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Mittwoch, 10. Mai 1916.
Abendausgabe.
Nr. 218. . 64. Jahrgang.
Sie Aufnahme der Autmrl Wilsons in Berlin.
Keine neue deutsche Antwort zu ermatten!
(Von unserer Berliner Abteilung.)
I-. Berlin, 10. Mai. (Eig. Meldung. Zens. Bln.) Der amerikanisch-deutsche Notenwechsel ist beendet. Wenigstens hat man hier den Eindruck, daß die neueste Botschaft Wilson- Lansing keiner Antwort bedarf, keine Antwort zu erwarten scheint und auch keine Antwort finden wird. An amtlicher Stelle ist der offizielle Text bis zur Stunde nicht bekannt geworden, da die Überreichung der Note erst am N a ch m i t t a g erwartet wird. Aber man nimmt an, daß er nur in Einzelheiten bei genauer Übersetzung von dem durch Reuter verbreiteten Bericht aüweichen wird.
Kurz charakterisiert, ist die Lage die folgende: Die Regierung der Bereinigten Staaten stellte an die deutsche Regierung eine bestimmte Forderung. Die deutsche Regierung bewilligte diese Forderung unter gewissen Voraussetzungen. Die amerikanische Regierung erklärt jetzt, daß sic von der Bewilligung ihrer Forderung Kenntnis nimmt, daß sie aber die bedingungsweise Bewilligung nicht in Erwägung ziehen könne. „Bedingungen" hatte die deutsche Regierung nicht gestellt, das war inzwischen schon halbamtlich gesagt worden. Wir habe» den verschärften Unterseekrieg nur eingestellt unter der Voraussetzung, daß die Verhandlungen der Bereinigten Staaten mit England zur Erleichterung der unmenschlichen Blockade- volitik führen werden und wir hatten uns freie Entschließung Vorbehalten, wenn England sich nicht zu einem gleich großen Zugeständnis bringen lassen werde, wie wir es gemacht haben. Zwischen Bedingungen und Voraussetzungen gibt es mehr als einen diplomatischen Unterschied. Es war freilich überflüssig, daß Wilson-Lansing hochnäsig und plump bemerken glauben zu müssen, die amerikanische Regierung werde von jetzt ab auf die gewissenhafte Durchführung jener Erklärung vertrauen." Es ist ganz selbstverständlich, daß das gegebene Versprechen, das warnungslose Torpedieren von Handelsschiffen, die nicht zu entfliehen versuchen, einznstellen, auch genau eingehalten wird; daran zweifelt niemand im Deutschen Reich, was schon aus der stillen Erbitterung unserer Verfechter des rücksichtslosen Seekriegs gegen das skrupellose England, das jetzt Amerika-zu Liebe geschont wird, zur Genüge hervorgeht. Mit einigem Geschick kann man aus der Note Wilson-Lansing lesen, daß die Verhandlungen zwischen England und den Bereinigten Staaten fortgesetzt werden sollen. Anderenfalls tonnte die Note nicht davon sprechen, daß Deutschland die jetzt angekündigte Politik „von dem Verlauf oder dem Ausgang der Verhandlungen mit einer anderen kriegführenden Macht abhängig machen dürfe." Diese Zugeständnisse zwischen den Zeilen dürfen uns genügen. Bon Anfang an hatte man sich in Washington gewehrt, daß die deutsche und die englische Angelegenheit mit anderen verbunden würde. In dieser Hinsicht ist auch die letzte Note logisch. Aber da Deutschland von Anfang an ebenso deutlich dabei beharrte, den Notenaustausch jedesmal auf die englischen unerhörten Übergriffe hinzuweisen, ist es nicht minder logisch, wenn wir hier die deutsch-amerikanische Meinungsverschiedenheit offen lasse« und abwarten, was abzuwarten wir uns bereit erklärt haben, nämlich den Ausgang des Notenwechsels zwischen Washington und London.
Es wäre keine kluge Takttk» falls man in Deutschland grob heraossagen wollte» was man über den wieder stellenweise absichtlich verletzenden schulmeisterlichen Ton der jüngsten Note empfindet. Dieses Verwinden einer unhöflichen Sprache braucht uns auch nicht so schwer anzukommen, wie uns das tatsächliche Opfer ankaw durch die Einstellung des mehr als gerechtfertigten wirkungsvollen Torpedierrns in der Kriegszone. Da wir dieses Opfer nicht umsonst gebracht haben wollen, schweigen wir, um Washingtm» keinen Vorwand zu lassen, weiterhin zweierlei Neutralität gegen uns und England zu üben.
