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Dienstag, 30. Mai 1916.

Morgen-Ausgabe.

Nr. 251. . 64. Jahrgang.

Die Italiener im befestigten Raume von Asiago weiter zurückgeworfen.

Mehrere Höhen nördlich von Asiago genommen.

Der Feind anch im oberen Posfinatal aus seinen Stellungen vertrieben.

Ein russischer Angriff an der bessarabifchen Front abgewiesen.

Österreichisch-ungarischer Tagesbericht.

W. T.-B. Wien, 29. Mai. (Nichtamtlich.) Amtlich verlautet vom 29. Mai, mittags:

Russischer Kriegsschauplatz.

Starke russische Krästc versuchten in den letzten Tagen, sich durch Laufgräben und Sappen an unserer bessarabifchen Front herauzuarbcitcn. Das Feuer unserer Geschütze und Minenwerser vereitelten die Arbeiten des Feindes.

Sonst nichts von Belang.

Italienischer Kriegsschanplatz.

Im befestigten Raume von Asiago über­schritten unsere Truppen bei Roana das A s s a - T a l, warfen den Feind bei C«mova zurück und breiteten sich ans den südlichen und östlichen Talhängen aus. Andere Kräfte nahmen nach Überwindung der Befestigungen auf dem Monte Jnterrotto die Höhen nördlich von Asiago in Besitz. Weiter im Norden sind der Monte Zebio, Monte Ziugarclla und Corno di Campo Biauco in unseren Händen.

Im oberen P o s s i n a - T a l wurden die Italiener nach hartnäckigen Kämpfen ans ihren Stellungen west­lich und südlich Bettale vertrieben.

Südöstlicher Kriegsschauplatz.

Ruhe.

Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabs:

». Hofer. Feldmarfchalleutnant.

Ein abgekartetes Spiel?

O Berlin, 27. Mai.

Sir Grey hat sich erlaubt, den Reichskanzler einen Lügner erster Klasse zu nennen. Daraus antwortete der Reichskanzler, indem er die Berichte unseres Bot­schafters in Petersburg iwn 1. und vom 5. Aprii 1909 über die hetzerische Tätigkeit des britischen Botschafters an der Newa veröffentlicht. So also sehen die Lügen aus, mit deren Aufdeckung der britische Minister die Meinung der Welt wieder einmal gegen uns erregen will. Aber.wir fragen: wird es auch wirklich von Er­folg sein, wenn unsere Reichsleitung jetzt von neuem das Gewebe englischer Verlogenheit zerreißt? Nicht bloß das feindliche, sondern ern großer Ter! des neu­tralen Auslandes will nur hören, was ihm wohl­gefällt, und jede Verleumdung wird geglaubt, weil nran sie glauben wrll. Die Meister der teuflischen Lüge, die in London fttzen, haben nun einmal das Ohr des größten Teiles der Menschheit. Das ist vielleicht die ' grauenhafteste Tatsache, die uns dieser Krieg enthüllt hat, und wir müssen nicht meinen, daß es genügt, die Wahrheit zu sagen und festzustellen, um durchzudrrn- gen. Was hat es uns geholfen, daß wir aus dem bel- i gischen Geheimarchiv den Nachweis für ein gegen uns geschmiedetes Komplott unter der Teilnahme des - ..neutralen" Belgiens führen koirnten? Hat doch erst jüngst Herr Grey wieder einmal gefordert, daß wir das gegen Belgien begangene „Unrecht" bekennen sollen, ) und für die Amerikaner nun gar, in deren Namen Herr t Wilson spricht, steht es unumstößlich fest, daß wir mit dem Einmarsch in Belgien eine fürchterliche, vielleicht iiberhaupt nicht zu sühnende Schuld auf uns geladen haben. Es ist ja menschlich begreiflich, wenn wir an der Hoffnung sesthalten, daß die Wahrheit in Zukunft doch wohl die giftigsten Dünste der gegen uns ausge- sprengten Lügen wegtftgen wird, aber wann das ge­schehen wird und ob es jemals völlig geschieht, dar­über dürfen wir nicht allzu vertrauensvoll denken. Me Weltgschichte ist voll von eingewurzelten Jrrtümern, deren Zerstreuung niemals hat gelingen wollen: wir fürchten, daß das Urteil ganzer Völker über uns mit zu diesen dunklen Seiten des Weltgeschehens gehören wird. Inzwischen rnüssen wir das Rechte tun und niemand scheuen. Man zwingt uns ja, uns zu v e r- Härten, und wir wollen diesem Umwandlungsprozeß unserer ursprünglich ganz anders gerichteten Natur auch gar nutzt widerstehen. Dazu aber, daß er uns

