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f> Der Roman.

Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts, o

Nr. 109,

Mittwoch, 10. Mai

1916.

18. Fortsetzung.)

Die Geschichte einer Zrau.

Roman aus dem russischen Großstadtleben.

Von Hans Becker (Wiesbaden).

(Nachdruck verboten.)

Im Salon von Iran Olga Lartakowa war bereits eine Anzahl Gäste versammelt, als Vera und Sergei eintvaten, doch von dem Gefühl des Fremdseins wurde Vera schnell befreit, da die Wirtin sich aus dam Kreise, der sie umgab, gelöst hatte und ihr entgegengekammen war.

Indem sie ihr beide Hände entgegenstreckte, sagte sie zu sergei: „Das ist nett von Ihnen, daß Sie Ihre Schwester uberrcdet haben, mitzukammen, ich fürchtete schon, da Sie mir gestern erzählten •—", dann sich zu Vera wendend: „Seien Sie mar herzlich willkommen, ich hoffe, Sie werden sich wähl bei mir fühlen —" und die eine ihrer HLknde noch immer haltend, führte sie Wera zu dem Sessel, aus dem sie vorher gesessen, rückte einen zweiten Sessel heran und setzte sich zu ihr. „Ihr Bruder findet sich schon zurecht, der ist hier nicht mehr fremd — das sollen Sie auch nicht lange bleiben, er­lauben Sie" — Vera hörte mehrere Namen, dann wurde die bei denr Eintritt der Geschwister unterbrochene Unterhaltung fortgesetzt und sie fand Zeit, die Gesell­schaft zu mustern.

Den ihr zunächst Sitzenden kannte sie schon von An­sehen. Es war dies ein alter General, der die zweite Etage des Hauses bewohnte. Jetzt nicht mehr aktiv, war sein Name, General Pastnchow, doch noch unver­gessen, war er doch einer der hervorragenden Männer des türkischen Krieges und hatte sich namentlich, damals ncch ein junger Offizier, bei Führung «der Armee ülber den Schipkapaß ausgezeichnet. Witwer, sehr vermögend, fehlte er am den Freitagabenden nie im Sallon der Lartakowa, wie er auch stets bei ihren öffentlichen Kon­zerten anwesend war. Neben der Künstlerin, er war ausgesprochener Mnsiksreund, verehrte er Wohl auch die schöne Frau in ihr, wie sich leicht aus der Galanterie, mit der er ihr begegnete, entnehmen ließ.

Ihm zur Seite saß eine ältere, sehr starke Dame, eine frühere Sängerin der Kaiserlichen Oper, Witwe eines Staatsrats, dann folgten ein paar jüngere Heroen, wohl Gesang- oder Klavierkünstler, wenn man darauf aus den glatt rasierten Gesichtern und langen lockigen Haaren schließen durfte, und etwas ad!seits sitzend, ein auffallend schöner Gardeoffizier, zu dem sich Sergei gesellt hatte.

Jni Nebenraium, in dem: der Flügel stand, saßen und standen einige Damen und Herren, blätterten in den Noten und plauderen über das letzte Ginfonie- konzert im Saale des Adelsklubs.

Es wurde Lee herumgereicht, und während Vera mechanisch mit dein Lössel in ihrer Tasse hevumrührte, stellte sie Betrachtungen an: Wie kam der Offizier in Liesen ausgesprochenen Künstlerkreis — mit seinen hoch­mütig blickenden Augen und dem leicht blasierten Zug um den Mund schien er in eine ganz andere Welt zu

S chüren, nur einem Zwange gehorchend, in diesem reise zu sein.

Vielleicht war er ein Verehrer der Wirtin — aber dann «hätte er sich -doch nicht so abgesondert gehalten.

wohl eher die Nahe der schönen Frau gesucht, das war es also doch nicht. Vera empfand beinahe ein Gefühl der Befriedigung, dies nicht glauben zu brauchen, denn, wenn auch noch uneingestanden, der Offizier hatte ihr Interesse erregt,. etwas wie Neid war in ihr aufge- stiegen, als ihr dieser Gedanke gekommen.

In ihrem Grübeln hatte sie ihre Blicke auf ihm haf­ten lassen und tuhr erschreckt zusomiimen, als ihre Angen jetzt plötzlich den seinigen begegneten.

Schnell wandte sic sich ab und mischte sich in die Unterhaltung, dabei harte sie nicht bemerkt, daß in­zwischen aus denn Nebenzimmer ein hagerer Herr in tadellosem Geiellschaftsanzuge zu der Gruppe, in der sie saß, herangetreten war und wohl schon einige Augenblicke neben ihr gestanden hatte.

Als sie ihn dann bemerkte, verbeugte er sich vor ihr und Vera hörte Frau Lartakowa sagen: „Erlauben Sie, Vera Alexandrowna, mein WLann."

Sie nahm die ihr gebotene Hand und neigte den Kopf, dabei mußte sie daran denken, was 'Sergei ihr von dem Manne der Wirtin erzählt, nnd fast mit Neu­gier sah sie zu dem vor ihr Stehenden auf: Ein beirrahc alltägliches Gesicht mit matten Augen und blasser, gelb­licher Farbe, die durch den dunklen Vollbart noch mehr hervovtrat. Sie schauderte leicht in sich zusammen, als sie füylte, wie die Hand, die er ihr gereicht, zitterte und zog die ihre unwillkürlich schneller zurück, im gleichen Augenblick jedoch üoerkam sie Mitleid mit idem Mann, sie bereute, was sie getan und luchte, indem sie in ihre Worte eine besondere Freundlichkeit legte, «das wieder gut zu machen.

Es blieb ihr jedoch keine Zeit, die angefangene Unterhaltung fortzusetzen, denn Olga Lartakowa hatte sich evhoben, mit ihr iMe Herumsitzenden, man begab sich in das Mustkzimmer, es sollte musiziert werden.

Während ein Teil der Gäste, darunter der General, der der Wrrtin den Arm gereicht, um sie zum Flügel zu führen, ins Nebenzimmer ging, Vera ihnen langsam folgte, trat Sergei mit denr Gardeoffizier auf sie zu und stellte ihn vor:

„Graf Boris Wladimirowltsch Stroganaw hat mich ersucht, ihn bekannt zu machen."

Der Offizier hatte sich tief verbeugt und Deva die Hand geküßt. Als er sich jetzt aufrichtete, sah Vera, daß der Hochnmt aus seinen Augen verschwunden und statt dessen eine anfleuchtende Bewunderung -darin zu lesen War. Auch seine Gesichtszüge erschienen ihr rächt mehr blasiert, wie vorher, sondern lebhaft angeregt, und sie «durfte nicht daran zweifeln, -daß diese Veränderung durch sie hervor gerufen war.

Stroganow wollte eben ein Gespräch mit ihr be­ginnen, als aus dein Nebenzimmer die ersten Döne des Flügels sich hören ließen und gleichzeitig unter der Tür eine nickst mehr junge Dame erschien, die, den Finger an die Lippen gelegt, drnch dieses Zeichen Ruhe für dis Musik erbat.