a Morgen-Veilage des Wiesbadener Tagblattr. < *= ■ ■
Nr. 125.
Sonntag, 28. Mat.
1916 .
(19. Fortsetzung.)
(Nachdruck verboten.)
nn&ewn Seite, ein Ge- Unzahl von Menschen, Die Grabhügel, mit
Mer dort weiter, auf der winmiel von Gestalten, eine stehend, sitzend und liegend.
Weißen und bunten Tischtüchern bedeckt, dienten als Lrsche, daraus der unvermeidliche Samowar, Schüsseln .Mrt rohen Gurken und Schwarzbrot — dazu ein Gesumme, wie es bei großen Menichenansammlurigen schon ^urch lerses Sprechen hervorgerufen wird, hier sich verstärkend zu einem Getöse, durch laute Ausrufe, durch Gesänge, durch Brüllen.
Genau der gleiche Anblick wie damals, .der ihn als 5! naben erschreckt, eingeschüchtert, daß er die Mutter angszleht, schnell wieder sortzngehen.
Aber damals war es eine trunkene Masse gewesen, die dre Ruhe der Toten störte, heute tranken sie Tee, oas zeigten doch die Samoware, wo kam die Aufregung der sich alle befanden. Deutlich erkannte er am Endboden liegende Gestalten — hatten sie getrunken, ehe sie aiif den Friedhof kamen oder hatten sie die Ge- trame emgeischniuckelt. Das war .doch nicht denkbar, die Polizisten, von denen eine große Arrzphl vorhanden, sollten doch, wie es hieß, scharf auspassen, den Kommeu- ven .dre Laschen lmterjuchen und jede Schnapsflasche sortnoymen.
Und doch — zweifellos — er hatte Betrunkene vor sich — so gebendeten sich nicht nüchterne Menschen: in der srnen Hand ein Mas, das immer von neuem aus der Teemaschine gefüllt wurde, in der anderen Hand eine rohe Gurke, tranken und aßen sie und grölten. ..^.Serger -wandte sich ab, er wollte die Stätte, auf der sich chm der abstoßende Tumult bot, umgehen — er '"übte ja auch dort weit nach hinten, bis zur Mauer, wo dre Selch tnwndcrin emqescharrt lag.
Das Gesicht abgewandt, ging er weiter, Vevsolgt von dem Lärm, der seimen Kopf schmerzen ließ, erst als
£ i?" t^Ä.* 0 ***' t>or Hügel stand, tan
Rlrhe llnd An-dmht über rh-n.
Da jchlieif sie, die aus Liebe zmu Volke, in dem Be- streven, an seiner Befreiung aus der finsteren Uriwissen- beit .mitzuarbeiten, zur Derbrecherin gewovden, seDst oen Tod gesucht hatte — eilte kurze Strecke von ihr entfernt, schmauste und- brüllte das gleiche Volk kein Gedanke galt chr — verhöhnt, beschimpft hätte sie jeder wenn er von chr, von chrem Opfer gewußt.
^Sorgsam ordnete Sergei die mitqebrächten Blumen auf dem Grave, stand eine Weile mit gesenktem Kops davor und sah sinnend darauf nieder.
Vielleicht flüsterten seine Lippen ein kurzes Gebet er tan sich dessen nicht bewußt.
, Auf dem Rückwege sprach er einen der wachehalten- den Polizisten cm. Er wies aus die Horde an .den Gräbern und wollte sich Aufklärung verschaffen- die Memmen tot vor ihm sollten doch nüchtern lein, .das Michrmgeu von Alkohol ivar stteng verboten_
Der Polizist hob die Schultern:
„Wir passen schon genug auf, aber es hilft nichts Herr, sie halben den Schnaps in die Samowars gegossery
Oie Geschichte einer Zrau.
Roman aus dem russischen Großstadtleben.
Bon HanS Becker (Wiesbaden).
an so was -denkt man ja nicht gleich — es ist ja auch nur etn Dag im Jahre, man kann da nicht so streng sein.
. , ^feiere fügte er wie sich entschuldigend hinzu,
vielleicht hatte er auch schon mitgetrunken.
Als Sergei zu Olga Petrowna kam, fand er dies« nicht zu Hause.
„Jn^ einer halben Stunde würde die Herrin kommen — sagte Mascha, dabei musterte sie ihn wie einen pvemden unid schilug schließlich die Hände zusammen: „Aber mein Gott, Sergei Alerandrowitsch, Herr Doktor, wie sehen ene aus — ganz bleich und mager! Sind Si« trankt Und so dunkle Ringe haben Sie um die Auqew" Sergei schob sie zur Seite:
„Ja, ich bin krank gewesen, aber laß .mich herein, ich vm müde und will mich setzen — ist der Herr ,kt?"
. lder Herr ist im Wohnziimmsr" — und noch
immer werter schwatzend: „Es ist gut, daß Sie gekommen ist die letzten Tage auch wieder krank, suhlt sich so schwach —"
Sergei hörte nicht mehr auf sie. Er hatte' /die Tür geöffnet und war eingetreten, einem Sessel zusamemngekauert ' faß Hyppolit Konstanttnowitsch, er schien zu schlafen. Als Sergei nahertrat, öffnete Tartakoiv jedoch die vorher geschlossenen Augen und ihm die Hand hinhaltend, sagte er matt:
„sergei Alerandrowit>ch lassen Sie sich auch wieder sehen, wo hcben Sie gesteckt? — Ach ja, Olga hat mir gesagt, daß s.ie verreist ivaren — nun wie gecht's?"
. . sergei hatte die ihm gebotene Hand ergriffen und seinen Finger an den Puls ,des vor ihm Sitzenden ge- legt, dabei beobachtete er .das Eiche, verfallene Gesicht.
„Ja, ich war verreist, auch krank war ich — aber Sie Hyppolit Kcmstantinowitsch, sehen mir auch nicht so recht aus. Sie sollten sich hinlegeu, Sie hoben Fieber " Der andere schüttelte den Kops:
„Um Gotteswlllen, stecken Sie mich nicht ins Bett. Wen Sre das Olga nicht, ich kann nicht liegen lassen sre mich auMeiben, im Bett sterbe ich — "
Sergei versuchte' zu lächeln :
„übertreiben Sie nicht, Hyppolit Konstantiriowitsch so schlimm steht es nicht, aber lassen Sie Ihren Hans- arzt rufen oder, wenn Sie wollen, verschreibe ich Ihnen etwas, das nehmen Sie ein, dann wird es schon wieder gut werden/'
Dartakow wollte noch etwas erwidern, doch sie Hör< len draußen die Flurglocke anschlagen, gleich ,daraus trat Olga ins Zimmer.
Ohne auf ihren Mann zu achten, trat sie Sergei mit ausgiestreckten Händen entgegen:
./Sergei Alexaudrowitsch,' endlich sieht man Sie" — euren Moment stutzte sie, als sie ihm ins Gesicht sah — mein Gott, wie sieht er aus, wie ein vom Tode Erstandener, daber noch schöner wie früher, die Blässe kleidet rhu gut — dann, sich besinnend: „Mio krank waren Sie
