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Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblattr.

Nr. 115. Mittwoch, 17. Mai. 1916.

{9. Fortsetzung.) (5Cfd)}tC CfltCt $föU* (Nachdruck verboten.)

Roman auS dem russischen Grohstadtleben.

Von HanS Becker (Wiesbaden).

Ein Gefühl der Furcht überchlich sie um Gottes- willen nur das nicht, nur nicht kompromittiert, in fotcfpe Ding« hinenrgezagen werden. Ängstlich lauschte sie nach der Tür, ab Üie Häscher nicht schon hinter ihm tvären uni) immer sprach er noch nicht, sein Schluch- -en war in stilles Weinen übergagangen, das trotz aller Furcht ihr Mitleid erregte.

Und nicht nur ihr Rtitleid: Sie hatte -für den hübschen Jungen viel übrig, ihn: dies oft gezeigt, doch er war stets daran vorübevgeglitten sollte jetzt der Augenblick gekommen sein, daß sie seine Dankbarkeit, vielleicht mehr gewinnen könnte?

Doch das war nur ein schneller Gedanke, so ange­flogen schon überwog die Furckst wieder bei ihr, und in dieser Furcht, in dem Verlangen, sich Gewißheit zn verschaffen, stieß sie hervor:

Was ist mit Ihnen, Sergei WexaNdrowiffch, so sprechen Sie doch. Sie foltern mich."

Das klang nicht sehr gütig, erregt, beinahe gereizt, doch er hatte im Augenblick für den Ton, in dem die Frage gestellt »rar, kein Verständnis, er hörte nur, daß sie ihn aufforderte zu sprechen.

Sein Weinen verstummte, er suchte sich zn fassen, sah sie einige Sekunden an, «dann sing er an M er­zählen. Erst müde, schleppend, nach Worten suchend, dann, als mit den Worten immer stärker das Bewußt­sein seiner Verzweiflung sich fühlbar machte, hastiger, sich fast -überstürzend: Es handele sich um Anna

Palzewa, die

Olga P-etvowna war aufgesprungen:

Halten Sie ein. was ist's mit ihr, was häben Sie mit ihr zu schaffen?" und als er in seiner Erregung doch weiter sprechen wollte, unterbrach sie ihn von neuem:

,Sergei -Mexandrowitsch, bevor ich Sie sprechen lasse, erklären Sie mir, bekennen Sie gehören Sie zn jener Partei, dann"

Sie hatte ihm die Hand auf die Schulter gelegt und sah ihm in die Aiugeu, als ob sie die Wahrheit -daraus leien wollte.

Nein, ich gehöre nicht 'dazu, habe mit all den Din­gen nichts zu schaffen, ich bitte nur für die Uirglückliche, die mir< nahe steht die ich liebe."

Die Künstlerin hatte schnell die Hand zurückgezogen und ging erregt im Zimmer auf und ob. Sie kämpfte mit sich Sollte sie ihn anhören oder ihm dieTür weisen? Was hatte sie mit seiner Liebe, die jener gehörte, zu schaffen doch Sergei sprach schon weiter:

Ja, ich liebe sie, und ich flehe Sie an, Helsen Sie, retten Sie sie. Ich gehöre nicht zu jener Partei, habe nie dazu gehört ich habe Anna Palzewa in ihrem Hause kennen gelernt, wo ich ihren jüngeren Bruder unterrichtete. Sie ist die Tochter eines kleinen Kauf- manns, die Eltern sind einsachc, schlichte Leute, niemals habe ich denken können, daß Anna sich mit solchen Dingen beschäftige. Sie ist da hinoingeraten durch

eine Freundin, erst später, leider zu spät, habe ich da­von erfahren nie hat sie sich mlt enwm Worte ver­raten, auch mir gegenüber nie davon gesprochen. So gut, so sanft wahnsinnig könnte ich werden, wenn ich mir vorstelle, daß ich, wenn ich alles früher gewußt, sie hätte beschützen, vielleicht retten können. Vielleicht, wenn ich sie angefleht, hätte sie sich zurückgezogen vielleicht auch nicht ich weiß es jetzt selbst nicht, sie war so phantasftsch und doch, doch, wie war es möglich gewesen, daß sie die Tat vollbracht, ich stehe vor einem Rätsel."

Olga Petrowna war wieder zu ihm getreten:

Und was, glauben Sie, kann ich tun, welcher Ge» dank« hat Sie zn mir geführt?"

,Sie kennen den Minister des Innern, er allein hat die Mackst"

Lassen Sie sich nickst auslachen, Sergei Alexandro- witsch, lvas glauben Sie, was muten Sie mir zu. Ich soll wegen dieser Person, die gemordet hat, beim Minister bitten gehen, mich selbst in ein Licht stellen, als ob ich nein, mein Lieber, keinen Schritt tue ich, nichts, Mr nichts, hat das Mädchen die Schuld aus sich genommen, so muß sie dafiir büßen. Seien Sie froh, d- Sie von ihr befreit sind, über kurz oder lang hätte sie Sie zu sich herübergezogen vielleicht wären Sie dann heute an ihrer Stelle."

Sergei war aufgesprungen und blickte sie wortlos an. So hatte er sie noch nie gesehen ihre Augen sprühten - was war das, was hatte ihr jene Unglück­liche getan

Trotz der halben Betäubung, in der er sich befand, bahnte sich doch langsam ein Geidanke Raum: Das war Haß und wenn eine Frau haßte, konnte das nur aus Eifersucht sein. Zu dem Gedanken trat ein Erinnern ein Erinnern an eine Stunde, ideren Begebenheiten er damals kaum beachtet, die aber heute, jetzt -im Augen­blick, klar vor seine Seele traten: Einige Wochen war es her, auch an einem ihrer Musikabende, er war. wie heute, vor den übrigen Gästen gekommen, da er ihr auf ihre Bitte «inen Packen Noten -von denn Musikalien- händler mitzubringen versprochen. Die Tartakowa hatte ihn, als er wieder gehen wollte, zurückg-c-halten und aufgesovdert, die leere Stunde, die bis zum Beginn der Gesellschaft noch vor ihnen lag, mit ihr zu ver­plaudern.

Sie hatten zusammen gesessen, erst über dies und jenes gesprochen, dann, nachdem -sie von ihrer Zofe auf einige Minuten abgerufen und wieder gekommen war, hatte er Tränen in ihren Augen bemerkt. Als er sie nach der Ursache gefragt, war es herausgekammen: Ihr Mann, er habe wieder gett-unLen- sie sei so unglück­lich sie hatte ihm all chren -Kummer vertraut.

Sergei, der schweigend zugehört und nicht gleich ein Wort ides Trostes gefunden, wohl auch nickst dazu ge- kommen wäre, etwas zu sagen, erftihr nach und nach die ganze Trostlosigkeit ihrer Che: Wie ihr ganzes