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Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts.

Nr. 118.

Samstag, 20. Mal

1916.

(12. Fortsetzung.)

Dfe Geschichte einer Zrau.

Roman aus dem russischen Großstadtleben.

Von HanS Becker (Wiesbaden).

(Nachdruck verboten.)

Das war dach so einfach sie konnte ihm schreiben, eine Straße, einen Platz bestimmen wenigstens hören mußte sie doch, was er ihr zu sagen hatte. Sie war doch kein Kind, idas keine Selbstbestimmung hatte, sich zu etwas überreden lassen wiir.de, was sie nicht tun wollte sie vergab sich doch nichts, im Gegenteil, sie war es sich schuldig: er hatte sie um ein Wiedersehen gebeten, nun gut, das wollte sie ihm gewahren, es dürste doch nicht den Anschein halben, als ab sie sich vor ihm fürchtete.

Wie lange sie so gestanden und gegrübelt, wußte sie nicht, erst fetzt bemerkte sie, daß es draußen inzwischen ganz dunkel geworden, aus der Straße die Laternen «ngezündet waren, wie sich die Fenster der Häuter ihr gegenüber erhellt hatten, Equipagen vorbeirollten, auch drüben am Hanse ein Wagen- vorgefahren war, das ganze Treiben vor Beginn der Theater und Konzerte von allem war sie ausgeschlossen, nichts hatte sie als den Jammer hier oben im vierten Stock.

Sie wandte sich ins Zimmer zurück: die Mutter saß im Dunkeln, drrrch das «tan nur das Glühen ihrer Zigarette sah, Senget war, ohne daß sie es wahr- genommen, fortgegangen.

Vera rief dos Mädchen, damit sie die Lauche bringe« sollte, dann, als dies geschehen, holte sie Pcchier und Feder. setzte sich an den Tisch und schrieb.

Mm späteren Abend hatte sich der feuchtwavme Dunst des Tages zu Nebel geballt, der alles rings umher etn- hüllte und kaum die nächsten Gegenstände erkennen ließ. Von der Newa her hörte «man langgezogene, schrille Pfiffe, die Warnungssignale der kleinen Passagier­dampfer, die Mischen den großen Entfernungen der Brücken den Verkehr von Ufer zu Ufer vermitteln, da- mben das Geräusch des aufspritzenden Kielwassers. Ab und zu ein Aufblitzen der roten Signallaternen, gleich wieder im Nebel verschtoindend wieder ein schriller Pfiff, dann legte sich für einige Minuten Stille und undurchdringliches Dunkel über den breiten Mutz.

Sergei war soeben einem dieser Dampfer entstiegen nud ging schnellen Schrittes der Peter-Paulsfestiing zu. Als er diese fast erreicht hatte, blieb er stehen, fein Auge suchte die Finsternis zu durchdringen, er lauschte gespannt, um das Geräulch des sich öffnenden Tores zu hören, doch alles blieb still ringsum, nur der eintönige Schritt der Schilöwachc vor dem Eingang zur Festung tönte zu ihm herüber.

Wenn alb und zu ein Luftzug vom Flusse herwchte, der den Nebel auf Augenblicke zerteilte, sah er vor sich die dunklen Umrisse der Doppelmauer, die Spitze der Festungskatheidräle zeigte sich finster und drohend seinem Auge, um im nächsten Moment wieder in Nacht zu ver­sinken.

Ein Gefühl banger Hoffnungslosigkeit erfüllte ihn, eine tiefe Traurtgkeit er mußte aller jener gedenken, die seit vielen, vielen Jahren hinter diesen Mauern ver­

schwunden waren, um nie mehr ins Leben zurückzu- kehren.

Endlich ein Knarren und Rasseln, schwere Tritte, das Gepolter von Rädern auf der Zugbrücke der Festung die Tore wurden geöffnet.

Vorsichtig schlich er näher. Jetzt erkannte er einen gewöhnlichen emspännigen Lasikarren, ans dem ein länglicher, heller Gegenstand etwas deutlicher zu sehen toar ein gelogestrichener Sarg, von vier Soldaten begleitet die Torflügel schlugen dröhnend zu.

Sergei fühlte, wie ihm die Augen feucht wurden, fast hätte er jede Vorsicht vergessen und wäre ans den traurigen Totenzug zugestürzt im letzten Augen­blick riß er sich zurück, eine beklemmende Furcht batte ihn erfaßt, eine Vorstellung, daß man auch ihn cr- reiifen und dort hinter jenen düster« Mauern begraben önnke, das gab ihm die Besinnung zurück.

Leise schlich er sich fori, der Straße zu. durch die der Zug seinen Weg nehmen mußte, hier, hinter dem Vor­sprung eines Hauses verborgen, verfolgte er mit seinen Blicken die Erschemung, die sich wie ein schleichendes Nachtgespenst fortbewogte.

Er hatte zum Friedhof gehen, dort dem Begräbnis beiwohnen wollen, jetzt kühlte er nicht mehr die Kraft in sich ' der Gedanke, daß dort die Eltern den Sarg erwarteten, er all den Jammer, den er durchlebt, von neuem auskoften müßte, hielt ihn zurück, dazu paar er todmüde der Dag> der hinter ihm lag, hatte alle seine Nerven angespannt, jetzt war ihm nur noch eine Sehn­sucht geblieben: zur Ruhe zu kommen, wenigstens für eine Nacht im Schlaf oergesien zu können.

Als er zum Ufer der Newa zurückkant, war der Ver­kehr der Passagierdampfer schon eingestellt, cf mußte den weiten Umweg bis zur Brücke machen. Langsam, >de schleppte er sich fort, dabei von der Furcht gefol­tert, daß die Tartakowa ihn erwarte nur das nicht, beute nicht, er fühlte sich unfähig, sie zu sähen, ei« .Wort «ist ihr zu sprechen.

Als er seine Woh>nung erreicht, schlich er leise die Treppe herauf, suchte sich an der Tür der Künstlerin vorbeizustchlen, aber als ob hinter dieser jemand auf ihn gewartet, wurde schnell geöffnet und vor ihm stand der Mann der Tartakowa.

Sergei Alexandrowitsch, warum ho eilig, ich habe Ihnen eine Bestellung auszurichten, wollen Sie nicht einen Augenblick eintreten?"

Das klang harmlos, und doch erschien es Sergei, als ob Hohn in diesen Worten steckte. Das spiegelten ihm jedoch wohl nur seine erregten Nerven vor, es hatte ge­wiß ganz einfach geklungen, io blieb er stehen und sah den Mann fragend an.

Ja, eine Bestellung", wiederholte der andere und ricib -sich dabei, als ob ihm der Auftrag, den er für den Studenten hatte, ganz besondere Freüde r.itad)e, die Hände, dabei zeigte sich tatsächlich in seinem Gesichte ein