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64. Jahrgang.
Morgen- Ausgabe.
Nr. 233.
weitere (Erfolge in Züdtirol!
über 90V neue Gefangene. 18 Geschütze und ^8 Maschinengewehre erbeutet. — Die Unwahrhastigkeit der italienischen Berichterstattung.
Österreichisch-ungarischer Tagesbericht.
W. t.-B. Wien. 18. Mai. (Nichtamtlich.) Amtlich verlautet vom 18. Mai. mittags:
Russischer und südöstlicher Kriegsschauplatz.
Nichts von Bedeutung.
Italienischer Kriegsschauplatz.
An der küstenIändischen und Kärntner Front war die Artillerictätigkeit zumeist durch Bodennebel behindert. Südöstlich M o n f a l c o n e wurde ein Versuch der Italiener, ihre unlängst verlorene Stellung bei Bagni wiedcrzugewinnen. abgewiejen. gm bol' di Lana-Gebret scheiterten wiederholte femdliche
Angriffe. , Qf
In SüdtiroI nahmen un,cre Truppen un Angriff zwischen Astasch- und La in-Tal (Aftico- llnd Leno-Tal) den G r e n z r ü ck c n des M a g g i o ut Besitz, bemächtigten sich nach Überschreiten des Lain-Tales, südöstlrch Platze (Piazza), der Costa Bella und schlugen südlich von Mo scher: auf der Zugna Torta mehrere feindliche Angriffe ab. Der gestrige Tag brachte über 90 0 weitere Gefangene, darunter 12 Offlzrere. und «ne Beute von 18 Geschützen und 18 Maschinengewehren ein.
Der Bericht des italienischen Gcneralstabes vom 16. und 17. Mai behauptet, unsere Verluste in diesen Kampfe» seien „schrecklich" und „ungeheuer gewesen Diese Angaben, die den Eindruck des Ruck- zugesabschwächen füllen, sind freierfunden. Die Verluste des Gegners kann man nur abschatzen, wenn man das Schlachtfeld be h a u p t e t. Die Italiener sind nicht in dieser Lage. Dagegen können wir bei voller Wertung des Blutopfers jedes einzelnen unserer Braven erklären, das; unsere Verluste dank der Geschicklichkeit unserer Infanterie, des mächtigen Schutzes unserer Artilleriewirkung und der Kriegserfahrung unserer Führer außcrordent- lich gering sind.
Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabs: v. Höfer, Feldmarschalleutnant.
Nach ttut-el-Kmara.
Von unserem militärischen Mitarbeiter.
Englands Niederlage in Mesopotamien war zu be doutungsvoll, als daß seine Einbutze an politischem und militärischem Anlsöhen nicht unerhebliche Folgen höben mußte. Dementsprechend ist es toohl erklärlich, wenn unsere Feinde letzt -alles daran setzen, um die empfindliche Schlappe in ihren Wirkungen auf das Verhalten der durch sie beherrschten Völker etwas zu mildern. Engländer und Russen scheinen trotz des Verlustes von Kut-el-Amara den Feldzug im nahen Orient noch nicht -aufgegeben zu haben. Im Gegenteil lassen die Meldungen der letzten Tage darauf schließen, daß 'owcchl in Armenien wie auch in Mesopotamien und an der persischen Grenze ein bemerkenswerter Bewogun-gs- krieg begonnen hat. Die hier einsetzende Tätigkeit steht im scharfen Gegensatz zu der außerordentlichen Ruhe, welche auf den europäischen Kriegsschauplätzen, einschließlich des Balkans, zu verzeichnen ist. Ab-ges-ehen t,on den bedeutenden Vorgängen um Verdun wind im Lager unserer Gegner gegenwärtig mehr g e - schrieben als gefachten, .mehr Hoffnungen und Erwartungen auf ihre kommende große Offensive ausgesprochen' als daß deutliche Anzeichen hierfür .sichtbar würden.