In der Note wird wiederholt von den guten Beziehungen und sogar von der bestehenden Freundschaft gesprochen. Wir sind bereit, dies erneut von der amerikanischen Regierung bestätigt zu sehen, ohne daß wir auch nur den Stand vergessen werden, daß unser Opfer, unsere Zurückhaltung im Seekrieg mit jedem Tag größer werden wird, größer wird mit wachsender Macht unserer zurückgehaltenen Waffe. Möge man uns das Opfer nicht unerträglich machen. Es ist das keine Bedingung, aber eine Voraussetzung. Demgegenüber steht der letzte Satz der deutschen Rote: „Sollten die Schritte der Regierung der Vereinigten Staaten nicht zu dem gewollten Erfolg führen, den Gesetzen der Menschlichkeit bei allen kriegführenden Nationen Geltung zu verschaffen, so würde die deutsche Regierung sich einer neuen Sachlage gegenüber sehen, für die sie sich die volle Freiheit der Entschließungen Vorbehalten muß." Es will uns beinahe scheinen, als ob eine volle Übereinstimmung zwischen dem Standpunkt der deutschen Note und dem englischen Text der amerikanischen nicht vorhanden sei. Jedenfalls unter der Voraussetzung, daß die deutsche Regierung beabsichtigen könnte, jene neue Lage und die aus ihr gewonnene Freiheit der Entschließungen in einem Sinne zu benutzen, welche die Regierung der Vereinigten Staaten jetzt vorsorgcnd schon weit von sich weist.
Der Widerhall der amerikanischen Note in der deutschen Presse.
Br. Berlin, 10. Mai. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bin.) In der Berliner Morgenpresse nehmen erst wenige Blätter Stellung zu der Note. Nur die „Voss. Zig.", „Germania", „Post" und die „Deutsche Tageszeitung" beschäftigen sich bereits eingehend damit.
Die „Voffische Zeitung" schreibt sehr zurückhaltend: Die Erfahrung hat gelehrt, daß es in Fällen von solcher Bedeutung angebracht ist, mit dem Urteil zurückzuhalten, bis die beglaubigte Fassung des in Frage kommenden Schriftstückes vorliegt. Diese Vorsicht ist heute um so mehr geboten, als die amerikanische Note uns in zwei Lesarten zugekommen ist, die ini wesentlichen zwar annähernd überein- stimmen, immerhin jedoch in einigen Sätzen nicht ganz unerhebliche Abweichungen aufweisen. Wenn somit vermutet werden kann, daß dieses Wesentliche dem Inhalt der Note Wilsons im allgemeinen entspricht, ist doch zu bedenken, daß eS bei Schriftstücken von dieser großen Wichtigkeit nicht nur auf den Inhalt, sondern auch auf die Form, ja auf Schattierungen des Ausdrucks ankommt. Es erscheint deshalb geboten, an die Beurteilung der Note erst nach dem Bekanntwerden der amtlichen Fassung heranzutreten.
Die „Germania" ftlhrt aus: Präsident Wilson hat das deutsche Entgegenkommen in Sachen der Führung unseres Unterseebootkrieges vollinhaltlich angenommen und sich also dadurch befriedigt erklärt. Das wird man in Deutschland mit Genugtuung vernehmen, weil es somit gewiß ist, daß der Bruch mit den Vereinigten Staaten vermieden und das blutige Völkerringen nicht weiter vermehrt wird. Daran kann auch die Erwartung der amerikanischen Regierung nichts ändern, daß die deutsche Erklärung „gewissenhaft ausgeführt" werde, denn so anstößig sie formell auch erscheint, besagt sie sachlich doch nur Selbstverständliches. Deutschland hat in keinem Augenblick daran gedacht und wird auch fernerhin nicht daran denken, sein Wort zu geben, ohne es treu halten zu wollen. Darin Zweifel zu setzen, hieße uns aus das empfindlichste beleidigen. Auf der anderen Seite müssen wir aber auch von den Amerikanern erwarten, daß sie nicht gleich bei der Hand sein werden, etwaige Zufälle, die bei der schwierigen Art der Kriegsführung immerhin möglich bleiben, gegen unsere Loyalität auszudeuten und gleich wieder von einem „System" zu reden, wenn einmal wider unseren Willen Mißgriffe unterlaufen sollen. Besondere Beachtung verdient der zweite Teil der Note, der Deutschlands Voraussetzung einer Herbeiführung völkerrechtsgemäßer Kriegsführung bei unseren Feinden nicht als Bedingung gelten lassen wolle. Nach der Richtung ist von offizieller Seite in den letzten Tagen sogar erklärt worden, daß von einer eigentlichen Bedingung unsererseits nicht die Rede sein solle. Es dürfte also daraus nicht ohne weiteres zu folgern sein, daß nun Deutschland tn der amerikanischen Antwort nicbt sich abzufinden bereit wäre. Dazu wird um so weniger Anlaß sein, als Herr Wilson seinerseits den Willen zu Vorstellungen bei unseren Feinden deutlich genug zu erkennen gibt. Sollte dieser gute Wille der amerikanischen Regierung auf die Dauer zu wünschen übrig lassen, so müßte allerdings Deutschland sein Wort in der angekündigten Art zurückvec-
langen, und so war wohl auch unsere „Bedingung" gedacht, wenigstens den Amerikanern gegenüber. Andererseits wird ober auch Deutschland nimmermehr zulassen können, daß seine Feinde einen Freibrief auf völkerrechtswidrige Kriegsführung beanspruchen. Das werden auch die Amerikaner nicht von uns erwarten dürfen und — so hoffen wir — nicht erwarten wollen.
