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fei « i Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts, , i

Wr « ___ Sonntag» 14 . Mai. 1916,

(7. Fortsetzung.)

Dfe Geschichte einer Zrau.

Roman aus dem russischen Grotzstadtleben.

Bon Han» Becker (Wiesbaden).

(Nachdruck verboten.)

„Me feabciinertid), bestellen Sie Exzellenz meinen Gruß, ich wünsche chm baldige Besserung", «dann, als vre Alte sich zrmr Gehen -wandte, noch schnell: „Es ist -doch nichts Ernstes?"

Me Wirtschafterin hob die Schultern und bewegte den Kopf:

„Man weiß noch nicht, der -Doktor ist setzt bei chm ~ ich W&c auch schon nach dem jungen Herrn geschickt, in «den Zähren des Generals" — wieder ein Heraus» ziehen der Schultern — „-der Herr ist die letzte Zeit auch viel zu viel h-evumgssichren, «hat seine Ruhe nicht ordentlich gehaibt, ist erkältet."

Dabei sah -sie Vera vorwurfsvoll an: „Daran trägst du me Schuld" lag in ihrem Blick.

„Also nochmals gute Besserung."

Vera -kehrte sich von ihr ab und ging ins Zimmer zurück, -die Alte stieg die Treppe yinunter.

«Erst jetzt kam bei Vera die Überlegung: Was nun — wollte -das Schicksal ihr von neuem einen Streich spielen, war ihre Hoffnung ans eine bessere Zukunst zerstört?

„In den Jahren des Gerrerals" — die Worte der Haushälterin tönten in ihren Ohren — fast «wollte es ihr zur Gewißheit werden, daß alles vorbei sei, sie sich werter Plagen müßte.

Nicht allein «urit den Musikstunden, das wäre schließ­lich noch rricht «das schlimmste — aber wenn aus ihrer Heirat nichts wurde, mußte sie daran denken, Geld zu verdienen. Dann konnte sie ja, wie «die Mutter und Ser.gei ihr geraten, von Haus zrr Haus laufen und -fran» zösischen Unterricht erteilen.

Sie stöhnte auf: „Ekelhast, dies Leben —" und an allein war jener, ihr Mann, schuld, der sie feige ver» lassen, als er sie dirrch leine Schwindeleien ins Unglück gebrach.

Das weichere Gefühl, das vorher in ihr ausgestiegen, war verwischt, der frühere Zorn gegen den Toten'zu- ruck-gekehrt.

Me Mutter öffnete leise die Tllr und steckte den Kopf herein:

„Dera, was ist, was «wollte die Haushälterin?"

Auch das noch — nun sollte sie anfangen zu er­klären und «wohl gar anhören, daß Gott das so gefügt — also die Sache nur kurz machen und dann «inst sich allein sein, aus die Straße laufen, sich Bewegung machen:

„Ach nichts Besonderes, Mama, der General «hat sich erkältet, er kommt morgen oder -übermorgen" — und ohne ein Wort «weiter, nahm sie ihren Pelz und -ging aus «dem Hause.

* * *

«Wochen «waren «vergangen, einige «wävmeve Regen­tage «hatten das Nahen '-des Frühlings verkünden Ivollen, doch es «war wieder kalt geworden, eisige Lust wehte vom Ladogasee «her, «wo die Eismassen sich noch nicht -genihrt hatten.

, «Erst wenn «das Eis (ich in Bewegung «gesetzt un­feinen Laus -durch die Newa hindurch in «das Meer ge­nommen «hat, wird der Winter endgülstg verdrängt. Nur die Sonne läßt sich nicht «gebieten, mit -ihren Strahlen am. Mittag sucht sie zu zerstören, «was Nacht­frost und Wind zurückevabert —- von «den Dächern «der Häuser rieselt es in glänzenden Tropfen, und der «schon schwarz gewordene «Schnee in den «Straßen löst sich in breiige Massen aus und -macht «das Gehen fast zur Un­möglichkeit.

Das empfand auch Vera, die eben aus einein Hans« des Liteinypvospe-kts getreten war und «den Weg nach ihrer Wohnung eingeschlagen hatte. Eine Strecke lang war sie, -gegen den Wind ankämpseNd, vorwärts- gekommen, jetzt mußte sie stehen bleiben, itim einige Augenblicke zu ruhen und Atem zu schöpfen, «dahei fühlte sie erst recht, wie, trotz Pelz und Überschuhen, die kalte Feuchtigkeit ihren Körper durchdrang und _ sie beben machte.

Den Kopf vorgebeugt, mit fest aufeinandergepreßten Lippen setzte sie chven Weg fort — nur erst wieder ein« wanne «Stube, einen anderen Wunsch «hatte sie für den Moment nicht.

«Was sollte sie denn auch noch wünschen und hoffen — es »rar alles in Trümmer «gegangen, das ganze, «große Glück, das ihr so nahe gewesen — der «General war drei Tage nach seiner «Erkrankung einer Limgen- entzündung erlegen.

Am Wende vor seinem Tode hatte er sie zu sich bitten «lassen, er «war schon sehr schwach, «aber anscheinend noch bei Besinnung. Er hatte «ihre Hand ergriffen, da­bei Leise zu ihr gesagt:

„Wenn ich nicht mehr -gesund werde, du sollst keine Not leiden, ich wende für dich sorgen, heute noch, ich eiwarte nur —"

In diesen Minuten angesichts des todkranken Man­nes «hatte sie fmtm auf diese Worte gehört, am anderen Tage, als sie fernen Tod erfuhr, fielen ihr diese «wieder ein, und -gleichzeitig «mit dem «Gedanken 'daran fühlte sie es wie «eine Erlösung in sich «aufsteigen: ««Sie war wieder frei, unab-lsiingig, wür«de Geld «haben, denn «was anderes sonst konnte «der Kranke gemeint haben, als «daß er ihr einen Teil seines Vermögens hinterlasse? Von Stunde zu Stunde, von Tag zu Tag wartete «sie, daß ihr eine Nachricht «darüber zugehen würde, «doch es kani nichts, eine Woche und mehr war -vergangen, ihre Hoffnung -gesunken, vielleicht war der «Sterben,de nicht «mehr «dazik gekommen, sein Wort wahr zi, «machen. Wer sie «hatte doch, «als sie den Kranken wieder verlassen, einen Geist­lichen und einen Herrn im Nebenzimmer gesehen, hatte gehört, wie «der Diener diesen letzteren mit „Herr Notar" angeredet — augenscheinlich hatte es sich doch um -das Testament.gehandelt. Und trotzdem war sie leer ausgegangen, nichts, nichts hatte sie erhalten, irgend etwas mußte -dazwischen gekommen sein, was den General verhindert «hatte, seinen letzten Willen zu äußern.