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Nr. 24.

Dienstag, 29. Januar 1924.

72. Jahrgang.

ALZklslUkll W ElMIMMlU.

Die Kritik gegen die Verordnung über Eold- dilanzen richtet sich insbesondere gegen die Wahl des Zeitpunktes der Eoldbilanzierung und betont weiter die Schwierigkeiten der Bewertung verschiedener Bilanzpositionen in Gold. Unter dem ersten Gesichts­punkt ist die Frage aufgeworfen worden, ob eine Bilanzierung und in weiterer Konsequenz eine Buch­führung in Eoldmark rm gegenwärtigen Zeitpunkt in Deutschland überhaupt möglich ist. Man verweist ein­mal darauf, daß die Eoldmark von 10z42 U. S. A.- Dollar nur- eine gedachte Einheit ist, das; die Wäh­rungsfrage sich noch vollständig im Fluß befindet, das; die Nentenmark nur eine inländische Hilfswährung darstellt, die als Platzhalter für eine treue Währung eingeführt ist, von der bisher niemand etwas anderes weiß, als daß sie auf Kold lauten soll, deren Aussehen im einzelnen aber noch völlig dahinsteht. Zum anderen wird gegen die Wahl des gegenwärtigen Zeitpunktes eingewandt, daß die Stabilisierung der Reichsmark immerhin erst seit einigen Wochen bestehe, und daß, wenn hierin eine Änderung eintreten würde, die täg­liche Ilmrechnungsarbeit eine gewaltige unproduktive Belastung der Betriebe mit sich bringen würde. Man wird dem gegenüber darauf Hinweisen können, daß in vielen Zweigen der Wirtschaft seit Jahren, durchgängig aber seit einer Reihe von Monaten, der Übergang zur Goldraarkrechnung, und zwar ebenfalls zu einer „Gold- m>arkrechnung auf Papier", zu • einer ideellen Gold­währung planmäßig herbei geführt worden ist, und daß die Eoldmarkbilanz schließlich den logischen Abschluß der in Eoldmark getätigten Eeschäfte darstellt.

Die Stichtage der Einkommensteuer und Ver­mögenssteuer sSteuernotverordnungs und der Eold­bilanzierung (Golidbilanzverordnung) sind nichts unbe­dingt die gleichen. Die Steuernotverardnung fordert eine Vermögensausstellung und Eröffnungsbilanz in Eoldmark am 1. Januar 1924. Die Eoldbilanz- verordnung läßt einen früheren oder späteren Termin zu, je nach dem Beginn des Eeschäftsjahres, doch wer­den hierdurch die besonderen Verpflichtungen für steuerliche Zwecke nicht berührt. Gesellschaften, deren Geschäftsjahr am 1. Juli beginnt, werden also für Steuerzwecke eine Vermögensaufstellung per 1. Januar 1924 zu machen haben, dagegen in Ausführung der Goldbilanzverordnung eine Eröffnungsbilanz erst per 1. Juli 1924. Es steht naturgemäß nichts im Wege, durch Einschiebung eines Zwischengeschäftsjahres die beiden vorerwähnten Termine in Übereinstimmung miteinander zu bringen. Die Abschlußbilanz für das Jahr 1923 lPapiermarks und die Eröffnungsbilanz per i. Januar 1924 (Goldmark) stehen nur in losem Zusammenhang miteinander, und der Fall ist durch­aus denkbar, daß die Bilanz per 31. Dezember 1923 mit einem Gewinn, diejenige per 1. Januar 1924 da­gegen mit einem Verlust abschließt. Die Frage einer Dividendenausschüttung wird naturgemäß nur an Hand der Eoldbilanz beantwortet werden können.

