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er Roman.

Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblattr. i-

Nr. 126.

Dienstag, 30. Mai.

1916.

(20. Fortsetzung.)

.Hören Sie, öie (Saint erlscheint wichtig genug, ich verstehe nicht, wie ich nicht gleich «daran gedacht, denn ich habe Sie tatsächlich sehnsüchtig erwartet, um Ihnen Mitteilung zu «machen: Es handelt sich um Ihre

Schwester?

Sie erzählte alles, was sie von der Wirtschafterin des verstorbenen Generals gehört, gespannt horchte Sergei, während das Interesse des Kranken nach und nach zu schwinden begann, als er hörte, um was es sich eigentlich handelte. Wenigstens schien das so, er hatte die Augen geschlossen und schien einzuschlaseu.

Nachdem Olga geendet, sah Sergei eine Weile ge­dankenvoll, dann fragte er:

„Und welche .Schlüsse ziehen Sie daraus, was haben Sie gedacht?"

Me Dartakowa bewegte langsam den Kopf:

„Sehr vieles und viel und doch ohne Resultat. Viöl- ileicht ist die ganze Sache nur ein Hirngespinst der alten Frau, vielleicht ist etwas Waihres daran — aber.wer soll «seine Hand dabet im Spiele gehabt haben."

Sergei erhob sich:

, „Es muß etwas Wahres daran sein, ich erinnere furch, was.mir Vera erzählt, was der General ihr .am «Lag vor seinem Lode gesagt, das stimmt mit «den War- «ton der Wirtschafterin, irgend etwas, etwas Ungesetz­liches ist geschehen — wenn ich nur wüßte —"

„Halben Sie nichts von Ihrer Schwester gchört, weiß Ihre Mutter nicht, nw sie ist?"

Sergei verneinte:

„Ich habe nichts gchört, wie ich Ihnen schon oft ge- «sagt, auch ob meine Mutter etwas weiß — ich glaube .«fast, trotzdem sie nicht sprechen «will."

„Wer so dringen Sie jetzt -daraus, Ihre Schwester muß gefunden werden, es steht doch Großes ans dem Spiele — ich bin jetzt, nach -dem, was Sie mir güstrgt, überzeugt, daß, daß — ein Verbrechen begannen ist.

Und als Sergei auffuhr:

„«Verstehen Sie recht, kein Mord, der General ist eines natürlichen Todes gestöcken, «das ist außer Zwei­fel — aber ein Betrug, ein Betrug —"

Aus dein Munde des Kranken, den sie in ihrer Er- rvgung fast vergessen hatten, kamen langsam «die Worte-

„Ein Betrug, ja ein Betrug — alle, alle betriiaen sie — dre erneu des Geldes wegen, die anderen —"

In diesem Augenblick wurde formlos, «heftig «cm «die Lur gepocht, und alz Olga und Sergei ihre Micke da- Kn «wandten, scheu sie Mascha mit allen Zeichen der Ausreg um; ihren Kopf hereinstecken:

„Herrin, Olga Petrowna, — kommen Sie schnell, die Mme, von der ich Ihnen erzählt — eben ist sie nach ii®0ti gegangen, ich habe sie genau erkannt, es ist des Herrn Doktors Schwester."

s Noch ehe Olga ein Wort der Aufklärung «sagen ikonM, war Sergei an Mascha vorübergeeilt, hatte dio «Korridortür aufgerissen und .war nach der Wohnung >Mrer Mutter gestürzt. Er drückte heftig aus den KNMf der elektrischen Glocke — ein-, Zweimal — hörte

Die Geschichte einer Zrau.

Roman aus dem russischen Eroßstadtleben.

Bon HanS Becker (Wiesbaden).

(Nachdruck verboten.)

auch das «Schwirren ihres Tons im Innern der Woh» rmng, aber niemand kam, mir zu öffnen. Von neuem Wütete er — «da endlich vernahm er Schritte, die sich der Tür näherten, «diese wurde geöffnet, seine Mutter stand vor chm. Sie behielt die Tür in der Hand, als ob si« chm den Eintritt verwehren «wollte, seinem Druck mußt« sie nachaeben, atemlos rief er ihr zu:

„Mutter, warum willst du mir den Weg versperren. Vera ist hier, ich muß sie sehen —•"

Frau Tscherkassywa nickte langsam mit dem Kopf:

„Ja, Vera ist hier, sie erwartet dich, wir fürch- tsten, daß ein Fremder draußen sei, überlegten erst, ob wir öffnen sollten. Gottlob, du bist es, clber wi« siehst «du aus, bist du krank gewesen, wo warst du so lange? Ich habe mich so geängstigt. Kamm herein, Vera erwartet -dich, sie war schon vor mehreren Tagen «bei dir in der Wohnung, auch im Krankenhaus, hat dich ge- sucht. Komin — sie will mit dir sprechen. Wer, .Sergei" — sie hielt chp.mn Arm zurück — „keine Vorwürfe, schone Vera, hörst du, deine Schwester fft unglücklich genug."

So viel Worte hintereinander hatte er seine Mutter lange «nicht sprechen gehört, und trotz seiner Erregung Wich sich ein Lächeln in seine Züge, als er iah, wie die Mutter, nachdem sie leinen Arm losgelassen, eilig Zigarettenetui und Feuerzeug aus der Tasche zog. Sie blrev in ihrer Gewohnheit, auch wenn Schicksalsschläge und Ausregungen sie trafen.

Jim Zimmer fand er Vera.

Gne Stunde urschte vergangen sein, die Ge­schwister 'hatten nicht acht a-uf die Zeit gehabt — alle? hatte Vera dem Bruder gebeichtet, ihr Denken und Fuhlen ihm offenbart, es wie eine Glückseligkeit emp­funden, wieder neben ihm sitzen, sich aussprechen zu dürfen.

. «Ohne sich zu schonen, hatte sie gesprochen, ihr ganzes Innere rhm enihüllt, ihm, was er nicht geahnt, anver­traut.

Als sie von ihrem Verhältnis zu Stroganow zu sprechen angefaugen, hatte sie den Bruder scheu ange­blickt, gefürchtet, er würde sie verdammen — in .Sergeis Mienen jedoch hatte cs nur schmerzlich aufgezuckt, seine Stirn hatte sich gerötet, langsam waren die Worte ans seinem Munde gekommen:

,^ch habe kein Neckst, dich zu verurteilen, ich selbst —"

Sie hatte ihm die Hand auf den Mund gelegt:

„«Sprich nicht von dir, stell dich nicht niedriger «hin als «du.bist, ich will nichts wissen, ich habe gebeichtet, dir gebeichtet, du, der Beichtiger, hat nur zu vergaben, nicht sich anzuklagen."

Als sie ruhiger geworden, hatte sie ihm von dem Briese der alten Warwam erzählt, welche Zweifel ihr gekommen. Daß sie gleich damals ihn ausgesucht, seinen Rat hatte erbitten wollen, toia sie gewartet, sehn- süchtig gewartet, ob er nichts von sich hören lassen würde. „Heut Hab ich dir geschrieben, den Brief wirst