Im mesopotamischen Kampfgolände stehen die Tür. ken in enger Fühlung init den Truppen des Generals G o r r i n g e. Lebhafte Kanonaden seitens der Türken und Engländer lassen darauf schließen. Es bleibt abzuwarten, ab diesen Artill-erieduellen Jnfanterieakst-onen größerer Art folgen werden. Es ist hierbei zu beachten, daß dieselben drei Sperrriegel, welche es den E-nt- satztruppen unmöglich niachten. den türkischen Ring vor Kut-el-Amara zu sprengen, nunmehr sich vor den Türken erheben. Ein Bormarsch in !der Front -dürfte daher aus große Schwierigkeitsn stoßen. Etwaige umfassende ^Flankenbewegungen sind ebenso zu beurteilen, denn auf feindlicher Seite blieben derartige Vorstöße des Generals Gorringe jedesmal in S'tmpf und Wasser stecken. Was bisher den Türken nützte, bildet nun auch für ihren Angriff ansehnliche Hindernisse. Tie Kriegslage im mesopotamischen Kampfgebiete scheint idaher auf die Verteidigung hinzudeuten. Diese An- naihme wirb noch dadurch bestärkt, daß die englische
Entsatzanmee nach neuesten Meldungen aus brstffchen Zeitungen die Eroberung von Bagdad immer noch nicht aufgegeben hat. Die Verknüpfung englischer und russischer Interessen in diesen Gebietsteilen deutet darauf hin, daß die militärische Eroberung noch nicht zum Stillstand kommen soll. Wiederum erhoffen dre Engländer wirksame Hilfe vom östlichen Bundesgenossen. Trotz der Niederlage von Kut-el-Amara weisen die russischen Angriffsrichtungen von Persien her auf die heilige Stadt. Am 10. Mai erreichten dre vordersten Staffeln des russischen Generals Baratow die persische Stadt K a s r i - S ch t r i n. Die Entfernung bis Baadad beträgt aber immer noch rund 170 Kilometer in der Lustlinie, ungerechnet die schwre- rigen Wegeverhältnifse im persischen Randgebirge, ohne in Rechnung zu stellen, ,daß im Rücken der öor- Truppen zweifelhafte persische Stärmne ihr Unwesen treiben. Das Hauptaugenmerk.der türkischen Heeresleitung wird sich voraussichtlich diesem beabsichtigten r u s f i f ch e n F l a n k e n st o ß zuwonden. Das Freiwerden beträchtlicher Streitkräste durch den Fall von Kut-el-Amara und -nicht zuletzt das Plus an moralischer Gef-echtskrast unseres Bundesgenossen reichen hin, um auch dieser Gefahr. zu begegnen. Dre türkische Winkelstellnng zwischen Persien und Mesopotamien wird sich gewiß ebenso -wacker halten, wie wrr bisher Gelegenheit hatten, türkische Ausdauer zu bewundern. ,
In Verbindung mit diesem englisch-russff-chen Vorstoß gegen dos nördliche Mesopotamien stehen die zunächst kleineren Aktionen, welche__ französiis ch e Kriegsschiffe -gegen die Küste Kleinasiens, bei Smyrna, unternahmen. Es fft denkbar, daß unsere Feinde versuchen könnten, diese Hastnstadt zu erobern, um von ihr aus einen Stoß zu führen gegen die empfindlichen Punkte der türkischen Eisenbahnen, welche der Küste entlang laufen und für das Heer außerordentlich wichtig sind. Nach Meldungen, fremdländischer Zeitungen scheint unser Bundesgenosse sich auch gegen diese Gefahr hinreichend gesichert zu haben. Das Fcsts-etzen feindlrcher Truppen an der kleinafiatischen Küste wind unseren Gegnern nicht glucken.
Auch auf dm K-a u k-as u s f r o n t erstreckten sich die günsstgen Folgen des türkischen Sieges in !Meso potainien. Die sehr allgemein gehaltenen, r us fischen M e l d u n g e n zeigen nur zu deutlich, daß ein Stil I- stand in den feindlichen Operationen eingetveten ist, während uniser Bundesgenosse an mehreren Stellen zu erfolgreichen Gegenangriffen überging. Handest es sich auch zunächst nur in der Hauptsache um Kämpfe kleinerer Abteilungen, soffind die bisherigen türkischen Erfolge zwischen Erzinqjcm und Erzerum nicht minder wie das türkische Vordringen aus dem rechten Flügel wohl dazu angetan, als Vorläufer größerer Unternehmungen türkischerfeits angesehen zu werden. Der sichtbarste Erfolg an der kankastsch-armenischen Front ist auf dem türkischen linken Flügel om Schwarzen Meer zu verzeichnen. Die russischen Ortsangaben und ihr Vergleich mit den türkischen Meldungen lassen unschwer -erkennen, daß es dem Feinde weder gelungen ist, die türkischen N-ordtruppen. zu umfassen, noch an der Meeresküste einen erfolgreichen -Schritt westwärts zu tun. Gerade das negastve feindliche Nesultat im Bereiche des Schwarzen Meeres ist von ausschlag- aebender Bedeutung.