Schwierig wird sich in sehr vielen Fällen -die Be­wertung der Aktiven und Passiven in Eoldmark stellen. Die für die Aktiengesellschaften verbindlichen Vor­schriften des § 261 Ziffer 1—3 HEB. kommen für die Eröffnungsbilanz im wesentlichen in Fortfall. Bei diesem Dispens von den Vorschriften des S 261 ist je­doch nicht auf die Feststellung der Anschaffungs- und Herstellungspreise verzichtet. § 4 Abs. 3 der Verord­nung vom 29. Dezember 1923 schreibt ausdrücklich vor, daß der Unterschied zwischen dem in der Eröffnungs­bilanz eingestellten Wert und dem Wert, der auf Grund der außer Kraft gesetzten vorerwähnten Be­stimmungen einzustellen wäre, kurz gesprochen, also der aufgewertete Betrag, in der Bilanz gesondert auszu­weisen ist. Erinnert man sich der vielen Fälle, in denen ein großer Teil der Aktiven, bisweilen alle Positionen äußer Vorräten und Debitoren, mit einer Mark aufgeführt würde, so ergibt sich, daß diese Be­stimmungen wohl in nahezu jeder Eoldbilanz sich aus­wirken werden In vielen Fällen wird der Übergang zur Eoldmarkbilanz zu einer mehr oder weniger starken Auflösung der stillen Reserven bezw. zu ihrer Um- mondlung in Buchwerte führen. In, der Zeit der Sochwerttbeorie ist die Erfahrungstatsache, daß still- stebende Maschinen leicht sich in altes Eisen ver­wandeln, etwas in den Hintergrund getreten. Wenn aber die Wäbrungsverhältnisie stabil bleiben und man daher nicht nut an die Erhaltung der Substanz, son­dern auch an das Herauswirtschaften eines an­gemessenen Gewinnes denken wird, so kann cm Unter­nehmen nicht mit einem zu hohen Kavitalkonto — das ja nur die Widerspiegelung zu hoch bewerteter Aktiv­posten darstellt — belastet werden. Der Wert der Anlagen eines industriellen Unternehmens bestimmt

sich letzten Endes nach dem bei ordnungsmäßigem Be­trieb normalerweise zu erzielender Ertrag.

Besonders unsicher ist, sowohl für die Aktiv- wie für die Passivseite, die Bewertung von Forderungen und Verpflichtungen in Mark (Hypotheken, Obliga­tionen, Vermögen in den U. S. A. oder Markforderun- gen von Amerikanern, deren Valorisierung verlangt wird). So lange eine gesetzliche Regelung nicht ge- trofsen ist und die Angebote der Markschuldner sich von den Aufwertungsanfprüchen der Markgläubiger so weit unterscheiden, wie dies gegenwärtig meist der Fall ist, scheint es fast unmöglich, in Gold oder relativ hoch­wertiger Papiermark aufgenommene Anleihen, denen gleichwertige alte Markforderungen zur Kompen­sation nicht gegenüberstehen dürfen, korrekt zu bilanzieren.

Die Bewertung der Aktiven und Passiven ist also rech: problematisch. Und es fragt sich daher, ob auf Gründ einer solchen Eoldbilanz mit mehreren Un­sicherheitsfaktoren, die Neuordnung der Kcivitalver- hältnisie bei Aktiengesellschaften, Kommanditgesell­schaften auf Aktien und Gesellschaften mit beschränkter Haftung verlangt werden fanrv oder ob diese Frage nicht lieber vertagt werden sollte, bis sich eine ein­wandfreiere Bilanzierung durchführen läßt. Eine Reihe von Posten können, wie angedeutet, noch so stark revidiert werden, daß hierdurch die Bilanzen und da­mit Kapital und Reserven entscheidend umgestaltet werden können! _______________

Die Reise der Sachvrrständigsn- Ausschüsse nach Bsrlfp.

Baris, 28. Ian. Der erste Sachverständiaenausschuh bat beute vorm'ttag vor feiner auf beute abend festgesetzten Abreise nah Berlin bie letzte Sitzung ab gehalten. Wie die Savasagentur berichtet. fand beute eine allge­meine Diskussion über das Programm der in Berlin buitbjufiibrcnbcn Unterhidninn statt. Der Ausschutz beschäf­tigt fick namentlich mit Bankfragen. Einige Miislieder des 3treten Sachnerftändigenausfchuffos reif-n heute abend ebenfalls nach Berlin, die anderen nevlaffen Paris morgen abend Man glaubt, datz Mac K e n n a . der Vorsitzende des zweiten Ausschusses. der sich in London aufbält. über r>itenhe und Brüssel nack Berlin reift und am Mittwoch­abend dort eintreffen wird.

