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>Der Roman, j
Morgen-Beilage der Wiesbadener Lagblatts. r.. -i
Nr. 116.
Donnerstag, 18. Mai.
1916.
(10. Fortsetzung.)
Die Geschichte einer Zrau.
Roman aus dem russischen Grobstadtleben.
Von Hans Becker (Wiesbaden).
(Nachdruck verboten.)
Mrs: Liebe, Mitleid tvat zurück, versank vor idem Anblick, den die Frau, die ihm gegsnüdevstand, bot: Hier glühendes, glückverheißendes Leiben — dort Kummer, Verzweiflung, unrettbar durch utopische ^dee>n verwirktes Schicksal. In dem Sinnenrausch, der ihn umfing, hatte er joden Halt verloren: Er war gekommen, um für eine andere zu bitten und fühlte jetzt nichts als das plötzlich erwachte Verlangen nach eigenem Glück, nach Stillung seines eigenen egoistischen Schmerzes.
Das Blut begann in feinen Adern zu glichen, der ganze Mensch ,,, chm war ausgetaufcht — er, der stets inir bereit geweisen, zu halfen, zu geben, war ein Verlangender geworden, und fast unbewußt, stürzte er auf d»e Frau zu und riß sie an sich.
Sie Hatten nicht acht darauf, daß die Tür leise geöffnet wurde und jemand Hindurchblrckte, der sich sofort wieder zurückzog, erst durch das Anschlägen der Mur- glocke wurden sie aufgestört, gleich darauf meldete die Zofe die ersten Gäste., —
Am darauffolgenden Morgen brachten die Zeitungen die lweiteren Berichte über das Attentat und die Mitteilung, daß die Täterin sich am Abend vorher in der Zelle der Peter-Paulsfestung getötet hätte. Trotz strengster Untersuchung hatte man keine Waffe außer der, die man ihr nach der Tat angenommen, kein Gift bei ihr gefunden — irgend ein Wärter mußte ihr, bestochen von der Partei, das Todesmittel zugesteckt halben.
Damit war der Fall für die weiteren Kreise erledigt, ,man ging zur Tagesordnung über, hatte wähl kaum eine Ahnung davon, welch zerstörtes Familienleben die Tote hinter sich gelassen.
Sevgei hatte ans der Straße eine Zeitung gekauft und das Blatt durchflogen, bis er zu der Stelle gelangte, wo der Bericht stand.
Immer von neuen, las er, ließ seine Augen darauf ruhen, konnte nicht loskammen davon: In der Abendstunde — also zur gleichen Zeit, als er bei der anderen gewesen. — Ein kalter Schauer packle ihn, wie ein Verbrecher kam er sich vor; dann wieder schien es ihm, als ob er erst jetzt aus einem wüsten Tranm aufschrecke, die Zeit feit gestern abend bis zu diesem Augenblick gar rächt gewesen — alles nur Traum. Unwirklichkeit sei — denn wie wäre es möglich, daß er m der Stunde, in der jene sich den Doid gab, eine andere geküßt?
Mein Gott, mein Gott! — War es Wahrheit? — Er hatte sie geküßt, sie in feinen Armen gehalten, alles das, während das Mädchen, dem feine Liebe gehörte, mit dem Tode rang.
.Konnte er das gutmachen? Mußte er das nicht gut- machen, wenn er je wieder eine ruhige Stunde im Leiben halben wollte?
Wer wie — wie? Kann man Tote erwecken, sie um Vergebung änflchon? — Eine Sehnsucht nach feinem Kinderglaüben, dem Glauben an ein Fortleben nach dem Tode stieg in ihm auf. Im Gebet könnte er dann zu ihr sprechen; sie «war so saust, so gut gewesen: sie würde
ihm verzeihen. Aber er fand den Glauben nicht weder. Der war längst zerstört, fortgeweht durch bas Leiben. Sie war tot, und Tote fühlen nichts mehr.
Nun würde rnan sie einscharren, irgendwo in einem verlassenen Winkel— das durfte nicht sein — wenigstens eine menschenwürdige Grabstätte mußte er ihr schaffen, daß die Eltern daran ihre Gebete verrichten konnten.
Er hatte das Zeitungsblatt in die Tasche gesteckt limd war vorwärtsgegangen, wohin — wußte er selbst sticht. Vielleicht zu den Eltern der Toten, um mit ihnen 0U beraten, aber der Jammer, den er dort gesehen, stand ihm noch vor Augen, ihm graute davor, nochmals einen Blick in das Haus zu tun.
Also idann — wohin.
Wieder wie gestern, als er Rettung suchte, dachte er au die Dartakowa. Aber durfte er ihr das bieten — jetzt. Und doch, warum sollte sie nicht, sie liebte ihn, sie mußte fein Gefühl verstehen, konnte doch auf die Tote nicht eifersüchtig fein.
Und wenn doch — jetzt hatte er Macht über sie, sie diirfte ihm diese Bitte nicht abschlagen.
Die Gedanken trieben ihn vorwärts, als er jedoch vor der Wohnungstür der Künstlerm stand, beschlich ihn ein eigenes Gefühl: Wie hatte sich sein klares Leben verändert, er konnte sich selbst kaum mehr in den Wirrnissen, die ihn umgaben, zurechtfinden. Das Mädchen, das er mit ehrlicher Liebe, >mit jener Liebe, wie sie allein seinem Charakter entsprach, geliebt — tot, als Vertbvecherin durch eigene Hand gestorben, und er vor der Tür der Geliebten von gestern, um jener mit deren Hilfe sine letzte Ruhestätte zu verschaffen.
Die Geliebte von gestern — fühlte er denn Liebe für sie, hatte er sich, nicht nur durch den Augenblick, durch fein aufwallendes Mut hinrerßen lassen?
lEr konnte nicht weiter denken ■ — die Tür wurde geöffnet, vor ihni stand Olga Dartakowa zum Ausgeben angekleidet. .
„Sevgei" — sie nahm seine Hand und führte ihn ins Zimimer. Wie ein Fremder kam er sich vor und wie ein Fremder sprach er:
„Ich störe wohl —"
Verwundert blickte sie ihn einige Atemzüge lang an, sie hatte eine ganz andere Begrüßung erwartet, dann glitt ein Lächeln über ihre Züge: Sie kannte ihn ja, hatte ihn lange genug beobachtet, wußte, wie scheu und zurückhaltend er stets ihr und auch anderen Frauen gegenüber gewesen, das war es ja, was sie gereizt, dazu beigetragen, ihr Interesse für ihn zu erwecken, sich in den schönen Jungen zu verlieben.
Wer heute, nachdem er sich am vergangenen Tage so anders gegeben, hatte sie geglaiibt, daß auch die Begrüßung eine andere sein würde, nun stand er dg wie. ein Stock, sein Blick irrte im Zimmer umher, als c® er sich vor ihr fürchte.
„Sergei, was ist mit Ihnen? '