zum Nutzen gereicht, ist es nicht bloß nötig, uns gegen die Flut von feindlicher Gemeinheit mit Gleichgültig­keit zu erfüllen, sondern auä) gleichgültig gegen verdächtige Freundlichkeiten zu sein und nicht sofort erleichtert und begüftgt aufzuatmen, wenn uns gelegentlich ein gutes Wort gespendet wird. Das Urteil des Auslandes braucht uns weder rn Glimpf noch in Schimpf zu beirren. Es ist mit der Zeit soweit gekommen, daß wir hinter jedem Nachlassen feind­seliger Gesinnungen eine gefährliche Absichl vermuten rnüssen, einfach weil jene Feindseligkeit mit solcher Leidenschaft durchgebrochen ist, daß wir an eine wirk­liche Einkehr und Umkehr der Hasser und Verderber nicht mehr glauben können. Wir sagen das mit einer bestimmten Beziehung auf die verdächtigen Liebens­würdigkeiten, die neuerdings aus Amerika und von hier lebenden amerikanischen Männern zu uns herüber­tönen. Wrr müssen a ch t g e b e n auf die Friedens­wünsche des Herrn Wilson und auf die eigentümliche Geschicklichkeit, mit der Herr G e r a r d den vom Präsi­denten der Vereinigten Staaten angeschlagenen Ton hat weiterklingen lassen. Wünscht man uns, um es grob zu nennen, nach bewährter Methode abermals „einzuwickeln"? Wir sehen ein Hand in Hand- Arbeiten der englischen und der amerikaui- s ch e n Regierung. Sir Grey trumpft heftig auf. beschimpft uns, tut ungeheuer kampflustig und will.den Krieg nicht vor unserer Zerschmetterung beendigen, aber hinter diesem dröhnenden Worten steckt die Sehn- sikcht nach Frieden, und keine noch so faltenreiche Dra­pierung dieses Wunsches mit dem Aufwands von an­gespanntester Energie tauscht darüber hinweg, daß, wenn man es auf eine kurze Formel bringen will, England zur Verhandlung bereit ist, so­bald wir aus Belgien herausgehen wollten. Es ist u n m ö glich, zu glauben, daß Herr Wilson seine Vermittlungsrede gehalten hatte, wenn er nicht die Überzeugung gewonnen haben würde, daß er durch sein Angebot den Wünschen und den Interessen Groß­britanniens dient. Nur um ein theoretisches Bekenntnis abzulegcn, stellt sich der Präsident einer W e I t n: a ch t nicht hin und äußert Ansichten, die einen Wert erst bekommen können, wenn nicht der Privatmann, sondern der Inhaber eines großen Macht­umfanges gesprochen bat. Herr Gerard aber spinnt den Faden werter und läßt uns durch! die gemeinsam bei ihm eingetretenen Berliner Berichterstatter der Münchener Blätter freundlichst wissen, wie sehr sich der Präsident der VereinigtenStaaten danach sehnt, mit der nunmehr erlangten größeren Freiheit des Handelns zur friedlichen Beilegung des Krieges beizu­tragen. Zweifellos sehnt er sich, aber er tut es nicht uns zu Liebe, sondern uns zu Leide, er tut es als der Freund Englands, der England und seine Verbündeten aus den immer näher und stärker drohenden Nöten erretten will. Bei uns wird letzten Endes niemand begreifen, wie die Vereinigten Staaten überhaupt dazu kommen, sich in das Geschäft der Wiederherstellung des europäi­schen Friedens zu mischen. Würden wir es ihnen ge­statten, so wurden alle unsere Erfolge mit den Waffen sinnlos und zwecklos gewesen sein: wir würden am

