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Nr. 130,

1916,

Der Roman. jW

Morgen-Vellage des Wiesbadener Tagblattr. s

_ Sonntag, 4. Juni.

D

(24. Fortsetzung.)

Die Geschichte einer Zrau.

Roman auS dem russischen Grotzstadtleben.

(Nachdruck verboten.)

Bon Hans Becker

Orlowsky hatte sich wieder an den Schreibtisch ge­setzt, blieb eine Weile in Gedanken versunken davor sitzen.

Er überlegte, wie er die Sache anfassen sollte: Als Advokat hätte er einfach im Namen seiner Klientin das Testament angreisen können, doch das wollte er nicht, noch nicht, es trieb ihn, ehe diese Sache in die Öffent- Iichkelt gelangte, erst von sich aus Nachforschungen an­zustellen. _

Endlich erhob er sich, er schien zu einem Entschluß gekommen zu sein, und verließ seine Wohnung.

Seinem Diener hatte er im Herausgehen Befehl er- teilt, lhm seinen Wagen nachzuschicken — an der Ecke der großen Stallhofstraße solle ihn dieser erwarten — dann ging er langsam vom Alexandectheaterplatz, auf dem seine Wohnung lag. guer üuer den Newsky-Prospekt nach der dem Diener genannten Straße.

Vor einem der Häuser auf der linken Seite blieb er einen Augenblick stehen und betrachtete das am Ein­gang befindliche schwarze Glasschild. Mit goldenen Buchstaben stand darauf: „Alfons Jwanowitsch

Iwanow, Notar". — Orlowsky las den Namen ein-, zweiinal, als ob er ihm etwas Neues böte, er sich ihn einprägen müßre, dann stieg er die wenigen Stufen, die zum Bureau des Notars führten, herauf, den Portier, der sich verneigend §ur Seite getreten war, nicht be- achtend. Er schien immer noch in Gedanken versunken zu sein.

Im ersten Ziinmer deS Bureaus richtete er an einen schnell vor dem bekannten Anwalt aufspringenden Schreiber, der gerade damit beschäftigt war, Feder- Halter, Bleistift und Papiere fortzulegen, da der Schluß der Bureaustunden herannahte, die Frage, ob Alfons Jwanowitsch zu sprechen sei.

„Nein, der Herr Notar sei schon fort, speise jetzt bei Tonon, spater würde er Wohl mx Aquarium sein, er hätte beim Passieren des Zinimers eine derartige Äuße- rung zu einem Herrn, mit dem er zusammen fortge- gangen, gemacht."

Orlowsky trat wieder auf die Straße. Heiße mit Staub durchsetzte Luft des Sommerabends schlug ihm entgegen, er hatte das vorher in Gedanken nicht so be- merkt, jetzt fühlte er sich dadurch belästigt und sehnte sich, aus der Stadt herauszukommen.

Er wollte auf die Inseln, den Wagenkorso am Meer- busen eine Weile mitmachen, dann in einem Restau- rant dinieren, später auch das Aquarium besuchen.

Wo sollte man auch sonst jetzt im Sommer hin, halb Petersburg war wohl schon fort, auf Reisen, auf die Güter, wer noch zurückgeblieben, kam auf eine Stunde rn die französische Opererte im Aquarium. Dort fand nian Gesellschaft, konnte den Abend verbringen — und Alfons Jwanowitsch würde auch dort sein, er könnte mit ihm eine Stunde für den nächsten Tag verabreden.

An der Ecke der Straße fand er seinen Wagen, be- stieg diesen und gab dein Kutscher Befehl, auf die In- sein zu fahren.

(Wiesbaden).

Unterwegs gab es eine Stockung: in dem Gewirk der Gefährte, die den Inseln zustrebten, zeigten sich vier Männer, die einen langen Korb trugen, damit beim Ausbiegen vor den schnell dahinsausenden Equi­pagen fast zu Fall gekommen wären.

Die Kutscher schrien und schimpften, die Träger blieben die Antwort nicht schuldig, ein Schutzmann enft wirrte endlich den Knäuel, eS war wieder freie Bahn.

. Orlowsky hatte gleichgültig darüber hinweggesehen: ein Cholerakranker, den man ins Hospital oder in die Baracken trug, was künimerte ihn das.

Aus den Zeitungen wußte er, da seit einigen Tagen die bekannten Bulletins erschienen, daß die Cholera in Petersburg aufgetreten sei, das war nichts Neues, je­den Sommer hauste sie, einmal schwächer, einmal stär- ker, je nachdem es der Sanitätsbehörde gefiel, das an­zuerkennen — darum kümmerte man sich doch nicht, das war eine Krankheit des Volkes, der Armen, damit hat- ten die oberen Schichten nichts zu schaffen.

Das zeigte sich auch so recht auf dem Wagenkorso und später im Aquarium. Das Theater war bis auf den letzten Platz gefüllt, von einem heiteren, distinguieo ten Publikum, Orlowsky war zufrieden, daß er sich von Ernest, wo er gespeist, einen Platz telephonisch gesichert hatte.

Beim Betreten des Zuschauerraums blieb er einige Minuten an der Tür stehen und musterte das Publikum. Fast das gleiche Bild, wie es im Winter eine Ballett- Vorstellung im Marientheater bot — da wollte man immer behaupten, alle Welt fliehe im Sommer aus der Stadt.

Ein hoher Adel und ein hochverehrtes Publikum, dachte er lächelnd bei sich. Kostbare Sommertoiletten der Damen, Uniformen und Smoking bei den Herren, es gab doch also eine Menge Menschen, die noch nicht abgereist waren oder im Frühjahr in Nizza, Monaco, Cannes gewesen, jetzt hier die Rennsaison mitmachten, um dann später wieder zu verschwinden, auf die Güter, nach Paris oder von neuem an die Riviera. Auch einige Großfürsten saßen in den Logen nahe der Bühne; die Französinnen zogen doch noch imnier, trotz der halb- vergessenen Musik der „Schönen Helena". Und vorn auf der ersten Reihe, das Binocle vor die Augen ge­preßt, in atemloser Spannung den Wuchs der Helena anstarrend, Alfons Jwanowitsch Iwanow in tadellosem Abenddreß, eine weiße Gardenie im Knopfloch.

Orlowsky lächelte still vor sich hin. dann suchte er fernen Platz auf.

Im Zwischenakte traf er den Notar in Gesellschaft einiger Herren draußen im Garten, wo man während der Pause promenierte.

„Kyrill Platonowitsch, welches Ereignis. Wohl nur ^en Gerichtsferien zu verdanken, daß Sie eine stunde für die leichtgeschürzte Muse erübrigt haben" — dann sich zu seinen Begleitern wendend: „Die Herren gestatten", er nannte einige Namen, Orlowsky