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Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts. >» 1

Nr. 108. Dienstag, 9. Mai. _1916.

IS. gortfefeunfl.)

Die Geschichte einer Krau.

Roman aus dem russischen Großstadtleben.

Von Hans Becker (Wiesbaden).

(Nachdruck verboten.)

„Der Herr Professor erteilt Unterricht, es «dauert siber nicht mehr lange, ich bitte Platz zu nehmen."

Sie führte Vera in einen kleinen Salon und rückte shr einen Sessel zurecht, dann ging sie hinaus.

Vera erinnerte sich «der alten Dienerin, es war irie- elbe, die sie «damals, als sie zum Unterricht kam, emp° äugen unid oft, wenn sie warten mutzte, mit ihr ge­plaudert ihatte. Doch «die Alte schien sie nicht erkannt zu !>äbsn, sie mutzte sich also wohl so verändert halbem, «daß ie ihr eine Fremde geworden war.

In «dem «Salon sta«nd noch alles so wie «früher: Dort ms der Staffelet Sarosates Vild mit eigenhändiger Widmung, die sie «als junges Mädchen immer. «wieder wiesen, und aus dom Nebenzimmer erklangen die Tone :iner Geige.

Alles genau so wie damals, als sie hatte «warten müssen, dis die Reihe an sie kam. «Sie bemühte sich, zu nstennen, was gespielt wurde. Sie kam nicht gleich darauf, aber dann bei der einen Stelle wutzte sie: es r«ar die Gavotte von Bieuxtomps.

Sie freute sich, daß sie «das erkannte, daß ihr «musi- kalis«ches Gehör noch sicher geblieben «war, trotzdem sie sich die Zeit seit ihrer Verheiratung nicht mehr mit Musik beschäftigt, sich «nur aufs Zuhören: Theater, Konzert- isaall, beschränkt hatte, un«d als jetzt der Professor die jTür öffnete, feinen «Schüler verabschiedete und aus sie Kutvat, war sie fast froh «geftwmmt, die Hoffnung, daß ihr gelingen müsse, was sie sich foor,genommen, ge­wachsen.

So kam ihre Frage: „Herr Professor erinnern sich «meiner wohl nicht mehr?" ganz frisch heraus, säst etwas kokett, und als Umnow nachsinnend den Kops schüttelte: „Dem Ascherkassolm, Ihre frühere Schülerin": dann «etwas klsinmütiger, als «der Professor noch immer kein Erkennen zeigte: „Allerdings liegt «das schon eiinige

iJaihm zurück."

Ummow sah «sie nochmals prüfend an, «dann «ging es Wie ein «Erinnern über seine Züge:

„Die Bevoschka — an den Augen habe ich Sie er­kannt, «aber" — sein Blick ging wieder prüfend über ihre Gestalt: „Welch schöne, elegante Dame sind Sie ^geworden, «haben gar nichts «miehr «von sich «hören lassen, m — unid «wie stcht es «mit der «Kunst?"

In «Vems Augen zitterte es — «die Erinnerung, was sie inzwischen durchlebt, ivollte wieder Macht über sie gewinnen, «doch sie faßte sich schnell:

„Ich möchte «den Unterricht wieder anfnehnren, Herr Professor, ich wollte Sie bitten, «mich zu prüfen, ob es noch «geht —« ich «habe lange nicht gespielt."

Er bewegte langsam den .Kopf, er verstand, daß «da etwas nicht ganz in Ordnung sei, aber «da sie «selbst noch ,nichts «gesagt, «wollte er nicht daran rühren, sah sie nur nochmals cm:

„Mo Sie «»vollen «wieder Unterricht nehmen, nach° «dem Sie so lange, wie Sie sagen, «der Kunst untreu ge­

wesen — können's ja versuchen, nur will ich Sie von vornherein warnen: die Kunst fordert «den ganzen Men­schen, «all seine «Kraft — loenn das also nur eine Lärme sein «sollte —"

Er brach ab, trat zum Tisch, auf dem eine Geige lag, prüfte Iden Ton, und nachdem er «das Instrument gestimmt hatte, reichte er es ihr hin.

„Na, lassen Sie mal hören und «sehen, was noch sitzen geblieben ist."

«Bei seinen Worten war eine leicht; Röte in ihr Ge­sicht getreten, sie fühlte, «wie eine Beklemmung in ihr aus,stieg, sie kannte ihren Lehrer gut genug «von sr«ücher her, um zu wissen, wie 'eine Worte «gemeint waren. Wenn «diese auch scherzhaft klangen, es steckte tiefer Ernst «dahinter.

Sie griff nach der Violine und wollte sie «an die Schulter leg«en, «dabei traf ihr Blick das Gesicht Umnows, jn dem es spöttisch aufblitzte — im Augenblick «hatte sie begriffen, was sie «getan. Sie stand noch im «Strahen- anzuge «da, hatte nicht abgelegt, noch nicht einmail die Handschuhe von den Händen gestreift. Sie wurde «ganz verwirrt über den Fehler, den sie gemacht, doch der Professor half ihr liebenswürdig «darüber hinweg:

„Nun, nun, Sie haben Wohl nicht erwartet, «daß ich Sie «gleich einer Prüfung unterziehen «würde", und als sie eilig den Mantel ausziehen wollte, tmt er hinzu und half ihr:

,/So, nun können Sie sich bewegen, jetzt wollen wir anfangen, spielen Sie, was Ihnen gerade in «den Kopf kommt."

Sie zögerte einige Sekunden, «dann Hab sie ent­schlossen «den Bogen «und spielte den Anfang «der Gavotte welche sie vorher von «dem Schüler gehört hatte.

Ms sie «geendet, erwartungsvoll zum Professor hin­sah, «was er sagen würde, erschienen ihr die «Sekunden, die bis zu seinen Worten vergingen, wie eine sie er­drückende Last, sie «atmete erst befreit auf, als sie ih«n sprechen hörte:

„dca ja, na ja —- einen Versuch «können «wir ja m«achen — sehr «schön war es nicht, aber das will nichts sagen. Daß Sie ein starkes Talent haben, wissen Sie ja, haben es oft von «mir gehört — was in aller Welt «hat Sie «denn «veraulatzt, io lange zu pausieren."

Er «hatte nun doch eine Frage in seine Worte gelegt.- eine Frage, was sie in der Zwischenzeit getan, warum sie verlschollen gewesen, rmd in der Freude, «datz er sie nicht zurückwies, «sogar hervorhob, datz sie ein starkes Talent h«abe, glaubte sie ihn mit chrem Schicksal bekannt machen und ihm sagen zu müssen, was sie jetzt dazu trieb, «das Geigenspiel wieder auszimehmen.

Hastig, als ob sie sich schäme, erzählte sie ihm von ihrer Heirat — daß ihr Mann schon nach zwei Jahren ihrer «Ehe plötzlich gestorben und sie «mittellos zurückge­lassen, «daß sie vevsnchen wolle, sich ihren Lebensunter­halt an verdienen.

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