Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts. >» - » i
nr. 122.
Donnerstag. 25. Mai.
1916.
(10. Fortsetzung.)
Die Geschichte einer $rau.
Roman aus dem russischen Großstadtleben.
Bon Hans Becker (Wiesbaden).
(Nachdruck verboten.)
Wie hätte «das Testament verschwinden können, es war doch ein Notar bei dem Kranken gewesen, der hott' doch un lütches Tolument an sich len.au ii n — auch ein Priester war mit ihm gewesen, wie hatte sie eine Sekunde an Betrug denken können oder auch nur daran, daß das Testament verloren gegangen wie irgend ein wertloser Papierfetzen. Es blieb schon so, der General hatte nicht mehr Zeit gehabt, seinen Willen kundzu- geben, eine andere Erklärung gab es nicht
Sie stand aus und wollte sich entkleiden — plötzlich f-u len ihre Hände schlaff an ihrem Körper herunter: sie zitterte, ihre Augen blickten starr:
Eine Erinnerung war ihr gekommen. Sie hatte einmal Borts davon erzählt, was ihr der General beim Abschiede gesagt, daintals, als er sie an sein Krankenbett gerufen, daß er für sie sorgen würde, daß er ihr alio wohl einen Teil seines Peniuogens hatte hinterlassen wollen -—und jetzt, diesen Augenblick stieg es vor ihr auf: wie Boris sie angesehen, mit so fremden Augen, sich dann ab gewandt und geschwiegen hatte. Dabei war ihr aufgefallen, daß er ganz rot im Gesicht geworden. io daß sie geglaubt, chn gekränkt zu haben, weil sie ihm, der sie so reichlich mit allem versah, dies stetsin so vornehmer Weise tat und sich in Geldfragen so feinfühlig zeigte, von Geld gesprochen und bedauert hatte, daß sie leer ausgegangen.
Einen Tag später hatte er ihr dann den Vorschlag gemacht, ihr ein Kapital sicherzustellen, wobei cs zum Streite gekommen war. Sie hatte eben darin nichts weiter gesehen, als daß er ihrer überdrüssig geworden.
Das alles ging ihr setzt durch den Sinn, immer wieder mußte sie an seinen Blick, an seine Augen denken. So fremd, von Schreck erfüllt waren sie ihr erschienen, aber sie hatte damals ja eine Erklärung dafür aofun- den, jetzt in der Nacht, nrit dem Briefe vor sich, wollte ibr, so sehr sie sich auch dagegen wehrte, eine andere Auffassung kommen.
Vielleicht hatte er von der Absicht seines Onkels ge- wußt, diese im letzten Augenblick zu Verbindern verstanden und spater bereu:, was er getan. Der General hatte sich vielleicht bewegen lassen, von dam Vermächtnis für sie abzuschen, sich überzeugen lassen, daß sie doch eine Fremde sei und er seinen Neffen, der zu seinem Erbe bestirmut war, nickü schädigen dürfte. Oder — doch das stimmte alles wieder nicht nrit den Mitteilungen der alten Wirtschafterin — das neue Testament sollte doch fertig gewesen, der General gleich hinterher gestorben sein, so daß nichts daran zu ändern war. Das stand doch ganz deutlich mm Schluß des Briefes, wenigstens glaubte sie, etwas Ähnliches gelesen zu haben.
Sie noifmt den Brief und sah nochmals hinein: ,cher DLaxim und ich haben auch ein Papier als Zeugen unterschreiben müssen, ich habe meine Kreuze gestellt, wir wurden an das Bett des Herrn gerufen —"
Das konnte doch nur das Testanient gewesen sein — was sonst — wo war es geblieben? —
Sie hielt die Hände an die Schläfen gepreßt und las immer wieder die Worte. Sie wußte nicht mehr, was sie denken, glauben sollte, das Mut jagte ihr immer toller durch die Adern, dazu der Kopfschmerz, der sie peinigte — sie erhob sich und fing an wie eine Wahnsinnige inr Zimmer umherzustürmLN.
Die Gedanken ließen nicht von ihr ab, ibic Erinnerung verfolgte sie, immer Neues stieg vor ihr auf: Wie war e§ doch gewesen — von einer geringen Summe, die er für sie auf die Bank logen wollte, hatte Boris gesprochen, nochmals war er später darauf zurückgokom- men, sie wußte nicht mehr die Summe — handÄte es sich n,n fünfzigtausend Rubel oder mehr — die Erbschaft aber sollte 'Millionen betragen haben. Es war oft im Hanse davon gesprochen, auch davon, daß der General bei seinem Reichtum nur geringen Aufwand machte, nicht einmal im eigenen Haufe, sondern zur Miete wohnte, mit einer, wenn auch geräumigen Etage sich begnügte und nur einen Diener, Haushälterin, Köchin und Kutschw hielt, während doch sonst so reiche Leute eine ganze schar Dienerschaft ini Hause haben — und wie sie Plane gemacht, daß nach ihrer Heirat das anders wenden, sie es allen Menschen znvortun würde. .
Und was war sie jetzt und durch wen?
Me so oft in der letzten Zeit mußte sie «daran «denken, daß Boris sie vielleicht gar nicht geliebt, daß es nur eine Laune von ihm gowesen, daß sie sich ihm ans- gedrängt oder daß sein Mitleid für sie, «die durch den Tod des Generals ihre Zukunft eingebüßt, ihn zu ihr geführt oder — Reue.
Aber weniger dies empfand, mußte er etwas getan heben, etwas Schlechtes — tote kam sie auf dieses Wort, auf diesen Gedanken?
Vorher war es ihr doch als uninnstößliche Wahrheit erschienen, «daß Boris nichts getan haben könnte, was gegen die Ehre verstieß, und jetzt ans einmal stand er in ihren Augen als Betrüger da.
Allmählich war «das gekommen, das viele Grübeln hatte sie wohl verwirrt — aber «da lag «der Brief, sie hatte gelesen, daß ein Testament gem«acht war, ein Testament, das sie zur Miterbin einletzte, und nur einer, ein einziger — Boris ■— war dadurch geschädigt.
Noch sträubte sich alles in ihr, ihm eine -Schuld auf- zinbüvden, aber immer wieder umkreisten ihre Sinne den Augenblick, als er sich mit so seltsam erscheinenden Blicken von ihr abgewandt.
Was würde nun geschehen? Mußte sie ihm den Brief zeigen, ihn fragen — lag aber in dieser Frage nicht schon eine, unsühnbare Beleidigung, wenn ec schuldlos war — und würde er gestehen, wenn er die Tat begangen?
Undenkbar — wer in der Welt würde das tim — «was also blieb ihr: So weiterleben, neben ihm, den sie im Verdacht «hatte, sie beraubt ztt haben, und er — könnte er ihr verzeihen, wenn sie gesagt, daß sie ihn verdächtigt, ihm einen V> schmählichen Betrug zuge-
