i i-.s i Morgen-Veilage des Wiesbadener Tagblatts. I-
Nr- 117. Sreitag. 19. Mai. _•1916.
(11. Fortsetzung.) Dlt ClttCt* $töUi (Nachdruck verboten.)
Noman aus dem russischen Großstadtleben.
Von HanS Becker (Wiesbaden).
Sevgei antlvortete nicht, trat schnell ins Zimmer. Da sah er denn. daß die Vtagd wohl recht gehabt —* die Laute saß mit Hochrotem Gesicht und sprach heftig aus seine Mutter ein. Er fing gerade noch die Worte aut:
„Hättest auf mich Hören sollen, dann wäre irit all dieser Kummer erspart, über •—"
Säe unterbrach sich, als sie den Neffen sah. vor ihm, idem Gelehrten, wie sie chn nannte, hatte sie Refipokt, seine Ruhe, seine Geduld, niit der er alles trug, imponierten ihr. St-e vernichte dem Gespräch schnell eine aridere Wendung zu geben, ihn nach seinen Studien zu fragen, doch Sevgei hatte sich, nachdem er sie begrüßt, zur Mutter gewandt:
„Warum weinst du, was ist passiert?"
Frau Ascherkassowa antwortete nicht gleich, statt ihrer sprach die Dante wieder, es schien, als ob sie ihre Cousine nicht zn Wort kommen lasten, beschönigen wollte, was sie vorher gesagt:
„Worüber deine Mutter weint — über Vera natürlich — über >daL Unglück, das über sie hereingebrochen. Ich habe doch damals gleich gesagt, daß die Verlobung mit dom alten General eine Sünde sei, die nicht ungestraft bleiben könnte, und heute nun, als ich mit deiner Mutter über die Sache sprach, hat sie eingesehen, daß weine Warnung richtig gewesen, daß sie mir hätte folgen und Vera mcht den Willen lassen sollen — jetzt tut cs mir leid, daß ich ein Wort gesagt, es tut mir leid, daß ich mich von meinem guten Herzen habe hinreißen lassen und wieder hergelommen bin. trotzdem deine Schwester mich damals w schlecht behandelt, mich ange- schrien hat. Ich habe lauge gezögert, aber >das ver- waNdtschaistlickte Mut ließ mir keine Ruhe — ich wollte doch auch sehen und hören, wie es bei euch gcht und was nun geschehen soll."
Sergei hatte den Wortschwall über sich ergehen lassen müssen, auch jetzt, nachdem sie geendet, fugte er nur:
„Nicht gut gcht es uns, Dante, das hast du nun wohl gesehen — ich hätte gewünscht, daß ich früher gekommen wäre, vielleicht hätte ich verhindern können, daß du die arme Däutter, wie es nun geschehen, noch mehr aufgeregt."
Dann sich wieder an seine Mutter wendend:
„Weine nicht, Mama, die Dante hat es wähl nicht böse gemeint, und was hilft weinen. Vera scheint sich ja auch getröstet m haben, sie ist fleißig, macht Fortschritte und tut doch auch sonst alles, um sich weiter zu helfen — es wird schon wieder-besser werden."
Wie. immer suchte er zu trösten, wenn er auch selbst nicht daran glaubte, und es wäre ihm wohl auch gelungen, seine Mutter zu beruhigen und die Dante, die zu seinen Worten mit dem Kopfe genickt hatte, zu versöhnen, wenn in diesem Augenblick nicht Vera einge- treten wäre.
Sie blickb an der Dür stehen, als sie die Gruppe sah und ihr Blick auf die Dante fiel:
' „Dante, du wieder hier — was verschafft uns denn die Ehre?" ,
Das klang gereizt und Frau Gluchowa war denn auch sofort wieder in feindlicher Stimmung:,
„.Mas euch die Ehre verschafft — nun dir gilt mein Besuch nicht, weiß Gott nicht,, ich wollte deine arme Mutter trösten, die durch dich so, bitteres Leid erfährt, ich wollte auch hören, ob du nicht schon einen neuen Bräutigam gefunden hast, durch den wieder neues Unglück über die Familie, zu der doch auch ich nun einmal gehöre, gebmcht wird. Fa, ja — sieh mich nicht so wütend an, alles Unglück ist durch dich gekommen, dern Kochmut, dein Leichtsinn sind schuld an allem, so etwas läßt Gott nicht ungestraft."
Vera stand da und starrte mit weit geöffneten Augen auf die Frau da vor sich, die sie zu allem Leid, bas sie ertrug, noch höhnte. Plötzlich trat sie auf sie zu:
„Dante, ich verbiete dir so zu sprechen, kein Wort mähr, hörst du, es fft eine Schande, daß du nicht fühlst, was du tust und sprichst — doch was rede ich. du «hast ja nie Gefühl und Liebe für uns gehabt, nur die Neugier, die Sucht, schmähen zu können, treibt dich immer wieider zu uns, was willst du hier, geh deiner Wege, laß unS in Ruhe."
Sergei wollte sie unterbrechen, doch Vera stieß noch heraus:
„Sie soll gehen, was hat sie hier zu tun?"
Frau Gluchvlva hatte schon nach Mantel und Huk gegriffen und sich mit hastigen Händen cm gekleidet.
„Gut, «gut, ich gehe — ich bin überflüssig hier, mein gutes Herz hat mir wieder einen Streich gespielt, so kann ich das, was ich euch geben wollte, wieder mit- nehmen, die stolze Nichte wird es ja auch verschmähen, von mir eine Unterstützung anzunohmen. Adieu adiau — ich sage nicht: auf Wiedersehen, idas könnte euch Furcht einjagen, seid ganz ruhig, ich komme nicht mehr zu euch — bis ihr mich ruft. Es passiert vieles im Leben, man fft schon bitten gekommen bei denen, die man geschmäht und aus dem Hause gewiesen hat."
Sie ging mit langsamen Schritten der Dür zu, immer noch erwartend, daß man sie zurückhalten, Vera sich besinnen und Abbitte leisten öder Sergoi ihr ein gutes Wort geben würde. Als sie sah. daß nichts geschah, auch ihre Cousine sich nicht erhob, sondern vor sich hinweinte, verließ sie dirs Zimmer und ging aus dom Hause.
Einige Minuten blieb es noch still, dann sagte Vera: „Ach, dies Leben, dies Leben — ich halte es nicht länger aus."
Sie trat ans Fenster und starrte in die Dämmerung: die Worte der Dante, die Beschuldigungen, die diese gegen sie ausgestoßen, gingen ihr durch den Sinn. Log Wahrheit dann, kam durch sie immer von neuem Unglück über die Familie —■ welch eine sinnlose Bosheit, ihr idaS zu sagen, was konnte sie dafür, daß ihr Mann gestorben, jetzt auch der General — wer litt denn dar-
