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Der Roman.
b Morgen-Veilage des Wiesbadener Tagblatls. r° • . 1
nr. 129.
Samstag, 3. Iuni.
1916.
(23. Fortsetzung.)
Die Geschichte einer Zrau.
Roman aus dem russischen Grotzstadtleben.
Von Hans Becker (Wiesbaden).
Er konnte das ruhig sagen, hatte das in Fällen, in denen man ihm nicht gleich volles Vertrauen entgegenbrachte, oft genug getan — um so schneller erfuhr er, was er wissen wollte. Er beugte sich über seinen Schreibtisch und rückte an den darauf liegenden Papieren, schob das Blatt, auf dein er sich vorher kurze Notizen gemacht, beiseite und sah dann fragend zu Sergei hin, als ob er erwarte, daß dieser sich verabschieden solle.
Auch Sergei hatte sich erhoben, doch er ging nicht, er trat plötzlich nahe an den Advokaten heran und flüsternd, sich im Zimmer umsehend, als ob er fürchte, daß ihn jemand hören könne, sagte er:
„Meine Schwester ist die — Geliebte Stroganows, sie behauptet ganz klar zu sehen, aus ihren Beobachtungen von der Wahrheit überzeugt sein zu müssen."
Orlowsky zeigte nicht das geringste Erstaunen.
Lässig drehte er den Bleistift, den er vom Schreibtisch genommen, zwischen den Fingern, den Blick von Sergei adwendend, als wolle er dem jungen Mann Zeit gönnen, sich zu beruhigen, setzte er sich wieder. Erst nach einigen Minuten, m denen tiefes Schweigen herrschte, sergei immer noch dastand, mit gesenktem Kopf, in nicht zu unterdrückender Scheu, deni anderen, dem er das schmachvolle Bekenntnis abgelegt, ins Gesicht zu sehen, wandte er sich ihm wieder zu:
. »Ich will die Sache prüfen, vielleicht entschließe ich wich, aber ich muß bitten, daß Ihre Schwester herkommt, ich muß mit ihr selbst sprechen."
Dann Sergei die Hand reichend und ihn damit ver- abschiedend:
„V^anlassen Sie das, bitte — anr besten würde es"
— er sah schnell auf den Wandkalender — „morgen zwischen vier und fünf Uhr passen, ich werde mir die Stunde freihalten."
Am anderen Tage kam Vera. Doch sie kam nicht als Klägerin — als Verteidigerin, um ihre eigene Anklage ?•» vernichten, war sie erschienen, und ehe noch Orlowsky eme Frage an sie gerichtet, war sie schon mitten in ihrem Plaidoyer:
„Es darf nicht sein, ich nehme alles zurück", waren ibre ersten Worte, dann mit beschwörender, atemlose'- Hast — „es is, alles nicht wahr, nur deshalb bin ich gekommen, um Ihnen das zu sagen. Wahnsinn ist es von mir gewesen, so etwas zu glauben."
Orlowsky hatte sie sprechen lassen, dabei nur immer die Frau, deren Schönheit in ihrer Erregung noch wuchs, betrachtet — er machte sich seine eigenen Gedanken.
Er hatte am vergangenen Tage und auch am heutigen Morgen Ei kundlgungen eingezogen, ganz diskret, alwr noch Mit Eifer, denn nach der letzten Aussage Sergeis hatte der rfall angefangen, ein stärkeres Jnter- esse für ihn zu gewinnen, zudem es war eine Millionensache.
® 1 ' Zürnte Vera fast, daß sie widerrufen, von der Sache nichts wissen wollte.
^Nachdruck verboten.)
Er hatte auch schon die alte Wirtschafterin, deren Aufenthaltsort ihm Sergei während ihrer Unterredung genannt, durch einen seiner Schreiber in unauffälliger Welse Herbeirusen lassen, und neigte jetzt der Ansicht zu, daß etwas mit der Erbschaft nicht in Ordnung sei, um so mehr, nachdem er, ebenfalls von Sergei, erfahren hatte, in wessen Händen die Testamentsgeschichte sich befunden. Er kannte den Notar gut — den Lebeinann mit dem französischen Vornamen und dem echt russi- Aen Vaters- und Familiennamen: Alfons Jwanowitsch Iwanow — weiß Gott, wie der alte General dazil ge- kvmmen war, gerade diesem sein Vertrauen zu schenken — schon vor Jahren hatte es da einiual mit einer Geschichte gehapert, der schlaue Fuchs jedoch verstanden, herauszudrehen. Jetzt hatte er sich durch die Mllllonengeschlchte Wohl verblenden lassen und zuqe- griffen.
Orlowsky hatte über den Fall nachgedacht, sich auch schon halb und halb ein Bild gewacht, und nun kam die schone Frau und wollte ihm alles aiis den Händen nehmen.
Damit war er nicht einverstanden, das durfte nicht fern, zumal der Offizier, ihr Liebhaber, in seinen Koni- bMatronen nicht einmal in erster Reihe stand, er ihn nicht als den Hauptschuldigen, nur als Verführten ansah — es sich für ihn nur um den Notar handelte, wenn er auch noch nicht klarschen konnte, wie, auf welche Weise cm Betrug ausgesührt war. Er hatte nur erst die Überzeugung, daß ein Schwindel vorlag — vielleicht >var es sogar möglich, den Ofsizier ganz auszuschalten cder ihn als Betrogenen hinzustellen — das war dann schon Sache seiner Verteidiguiig.
. 51 ? i e & schwieg, ihre immer von neuem wie- derholteu Worte: „Es darf nicht sein, es darf nicht sein, er ist unschuldig verklungen ivaren, erhob sich Orlowsky und ergriff ihre Hand. Er durfte sich das schon gestatten, er war ern gereifter Mann, cs lag in seiner Weise, mit schönen Frauen umzngehen, etwas Väterliches.
, "^ch kitte gnädige Frau, vor allen Dingen setzen sie sich, wir wollen doch versrrchen, die Sache ganz ruhig zu besprechen. Sie haben starke Erregungen durchgemacht, das weiß ich von Ihren, Bruder. Sie sind auch wtzt erregt, da ist's doch leicht inöglich, daß Sie einen unter solchen Umständen schnell gefaßten Ent- sailuß — ich meine: die Rücknahinc Ihrer Anklage — spater bereuen. Es handelt sich doch um ein großes Der- mögen, das setzt nmn doch nicht so leicht aufs Spiel, be- denken Sie das.. Noch gestern waren Sie, ivie um Ihr ' fudei mitgeteilt, uberzeugt, daß man Sie — nennen >wr es — übervorteilt, heute treten Sie als Verteidige- rm dessen auf, den Sie gestern noch eines so schweren
erbrechens geziehen.
- --, v -- Wollen Sic sich mir nicht an-
Veitlauen, kann ich ^vhnen nicht raten — auch wenn nur die Sache dann fallen lassen. Vielleicht läßt es sich anders anfasse,i, wie Sie sich vorgestellt, vielleicht sind Sie auch mit Ihrer veränderten Aufsassung im Recht