In der „Deutschen Tageszeitung" bemerkt Ernst von Reventlow zu der Note: Da weder Inhalt noch Wortlaut hinsichtlich seiner Richtigkeit beglaubigt ist, möchten wir uns kurz fassen, mit der Bemerkung freilich, daß ganz ähnliche Reuter- sche Meldungen aus Washington sich durchweg als richtig bestätigt haben. Wäre das auch hier der Fall, so würde die amerikanische Regierung die Zugeständnisse der deutschen Regierung, wie sie in der deutschen Note zum Ausdruck gekommen sind, ^ genehmigen unter gleichzeitiger Fesfftellung, daß der Unterseebootkrieg in der Form der Ankündigung vom 4 . Februar 1915 „aufgegeben" worden sei. Im gleichen Zusammenhang wird angedeutet, daß man sich allerdings darauf verlassen müsse, daß die deutsche Regierung nun auch wirklich tue, was sie versprochen habe, und zwar gewissenhaft. Darin liegt ein autoritativer Standpunkt und zugleich ein Zweifel an der Aufrichtigkeit der Absichten der deutschen Regierung enthalten. Tut die deuffche Regierung aber gewissenhaft das hier Gewünschte, so ist damit die «hauptsächlichste Gefahr" für die Beziehungen beseitigt. Mit besonderem Nachdruck wendet sich die Note ihrem angeblichen Inhalte nach gegen das mögliche Mißverständnis, daß das deutsche Zugeständnis die amerikanische Regierung irgendwie zu einem Eintreten für Beachtung der völkerrechtlichen Abmachungen England gegenüber verpflichten. Die amerikanische Regierung weist jeden Zusammenhang w e i t v o n s i ch und würde, falls der Inhalt zutrifft, nicht einmal, wie in früheren Noten, darauf Hinweisen, daß sie bereit sei, für die Rechte und Freiheit der Neutralen gegen andere Mächte vorzugehen.
Der Zeitpunkt der Überreichung.
B*. Berlin, 10. Mai. (Eig Drahtbericht. Zens. Bln.)
Die Antwort des Präsidenten Wilson auf unsere Note vom 4. Mai ist beim amerikanischen Botschafter, Herrn Gerard, heute morgen eingetroffen. Sie dürfte in den ersten Nach- mittagsstnnden den: auswärtigen Amte überreicht werden.
Falsche Neuter-Kommentare.
Br. Amsterdam, 10. Mai. (Eig. Drahtbericht. Zcns. Bln.) Die Antwortnote des Präsidenten Wilson war vom „New Dort Herald" bereits 24 Stunden vor ihrer amtlichen Bekanntgabe in ihren Hauptgrundzügen veröffentlicht worden. Der „New Dork Herald" konnte weiter mitteilen, daß die Note das Resultat eines bis in die Nacht währenden Kabinettsrates in Washington war. Reuter sandte der Note verschiedene irreführende Kommentare voraus, von denen einer sogar „glatte Absage in 200 Worten" ankündigte.
Ein schweizerisches Urteil zur Beilegung des deutsch-amerikanischen .Uonslikts. ‘
Br. Zürich, 10. Mai. (Eig. Drahtber. Zens. Bln.) Die „Neue Zürcher Ztg." schreibt zu der durch die „Agence Havas in den Nachmittagsstunden bekannt gewordenen amerikanischen Antwort: Es sei kaum anzunehmen, daß daraufhin zunächst ein weiterer Schritt der deutschen Regierung erfolgen werde. Die Neutralen, so führt das Blatt aus, werden überall über die friedliche Lösung des Konfliktes aufatmen. Ein Krieg zwischen der Union und Deutschland hätte für die Neutralen, die durch den Weltkrieg schon hart genug getroffen worden sind, wohl die schwerste Kalamität bedeutet, die überhaupt über sie hätte kommen können. Man dürfe nur gespannt sein, ob die Protestaktion der Vereinigten Staaten gegen die britische Blockade von neuem aufgenoinmcn werde und welche Erfolge sie haben werde. Es sei freilich nicht leicht, auszudenken, auf welche Weise die amerikanische Regierung Großbritannien zu einer Aufhebung der Blockade werde zwingen können.
Böswillige Verdächtigungen des amerikanischen Botschafters in Berlin.
Eine halbamtliche Zurückweisung.
\V. T.-B. Berlin, 10. Mai. (Nichtamtlich.) Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt: Die Zeitungen haben eine Unterredung veröffentlicht, in der sich der hiesige amerikanische Botschafter, Mister Gerard, über böswillige Erfindungen äußerte, die. ihn und seine Gemahlin deutschfeindlicher Gesinnung und Handlungen bezichtigt haben. Daß sich Leute zu Trägern und Vertretern solcher Erzählungen hergegeben haben, sollte man kaum für glaublich halten. Es versteht sich von selbst, daß niemand, der den Botschafter und seine Gemahlin kennt, am wenigsten amtliche Kreise, an die Wahrheit dieser Äußerung geglaubt haben; aber wir sind der Meinung, daß sie nicht scharf genug zurückgewiesen werden können.