Im südlichen Persien beginnen die persischen Stämme im Laufe der Zeit sich nicht nur zu echeben, sondern auch an mstitärffcher Kaimpskrast bedeutend zu gewinnen. Bei Bouschir, an der Qstk>üste der Pevsffchen Golfes, wurden Aufftändische von englischen Bataillonen angegMfen, ohne 'daß es letzteren gelungen tväre, die staÄ'verschanzten Stellungen zu erobern. Me britt- scheu Truppen sahen sich genötigt, ohne Ergebnis den Rückzng anzutreten. Auch in diesem GMete beginnt es zu gären. Auch hier bedarf England zuverlässiger Truppen, um Macht und Ansehen zu stützen.
Der dritte Kriegsschauplatz, auf welchem die Türken zu kämpfen -haben, auf dem es für sie gilt, verlorenes Gebiet dem englischen Feinde wieider abzunehllnen, fft der afrikanische. Östlich >des Sueskanals sehen wir osmanische Truppen nur 15 Kilometer mit ihren, Vorhuten vom Sueskanal entfernt. Die englische Niederlage bei Katia ist von den Besiegten bisher noch nicht wräder gut gemacht worden. Das türkische Vordringen auf der nördlichen Karowanenskraße fft Wohl zum Stchen gebracht worden, nicht aber zu einer rückläufigen Bewegung. Englische Versuche, durch Bombenwurf den Bau der W ü st e n b a h n, welche in westlicher Richtung von den Türken vorgetrie!ben,,wird,, zu stören, hatten keinen Erfolg. Die englische öffentliche Meinung betraästet die Borgänge in diesem Kamps- oebiet, welche zntzeit noch den Charakter vorbereitender H a nd I u n a e n tragen, mit wachsender Sorge und Unruhe. Ans den Pressfftimmen ist klar ersichtlich, idaß dem britischen Pichliknm bisher Mel verschwiegen worden fft. Auf der Wesffeite des Kanals
beginnt der hetlige Krieg in dem nördlichen Test des Sudans aufzuslammen. Im Lande des Wähdi,,in welchem am 2. September 1898 das Heer der Derwffche bei Qmdurmgn durch Lord Kitchener zertvummert wurde, regen sich die kriegslustigen Stämme. Wre groh ihre mffitärffche Leistungsfähigkeit isst bewiesen sie ran Jahre 1885, als der General Gordon ber Kharstml mit seinm Truppen den Speeretr des Mahdi erlag. Diese >ausr.ührerische Bewegung soll im Zusanmrenhange stehen mit dem wieder erivachten Treiben der Seuussen, Mit welchen der Stmnm im nördlichen Sudan sich vereinigen will. Auch von Süden also drohen schwere Gefahren dean ägyptischen Reiche der Engländer. Me italienische Fesffetzung an der Küste von Libyen verfolgt mehr die Wahrung eigener kolonialer Interessen, als daß hieraus ein Zusammengehen mit England zu folgern wäre. r
Der türkische Sieg bei Kut-el-Amara brachte eure sichtbare Belsbung in den Kriegshandtlungen der orientalischen Kviegsischa-uplätzen. Das militärische und moralische Übergewicht, liegt aus seiten unseres türkischen Bundesgenossen. Der Name Kut-el-Ilmara bildet nicht nur einen rühnivollen Merkstein in dm Gelschichte des osmanffchen Heeres, sondern auch einen evfreulichen Wendepunkt in den kriegerischen Handlungen, von nicht geringer Bedeutung und an- sthnlichem Einstuß auf die -militärische Lage der Zen- tralmächte. _
Die Litauer.
