unmittelbar nach Friedensschluß übernahm er das Kommando der indischen Armee, das er 7 Jahre (bis 1909: Ernennung zum Feldmarschall) inne hatte. Seine Reorganisationsarbeit wird von den bestberufenen Kritikern lebhaft gerühmt. Er stellte die Mobilisationsvorbereitungen auf eine neue Basis, in der alles auf den etwaigen Einmarsch einer ruffischen Armee in Afghanistan zugeschnitten ist, unter Zu- rückstellung weniger wichtiger Momente, speziell einer umfassenden Garnisonierung aller Teile eines nicht sonderlich loyalen Landes. In einem heftigen Zusammenstoß mit dem damaligen Brzekörrig, Lord Curz 0 n, setzte er die beinah unbeschränkte Unabhängigkeit des indischen Heeres von der Zivilgewalt durch. Nachdem sein Werk in Indien vollendet war, wurde er das, sicherlich unwillige, Objekt lebhafter Parteipolemik in England, da das regierende liberale Ministerium für Englands besten aktiven Soldaten nur die Stelle des Kommandanten im Mittclmeer ffei hatte, während die Konservativen auf seine Berufung an die Spitze des Heeres im Mutterland drängten. Er selbst weigerte sich, den Mittelmeer-Posten, den er anfänglich akzeptiert hatte und zu fruchtbaren Inspektionsreisen in Australien ausnuhte, endgültig zu übernehmen, das indische Vizekönigtum siel gleichfalls anderen Händen zu, und erst der Tod des ägyptischen Generalagenten Mitte 1911 machte ein Amt ffei, das seinen besonderen Talenten und Wünschen entsprach, und das er mit hervorragendem Erfolg verwaltet hat. Welche Rolle Kitchener dann im jetzigen Kriege gegen u n s gespielt hat, als einer der Hauptträger des rücksichtslosesten Vernichtungsgedankcns, ist zu bekannt, als daß cs darüber vieler Worte bedürfte. Der Verlust des jetzt von einem tragischen Geschicke ereilten Mannes für die Engländer ist sehr groß, denn das Vertrauen des englischen Publikums in ihn war unbegrenzt, er war eben der General Englands.
Eine Woche Trauer in der englischen Armee.
W.T.-B. London, 7. Juni. (Nichtamtlich. Drahtbericht.) Reuter meldet: Der König hat einen Armeebefehl erlassen» in dem die t i e f e T r a u e r über den Tod Kitcheners auSge« drückt wird und seine dem Staate in einer Zeit unvergleich» licher Schwierigkeiten geleisteten Dienste anerkannt worden
