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! Der Roman, i
r*— a Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts. «i
Nr. IN.
Sreitag. 12. Mai.
1916.
.15. Fortsetzung.)
Die Geschichte einer Zrau.
Roman aus dem russischen Großstadtleben.
Von HanS Becker (Wiesbaden).
(Nachdruck verboten.)
Frau Tscherkasfowa .hatte Besuch. Ihre Cousine, Fw«u Gluchon>«a, war gekommen, urtib nun saßen die deiden Frauen vor ihren Teetassen, Iber Gaiiuvwar dampfte, urtlb noch stärkeren Ranch entwickelten die Zigaretten, «die Frau Tschevkassowa nur aus idem M,«nde nahm, wenn sie einen »Schluck Lee schlürfte oder ein Stück des auf idem Tische stehenden Napfkuchens essen wollte.
Frau Gluchowa rauchte nicht, sie hielt sich an Tee ainlb Kuchen.
Die Cousine war aut besondere Einladung gekom- »nen —‘ Frau Tschevkassowa hatte ihr geschrieben und sie um ihren Besuch gebeten, denn von selbst kann sie säst.gar nicht mehr, sie scheute nicht nur den weiten Weg imib ging ungern aus ihrem Häuschen, haS sie in einer Borstadt Petersburgs, dort, wo sich Fabrik an Fabrik reiht, besaß und von «dessen Einkünften sie nach «dem Tode ihres Mannes lebte, «— in der Hauptsache ivar sie (Vcrftimimt gegen ihre Verwandten, weil num «sie «da«mals «bei der Heirat Veras nicht zu Rate gezogen.
«Neugier und die Genugtuung, (Me sie jetzt «durch die Aufforderung empfand, uatten sie «dieser schnell «folgen Lassen, denn ihre Cousine hatte in «dem Briefe «angodeutet, daß es sch wieder um Vera handele und sie sch mit ihr beraten wolle.
Allo jetzt, nachdem das Unglück geschähen, «suchte »wmn ihren Rat — hatte «,nan sie nur «damals geholt, sie hätte wohl gleich hevausgefunden, tuas das für ein Patron war, der so schnell um Vera angehalten — «aber «natürlich, sie war j«a «der Cousine nieinals gut «genug erschienen, der vornehmen Beamtenfrau, war ihr Mann doch nur ein kleiner Kaufmann, ein Lädenbssitzer gewesen — aber «der Äadenbesttzer hatte ihr ein Haus — bei solchen Betrachtungen wuchs «das Häuschen zum Hause heran — «yrNteclassen, so «daß sie sorgenfrei leben «konnte, während nach dam Tode des vornehmen Boomten nur Hunger und Kummer zurückgeblieben war — und der frühere Hochmut.
Mer auch Frau Gluchowa «hatte ihren Stolz, denn, trotzdem «sie vor Neugierde brannte zu erfahren, was denn nun «eigentlich «wieder mit Vera sei, fragte sie «doch «nicht, als «ihre Cousine noch immer kein Wort «darüber sagte. Endlich «würde sie ja «wähl «nun «bald sprechen, sie saßen doch nun eine reichliche halbe «Stunde und' sie hatte schon die vierte Taste Tee getrunken. Und wirklich fing Frau Tschevkassowa jetzt an:
,/Sieh, liebe Anna, worüber ich mich mit dir be- ' roten wollte — für Vem bietet sich eine glänzende Par- tie. Glänzend, wenn ich io sagen darf, was die äußeren Verhältnisse anbetrisft, aber «der Mann — ein «hoch- angeschener Mann, ein General — ist alt, beinahe fünf- unddreißig Jahre älter als Vera, und so fürchte ich —"
!Was Fraiu Tscherkasfowa fürchtete, sprach sie nich* aus. Sie sagte auch nicht, «daß Vera sie nicht beauftragt (hatte, sich «mit der Da«nte zu «beraten, daß sie kaum dar- aus «hören «würde, was sie, die Mutter und die Tante, ihr raten würden, (daß es bei «ihrer Tochter auch Wohl
schon beschlossene Sache sei, den Antrag anzunahmen, und daß die ganze Beratung eigentlich überflüssig war, Wohl nur aus dem Gefühl heraus, sich «der Cousine «mitzutsilon und bannt vor ihr ein bißchen zu «prahlen, da sie wußte, wie dies«e neidisch sein würde, (daß das Schicksal Veras so schnell eine Wenidung zum bessern erhielt.
Frau Gluchowa trank bedächtig ihre fünfte Tasse aus, hob di«e Teekanne vom «Sam«owar herunter, öffnete den Deckel und sah «hinein, ob noch genug Wasser vorhanden, «dann bewegte sie «langsam «den .Kops hin und her:
„Liebe Waria, da ist schwer zu raten, die Sache will »doch ordentlich überlegt sein. Nach «dem Fehler, «den chr damals begangen, «ahne mich zu «Rate zu ziehen, muß Vera «doch doppelt vorsichtig sein — so ein alter Mann — Vera ist eitel, lebenslustig, «da kann «doch das größte Unglück passieren. Denk nur an —‘"
«voran titjte Cousine denken sollte, erfuhr sie nicht, «denn draußen «ertönte die Fluvglocke und gleich darauf trat Bera ins Zmmner.
««Ah — Tante Anna —■* läßt «du dich auch einmal wieder schon, wie gcht's?" Sie beugte sich zu der Tante imd küßte sie, dann «ging sie ins Nebenzimmer, um Pelz und Hut albzulegen.
Frau Gluchowa hatte sie aufmerksam betrachtet:
«Wie nobel, ist das ein neuer Pelz, wohl schon ein Geschenk «des Verehrers?"
Frau Tscherkassowa ärgerte sich über diese Frage: Als ob sich ihre Tochter von einem fremden Manne eiwas schenken «lassen würde — «die Cousine kannte ja «auch den Pelzmantel sehr gilt, Mußte wissen, daß Vera diesen schon vocher besessen, «das sollte «wohl nur so ein Stich sein, es wa-r besser, gar nicht darauf einzugehen.
Vera kcmr zurück und setzte sich zum Teetisch hin, nachdem sie aus der Tür gerufen, »daß «das Mädchen ihr eine Tasse bringen solle.
Eine «kleine «Weile herrschte Schweigen. Die Mutter ängstigte sich «inn stillen, «was die Cousine nock) sagen wurde, Vera würde böse werden, wenn sie hörte, daß sie «drese zu einer Beratung gerufen. Sie «hatte «die Tochter Nicht so früh zurück erwartet, so suchte sie das Gespräch in eine andere Bahn zu lenken:
„Nun, wie ist's beim Unterricht gegangen, war der Professor zufrieden?"
Vera lachte leicht auf:
„Ich war gar nicht bei Umnow, ich war mit dein General im Conoours Hippigue. War «das ein Leben lb«a, herrlich, ich sage dir: Toiletten, ich kam mir ganz altmodisch vor und ich glaube, Bogdan — (der General", verbesserte sie sich schnell, „schien auch unzufrieden, «daß rch noch so nach «der Moskauer Mode gekleidet bin, «denn sch sah wirklich gegen die ganze Gesellschaft wie eine rechte Provinzialin aus. Und die neue Hutform erst — Borris. «der in unsere Lage kam, um sich beglückwünschen zu lassen — er hatte zwei erste Preise beim Hürdenspringen erhalten — meinte, «die Damen kämen nur «zun: Concours Hippigue, um ihre neuen Toiletten