Zu dem Delegralnin, das >die Liga der Fremdvölkcr Rußlands aus Stockholm an den Präsidenten Wffson geiandt hat, haben die Vertreter des litauischen Volkes, die 'im besetzten Litauen ansässig sind, Herr Ingenieur Kairysk, Herr A. Znnidziuavicius, Prästdent des Kunst- vcieins, und Herr vr. pd!I. I. Saulys, noch folgende ausführliche Erklärung abgogcken, in der sie sich, über die seitens der russischen Regierung den: litauffchen Volk zugeifügten Unterdrückungen und Mhhandlungen beklagen. „Die Litauer, einst ein mächtiges Volk, ldas zwischen dein: Westen rmd Osten Europas einen starken Staat sich >gebMet und Jahrhunderte hindurch selbständig fein Staatswesen, seine bode-fftändige -Kultur und Sprache verteidigt hat, sie kmnen schließlich, wie ouch ihre Nachbarn, die nfft Litauen durch die Bande gemeinsamer Vergangenheit verbunden siüd, unter die Herrschaft des mächtiigen Rußlands. Don der Zeit an begann für das Land, das jetzt endgültig seinen Eharak- ter als Staatswesen verlor, eine Reihe schwerer, sehr schwerer Zeiten. Das von Litauern bewohnte Gäbiet wurde in besondere Derwastnugsb-ezirke verlegt, damit feine e t h n o g r a p h i s ch e n G r e n z e n verwischt wurden. Sein -Erbteil ans alter Zeit „das -litauifche Statut", das Jähchuuderte hindurch in Litauen und seinen Nachbarläüdern Fuß gefaßt -hatte, wurde der veränderten Lage nicht angepaßt, sondern man vertauschte es einfach mit dam frenrdM russischen Kodex. Das litanffche Gewohicheitsrecht. Wurde unterdrückt, Glau- bens- und Gewissensfrecheit wurde ihnen gonommerr, wo es nur angtng. Man zwang ldas Dost gewaltsanr, den fremden orthodoxen -Wauben anznnehmen, und der Landbesitz der katholischen, unrerten und pvoteistantffchsn Kirche w-rrvde konfisziert Zugunsten der Orthodoxen. Das litarrffche Wirffchastsleben wurde rücksichtslos zugrunde gerichtet. Um-dies zu erreichen, -ergriff die russische 8leg-iernng die verschied-eusten Maßnahmen: sie -erließ Gesetze, die den Katholiken und übechaupt den Landeseinwoh-nern den Kauf- oder sonsst- aen Erwerb von Landbesitz n-nmüglich niachte. Auf Staatsk-ofteu wurde vis ganz vor kurzenr, -der Boden aufg-ekauft und an russisch e K o I o n i ft c n veräußert, trotzdenn H rr n d e r t t a u s e n d e vo-rr - Li taueru für ihre fleißigeu Hände keine Arbeit fanden, und ihre Heimat verlassen und airswarrdern mußten, besonders nach Amerika, dkicht genug hieran, um das Land ganz zu ruinieren, wurde der Diffe- renzial-Eisenbah ntarif eingeführt, -der die von iden Russen bewohnten Gebiete privilegierte.
Einige Jaihrzehnte hindurch war es streng verboten, litauische!Schristen in Rußland zu drucken. Ja, sogar das Lesen litauischer Gebetbücher, die aus dem Ausland eingeführt waren, wurde unter Strafe gestellt. Die litauische Sprache durste öffentlich nicht gebraucht werden, whder in der Schule, nock) -bei der Der- waltung, noch bei Gericht: ebenso war es verboten,
Schulen zu gründen, die die Litauer in ihrer Muster- spräche unterrichteten. Die litauische Intelligenz durste in Litauen weder an der Rechtsprechung noch an der Mrwaltuug teilnehmen. Auch war es ihnen verboten, in Litauen Lehrerstellen anzunehuren, sogar an russl- schen Schuh.. Litauen wartete vergeblich auf -die Seilbstverwastu..„, trotzdem die von Russen bewohnten Gebiete dieses Recht schon zrrm großen Teile hatten. Es existierte kein Selbsthestimmungs recht auf den Gebieten der allgemeinen Wirtschaft, Bildung, Handel und