Paris. 29. Jan. (Eig. Drahtbericht.) ..New Bork Herald glaubt zu willen, datz die Sachverständigenkomitees z w e i ,W o ch e n in Berlin bleiben werden und datz sie baffen, bis zum 1. März einen Bericht ausarbeiten zu können.

Paris, 28. Ian. Die Mitglieder des ersten Cackver- ständigenausschi'lles find beute abend nach Berlin abge- r e i ft. Eine Anzahl Sachverständiger des zweiten Aus­schusses bat zu gleicher Zeit die Reife nack Berlin ange- treten.

Zek Vlm U 01? W^oeW.

Paris, 29. Jan. (Eig. Drahtbericht.) „New Bork Herald" wird in feiner nächsten Parsier Ausgabe folgendes veröffentlichen: Der Plan für die neue Go!d- emissionsbank für Deutschland ist praktisch bereits von den Sachverständigen vollständig ausge­arbeitet, abgesehen von einzelnen Details. Am Mittwoch wird eine Zusammenkunft der Sachverstän­digen mit den deutschen Finanziers stattfinden, und es ist zu hoffen, daß eine V e r si ä n d i g '< n g erzielt wird, vorausgesetzt, daß auch die Repärations- kmmnission den Plan der Sachverständigen billigt. Es ist eine Bank vorgesehen, die mit deutschen Gold- reserren oder deren Äguivalent und mit Hilfe aus­ländischer Kapitalisten, eine Emission von Goldgelb vornehmen wird. Die Reichsbank wird aufhören, als deutsche Emissionsbank zu fungieren. Obgleich das Gleichgewicht des deutschen Budgets eine furchtbare Aufgabe ist, sind die Sachverständigen nach eiirgchendcr Prüfung der Angelegenheit der Ansicht, daß d i e deutschen Eisenbahnen hierbei eine be­deutende Rolle spielen werden. Dec Wert der deut'chen Eisenbahnen wird auf 30 Milliarden Eold­mark geschätzt, wobei zu beachten ist, daß sie keineswegs durch Schulden belastet sind.

.Bor einem neuen M in Bltei?

München, 29. Jan. (Eig. Drahtbericht.) Der Vor­sitzende des Bundes „Blücher", Dr. Schäfer, hielt in einer Versammlung eine Rede, in der er mitteilte, daß in der nächsten Zeit, noch vor dem Hitler-^ Prozeß, ein Putsch stattfinden werde, ähn­lich wie der am 8. November, aber dann würde mit rücksichtsloser Gewalt vorgegangen, alle Drähte abge­schnitten, alle Verkehrsmittel beschlagnahmt und die Städte besetzt. Zu dieser Drohung wird erklärt, daß die Regierung die Drohung ernst nähme und alle Vorkehrungen bereits getroffen habe, um die Ruhe und Ordnung $u gewährleisten.

Die „neue Politik" Englands.

ns. Berlin, 29. Jan. (Drahtmeldung unserer Ber­liner Abteilung.) überall sieht man der Politik, die der neue englische Premierminister zu verfolgen ge­denkt, mit ganz besonderer Spannung entgegen. Da­bei scheint man hier und da, nicht etwa nur in Deutsch­land,

wesentliche Änderungen der politischen Lage

in aller Kürze zu erwarten. Es ist zweifellos richtig, .daß die Ideen Macdonalds nicht unwesentlich von denen seines Vorgängers abweichen, aber es dürfte völlig falsch sein, wollte man annehmen, daß nun in der Außenpolitik Englands sofort ein völliger Wandel eintrete. Auch Reuter warnt eindringlich davor, auf sofortige Ergebnisse zu warten. Die Entwicklung der Politik des Premierministers sei vielmehr

eine Frage der Zeit.

