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Nr. HO.

- > Morgen-Vellage des Wiesbadener Tagblaltr. r - -»>

Donnerstag, II. Mai.

1916 .

( 4 . Fortsetzung.)

Dfe Geschichte einer $rau.

Roman aus dem russischen Großstadtleben.

Von Hans Becker (Wiesbaden).

(Nachdruck verboten.)

_ „Dera Alexandrowna, ich habe die Ehre, Sie zu be­grüßen. Schon wieder munter? — doch was frage ich, die Jugend braucht ja keine Ruhe, immer frisch, immer elastisch, ich alter Mann halbe bis Mittag geschlafen. — Wo soll es hingshen, wenn ich fragen darf, ich habe iden Schlitten unten stehen, vielleicht gestatten Sie mir er sah sie fragend an und als er bemerkte, Hatz sie er­rötete, glaubte er sie -durch sein Anerbieten verletzt und beeilte -sich hinzuzusügen: „Entschuldigen Sie, Deva

AIex.androlwna, datz ich so kühn gewesen, ich dachte mir, datz ich alter Papa, so ein junges T-öchterchen ganz gut unter meinen Schutz nehmen dürfe."

Vera, die sich schon durch oie Aussicht, -den langen Weg bis zn Umnow mit idem Piolinkasten im Arm nicht zu Fuß zu machen brauchen, froh gefühlt und deren Er­röten -durch -die Genugtuung über dre LiebsnSwürldig- keit des alten Edelmanns her-dorgernfen war, empfand fast Furcht, daß er fein Anerbieten zurückzieh-en könnte, und erwiderte schnell:

„Ich bitte Sie, Exzellenz, wie -darf ich -mich durch Ihre Ente verletzt -fühlen, ich nehme gern an, wenn idas nicht von Ihren: Wöge a/oliagt, ich muß zum Unterricht nach der Troihkaja zu Professor Uinnow."

,/Dchr erfreut — und was meinen Weg betrifft — du -lieber Gott, zum -Spazierenfahren braucht -man keine bestimmte Richtung — vielleicht einige Male über den Pala-is-Ona-i, mennves gefällig ist, und Ihre Zeit es erlaubt?" und als Vera zustrmmendXiden Kopf neigte: »Also schön und nun gaben Sie mir den Piolinkasten — bitte ohne Umstände —"

Er nahm den Kasten und trug ihn die Treppen her­unter, und >ls sie unten an dem m-it zwei schönen Rap­pen bespannten Schlitten anlangten, half er Vera ein- steigen, schob ihr den warmen Fußsack zurecht, nahm neben ihr Platz und zog ihr die Pelzdecke über die Knie, dann rief er dam Kutscher ein paar Worte zu — der Schlitten sauste nrit ihnen fort.

. Es war gegen vier Uhr und an dem Palois-Qnai wie jaden Tag wahrend dieser Jahreszeit große Schlidttenpvomonade. Damen in kostbaren Pglz-en, -Gardeoffiziere, hohe Beamte, alle gaben sich wähixmd dieser Stu-Nbe hier ein Rendezvous — tun Vorüber- führen wurden Grüße getauscht, ab und zu -inachte ein und der andere Schlitten eine scharfe Wendung, um dem ihm begegnenden Gefährt nachzujagen und dann -rn langsamerem Tempo zn kurzer Konversation der In­sassen nebenher zu fahren. Ein buntes Treiben unter dem blaßb-lauan Fcbruarhimmel, auf der einen Seite begrenzt von dein hochmrsragenden Winterpaliais, der Eromita-ge und dem Großfürstlichen Palais, an der anderen der eis- und schneebedeckte breite Newastrom.

Veva sog init Behagen die -klare, rei.ne Duft ein, sie fühlte sich so recht in ihrem Element: das war das Leben, das waren die Menschen, nach denen sie sich sehnte, in deren Mitte sie die letzten Jahre ve,-bracht. Sie mußte sich Avtngen. nicht daran zu -denken, daß bas alles in -einer hÄben, einer Viertelstunde vorüber, sie

wielder fein würde, was sie war: eine Musikschülerin, die danach trachten mußte, etwas zu lernen, schnell vor- wärtszukommen, um nicht im Glend stecken zu bleiben.

Bei der schnellen Fahrt hatten sie keine Untevhal- tuug gosührt, erst am Ende -des Quais, am Sommer- ga-rten, befahl der General Schritt zu fahren, und sing an mit chr zu plaudern: Natürlich über Musik —

Pastuchow kam gar nicht der Gedanke, daß ihr ein an­deres^ Thema Freude machen könnte, hielt er sie doch sür eine begeisterte Anhängerin der von ihm bevorzug­ten Kunst.

Weva mußte vorsichtig in ihren Anworten sein, um sich keine Blöße zu geben, so ließ sie ihn sprechen und beschränkte sich daraus, das, was er sagte, anzuer- kcnnen. Sie fühlte -sich wohl an seiner Seite, ihatte -den Professor und ihren Unterricht fast vergessen, und erst die Frage-des Generals, ob sie erlaube, daß er sie jetzt an ihr Ziel führe, brachte sie wieder in die Wirklichkeit zurück.

Beim Aussteigen wollte sie dam General einige Worte des Dankes sagen, doch Pastuchow lehnte eifrig ab: _

»Ich bitte Sie, gnädige Frau, an Mir ist es zu danken rch stehe stets zu Densten" — er küßte ihr galant die Hand und Vera ging ins Hans.

Der General blieb sichen und sah ihr nach, ein Wunsch stieg in ihm ans, über den er zu lächeln ver­suchte: Eine prachtvolle Frau, wenn man die so imimer um sich hüben könnte, da würde -man wieder jung -wer­den, das Leben neuen Wert erhalten. -Mer wie, als itoas — sie ging ihrer Kunst nach, würde ihn auslachen, wenn er ihr ein solches Ansinnen stellte.

, Daß sie Unglück in der Ehe gehabt, -daß jie in ihrem vierten Stock ein armseliges Lchen führte, wußte er, das bleibt j-a, wann man im gleichen Hanse wohnt, kein Gchemrnis, Frau Tartakowa batte ja auch dies und jenes erzählt — aber das gab ihm doch noch kein Recht, ihr irgend ein Anerbieten zu machen.

Er bestieg fernen Schlitten und befahl, nach Hanse zu s-ahven, aver die Gedanken sichren mit -ihm.

jSonideihar —- vorher hatte es sich so warm n-nd weich gemessen, er war so besonders gut gestimmt ge­wesen, jetzt fühlte er plötzlich, -wie die frohere Laune ibn verließ, daß es -doch recht kalt sei trotz Pelz und Decke. Die Nähe der schönen Frau fohlte, ihr Körper, der sich in der Enge des -Schlittens an ihn geschmiegt hatte.

Auch zir Hanse kam er nicht wieder in Stimmung. Schon der Gedanke, daß er sich setzt wieder einsam zum Diner setzen sollte, bot nicksis Aufheiberndes, dazu störte ihn der leise «-chritt und die fast gehauchten Worte seiner alten Haushalterin, und die sanfte Art, mit der es sich sein-alter Dioner zur Gewohnheit gemacht hatte, ihn zu behandeln.

Wie sorgsam er ihm den Pelz ansgezogM hatte, als ob er ein Hinfälliger Greis sei, der bei stärkerer Re- rührung hinfallen könnte, und gewiß hing schon mr