Tage des Waffenstillstandes einer neuen feind­lichen Gemeinschaft gegenüberstehen, in der der geschlagene Vierverband neue Kraft aus dem Hinzu- tritt der unverbrauchten Machtmittel der Union zöge. Freilich müssen wir sagen, daß die diplomatische Auf­gabe, die unserer Reichsleitung mit der Notwendigkeit erwächst, diese a m e r i k a n i s ch e Zudringlich­keit abzulebncn, eine der schwersten ist, die ihr jemals im Verlaufe des ganzen Weltkrieges gestellt wurde. Wieder einmal droht die Gefahr, daß wir, indem wir den uns vom Schicksal gewiesenen Weg gehen, die Mei­nung der Welt gegen uns erregen werden. Aber das darf und soll uns nicht kümmern.

*

Die amerikanischen Friedensbestrcbunqen in englischer Beleuchtung.

Frankreichs Abneigung gegen Wiks»« als Friedensvermittler.

Br. Amsterdam, 29. Mai. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Über die Art, wie man in London unter ernsthaften Friedens- fteunden die Friedensbestrskmngen in Amerika betrachtet, berichtet der Londoner Gewährsmann des Berichterstatters der „Voss. Ztg.", daß man in diesen Kreisen private Mitteilungen erhalten habe, wonach nicht nur Wilson, sondern auch die amerikanische Friedensliga mehr aus Rück­sicht für die kommende Präfidentschastswahl an der Propa­ganda teilnehmc als infolge der Wünsche, die ihnen aus aller Welt zugehen. Immerhin habe man in England festzustellen geglaubt,daß Wilson nach Empfang der letzten deutschen Note recht zufriedengestellt war. Seine Vertrauensleute haben ihm nachgewiesen, daß jene Wähler, die für die Mittel­mächte Sympathien haben, die Mehrheit bilden. Die bereits erfolgten Parteiabstimmungen in einzelnen Be­zirken hätten dies auch klar bewiesen. Diese Kreise benutzten

'die Friedenspropaganda für ihre Börsengeschäfte, Manipulationen, durch die besonders Frankreich arg gelitten hat, da es fast seine ganzen Balkanwerte nach Amerika verschleuderte. In Frankreich hält man Wilson nicht für den geeigneten Friedensvermittler, während andererseits die englische Regierung immer noch sicher ist, daß er ihre Direktiven ausführt. Die Ziele der englischen Re­gierung stimmen indes mit denen der englischen Friodensliga nicht überein, so daß auch die letzteren in Wilson nicht den ge­eigneten Vermittler sieht. Auch die Vermittlung des Papstes wird ni ch t von allen verbündeten Ländern gewünscht. Gegner einer solchen sind besonders Frankreich und England. König Alfons von Spanien und die Königin von Hol­land sind nach Auffasiung der englischen Friedensfreunde die einzigen Persönlichkeiten, die von sich aus Delegierte der Kriegsländer einladen können. Ein englischer Lord äußerte, daß keiner der kriegführenden Staaten eine solche Zusammen­kunft ablehnen würde; die Reden Grehs und des- Reichs­kanzlers hätten diese Auffasiung bestärkt.

Oie Lage im Westen.

Wachsende französische Nervosität über die Untätigkeit der Engländer und Russen.

Eine Ara der finanziellen Schwierigkeiten.