Auch in der Frage der Anerkennung S o w j et- ruß l a n d s kann dem offiziellen englischen Tele­graphenbureau zufolge durchaus nicht mit einem plötz­lichen Entschluß gerechnet werden, denn auch diese Frage bedürfe eingehender Prüfung. Alles das be- wsist, datz Macdonald zwar keineswegs die Ideen aufgegeben hat, die er als Führer der Labour-Party oft genug entwickelt und vertreten hat, daß er aber, wie an dieser Stelle schon einmal betont wurde, einen guten Sinn für die Realitäten hat. Man wird deshalb auch gut tun, die vielen Nachrichten über die „neue Politik" Englands zwar aufmerksam zu verfolgen, aber nicht etwa auf eine plötzliche und grundsäUiche Ände­rung der politischen Lage in Europa zu rechnen. Das gilt auch für den

Plan einer Weltkonferenz,

den Macdonald jetzt verfolgen soll. Nach den Er­fahrungen, die man in Deutschland mit bei? ver­schiedensten Konferenzplänen und Konferenzen gemacht hat, ist es ja ohnehin verständlich, wenn man solche zweifellos sehr gut gemeinte Pläne mit einer gewissen Skepsis aufnimmt. Das Programm dieser Konferenz würde nicht gerade klein fein. Die Befriedung Europas, die Regelung der Reparationsfrage, die Regelung ber internationalen Schulden, die Erörterung der Handels- bedinoungen zwischen den Nationen und der Ausbau des Völkerbundes auf breiterer Grundlage sollen auf der Tagesordnung stehen. Gerade dieses letzte Ziel,

der Ausbau des Völkerbundes,

wird, wie schon hervorgehoben wurde, vom englischen Premierminister in den Vordergrund feiner Politik gestellt. Er ist tief und ehrlich davon durchdrungen, daß, wenn Deutschland, Rußland und die Vereinigten Staaten dem Völkerbund ange­hören. bet Weg zu einer allgemeinen Ab­rüstung und zri einem allgemeinen Friedens- zustand offen fein werde. Da Macdonald aber, wie er wiederholt betont hat, in Übereinstimmung mit Frankreich zu arbeiten wünscht, ist zu er­warten, daß er nicht leichtfertig einen Schritt unter­nimmt. der die Empfindlichkeit der Bundesgenollen ernsthaft verletzen könnte. Ein Völkerbund, dem Deutschland und Rußland angehören würden, der aber dafür Frankreich und vielleicht noch andere Mitglieder verlieren könnte, wird den Premierminister Englands unter keinen Umständen befriebiaen In Deutschland wirb man, wie gesagt, alle diese Dinge aufmerksam verfolgen muffen, ohne si ch irgendwelchen Illusionen hinzugeben. Die Losung für uns kann hier nur das alte englische Wort -ein: W:nt and see! Warten und sehen!

eine interalliierte Aussprache.

London, 28. Jan., (Eig. Drahtbericht.) Ramsom Macdonald hat bie Absicht, bie Schuchenfrage, bie Reparationsfrage und die Sicherheitsfrage gemeinsam in einer großen interalliierten Aussprache zu behandeln, sobald Ende Februar das Gutachten der Cachverstänbigcnausschüsse der Neparationskommisston vorliegt.

dSk 3nMI. HeWMAmUm.

Non der Interalliierten Rbeinlandkommiklisn aeiH uns nachstehende amtliche Bekanntmachung zur Beriffient- lichung auf Grund der Verordnuna 97 Art. 15 »u.

Bekanntmachung.

Die Hobe Interalliierte Rhcinlandkommission dat die (Erhebung van Gebühren im belebten Gebiete in französi­schem und belgischem Gelbe sowie die Ausfuhr von französi­schen und be'gischen Devisen aus dem besetzten Gebiet, mit Ausnahme über die französische und belgische Grenze, verboten.

Laut Art. 4 haben sich Zuwiderhandelnde vor dem Kriegsgericht zu verantworten und setzen sich den wegen Verstotz gegen diele Bestimmungen vorgesehenen Strafen aus abgesehen davon, dah die Beschlagnahme der betreffen= den Beträge zugunsten der Pkänderkasien erfolgt.