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Nr. 127.
Mittwoch» 31. Mai.
IMS.
(21. Fortsetzung.) CtttCT $^ÖU» (Nachdruck verbotcn.I
Roman aus dem russischen Großstadtleben.
Von Hans Becker (Wiesbaden).
Auch Serge: verließ das Zimmer und begab sich hin- unter zu Olga Petrowna.
Dort ließ er die Haushälterin rufen und sich von ihr wiederholen, was sie seiner Schwester geschrieben und der Dartakowa erzählt, und fast stand auch in ihm si?tzt die Überzeugung fest, baß eine Unterschlagung des Testaments vorlag. Aber wer mochte der Schuldige sein? Dem Notar allein konnte doch der Betrug keinen Vorteil bringen, Siroganow ahne den Notar nicht gebandelt haben, also mußten diese beiden zusammen bei der Sache beteiligt sem.
Und doch erschien es ihm immer von neuem unmöglich, daß der junge Offizier seine Hand dazu gereicht.
Er stellte ihn sich vor. so wie er ihn gekannt: lebensfroh, durch und durch Kavalier — nun sollte er plötzlich «um Verbrecher geworden sein. Besaß das Geld wirklich solche Macht?
Ein Ekel ergriff ihn, daß er sich da hineinmischen solle — aber er hatte der Schwester sein Wort gegeben, und wenn er hinging und ihr sagte: Gib mir mein
Wort zurück, ich kann nichts tun — was half es: Sie würde andere Hilfe suchen und finden, und gerade, was er verhindern wollte: daß sie selbst als Anklägerin anf- trat, würde geschahen.
Eine Frau, die ihren Geliebten der Unterschlagung anklogt — mit Fingern würde nvan auf sie weisen. Von ihr durfte die Anzeige nicht ausgehen, schon genug, wenn sic später als Zeugin auftretcn mußte — vor dem Schmählichsten wollte er sie bewahren.
Olga Petrowna stimmte ihm bei:
„Wer auch dir selbst halte dich zurück, übergib die Geschichte einen: Advokaten, geh zu Orlowsky, er ist zwar ein großer Spitzbube, aber du weißt, was er übernimmt, führt er auch durch."
Nach Olgas Mann fragte Sergei noch, ob der Hausarzt da gewesen fei. ui:d als Olga verneinte, wollte er nach ihm sahen. Olga riet ihm ab:
„Laß idas, Sergei, Hyppolit ist zu Bett gegangen, ich habe schon an den Doktor telephoniert, Hyppolit phantasiert stark, er fürchtet sich vor dir — bleib davon, du wirst in der nächsten Zeit Aufregung genug haben, wenigstens diese will ich dir ersparen."
In der Zwischenzeit war Vera in ihrer Wohnung angelangt. Unruhig ging sie in ihren Zimmern auf und ab: Wenn Sergei die Sache nun doch verdarb, ec würde zu vorsichtig, zu rücksichtsvoll sein, immer nur ihren Ruf, ihren Nonien schützen wollen. Wie Unverstand kam ihr das vor: Welche Frau würde in gleicher Lage nicht ebenso wie sie handeln. Begriff er denn nicht, was die Erbschaft für sie bedeutete, war er wirklich noch immer ein solcher Träumer, daß er den Wert des Geldes nicht zu schätzen verstand? Im Besitz von Millionen forderte sie d'ie ganze Welt heraus, niemand würde es wagen, ihren Ruf anzutasten. Sie wollte doch nur ihr Recht — verlachen würde man sie, wenn sie darauf nicht bestand, wenn sie so weiterlebte von der Gnade jenes, der sie beraubt.
Ihre Gedanken hielten bei ihn:, bei Boris. ES hatte sie -doch erschüttert, was Sergei gesagt — war es denn wirklich so: hatte sie nur die Sehnsucht nach Wohlleben zu ihm getrieben, liebte sie ihn wirklich nicht, oder hatte ihn doch geliebt, war ihre Liebe nicht nur untergogaugen, erdrückt durch den Gedanken, was c: ihr angetan?
Sie sann vor sich hin: Zuerst — ja, sie hatte ihn geliebt, in ihrer Weife, wie ihren verstorbenen Mann, aber — sie wollte nichts beschönigen, sich nicht besser machen, als sie war: die Hauptsache blieb doch der Abscheu vor dam armseligen Leben, das Verlangen, mittnn zu können, mit den anderen, den Reichen — was sie zu ihm geführt, und jetzt erloschen, was sie an Liebe gefühlt, sie wollte sich zwingen, nur noch ihren Feind in ihm zu scheu. Ohne weiter zu prüfen, wollte sie jene Worte, die ihr der Bruder zugerufen, von sich ab- wehren, und konnte doch nicht darüber hinweg: immer wieder trat ihr das Bild des schönen, fröhlichen Offiziers, der sie mit Liche, mit allem Luxus, den sie sich gewünscht, umgeben, vor Augen — gegen ihren Willen mußte sie sich vorstellen, welchem Schicksal sie ihn preisgab.
Heiß stieg es in ihr auf — gab es keinen anderen Ausweg, sollte sie nicht doch vorher mit Boris sprechen, ihm sagen, was sie wußte, ihm die Möglichkeit bieten, in friedlicher Weise, ohne ihn zil verderben, gubmachen zu können, was er gefehlt?
Aber er — wurde er gestehen, sich vor ihr erniedrigen — und sie, selbst, erschien das nicht viel schwerer, als wenn sie öffentlich ihre Sache verfocht, konnte denn nach allein noch eine Gemeinschaft zwischen ihnen sein, mußte sie ihn nicht verlieren — so oder so? War cS nicht auch schon zu spät — hatte Sergei nicht schon gehandelt, gab es denn jetzt noch ein Zurück?
Erschreckt fuhr sie auf — die Flurglocke hatte getönt — vielleicht war das Boris, er kam wohl, um sich nach ihrer Gesundheit zu erkundigen.
Sie fühlte, wie ihr alles Blilt zum Herzen strömte, horchte gespannt — ja er war es, sein Schritt, -das leise Klirren der -silbernen Sporen, ein kurzes Klopfen— sie wußte nicht, ob sie gerufen — die Tür wurde geöffnet, Boris trat ein.
Mit einem großen Strauß weißer Rosen, ihren LielblingMimrcm —- schön, glänzend, mit seinen fröhlichen, jungen Augen stand er vor ihr, schlug die Hacken zusanimen und sagte feierlich:
„Ich komme, meine Herrin zu begrüßen und mich nach ihrem Wohlbefinden zu erkundigen."
Wie er ihr die Blumen hinreichte, sah sie, daß ihr daraus etwas Blitzendes entgegenfunkelte, ein kostbares mit Sinäragden geschmücktes Armband. Der Kranz der grünen Edelsteine, eingebettet zwischen den mattweißen Rosen, gaben ein Bild, das erkennen ließ, mit welcher Sorgfalt das Geschenk aus-gewählt war. Zn jeder anderen Zeit würde sie Freiide darüber empfunden haben, heute blickte sie kaimn danach hin, hatte auch noch nicht
