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18 1 Morgen-Veilage des Wiesbadener Tagblattr. -- i

nr. 124.

Samstag, 27. Mai.

1916 .

( 18 , Fortsetzung.)

Die Geschichte einer Zrau.

Roman aus dem russischen Großstadtleben.

Von Hans Becker (Wiesbaden).

(Nachdruck verboten.)

s

Die Alte erzählte und Mascha horchte auf. Sie hätte wohl gern weiter gehört, ahne Ende, ober bi« elektrische Glocke im Zimmer schlug an und rief sie zu ihrer Herrin.

Sie stand aus und lief zur Tür. Ehe sie diese öff­nete, rief sie zurück:

-1 "Schorlen Lte sich noch ein, Warwara Wafiljawna, nh muh die Herrin ankleiden, dann konime ich zurück, ■vstf) werde ihr sagen, daß Sie sie zu sprechen wünschen."

Die Alte nickte nur und rührte nachdenklich m ihrer Tasse, dabei suchte sie sich die damalige Zeit, vor dem Tode des Herrn, die Stunde, als der Notar gekommen, und was 'dann später geschehen, all' das, wovon sie soeben zu sprechen angefangen, ins Ge­dächtnis zurückzurufen. Als ob die Zofe noch vor ihr säße, schwatzte sie vor sich hin, wiederholte manches, was sie soeben gesagt:

„Nichts soll sie geerbt haben, wie fft das möglich, ich habe doch gehört, lvas der General mit dom Notar ge­sprochen hat. Dann ivurden wir hereingerirfen, der Maxim nutz ich, sollten das Papier, das der Notar vor sich aris dem Tisch liegen hatte, unterschreiben. Was darin gestanden, weiß ich nicht, der Notar hat es uns nicht vorgelesen, der Geistliche sprach wohl davon, doch der Notar meinte, daß das nicht nötig sei. Rüben meine Kreuze hat der Geistliche dann meinen Namen gestellt. Der Notar ist fortgegangen uild hat das Papier mitgenommen, in der Nacht starb der Herr."

Sie hatte den Lössel, womit sie vorher in der Tasse nmhergerührt, aus der Hand gelegt, sich in den Stuhl Zurückgelohnt und wie, um sich alles besser ins Ge­dächtnis zu rufen, als sie vor sich hiusprach, jedes Wort an den Fingern hergezählt.

In Gadanken versunken schreckte sie auf, als die Zofe schnell ointrat.

„Warwara Wassiljowna, die Herrin will Sie sprechen, kommen Sie, ich soll Sie zu ihr führen."

Schwerfällig erhob sich die Alte und folgte langsam der Vorangehenden.

Als sie Olga Petrowna gegenüberstand, verneigte sie sich tief, so daß diese sie verwundert ansah. Früher, als die Gholostawa noch Wirtschafterin des Generals tvar, hatte sie sich .ganz anders gezeigt, sie mußte wohl wirklich Unglück und Krankheit durchgemacht haben, daß sie jetzt so demütig war.

Krank war sie, das sah man ihr an, — in ldem hal- ben Jahr, oder wie viel Zeit verflossen sein mochte, fast eine Greisin geworden.

Olga Petrowna reichte ihr die Hand und bot ihr einen Stuhl an. aber sie sagte weiter kein Wort über das Aussehen der Alten und was sie sonst erduldet haben mochte — das, was ihr die Zofe erzählt, hatte sie neu­gierig gemacht, mehr zu erfahren, betraf es doch die Schlvester Seraeis, die auch für sie verschollen war, da der Bruder von ihrem Aufenthalt nichts wußte.

Vielleicht steckte hinter der Erzählung der Wirt- schäfte rin irgend eine Seusationsgeschichte, vielleicht

hing sogar das Verschwinden Vews irgendwie damit zusammen — wer konnte >das wißen.

Sie setzte sich der Alten gegenüber und ohne auf ihr Husten und Seufzen weiter zu achten, sagte sie:

„Nun erzählen Sie mär, Warwara, was Sie wissen — Mascha hat da allerlei konfuses Zeug geschwatzt."

Die Hände im Schoße, niit vorgsbeugteim Körper, horte sie, lvas die Eholostowa zu berichten hatte. Dabei zeigte sich in ihren Augen fast die gleiche lüsterne Neu­gier, das Verlangen, etwas Sensationelles zu erfahren, wie vorher in den Blicken ihrer Dienerin.

Als die Wirtschafterin geendet, atmete Olga Petrowna tief auf — sie zweifelte nicht mehr daran, da war etwas nicht richtig — aber sollte sie sich eiumischen, was ging sie im Grunde genommen -die ganze Sache an? Sollte sie sich in Prozesse verwickeln lassen — das fehlte ihr noch!

Wer Sevgei mußte sie Mitteiluna machen, der ui achte nachfovschen, was da geschehen war.

Denn daß etwas geschehen, schien klar — eine Millionenfache —- .da ließ sich so .mancher sortreißen, ob hoch oder niedrig.

. Aber Sergei war verreist, nach Schlüsselbnrg und ließ nichts von sich hören — jeden Dag hatte sie ihn vergebens erwartet. Auf eine Woche gehe er fort, hatte er gesagt, nun waren schon über vierzehn Tage ver­flossen.

Seine Adresse wußte sie auch nicht, er hatte nicht geschrieben, aber sie könnte an das Krankenhaus tele« phoniern oder einen Brief an ihn dorthin schicken, da­mit -man ihm diesen nachsandte — schnell mußte die Sache jetzt in die Hand genommen werden, ehe sich noch etwas herumfprach. Weiß Gott, wo die Alte sonst hcrumlief und schwatzte.

Sie wandte sich der Wirtschafterin zu:

„Bei wem wohnen Sie hier, Wattrara?"

Ga.nz wehleidig bewegte diese den Kopf:

„Ach, Herrin, ich bin vom Bahnhof hierhergekmn» man, nirgends wohne ich, ich wollte doch gleich wieder nach Hause, wenn Gott mir lgebolfen —"

Olga Petrowna hatte schon einen Enffchluß gefaßt:

„Na, dann bleiben Sie hier. Sie können bei Masckx» sthlafen, aühen Sie letzt wieder zu ihr und schicken Sie sie mir her, ich wende ihr Bescheid geben. Uud noch eins: Sprechen Sie nicht über die Geschichte, das ist vielleicht alles nur Phantasie, nmn -darf so etwas nicht unter die Manschen bringen, Sie können sich große Un- gelogenheiten zuziahen, wohl gar vors Gericht kommen."

Die Alte schreckte zusammen:

„Ach, Herrin, ich habe doch nichts verbrochen, nur bitten wollte ich die Herrin, die das viele Geld geerbt, um eine Unterstützung, das ist doch keine Sünde, da kann man mir doch nichts tun. Mein Gott, mein Gott — nur nicht vor die Gerichte."

Sie hatte sich erhoben uud giug aus -tarn Zimmer, bald darauf kam ^Mascha.