Re. Genf, 29. Mai. (Eig. Drahtberickst. Zens. Bln.) Außer den Sozialisten in der französischen Kammer ver­langen auch zahlreiche Abgeordnete der bürgerlichen Linken, daß die Regierung in geheimen Sitzungen den Grund des Stilllegens der Engländer und Russen be­kannt gebe. Die Unruhe hierüber findet auch in der französischen Presse iminer größeren Widerhall. „Echo de Paris" macht die Regierung darauf aufmerk­sam, daß sich von: Parlament aus die Nervosität weit in das Land hinaus verbreitet habe. Bei der Erörterung der geplanten Kriegsgewinn st euer im französischen >Lenat erklärte Finanzminister Ribot: Die Steuervorlagen, die die Regierung dem Senat jetzt unterbreitet, sind nicht die letzten. (Bewegung.) Wir treten in eine Ara der Schwierigkeiten. Es muß eine Einigung zwischen den Kammern und der Regierung zustande gebracht werden, sollen wir zu einem Ziele kommen. Auf den Hinweis Ribots, daß anch in England eine neue Kriegsgewinnstener bestehe, erwiderte der Senator Touront: Gewiß, die eng­

lische Steuer beträgt 50 bis 60 Prozent, aber in Wirklichkeit erhebt der englische Staat diese Steuer von den Neutralen und den Verbündeten, und zwar durch die Gewinne, die er aus den h o h e n F r ach t- sähen zieht.

Der Nriey geaen England.

Der große englische Munitionsbedarf.

Die Arbeiter sollen auf die Pfingstfeiertage verzichten!

W. T.-B. London, 28. Mai. (Nichtamtlich.) Lloyd George hatte im Muuitionsministerium eine Konferenz mit den Arbeitgsbern vom Maschinenbau und Schiffbaugewerbe vom Clyde- und Thne-Bezirk. Lloyd George wünscht zu erreichen, "daß die Arbeiter auf die P f i n g ft f e r i e n verzichten, und sagte, daß die Osterseieriage eine beklagenswerte Wirkung auf die Produktion der Munition gehabt hätten. Es sollten zwei bis drei Tage frei sein, aber tatsächlich wurde die ganze Woche nickt gearbeitet und die Fabrikation ging in bei­den Wochen auf die Hälfte herunter. Gegenwärtig ist der Diunitionsbedarf sehr groß. Der Kampf ist in estrigen Teilen sehr heftig und unrd auch an der britischen Front heißer und heißer. Feiertage seien undenkbar, da die Munitionslieferung darunter leiden würde. Wenn zwei oder drei Tage als allge­meine Feiertage freigegeben würden, wäre es unmöglich, daß die Arbeiter pünktlich nach Ablauf der Frist zur Arbeit kämen. Die Munitionsarbeiter müßten so viel Patriotismus haben, daß sic sich in den nächsten paar Monaten um jeden Preis be­sonders anstrengten. Es handele sich dabei nicht allein um Munition, sondern auch um Geschütze. Schwere Geschütze würden dringend verlangt, außerdem fehle es an Hunderten von Maschinengewehren.

W. T.-B. London, 28. Mrst. lNichtamtlich.) Meldung deS Reuterfchen Bureaus. Die Arbeiterführer unterstützten die Forderung Lloyd Georges, daß die Munitionsarbeiter auf die Psingstferien verzichten sollen.

Ein feindlicher UBoot-Angrifs aus deutsche Erzdampfer.

W. T.-B. Kopenhagen, 29. Mai. lNichtamtlich. Drahtbc- richt.) Die „Berlingske Tidende" meldet aus Stockholm: Bei Oxeloesund wurde vorgestern abend vom Meere her heftiges Geschützfeuer gehört, das eine Viertelstunde andauerte. Es rührte vom dem. Angriff eines feindlichen Unterseebootes auf vier deutsche Erzdampsec her, die von drei deutschen bewaftucten Vorpostenschiffen begleitet waren. Der Angriff mißglückte. Das Unterseeboot stellte plötzlich das Feuer ein. Srcben deutsche Schisse passierten gestern vormittag Ocland. Es ist unbekannt, aus welchen! Grunde das Untcrseebo-ü das Gefecht unvermittelt abgebrochen hat.