i) Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts, i »- ->
Nr. 119.
Sonntag. 21. Mai.
1916.
(13. Fortsetzung.)
Die Geschichte einer $rau.
Roman aus dem russischen Großstadlleben.
Bon HanS Lecker (Wiesbaden).
(WuNriak verboten. 1
Als -der Student sich geweigert, di: Flasche zu holen, hatte Dartakow auffpvingen wollen, um selbst ins Nebenzimmer zu gehen, doch die Furcht, daß jener inzwischen fortgehen konnte, schien ihn zarückzichalten. Er ließ sich von Sergei in einen Sessel ziehen und stierte einige Minuten vor sich hin. Dann iing er wieder an zu sprechen:
„Sichst du, Jungchen, das ist mein Leben, so war es immer die letzten Jahre — einen Säufer hat sie aus mir gemacht. Das erste Ädal, als sie nrich betrogen, habe ich ihr verziehen — auch das zweite und dritte Mol und so weiter, dann — ich konnte nicht anders, ich lichte sie, und wenn sic mir drohte, von mir fortzugchen, habe ich cms den Knien vor ihr gelegen nnd um Verzeihung gebettelt. Hörst dir — ich habe um Verzeihung gebettelt, Werl sie mich betrogen rrnd ich nrich -dagegen ausgelehnt batte — '"
Er lachte auf:
„Verkehrte Welt — aber was willst du, wir Männer sind nicht immer die Stärkeren — ich war schon glücklich, wenn sie nur verziehen aber wenn sie in die Konzerte srchr oder verreiste, ich allein war und die Gedanken kamen, mußte ich trinken. Immer wieder trinken, dann konnte ich vergessen. Seit einem Jahr ging es besser, ich -habe nichts niehr bemerkt, ich fing an ruhiger zu werden, hoffte, daß alles noch gut werden könnte, da kanist du, ich liabe euch gesehen, du hast sie in den Armen gehalten — er war aufgesprungen nnd stand dioheiad vor Sergei: „Du Schuft, du hast dich eingelchlichen, ich schlage dich tot."^
Er hob die Faust rrnd im nächsten Augenblick wäre sic aarf Sergeis Kopf niederqesairst, rvenn dieser nicht schnell seinen Ar-in ergriffen nnd sestgchalten halte.
Einige Sekunden standen sie so und sahen sich in die Augen, dann suhlte Sergei. wie der Arm, den er hielt, schlaff wunde, sah, wie der Körper des vor ihm Stehenden in sich zusammensank. Er ließ den Arm los rind unrsiaßte «den Erregten und dieser, wieder ganz verwandelt, legte den Kopf an seine Schulter und brach von neuem in Schluchzen aus-
„Verzeih, verzeih — du bist nicht schuld, ich weiß ja, ich bin verrückt, sie toi dich geködert, ich habe alles gehört, aber versprich mir, komm nicht mehr her, laß dich nickst mehr hier sehen — vielleicht wird «dann alles wieder gut."
Er streichelte Sergei und küßte ihn. so daß dieser Ekel empfand, glicht nur vor den Zärtlichkeiten, sondern vor dem Schwächling iibe-.-h.rupt, doch jäh fuhr es ihm durch den Sinn, ihm fast körperlichen -Schmerz bereitend, daß er selbst ja Nicht viel besser war wie dieser Halbbetrnnken? hier: .Hatte er nicht noch, vor einer
Stunde gefühlt, daß die Frau, nin die jener zum elenden Säufer geworden, auch schon Diacht über ihn besaß und toß er nicht mehr von ihr los-kommen würde.
Plötzlich ertönte lautes Klopfen an der Tür, und als die beiden nicht daraus ackst gaben, wurde diese geöffnet, die Zofe steckte den Kopf herein und rief:
„Hpppoilit Konsdantinawitsch, kommen Sie schnell, die gnädige Frau ist krank geworden, ich kann rächt zu ihr herein, kommen Sie oder geben Sie den Schlüssel."
Das Mädchen war wohl schon an derartige Vorkommnisse gewöhnt, denn sie sprach nicht im Tone einer Dienerin, schien auch nicht erstaunt darüber, in welcher Situation sie die beiden gefunden, nur ein spöttisches Lachen zeigte sich in ihrem Gesicht, und als Tartakow nicht gleich antwortete, sic nur anftarrte, wiederholte sie laut, fast befehlend, ohne aus den Fremden Rücksicht zu nehmen:
„Schnell den Schlüssel, die gnädige Frau ist sehr böse."
Tartakow hatte jetzt verstanden, er suchte hastig in der Tasche nach dem Schlüssel, dabei schon nach der Tür laufend, seinen Gast schien er vergessen zu haben.
Sergei benutzte die Gelegenheit und entfernte sich schnell.
* * *
Vera war soeben aus den: Hause ihres Geigenlehrers getreten und vor der Tür stehen geblieben. Suchend gingen ihre Angen umher, doch der von ihr Erwartete zeigte sich auch heute nicht.
Sollte ihr Brief, den sie vor einer Woche abgeschickt, vevlortzn oder der junge Offizier von Petersburg abwesend sein — glühende Röte schoß ihr ins Gesicht, al? sic weiter dachte, daß vielleicht beides nicht der Fall, -daß er ihren Hinweis ans die Stunde, in -der sie zum Geigenunterricht gehe und dieser beendigt sei, unbeachtet gelassen haben könnte, seine -damalige Bitte, sie wieder- Zusehen, nur eine vorübergehende Laune gewesen, sie sich -durch ihren Brief bloßgestellt hätte.
Eine zürnende Reue über das, was sie getan, flackerte in ihr ans, mit aufeinandergepreßten Lippen, Tränen des Zorns in -den Augen, wollte sie sich Ken schnell aus den Heimweg machen, als eine hohe Gestalt unter den, Vordach des nächsten Ha-ufes hervor auf sie zutmt.
Sie hatte Boris Strocxinow gleich erkannt und doch schrak sie zusanmn-en, ihr erstes GeMl war, schnell an ihm vorüberzugehen, doch seine Worte hielten sie zurück:
„Vera Alerandrowna. welches Glück. Sie hier zu treffen, wie habe ich mich nach oinein Wiedersehen mit Ihnen gesehnt, immer vergeblich -daraus gehofft. Auf dem ersten Schritt, -den ich nach meiner Abwesenheit von Petersburg tue, dies .Zusammentreffen — "
Dera antwortete nicht gleich, sie genoß cs bei sich wie eine Wohltat, daß er die Begegnung als Zufall h-in- stellte, mit feinem Wort an ihrem Briefe rührte.
Das befreite sie von der Last, die noch eben auf ihr gelegen, schon wieder ganz froh, reichte sie ihm die Hand hin:
„Auch ich freue mich, Boris Wladim-irowitsch."
Sie waren nach der Begrüßung weiter gegangen und Stroganow, wie selbstverständlich, an ihrer Seite gcblieben. Während er lebhaft plauderte, beschränkte sie sich -daraus, zuzuhören — nach und nach stieg jedoch die Furcht in ihr auf: jetzt würde sie bald zu Hause,
