Einzelbild herunterladen
 

Nr. 1,2.

Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatis. ^—°>

Samstag. 13. Mal.

,916.

16. Fortsetzung.)

Die Geschichte einer Zrau.

Roman aus dem russischen Großstadtleben.

Von Hans Becker (Wiesbaden).

(Nachdruck verboten.)

Die Aussprache mit Sergei stand Vera noch bevor, sie konnte ein Gefühl >der Schanr nicht überwinden, tuenn sie daran dachte. Sie wußte zwar, daß Sevger Ntcht viel Worte machen würde — das tag nicht in seinem Charakter —, ihr bangte nur vor seinen Blicken, seine guten, sanften Angen sagten mehr wie Worte, sie verstand deren Sprache und hatte schon in der letzten Zeit, seitdem die Sache mit dem General im Gange war, einen Vorwurf darin zu leien geglaubt.

Aber sie mußte auch darüber hinwegkommen, ihr Entschluß stand fest — sie konnte das Löben nicht so weiterleben.

Der Gedanke an chr Geigenspiel - die Hoffnung, der sie sich Hingegeben, war verflogen — eigentlich gleich am ersten Tage, nach der ersten Unterrichtsstunde: Er­regt von der Fahrt,, von dein Bilde, das sich ihren SMtcten am SLböläquctit qo boten lutb Die ©rinneriniq üu > die Vergangenheit in ihr wachgerufen, war ibr das .Musikstudium wie eine Fron erschienen, es war noch Hrnzuigekominen, daß der Professor sie bei den folgen­den Lektionen getadelt, ihr Zerstreutheit vorgeworfen und gedroht hatte, den Unterricht einzustellcn, wenn das so weitergehe.

Den General hatte sie noch einige Male getroffen — daß er diese Benennungen absichtlich hevbeigesührt, batte sie leicht bemerken können. Dann war Frau Tartwkowa von der Reise gekommen, es Hatte wieder ein Mnsikabeird bei ihr stattgefunden, an dem der General Vera nicht von -der Seite gewichen, und nach dessen Beendigung — nachden' die Gäste, auch Vera und Alerander, gegangen — er noch zurückgeblieben war. .Da 'hatte er sich wohl mit seiner Freundin aus­gesprochen, denn am anderen Tage hatte Frau Darta- kowa Vera zu sich berunterbitten lassen und ihr, nach- dem sie erst Andeutungen gemacht und sie auszuforschen gesucht, gesagt, welche Absicht der General habe und daß n sich erst Gewißheit verschaffen wollte, ab sein Antrag von Erfolg sein würde.

..Verzeihen Sie nnr. Vera A'.erandrowna, daß ich mich in Ihre Angelegenheiten mische, halten Sie mich naht für indiskret, ich habe Sie voin elften Augenblick an liebgeinwnnen und würde mich freuen, wenn ich da­zu beitragen könnte, Ihre Zukunft — nun sagen wir — ior,genfrei zu gestalten.

Sie wollen sich der Kunst widmen — ach du lieber Gott — haben Sie sich auch aeprüst sind Sie überzeugt, daß Sre erringen werden, erringen können, was Sie sich vorgenommen?

Ich zweifle nicht an Ihrem Talent, gewiß nicht — aber welch langer Weg liegt noch vor Ihnen, ehe Sie zum Ziele gelangen. '

Das Talent allein tut's nicht, glauben Sie mir das- Ausdauer, Energie und vor allen Dingen Glück, sonst kann inan sich mürbe arbeiten und erreicht nichts, wird alt und muß alle Hoffnung auf das Leben abgebsn.

Der General ist nicht mehr jung — eine so schöne Drau wie Sie niocht wohl andere Ansprüche — aber Sie

haben die Ehe schon kennen gelernt, wissen, daß auch eure Hslvat aus Liebe nicht iininer das erhoffte Glück lbrrngt — auch ich spreche ja aus Erfahrung.

Und nun nochmals, 'eien Sie nnr nicht böse, ich wiederhole: Ich habe Sie lieb und rch schätze den Gene­ral. Er ist ein edler Mann, der gewiß alles tun wird, um Sre dem Schritt nie bereuen zu lassen."

Dann hatte sie Dem. die ihr schweigend zngehörß «qekutzt, und 'die bevD-en Ft'Lm-e-n hotten sich qetvennt.

Nack, einigen Tagen hatte der General Vera seinen Antrag gernacht. Eigentlich recht formlos, wie er selbst eingeräumt — während sie noch beim Concours Hippi- cme in der Loge saßen, gleich nachdem Boris sie verlassen tyatte.

Trotzdem Vera jeden Augenblick ein Wort von ihm erwartet, war es ihr nun doch fast wie eine schreckhafte Itbervaschimq <q etommen. Ech)n>ei.qenb hotte fte einige Augenblicke auf das gerade unken in der Manege vor- gosührte Gespann eines Großssirsten gestarrt, als ob sie tm Moment nichts anderes beschäftigte als die Gang- art der beiden edlen Füchse. Ein anderes Bild hatte sich zwischen sie und den Antragsteller gedrängt, das Bild lenes schönen, ingendlichen Offiziers, der eben noch mit rhr geplaudert. Aber nnr einen Augenblick — mechanisch hatte sie -die Hand erhoben, wie um ihre Augen zu bedecken und das Bild zu verscheuchen, dann, als sie zu ihrem Bealeiter hinsah, dessen Blicke erwar­tungsvoll auf ihr ruhteu, hatte sich diele Hand, ihr selbst fast unbewußt, in die seine gelegt.

Gesprochen hatten sie weiter nicht, bis die Schm, be- endigt war, erst als sie wieder nebeneinander im Schlit­ten sahen, hatte der General gefragt:

„Ich darf den stumrncn Händedruck von vorher als Zusage annehmen. Sie sagen ja?"

Sie hatte zustimmend den Kopf geneigt, immer noch ohne Worte, erst, wie sie sich 'bewußt wurde, 'daß das, was sie erseh'Nt, im stillen gehofft, Wirklichkeit gewor- den, durch die Flut der Freude, die sie nun in sich auf- steigen fühlte, in dem Gedanken, welch gläuzende Zu­kunft chr bevorsiand. berauscht, anqefangen lebhaft zu plaudern: erst über Gleichgültiges — nur um zu

sprechen — über die Gespanne, die Toiletten — sie wußte selbst kaum, was sie sagte, — dann aber, als der General wieder auf feinen Antvaa zuriickkaur, aus ihrem Munde Horen wollte, daß er sich nicht getäuscht — ernster werdend: »

„Erzellenz, ich fühle inich sehr geehrt — also ja" — w daß Pastuchow anflachen mußte:

„Ich birte Sw, Vera Alerandrvwna: Erzellenz — ge- ehrt — rch heiße Bogdan, und ich, Bagdan Pastnchow, bin der- Geehrte und will mich bemühen, diese Ehre, die Sie mir erweisen, dadurch zu verdienen, daß ich —\' daß ich" — er war so gerührt, daß er nicht weiter sprechen konnte, erst später, als sie im Hause ans der Treppe Abschied nahmen, hatte er sich jo rveit gesammelt, daß er den Mut fand, Vera zu küssen -