Morgen-Neilage des Wiesbadener Tagblaltr.
Nr. 131. Dienstag. 6. Juni. _ 1916.
.25. Fortsetzung.) DtC Q)Of dtICt MaSdruck verboten.)
Roman auS dem russischen Grosistadtleben.
Von HanS Becker (Wiesbaden).
Der Notar horchte auf. Die letzten Worte Orlowskys schienen ihn zu beruhigen, er war von der Schwäche, die ihn vorher befallen, wieder hergestellt, erhob sich elastisch und meinte in seinem stets halb scherzenden Ton: . —
„Dann will ich Ihnen die Kopie nur gleich selbst suchen, daniit die Sache schnell erledigt wird, denn offen gestanden, Kyrill Platonowitsch, wäre es mir nicht angenehm, wenn gegen das Testament Einspruch erhoben würde, ich bin, wenn ich das so nennen darf, auch daran beteiligt — natürlich nicht als Erbe oder sonstwie mit einem Geldinteresse, aber laut Verfügung Pastuchows, meines langiährigen Freundes, war eine Summe bestimmt, die mir zur Verfügung gestellt lourde, womit ich Wünsche des Verstorbenen ausführen, Kirchen und Kapellen und so weiter bedenken sollte. Das ist nun alles geschehen, und es wäre doch verdrießlich, wenn die heiligen Männer, denen ich die Auszahlungen geleistet, hinterher Schikanen ausgesetzt würden. Ich meine nur insofern, als sie durch einen Prozeß belästigt würden, durch einen Prozeß, der nebenbei ganz aussichtslos sein muß, da, wie gesagt, das Testament unantastbar ist."
Es hatte ihm doch wohl Mühe gekostet, so viel hintereinander zu sprechen, denn anstatt die Kopie des Testaments zu holen, setzte er sich wieder und schien von neuem ermattet, vielleicht meldete sich nochmals die durchschwärmte Nacht bei ihm.
Orlowsky wartete einige Minuten, als Iwanow jedoch sitzen blieb, schweigend vor sich hinstarrte, glaubte er ihn an seine Anwesenheit erinnern zu dürfen:
„Nun, Alfons Jwanowitsch, kann ich heute noch —"
Der Notar fuhr aus seiner Träumerei auf:
„Natürlich, natürlich. Verehrtester, sofort — entschuldigen Sie — der Kopf ist mir doch noch ganz wüst, ich hatte einen Moment vergessen —"
Er erhob sich und ging nun wirklich ins • andere Zimmer.
Nach einer Viertelstunde etwas kam er zurück und iibergab dem Rechtsantvalt ein großes Kuvert: die Kopie des Testaments enthaltend.
„Bitte, Kyrill Platonowitsch, ich vertraue Ihnen das Papier an. Sie können es mitnehmen — morgen, übermorgen höre ich Wohl von Ihnen, was Sie beschlossen haben."
Nach dem Fortgang Orlowsky saß der Notar noch eine lange Zeit, schweigend vor sich hinblickend, erst als ihm ein Klient gemeldet wurde, riß er sich aus seinen Grübelein.
* * *
Eine Wocke war vergangen, Vera hatte von Orlowsky keine Nachricht erhalten, auch Boris war nicht wieder gekommen, hatte kein Lebenszeichen von sich gegeben. Vera hatte die Zeit in krankhafter Erregung verbracht: Von Tag zu Tag gewartet, gehofft — erst auf eine Botschaft Orloivskns — der mußte die Sacke doch geprüft und horausgefunden haben, daß sie in
ihrem Rechte sei, was zögerte er. ihr das Gluck zu verkünden, dann, als die Tage verstrichen, sie hoffnungsloser, zaghafter wurde, langsam die Furcht heranschlich, daß doch alles nur Wahn sein könnte auf Boris.
Noch uneingestanden vor sich selbst, ihre Sehnsucht verleugnend, war der Gedanke an Boris jetzt der überwiegende.
Zur Mutter war sie in dieser Zeit nicht gegangen, auch zu Sergei nicht. Bei der einen fand sie, das wußtt sie, für ihr Denken und Fühlen kein Verständnis — vor dem Wiedersehen mit deni anderen bangte ihr. So batte sie zu Hause gesessen und gewartet, hin- und her- gezerrt von ihren Gedanken. Ab und zu trat das Bild Boris' in den Hintergrund, das Verlangen nach dem Gelds, der Macht, die sie dadurch erhalten würde, wurde wieder stärker. Vielleicht, wenn Boris alles hergeben mußte, ihm nichts blieb, führte ihn das zu ihr zurück. So groß war ihr Glaube an das Geld daß sie sich einredete, er würde ihr dann alles verzeihen, sie könnte alle Schmach, die sie ihm angetan, ungeschehen machen.
Daß er selbst schuldig sei, glaubte sie nicht, das hatte ja auch Orlowsky gesagt, wenigstens angcdeutet, ein Dritter, ein Fremder mußte seine Hand im Spiele gehabt haben. Über das Wie und Warum gab sie sich keine Rechenschaft, das würde der Advokat schon heraus- ftnden, mußte es doch schon herausgefunden haben. Immer wieder kam sie darauf zurück: Warum ließ er sie warten?
Und zwischen diesen Gedanken von neuem die Zweifel: Es ist vielleicht doch nichts — und mit den
Zweifeln die Reue: Warum hast du das alles getan, du das Leben zerstört, hattest du nicht alles, was du ersehnt?
Nein, nicht alles — die Szene mit Karatajew stieg vor ihr auf: wie sie in dessen Augen dastand, erschien sie jedem, allen — mißachtet.
Was hatte doch Sergei gesagt — das hatte sie erweckt, ihr klar gemacht, was sie war. Vorher hatte sie das nicht so bedacht, nicht daran denken wollen, nur manchmal das Gefühl gehabt, daß der Boden unter ihr kein fester, sicherer sei, ein Wort, ein Blick sie versinken lassen könne. Trübe Stunden hatte sie sich damit bereitst, die sie mit Gewalt verscheuchen wollte, die aber immer zurückgekehrt waren, nicht weichen wollten. Wie eine Erlösung war ihr dann die Aussicht auf den plötzlich vor ihr auftauchenden Reichtum erschienen, mit fieberhafter Gier hatte ste danach greifen wollen, nur das Flimmern des Goldes vor sich gesehen, nichts anderes gedacht, kein Mitleid mit jenem gehabt, den sie für den Schuldigen gehalten, sich treiben lassen von ihrem Verlangen, bis dann langsam der Zweifel gekommen, die Furcht, daß alles nur Täuschung und sie nun auch il.-n, Boris, verlieren müßte.
Durch ihr Geständnis hatte sie sich retten wollen, die durch Orlowsky neu geschürte Hoffnung diesen Wunsch fast wieder erstickt, in der Einsamkeit, in der
